Zum Hauptinhalt springen
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then

Theater Basel, Diodati. Unendlich, Oper von Michael Wertmüller und Dea Loher. Uraufführung/Auftragswerk, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then

Musikalische Leitung Titus Engel Inszenierung Lydia Steier

Bühne Flurin Borg Madsen Kostüme Ursula Kudrna

Video  Tabea Rothfuchs Licht  Stefan Bolliger

Ton Cornelius Bohn Chor  Michael Clark

Dramaturgie  Pavel B. Jiracek

Ensemble

Mary Godwin Kristina Stanek

Percy Bysshe Shelley  Rolf Romei Paul Curievici

Claire Clairmont, Stiefschwester von Mary Sara Hershkowitz

Lord Byron Holger Falk

Dr. John Polidori, Byrons Leibarzt Seth Carico

Augusta Leigh Samantha Gaul

Physiker des CERN Chor des Theater Basel

E-Gitarre Yaron Deutsch

Steamboat Switzerland

Dominik Blum  Lucas Niggli  Marino Pliakas

Statisterie des Theater Basel

Es spielt das Sinfonieorchester Basel

Rezension:

Sara Hershkowitz, Kristina Stanek Foto Sandra Then
Sara Hershkowitz, Kristina Stanek Foto Sandra Then

Am 21. Februar fand die Welturaufführung des Auftragswerkes «Diodati.Unendlich» im Basler Theater statt.

Eine Gruppe literarisch ambitionierter Briten begibt sich im Jahr 1816 auf der Suche nach der «erhabenen» Natur in die Schweiz –  darunter der Autor Percy Shelley und seine spätere Frau Mary, die romantische Kultfigur Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori. Doch das katastrophale Wetter des legendären «Jahres ohne Sommer», die Folge eines Vulkanausbruchs in Indonesien, zwingt die Freunde, acht Tage lang in einer Villa am Genfersee auszuharren. Dort erzählen sie sich selbstverfasste Geschichten über fremdgesteuerte Kreaturen, in denen sich die Abgründe ihrer eigenen Persönlichkeit spiegeln.

Statisterie des Theater Basel, Holger Falk, Sara Hershkowitz, Seth Carico foto Sandra Then
Statisterie des Theater Basel, Holger Falk, Sara Hershkowitz, Seth Carico foto Sandra Then

Ausgehend von dieser historischen Zusammenkunft, bei der u. a. Mary Shelleys «Frankenstein» entstand, erzählen der Schweizer Komponist Michael Wertmüller und die Dramatikerin Dea Loher in ihrer Oper eine Geschichte über die Suche nach Freiheit und Individualität in einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten zu sein scheint.

 

Ungewohnte Töne steigen aus dem Orchestergraben, wenn man den Saal des Basler Theaters betritt. Da übt einer rasante Läufe auf der Marimba, eine Bassgitarre röhrt, eine Hammondorgel wummert, dazwischen wärmen sich Bläser und Streicher auf. Dann erscheint der Dirigent Titus Engel und wird bereits mit Bravo-Rufen begrüsst.

Philosophie und Laudanum

Kristina Stanek, Seth Carico, Holger Falk Foto Sandra Then
Kristina Stanek, Seth Carico, Holger Falk Foto Sandra Then

Das erste Bild der Oper «Diodati.Unendlich» zeigt eine Schar Physiker in weissen Schutzanzügen. Mit ihren beleuchteten Gesichtern sehen sie aus wie wandelnde Laternen. Als Forscher des CERN repräsentieren sie die Gegenwart. In der Mitte der Bühne öffnet sich nach und nach jener Raum, in dem sich das Geschehen des ersten Aktes abspielt: Das Wohnzimmer der Villa Diodati am Genfersee, die Vergangenheit. Es erinnert an ein Puppenhaus, putzig mit grüngestreifter Tapete und roten Möbeln. Auch die Figuren haben anfänglich etwas Puppenhaftes in ihren historischen Kostümen (Ursula Kudrna).

Rolf Romei, Samantha Gaul, Kristina Stanek, Holger Falk Foto Sandra Then
Rolf Romei, Samantha Gaul, Kristina Stanek, Holger Falk Foto Sandra Then

Lord Byron erwartet seine Besucher. Die werden auf Stahlkarren hereingefahren und abgeladen, die Informationen wer wer ist, wie alt und welche Gebrechen er oder sie hat, werden auf einer hauchdünnen Leinwand eingeblendet (Video Tabea Rothfuchs). Da ist einerseits der Gastgeber, Lord Byron (Holger Falk), lust- und genusssüchtig, Percy Shelley (Ralf Romei), leicht abgehoben, seine künftige Frau Mary (Kristina Stanek), eine zarte, schwarzgekleidete Figur mit Blumenkranz im Haar. Sie hat ihr Baby verloren und strömt mit jeder Faser ihres Seins Tragik und Leid aus. Byrons Leibarzt Polidori (Seth Carico) hat etwas Gekünsteltes und Manieriertes. Claire (Sara Hershkowitz), übersteigert und hysterisch, ist Byrons Halbschwester und gleichzeitig Geliebte. In ihrem rosa Kleid und den roten Wuschelhaaren mit Zopf sieht sie aus wie eine Porzellanpuppe. Die fünf philosophieren über den Sinn des Lebens, über die Welt, die aus den Fugen gerät, aber auch über ihr Liebesleben. Um das alles auszuhalten, inklusive Dauerregen, trinken sie Laudanum. Das Geschehen wird überwacht, dokumentiert, auch unterbrochen, durch die weissgekleideten Physiker, die rund um den Raum verteilt stehen.

Turbulent, verrückt und schrill

Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then

Es gibt leise Töne in dieser Inszenierung (Lydia Steier). Wenn Kristina Stanek als Mary ihr totes Kind beklagt, tut sie dies mit einer solchen Intensität, dass es unter die Haut geht. Dann wieder wird es laut und schrill und geht ziemlich zur Sache, wenn zum Beispiel Byron eine Apparatur um den Unterleib gehängt wird, die an eine Melkmaschine erinnert und er sich lustvoll windet, während Claire lasziv an einer Glasscheibe leckt. Holger Falk spielt diesen Byron mit viel Kraft, Ausdruck und animalischer Lust. Es mag zwar turbulent, schräg und schrill zugehen und ist musikalisch nicht nur für die Darstellenden und Musiker anspruchsvoll, es bleibt aber in diesem ersten Akt stimmig und die Spannung lässt nicht nach.

Die Welt aus den Fugen

Seth Carico, Rolf Romei, Sara Hershkowitz, Chor des Theater Basel, Holger Falk, Statisterie des Theater Basel Foto Sandra Then
Seth Carico, Rolf Romei, Sara Hershkowitz, Chor des Theater Basel, Holger Falk, Statisterie des Theater Basel Foto Sandra Then

Nach der Pause haben sich die Ränge aber doch gelichtet. Nun geht’s erst richtig los. Es ist wie wenn sich durch die langsame Auflösung des Wohnzimmers auch alles andere auflösen würde. Die Welt gerät definitiv aus den Fugen und es wird schwierig, allem zu folgen. Es ist sehr viel los auf der Bühne, Mary bastelt mit blutverschmierter Schürze an ihrem toten Kind, Byron kriecht kopfvoran in spastisch anmutenden Bewegungen eine freistehende Treppe runter, Polidori stöckelt auf High Heels und in Netzstrümpfen über die Bühne und Percy Shelley paddelt in einem Luftschiff am Himmel. Claire mit sichtlich gewachsenem Babybauch hat sich ihres Kleides und ihrer Perücke entledigt und windet sich in Geburtswehen. Zudem gibt es vermehrt Videoeinspielungen – das alles führt zu einer Reizüberflutung und es wird schwierig, sich nicht selber zu verlieren in diesem Getümmel.

Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then
Diodati. Unendlich Szenenfoto von Sandra Then

Trotz des Chaos hat das Bühnenbild (Flurin Borg Madsen) durchwegs etwas Kunstvolles und Faszinierendes und Werthmüllers Musik, welche sich in keine Schublade stecken lässt, ist unglaublich abwechslungsreich. Mal gibt’s ein Solo mit der Hammondorgel, dann einen jazzigen Höllentanz. Mal liefern sich Byron und Shelley einen fantastischen Schlagabtausch, an Rhythmik kaum zu übertreffen und Claire begeistert mit einem vokalen Duell mit einem Schlagzeuger, ein absolutes Highlight, das auch prompt Szenenapplaus erntet.

Sara Hershkowitz, Seth Carico, Chor des Theater Basel, Kristina Stanek, Rolf Romei Foto Sandra Then
Sara Hershkowitz, Seth Carico, Chor des Theater Basel, Kristina Stanek, Rolf Romei Foto Sandra Then

Es ist eine Reise durch verschiedenste Musikstile, dies auch dank des Einbezuges des Ensembles «Steamboat Switzerland». Was den Musikern, aber vor allem den Sängerinnen und Sängern abverlangt wird, ist unvorstellbar: Diese Koloraturen, und wie sie sich da stimmlich aus ungeahnten Höhen ins beinahe Bodenlose fallen lassen müssen ist spektakulär. Zusammengehalten, geleitet und geführt wird das Ganze eindrucksvoll von Titus Engel. Er behält scheinbar mit Leichtigkeit die Übersicht über all die Tempis, musikalischen Schichtungen und Rhythmuswechsel.

Das furiose Finale ist dann bildlich, stimmlich und musikalisch kaum mehr zu übertreffen, ein sich stetig steigerndes rhythmisches Chaos. Die Premierenbesucher, feierten die Produktion frenetisch.

Kleine Fotodiashow der Produktion von Sandra Then:

fotogalerien.wordpress.com/2019/02/23/theater-basel-diodati-unendlich-oper-von-michael-wertmueller-und-dea-loher-urauffuehrung-auftragswerk-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos:  Sandra Then  https://www.theater-basel.ch  

Homepages der andern Kolumnisten: www.leonardwuest.ch
 
 
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst
  • Aufrufe: 745
Die Walküre Foto Carole Parodi , Grand Théâtre de Genève, Saison 2018-2019

Grand Théâtre de Genève Die Walküre, 13. Februar 2019, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Die Walküre Foto Carole Parodi , Grand Théâtre de Genève, Saison 2018-2019
Die Walküre Foto Carole Parodi , Grand Théâtre de Genève, Saison 2018-2019

Die Walküre Foto Carole Parodi , Grand Théâtre de Genève, Saison 2018-2019
Katja Levin (Gerhilde), Marion Ammann (Ortlinde), Lucie Roche (Waltraute), Ahlima Mhamdi (Schwertleite), Karen Foster (Helmwige), Héloïse Mas (Siegrune), Rena Harms (Grimgerde), Roswitha Christina Müller (Rossweisse)

Première journée en 3 actes du festival scénique Der Ring des Nibelungen de Richard Wagner
Livret du compositeur. Crée à Munich le 26 juin 1870 au Königliches Hof – und Nationaltheater.Reprise de la production de Dieter Dorn et Jürgen Rose (2013-14)
Direction musicaleGeorg FritzschMise en scèneDieter DornDécors & costumesJürgen RoseDramaturgieHans-Joachim RuckhäberleLumièresTobias LöfflerExpression corporelleHeinz Wanitschek

Orchestre de la Suisse Romande
Orchestre de la Suisse Romande

Siegmund Will Hartmann Wotan Tómas Tómasson Hunding Alexey Tikhomirov Sieglinde Michaela Kaune Brünnhilde Petra Lang Fricka Ruxandra Donose Gerhilde Katja Levin Ortlinde Marion Ammann Waltraute Lucie Roche Schwertleite Ahlima Mhamdi Helmwige Karen Foster Siegrune Héloïse Mas Grimgerde Rena Harms Rossweisse Roswitha Christina Müller

Orchestre de la Suisse Romande

Rezension:

Dirigent Georg Fritsch
Dirigent Georg Fritsch

Zur Wiedereröffnung des renovierten «Grand Théâtre» in Genf , durch die Renovierungsarbeiten bekam das von Jacques-Elisée Goss entworfene und 1879 eröffnete Gebäude eine neue Identität, wurde ab dem 12. Februar der «Ring des Nibelungen» geboten, eine Wiederholung der Inszenierung von Dieter Dorn und Günther Rose aus dem Jahr 2013/2014.

2. Abend Die Walküre

Die Walküre Foto CaroleParodi
Die Walküre Foto CaroleParodi

Der zweite Abend des Rings im Grand Théâtre mit der «Walküre» überzeugte mit fantastischen Stimmen und einer karg gehaltenen, aber stimmigen Bühnenausstattung, die berührende, bisweilen ergreifende Momente bescherte.Da ist nicht viel zu sehen, schwarze kistenähnliche Elemente werden herumgeschoben und grenzen so Räume ein oder öffnen sie. Die Esche mit ihren geschwungenen Tentakeln hat etwas Dinosaurierhaftes. Je nachdem wie das Licht einfällt, zieht sich eine breite klaffende Wunde über den Stamm bis hin zur Stelle, wo das Schwert steckt. Sonst ist da viel schwarze Leere. Wenn sich am Ende des ersten Auftaktes Siegmund und Sieglinde im hellen Schein des riesigen Mondes allein auf der grossen Bühne befinden und finden, gibt diese Leere der Szene eine eigene Dimension und erinnert zudem flüchtig an ein anderes, unglückliches Liebespaar.

Die Walküre Foto CaroleParodi
Die Walküre Foto Carole Parodi

Ein Haufen Platten in der Bühnenmitte, die teilweise an eingefallene Häuser nach einem Erdbeben denken lassen, symbolisieren Wotans Reich und werden schlussendlich zu Brünnhildes Grab. Eindrücklich die letzte Szene: schwarze Wände werden nach und nach um dieses Grab geschoben, züngelnde Flammen winden sich auf einem silbergrauen Vorhang in die Höhe, die Bühne wird in blutrotes Licht getaucht. Auf dem Grabhügel steht Wotan, in wallendem Mantel mit seinem Speer, zwar hoch aufgerichtet, aber sichtlich gebrochen und schmerzerfüllt, ein starkes Bild zum Abschluss dieser Walküre.


Grossartige Interpreten

Die Walküre Foto Carole Parodi
Die Walküre Foto Carole Parodi

Die Sängerinnen und Sänger, teilweise dieselben wie 2013/2014, überzeugten durchwegs. Alexey Tikhomirov als gewaltiger Hunding sang und spielte glaubhaft den Macho, provozierte mit seinem Messer, wetzte es an der Steinbank. Bedrohend und übergreifend beherrschte er die Szene und liess Sieglinde (Michaela Kaune) und Siegmund (Will Hartmann) nicht aus den Augen. Die zwei gaben ein glaubhaftes Geschwister- und Liebespaar. Hartmann schien sich im Lauf des zweiten Aufzuges stimmlich noch zu steigern, Kaune ist eine überzeugende, berührende Sieglinde. Petra Lang begeisterte als Brünnhilde, sei es als aufmüpfige Tochter Wotans, Verbündete Sieglindes und Siegmunds oder schlussendlich als zum Tode Verurteilte. Wenn sie allerdings im letzten Akt minutenlang auf dem Boden kniend und kriechend mit Wotan argumentiert, hat das etwas Unbeholfenes, was so gar nicht zu der starken, selbstbewussten Tochter Wotans passt. Stimmlich jedoch blieb sie konstant,  ein kraftvoller, strahlender, nie an Leuchtkraft verlierender Sopran.Herausragend auch Tómas Tómasson als Wotan, ein herrlicher Bariton mit unglaubliche Bühnenpräsenz. Er vollzog auf bestechende Weise die Wandlung vom stolzen Gott und Vater zum einsamen Mann, welcher an seiner Rolle und dem unbeugsamen Willen seiner Frau Fricka zerbricht. Nicht nur stimmlich gelang ihm das exzellent, sondern auch schauspielerisch. Ruxandra Donose als Fricka, eher zierlicher Gestalt, kompensierte dies mit stolzer Haltung und hocherhobenem Kopf, was ihr die nötige Unnahbar- und Unnachgiebigkeit verlieh. Es war ein durch und durch homogenes Ensemble, welches vom Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Georg Fritzsch subtil und mit viel Gefühl begleitet wurde. Das war nie laut, nie übergreifend, blieb lyrisch und trotzdem war da die Kraft und Energie Wagners zu spüren. Ein gelungener zweiter Abend, das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus.

Kleine Fotodiashow der Produktion  von Carole Parodi:

fotogalerien.wordpress.com/2019/02/17/grand-theatre-de-geneve-die-walkuere-6-februar-2019-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: www.geneveopera.ch

Homepages der andern Kolumnisten: www.leonardwuest.ch
 
 
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst
  • Aufrufe: 752
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Wiedereröffnung des Grand Théâtre de Genève, 12. Februar 2019, Gabriela Bucher – Liechti war für uns vor Ort

Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Eine ereignisreiche Wiedereröffnung. Zeitgemäße öffentliche Bereiche, 1000 m² mehr Fläche, restaurierte Foyers, neu freigelegte Marmorarbeiten, durchdachte Arbeitsbereiche … durch die Renovierungsarbeiten bekommt das von Jacques-Elisée Goss entworfene und 1879 eröffnete Gebäude eine neue Identität.

Bericht von Gabriela Bucher – Liechti:

Genf und sein neues «Grand Théâtre»

Letzter Feinschliff am Gebäude
Letzter Feinschliff am Gebäude

Nach 3 Jahren Bauzeit – plus etwas mehr wegen eines Wasserschadens – wurde am 12. Februar 2019 das Grand Théâtre de Genève wieder eröffnet. Grosse Feierlichkeiten waren nicht angesagt, kein roter Teppich ausgelegt, keine Fanfare aufgeboten. Das hat das Haus aber auch nicht nötig. Es steht stolz, majestätisch und glamourös auf der Place de Neuve und strahlt in seinem neuen/alten Glanz still und stilvoll vor sich hin.

Sorgfalt bis ins kleinste Detail

Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Olivier Gurtner, Pressechef des Grand Théâtre, erklärte den anwesenden Interessierten bei einem Rundgang durch die diversen Räumlichkeiten welche Arbeiten wie und warum ausgeführt worden sind. Drei Aspekte waren von zentraler Bedeutung bei der Renovation: Mehr Raum, mehr Sicherheit und der Erhalt des historischen Erbes. Nach dem Brand im Jahr 1951 fehlten einerseits die Mittel, um alles wieder so aufzubauen wie vorher, andererseits herrschte damals ein anderer Zeitgeist. Schlicht, modern und nüchtern musste es sein. Decken wurden mit Gips abgedeckt, Fresken übermalen, Parkett mit Teppichen belegt. Jetzt wurden die Kassettendecken wieder hervorgeholt und sorgfältig restauriert, die Teppiche entfernt und das Parkett nach Fotografien wieder hergestellt. Keine Mühen wurden gescheut, um die Räume in alter Pracht aufleben zu lassen. So wurde z.B. in dreitägiger Arbeit ein Spiegel entfernt, nur weil man darunter Fresken vermutete. Spezialisten wurden zugezogen für die diversen Arbeiten. Erinnerungen wurden wach an den Besuch der Baustelle vor ein paar Monaten, wo junge Restauratorinnen in Kleinstarbeit im grossen Foyer mit feinen Pinseln die Goldfarbe rund um die Spiegel nachmalten und halb kauernd halb liegend und mit Hilfe von Lampen die rote Farbe der Wände zuerst sorgfältig abmischten und dann über den Bodenleisten auffrischten.

Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Ein Raum ist schöner als der nächste. Die relativ kühl gehaltene Eingangshalle mit Marmor, Stuck und den Holztüren mit Messinggriffen geht über ins Atrium, ein wunderbar warmer, farbiger Saal mit der erwähnten Kassettendecke. Auf der «étage noble» kommt man zuerst ins Vorfoyer mit dem Parkettboden und den neuen Schallschutztüren, welche die Motive der Tapete des Foyer Lyrique aufnehmen. Das absolute Prunkstück des Hauses ist das grosse Foyer: Gold soweit das Auge reicht, zartrosa Töne, glitzernde Lüster die von den grossen Spiegeln ins Unendliche vervielfacht werden, wunderschönes Parkett, Deckenfresken, kurz ein Traum, in dem man nicht geht sondern wandelt. Der Ausblick auf die Place de Neuve mit ihrem Verkehr und auf den noch leicht schneebedeckten Salève wirkt irgendwie befremdlich und fast unnatürlich.

Alt und neu stehen sich gegenüber

Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Zu den neugeschaffenen Räumen, alles in allem 1000m2, davon 800 m2 für Sänger, Choristen, Tänzer und Statisten, gelangt man durch lange, verwinkelte Gänge, wo sich Wände von 1879 und 2019 gegenüberstehen. Da gibt es Proberäume, ein Personalrestaurant und ein Sitzungszimmer in luftiger Höhe. Raffinierte Lösungen bringen Tageslicht auch in die Räume unter der Erde. Fürs leibliche Wohl sind neue Bars entstanden, in zeitgemässem, klarem Design. In der Bar im Untergeschoss steht eine 27 Meter lange, goldene Messingtheke, verkleidet mit rohem Pressbeton, über welche sich drei Bögen spannen. Im dritten Stock erinnert die Sternendecke der Bar des Amphitheaters an die Decke im Zuschauerraum.

Die neue Milchstrasse

Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat
Impression des neurenovierten Theaters von Fabien Bergerat

Im Zuschauerraum selber wurde wenig gemacht, die Lüftung wurde angepasst und die «voie lactée», die «Milchstrasse» wie die Genfer ihre Theaterdecke nennen,  ist mit LED-Lämpchen aufgerüstet und komplett computerisiert worden. Die Galaxie kann sich jetzt um sich selber drehen.

Und so sonnte sich das Haus an seinen Eröffnungstagen majestätisch im wunderbaren Abendlicht und öffnete seine Pforten für die Besucher des «Ring des Nibelungen». Mit gezückten Fotoapparaten wandelten diese staunend und bewundernd durch ihr neues «Grand Théâtre».

Kleine Fotodiashow des restaurierten Theaters von Fabien Bergerat:

fotogalerien.wordpress.com/2019/02/17/grand-theatre-de-geneve-kleine-fotodiashow-von-fabien-bergerat/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: www.geneveopera.ch

Homepages der andern Kolumnisten: www.leonardwuest.ch
 
 
Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst
  • Aufrufe: 594
Nicola Benedetti Solistin Violine, Foto Simon Fowler

Luzerner Sinfonieorchester, Die sieben Todsünden, KKL Luzern, Konzertsaal, 13. Februar 2019, besucht von Léonard Wüst

Nicola Benedetti Solistin Violine, Foto Simon Fowler
Nicola Benedetti Solistin Violine, Foto Simon Fowler

Besetzung und Programm:

Luzerner Sinfonieorchester

James Gaffigan, Leitung

Nicola Benedetti, Violine

Delia Mayer, Gesang

Die Singphoniker

Mona Petri, szenische Mitarbeit

George Gershwin (1898 – 1937)
«Cuban Overture»

Wynton Marsalis (*1961)
Konzert für Violine und Orchester in D

Kurt Weill (1900 – 1950)
«Die sieben Todsünden»

 

Rezension:

Dirigent James Gaffigan Foto Vera Hartmann
Luzerner Sinfonieorchester Foto Vera Hartmann

Am 6. November 2015 brachte Nicola Benedetti das eigens für sie komponierte Violinkonzert des Jazz-Trompeters Wynton Marsalis zusammen mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von James Gaffigan im Londoner Barbican Center zur Uraufführung. Eine Komposition, des aktuell populärsten Jazztrompeters, für ein klassisches Orchester, eine Programmation, die natürlich Aufsehen erregt und sehr neugierig macht.

Gershwins «Cuban Overture» als Verbeugung vor der kubanischen Musikkultur zum Auftakt

Dirigent James Gaffigan Foto Vera Hartmann
Dirigent James Gaffigan Foto Vera Hartmann

War die „Rhapsody in Blue“, komponiert ca. ein Jahrzehnt zuvor noch ein klar nordamerikanisches Werk, vereint die „Cuban Ouverture“ bereits diverse amerikanische, sowie karibische Musikelemente, inklusive die vielen dafür typischen Schlaginstrumente der Rhythmussektion, wie das Tipani, Guiro, Maracas, Batá- und Yuka-Trommeln. Diese prägen auch heute noch die mitreissenden Rhythmen aus dieser Weltgegend. Dirigent James Gaffigan wusste den Steilpass von Gershwin zu nutzen und verwandelte, zusammen mit seinem Orchester, das Werk in eine wahre Fiesta, voller ansteckender Lebensfreude, die aber trotzdem immer ein Hauch Melancholie beinhaltete. Der optimale Auftakt in ein Konzert, das so ganz und gar nicht wie ein normales Sinfoniekonzert sein sollte. Stürmischer Applaus des Auditoriums war der verdiente Lohn für die Protagonisten.

Konzert für Violine und Orchester in D von Wynton Marsalis

Nicola Benedetti Foto Simon Fowler
Nicola Benedetti Foto Simon Fowler

In ihrer ersten Kadenz ließ die 32 jährige Schottin Nicola Benedetti eine Mischung aus wildem Sägen und zarten, hoch liegenden Melodiefäden zerreißen: Die ganze Komposition ist technisch sehr anspruchsvoll. Im zweiten Satz ertönte ihr Instrument Quietschen und Zwitschern über einem Wah-Wah-Bass, und es endete in einem schottischen Volkslied mit doppelter Violine. Der dritte Satz, eine Feier des Blues, fühlte sich als Herzstück der Arbeit an. Hier war Benedettis Spiel überzeugend idiomatisch, wenn es auch zeitweise einen Balkan-Anflug bekam; Obwohl Improvisation nicht auf der Speisekarte stand, fühlte sich dies improvisiert an.

Der Amazone wilder Ritt durch de Partitur

Nicola Benedetti und Wynton Marsalis
Nicola Benedetti und Wynton Marsalis

Benedettis funkelnde Performance packte das Publikum ebenso wie ihre Mitmusiker, brachte Dirigent James Gaffigan gar ab und zu zum Hüpfen auf seinem kleinen Dirigentenpodium. Die junge Solistin interpretierte das Werk als eine Liebesbeziehung zwischen ihr selbst und den Noten. Sie überragte die ungemein anspruchsvollen technischen Anforderungen mit einer strahlend hohen Lyrik, mal mit berührender Intimität, dann wieder mittels wütend rhythmischer Energie. All dies zelebriert auf dem perfekten Notenteppich, den das gut aufgelegte Orchester ihr ausbreitete. Trotz des eher generell konservativen Stils ist es ein sehr ehrgeiziges Werk, dessen schiere Länge zum absoluten Genuss wurde, so perfekt dargereicht von Nicola Benedetti und dem Luzerner Sinfonieorchester an diesem Abend, dass eine Steigerung nur schwer vorstellbar ist. Dieser Meinung war auch das gutgelaunte Auditorium, was sich in einer wahren Applauskaskade äusserte.

2. Konzertteil mit „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill

Delia Mayer, Gesang
Delia Mayer, Gesang

Das am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris uraufgeführte Werk ist für den Zuhörer eine intellektuelle Herausforderung, verlangt höchste Konzentration. Die für den Gesang ( eher Sprechgesang) engagierte Delia Mayer, den meisten als Kommissarin Liz Ritschard aus dem Luzerner Tatort bekannt, platzierte sich, in eine rote Abendrobe gehüllt, etwas seitlich versetzt beim Dirigenten vor dem Orchester. Die Singphoniker, den Part der Familie singend, erschienen jeweils auf der Galerie unterhalb der grossen Orgel des gut besetzten Konzertsaales, wenn sie an der Reihe waren.

Delia Mayer als die doppelte Anna

Die Singphoniker
Die Singphoniker

Je nachdem, welche der zwei Schwesternrollen sie deklarierte, die selbstbewusste, oder die eher zurückhaltende, zerbrechliche Anna, posierte die Sängerin mal lasziv, die Robe bis an die Oberschenkel hochziehend, oder zierlich verstört auf dem Tisch liegend, der mit einem unschuldig weissen Tischtuch abgedeckt war, und, nebst einem Stuhl, als einziges zusätzliche Requisite auf der Bühne stand. Die Mimin setzte ihr ganzes schauspielerisches Können in die Rollen um, wirkte bei der starken Anna selbstbewusst in Mimik und Gestik, verstand es aber auch, die gegensätzliche Schwester verstört, gar ratlos erscheinen zu lassen. Die 7 Todsünden waren so unmittelbar greifbar, ersichtlich durch die starke Darstellung und erhörbar durch die kongenial strukturierte musikalische Darbietung der klassizistischen, damals typisch deutschen Komposition von Kurt Weill durch das Orchester unter dem souveränen Dirigat des wirbligen James Gaffigan. Das Publikum bedankte sich bei den Protagonisten mit langanhaltendem kräftigem Schlussapplaus. Die Umsetzung des Werkes von Kurt Weill liess entliess die meisten mit einer gewissen Nachdenklichkeit wieder ins normale Leben.

Nicola Benedetti on Wynton Marsalis‘ Violin Concerto 3rd Movement

/www.youtube.com/watch?v=dTU5bzrZ-zA

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home

Homepages der andern Kolumnisten:

www.gabrielabucher.ch https://annarybinski.ch/ https://noemiefelber.ch/

Paul Ott/Paul Lascaux:www.literatur.li

Autoren- und Journalisten-Siegel von European News Agency - Nachrichten- und Pressedienst

  • Aufrufe: 860