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Orchestre Révolutionnaire et Romantique/Monteverdi Choir KKL Luzern, 30. Oktober 2018, besucht von Léonard Wüst

Orchestre Révolutionnaire et Romantique/Monteverdi Choir
Orchestre Révolutionnaire et Romantique/Monteverdi Choir

Besetzung und Programm:

Orchestre Révolutionnaire et Romantique/Monteverdi Choir

Rezension:

Monteverdi Chor
Monteverdi Chor

Der Tod des von Verdi hochgeschätzten Dichters Alessandro Manzoni 1873 veranlassten Verdi, die Totenmesse zu vertonen. Die Uraufführung in der Kirche San Marco in Mailand am 22. Mai 1874 war ein Ereignis von nationaler Bedeutung. Verdis Kirchenmusik beeindruckte durch ihre opernhafte Grösse und Dramatik (besonders im «Dies irae»). Andere wieder, die Kirchenmusik als eher intime Musik verstehen, waren befremdet, wie Hans von Bülow, der im Requiem eine «Oper im Kirchengewande» sah. Im Requiem vertont Verdi eine einzige große Drohung, nämlich, dass der schwer sündenbeladene Mensch am „Tag des Zorns“ vor dem Jüngsten Gericht antreten muss, verängstigt um Gnade fleht, um der Hölle noch zu entgehen.

Niederschmetternde Wirkung der Interpretation durch Gardiner

Sir John Eliot Gardiner (Dirigent)
Sir John Eliot Gardiner (Dirigent)

Die Wirkung die der, im Jahre 1998 von Prinz Charles zum Sir geadelte John Eliot Gardiner erzielt, ist alles andere als ein angenehmes, gar unterhaltsames Hörvergnügen – sie ist verstörend brutal. Diese Interpretation will erschüttern, und sie tut es in jeder Sekunde. Bar allen Romantischen, konfrontiert der Komponist den Zuhörer mit der existentiellen Angst vor dem eigenen Tod.

Prädestiniertes Orchester für dieses Gewaltwerk

Ann Hallenberg (Mezzosopran)  Foto Oerjan Jakobsson
Ann Hallenberg (Mezzosopran) Foto Oerjan Jakobsson

Das Orchestre Révolutionnaire et Romantique bildet eine Einheit, wie es jedes große Orchester tut, wie es ja der Sinn eines Orchesters ist, doch an jedem Opernabend, in jedem Konzert, gibt es hier und da eine Schwäche, eine klitzekleine Unsauberkeit, die gerade gehört schon wieder vergessen ist. Einfach diese kleine Menschlichkeit, doch zumindest heute war hier alles perfekt, saß jeder Bogenstrich, jeder Ton, gab es keine Unstimmigkeit im Tempo zwischen Musikern und Sängern.

Gianluca Buratto (Bass)
Gianluca Buratto (Bass)

Dies gilt auch für den Monteverdi Chor, der nicht nach viele verschieden Stimmen klang, sondern einfach homogen. So wurden die a-capella gesungenen Passagen, so kurz sie auch sein mögen, zu einem zarten Genuss für die Ohren, gleich- bei dem Vergleich mit dem Lebensspender „Wasser“ zu bleiben,- einem sanften Sommerregen und die machtvollen, immer wiederkehrenden Fortissimo-Passagen besonders des „Dies irae“, aber auch des „Lacrimosa“oder noch mehr des doppelchörigen „Sanctus“ reißen den Zuhörer mit, wie mittlere bis hohe Sturmwellen. Es ist eben ein Markenzeichen Verdis, das nicht nur für sein kirchliches Werk gilt: Er ist ein Meister der Chöre.

Vier Solisten. Nicht mehr, nicht weniger als vier Teile eines vielteiligen Ganzen

Corinne Winters (Sopran)  Foto Fay Fox
Corinne Winters (Sopran) Foto Fay Fox

Doch er ist auch ein Meister der ausdrucksstarken Solostücke, Duette und Quartette für Solisten, die ihr Handwerk sowohl mit ihrer Stimme, als auch mit Seele und Herz ausüben. Und davon standen vier hervorragende auf der Bühne, platziert neben dem Dirigenten. Eigentlich unfair, den Bassisten besonders zu erwähnen, aber Gianlucca Buratto stach, nebst Mezzosopranistin Ann Hallenberg, besonders ins Ohr. So volltönend wie Burattos Bass so hell ist die Stimme des litauischen Tenors Edgaras Montvidas. Sein  „Ingemisco berührt, gerade auf Grund des hellen Timbres, dass eher den Eindruck eines Jünglings vermittelt der darum bittet, auf die „rechte Seite“ gestellt zu werden, als an einen sündigen Mann. Montvidas Stimme ist lyrisch und doch kraftvoll. Reif, voll und von einem ungewöhnlich großem Umfang ist die Stimme von Mezzosopranistin Ann Hallenberg. Ihre Stimme klingt ungewöhnlich, hat Widererkennungswert und sie harmoniert in Klang, Hingabe und im Ausdruck auf wunderbare Weise mit der amerikanischen Sopranistin Corinne Winters. In ihren gemeinsamen Passagen, dem „Recordare, wie dem „Agnus die scheinen sie wie zwei Wellen, die zu einer werden. Beide Künstlerinnen berühren auch einzeln mit ihrem Gesang, doch gemeinsam klingen sie vollkommen, atmen über weite Teile gar im Einklang. Winters Sopran ist von einer Reinheit, bei der sich in diesem christlichen Werk, das Adjektiv „engelsgleich“ geradezu aufdrängt. Sie führt ihre Stimme mit einer Leichtigkeit in kristallklare Höhen, doch weder die Tiefen, noch die Mittellagen scheinen ihr Schwierigkeiten zu bereiten. Ihre Emphase und Hingabe berührt spätestens bei ihrem letzten „Libera me“ so tief, dass es den Zuhörer wohlig fröstelt.

Edgaras Montvidas (Tenor)  Foto Rokas Darulis
Edgaras Montvidas (Tenor) Foto Rokas Darulis

Das Auditorium im praktisch vollbesetzten Konzertsaal zeigte sich denn auch begeistert von diesem Gesamtkunstwerk und belohnte die Protagonisten mit einer stehenden Ovation, was diese sichtlich erfreute.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/  

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Teatro alla Scala Milano, La finta giardiniera, W.A. Mozart, 23. Oktober 2018, besucht von Léonard Wüst

Impression der Produktion
Impression der Produktion

Produktion und Besetzung:
Dirigent Diego Fasolis, Staging Frederic Wake-Walker,

Sets and costumes Antony McDonald, Lights Lucy Carter

Podestà Kresimir Spicer, Sandrina Hanna-Elisabeth Müller, Arminda Anett Fritsch, Belfiore Bernard Richter, Ramiro Lucia Cirillo, Serpetta Giulia Semenzato, Nardo Mattia Olivieri

Rezension:

Impression der Scala innen
Impression der Scala innen

Der Traum eines jeden Opernfans, der Besuch einer ebensolchen im „Teatro alla Scala“ in Mailand. Am 23. Oktober war es für mich endlich soweit. Nachdem die ersten drei Tage meines Aufenthaltes in Mailand nicht grad unter einem günstigen Stern standen, freute ich mich umso mehr auf den ersten Abend im „Teatro alla Scala“, dem weltberühmten „Tempel der Oper“. Da es sich ja äusserst gut macht, einen Tempel in Begleitung einer Göttin zu betreten, hatte ich im Vorfeld dafür gesorgt, dass mir eine ebensolche, in der Person von Esther Ottiger, Frau eines guten Kollegen, zur Seite stand. Nach dem typisch italienischen Nachtessen in einem der nahegelegenen Restaurants, begaben wir uns frühzeitig zum Kassabereich im linken Gebäudeteil. Schon fast nicht mehr überraschend, dass ich auf der Presseliste nicht aufgeführt war. Glücklicherweise hatte ich die Akkreditierungsbestätigung (für 2 Personen) ausgedruckt, sodass wir die Tickets nach einigem hin und her und diversen Telefonaten ausgehändigt erhielten und uns ins Foyer zur Abholung eines Programms begaben. Fast ehrfürchtig betraten wir dann die heiligen Hallen, den grossen Saal der „Scala“, nahmen Platz auf unseren Plätzen der besten Kategorie. Wir waren bei weitem nicht die einzigen „Frischlinge“ wie ein Rundumblick bestätigte. Bald ertönten auch schon die ersten Takte der Ouvertüre durch das, unter der Leitung von Diego Fasolis auf historischen Instrumenten spielenden, Orchestra del Teatro alla Scala.

Verwirrende, verworrene Irrwege der Liebe im passenden Bühnenbild

Die zwei Scala Frischlinge gespannt auf die Vorstellung wartend
Die zwei Scala Frischlinge gespannt auf die Vorstellung wartend

Dann Vorhang auf: ein wunderbar ästhetisches Bühnenbild: eine Art Patio in einem feudalen herrschaftlichen Haus. Der Diener Nardo, der die vermeintliche Gärtnerin Sandrina (die in Wirklichkeit die Gräfin Violante Onesti ist) begleitet, ist selbst Gärtner und kümmert sich um Kakteen. Er ist verliebt in das Dienstmädchen Serpetta, die von ihm jedoch nichts wissen will, weil sie ein Auge auf Don Anchise (Il Podestà) geworfen hat. Dieser hat eine Nichte, Arminda, welche er mit dem Conte Belfiore vermählen will. Letzterer hatte in einem Anflug von Leidenschaft die Gräfin Onesti tätlich angegriffen. Da er annahm, sie ermordet zu haben (!), floh er. „Sandrina“ versucht (aus Rache oder aus Liebe?), seine Spur aufzunehmen und hat sich deswegen als Gärtnerin einstellen lassen. „Zufällig“ begegnen sie sich beim Podestà. Um das ganze Wirrwarr noch unübersichtlicher zu machen, wohnt in diesem Hause auch noch Ramiro, ein ehemaliger Liebhaber von Arminda, der sie noch immer liebt… Dreimal darf jetzt geraten werden, welche Paare sich am Schluss der Oper zusammenfinden!

Komponist Mozart und Librettist Stierle als Vorreiter des Feminismus?

Der Salon, in dem sich die Geschichte abpielt
Der Salon, in dem sich die Geschichte abpielt

So verworren das auch klingt, erstaunlich feministisch ist doch der Text. Die Männer sind allesamt ziemliche Weichlinge; die Frauen haben das Zepter in der Hand. Die Musik von Mozart ist wunderbar leicht, trägt die Komödie, schlägt aber auch in Ernsthaftigkeit um oder wird poetisch, symphonisch (beim Erwachen der beiden Liebenden Violante und Belfiore z.B.). Obwohl Mozart dieses Werk bereits 1774 komponierte, sind daraus bereits „Figaro“ und „Così“ wie auch „Don Giovanni“ zu erahnen. Librettist Johann Franz Xaver Stierle stellte poetisch der „Giardiniera“ (Gärtnerin) den Herrn Belfiore (Schönblume) zur Seite.

von links Arminda, Belfiore, Marchesa, Ramiro
von links Arminda, Belfiore, Marchesa, Ramiro

Die ersten beiden Akte enthalten großangelegte, effektvolle Finali. Im zweiten Akt fasst Mozart das Finale mit mehreren vorhergehenden Arien und Rezitativen zu einer großen, die Grenzen der zeitgenössischen Nummernopern sprengenden Szene zusammen.

Auftragskomposition für einen Karneval

Die 7 Protagonisten auf der Bühne der Scala
Die 7 Protagonisten auf der Bühne der Scala

Mozart komponierte diese Boulevardkomödie im Alter von grad mal 18 Jahren als Auftragswerk für den Münchner Karneval. An der Scala präsentiert sich die „Giardiniera“ in einer äusserst amüsant, rasanten Inszenierung von Frederic Wake-Walker mit überragenden Stimmen, bei der einem, trotz einer Länge von 3 ½ Stunden, inkl. Pause,  nie langweilig wurde, umgesetzt im Bühnenbild von Antony McDonald, der ebenfalls für die  Entwürfe der Kostüme zeichnete. Dies in einer Koproduktion mit der Glyndebourne Festival Production. Hanna-Elisabeth Müller als Giardiniera glänzte ebenso wie Annett Fritsch als ihre Konkurrentin. Lucia Cirillo, in der Rolle des Ramiro, dank grossem schauspielerischen Rucksack, eine prädestinierte Mezzosopranistin für „Hosenrollen“, hat sie doch auch die Rolle des Octavian im Rosenkavalier von Richard Strauss in ihrem Repertoire. Auch die andern Protagnistinnen zeigten sich von ihrer besten Seite, unterstützt von einem grossartigen Hausorchester unter der magistralen Leitung des 1958 in Lugano geborenen Diego Fasolis. Eine Opera buffa, wie sie sein muss, ein vergnüglicher Abend mit wunderschöner Musik, einem homogenen Ensemble und einer Inszenierung, die das schwierig umzusetzende Werk zugänglich macht. Das Publikum zeigte sich denn auch beeindruckt und war begeistert, wie sich aus dem langanhaltenden Schlussapplaus schliessen liess.

Die Protagonisten geniessen den Schlussapplaus
Die Protagonisten geniessen den Schlussapplaus

Kleine Fotodiashow der Produktion:

fotogalerien.wordpress.com/2018/10/14/la-finta-giardiniera-von-w-a-mozart-teatro-alla-scala-milano-23-oktober-2018-besucht-von-leonard-wuest/

Link auf Ernani von G. Verdi an der Scala, 25. Oktober 2018

https://innerschweizonline.ch/wordpress/teatro-alla-scala-mailand-ernani-giuseppe-verdi-25-oktober-2018-besucht-von-leonard-wuest/

Link auf Stadtrivalenderby Inter Mailand vs. AC Mailand, Giuseppe-Meazza-Stadion Mailand, 21. Oktober 2018, besucht von Léonard Wüst

https://innerschweizonline.ch/wordpress/stadtrivalenderby-inter-mailand-vs-ac-mailand-giuseppe-meazza-stadion-mailand-21-oktober-2018-besucht-von-leonard-wuest/

Link auf Mailandstory Teil 2: Thelonious Sphere „T. S.“ Monk, Jr. Konzert, Leonardo3 Museum usw.

https://innerschweizonline.ch/wordpress/mailandstory-teil-2-thelonius-monk-konzert-leonardo3-museum-usw/

Fotos: Esther Ottiger, Léonard Wüst und

http://www.teatroallascala.org/en/index.html

Text und Fotos : www.leonardwuest.ch

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Luzerner Theater, Box-Festival: Open Kitchen, Schauspieler mit Hacktätschli, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Box-Festival Open Kitchen

Box-Festival Open Kitchen

Mit: Sofia Elena BorsaniLukas DarnstädtJakob Leo StarkYves Wüthrich

Inszenierung: Schauspielensemble
Kostüme: Medea Karnowski
Dramaturgie: Irina Müller

Zu viele Köche verderben den Brei? Das Schauspielensemble präsentiert sich in Eigenregie: Auf Basis kollektiver Entscheidungsfindung erarbeiten die Schauspielerinnen und Schauspieler einen Abend ganz nach ihren Vorstellungen.

Rezension:

Open Kitchen zum zweiten

Das eigenwillige Format «Open Kitchen» des Luzerner Theaters ging am Mittwochabend in der Box in die zweite Runde. «Schauspieler mit Hacktätschli» war der Titel. Wer sich auf Hacktätschli eingeschossen hatte, hatte Pech, es wurde schnell klar, dass aus dem vielen Mehl, den unzähligen Eiern und der Schüssel voller Zwiebeln kaum Hacktätschli werden würden. Ein ungewöhnlicher Abend, das Programm hatte es erahnen lassen, Yves Wüthrich bestätigt es mit seinem Auftritt im knappen glänzig-goldigen Slip, im wehenden goldenen Morgenmantel über ziemlich nacktem Oberkörper und den goldenen Birkenstocks.

«Rührende» Momente

In der Küche, welche fürs erste Stück «Verein zur Aufhebung des Notwendigen» in der Box aufgebaut worden war, herrschte nach den ersten Momenten der Verwunderung schnell eine lockere Stimmung, wohl nicht zuletzt da die vier Schauspieler Sofia Elena Borsani, Lukas Darnstädt, Jakob Leo Stark und Yves Wüthrich die Besucher einluden, sich mit Getränken einzudecken. Das Angebot wurde rege benutzt, die ganzen anderthalb Stunden lang. Man müsse nichts verstehen, meinte Danrstädt, dürfe auch ruhig mitmachen, mitreden, sich ärgern, alles sei erlaubt. Dann begannen die vier, Mehl, Eier und Wasser zu einem Teig zu mischen und diesen minutenlang zu rühren. Sie schnitten tränenreich Zwiebeln, filmten sich dabei, deklamierten Kurzgedichte, sinnierten darüber, wie viele Hühner auf einem Körper Platz hätten, sprachen in dadaistischen Sätze miteinander und ehrten die Zwiebel mit einer Ode. Derweilen dampfte es aus der riesigen Pfanne auf der Herdplatte.

Allgegenwärtige Zwiebel

Mit der Zeit mischten sich Zuschauer unter die Schauspieler, unaufgefordert, halfen beim Schnipseln, Rühren, Aufräumen. Der Teig musste ruhen, das Publikum trank und plauderte. Dann verarbeiteten Darnstädt und Stark den Teig zu Spätzle und liessen diese in die dampfende Pfanne plumpsen. Derweilen las Sofia einen Text über eine Surferin, Lukas lag ihr zu Füssen und hörte zu, Wüthrich briet die Zwiebeln an und deren Geruch setzte sich trotz geöffneten Türen in allem fest. Die Spätzle kamen in eine Gratin-Form, Käse drüber und ab in den Ofen. Die Hacktätschli waren wie erwartet nirgends zu finden, also gab’s nur Gratin und  Eis zur Nachspeise. Die Stimmung war mittlerweile sehr locker und gemütlich, einige sassen plaudernd auf dem Boden, andere unterhielten sich mit den Schauspielern.

Beim gemeinsamen Verzehr der Spätzle erklärte Darnstädt, worum es ihnen gegangen war: Mal alles selber machen, selber erarbeiten, keine Anweisungen ausführen müssen und vor allem auf Augenhöhe sein mit ihrem Publikum. «Wir wollten nichts leisten, nichts beweisen. Für uns war es wichtig, mit dem Publikum interagieren zu können.» Das funktionierte bestens, man erkannte die vier inmitten der Besucher lediglich noch an ihren Kostümen – Yves als Tell, Lukas im Taucheranzug, Sofia im geringelten Shirt mit Propeller-Cap und Jakob im Schnittmuster aus Packpapier. Ihr «Stück» war zwar eigenwillig, aber die Momente mit ihnen sympathisch und die Möglichkeit, sie mal anders zu sehen, zu erleben und persönlich zu treffen durchaus spannend.

Zwei Gedanken noch: «Open Kitchen» das «Dancemakers» der Schauspieler? Und wer kann schon seine penetrante Zwiebel-Ausdünstung erklären mit: «Entschuldigung, ich war im Theater…»

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

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Luzerner Theater, Tanz 28: New Waves besucht von Gabriela Bucher-Liechti

Tanz 28 New Waves Foto Gregory Batardon
Tanz 28 New Waves Foto Gregory Batardon

Produktionsteam «Twenty Eight Thousand Waves»

Choreographie, Bühne, Kostüme und Licht: Cayetano Soto
Einstudierung und Proben: Mikiko Arai

Mit: Janne Boere, Zach Enquist, Giovanni Insaudo, Carlos Kerr Jr., Valeria Marangelli, Aurélie Robichon, Sandra Salietti Aguilera, Louis Steinmetz, Andrea Thomspon, Tom van de Ven

Produktionsteam «Sortijas»

Choreographie, Bühne, Kostüme und Licht: Cayetano Soto
Einstudierung und Proben: Mikiko Arai

Mit: Aurélie Robichon und Tom van de Ven / Sandra Salietti Aguilera, Zach Enquist / Valeria Marangelli, Carlos Kerr Jr.

 

Choreographie und Bühne: Georg Reischl
Kostüme: Min Li
Licht: Clemens Gorzella
Dramaturgie: Selina Beghetto

Mit: Zach Enquist, Giovanni Insaudo, Valeria Marangelli, Aurélie Robichon, Sandra Salietti Aguilera, Tom van de Ven

 

Rezension:

Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon
Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon

Kathleen Mc Nurney ist seit 10 Jahren die künstlerische Leiterin der Kompanie «Tanz Luzerner Theater». Für dieses Jubiläum hat sie sich und ihrem Publikum ein wunderbares Geschenk gemacht: Ein «Triple Bill»-Abend bereits zu Saisonbeginn d.h. der Abend mit den drei verschiedenen Choreografien, welcher gewöhnlich die Saison beendet, eröffnet diese nun.

Wellen der Einsamkeit

Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon
Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon

«Twenty Eight Thousand Waves» ist der Titel des ersten Stücks des katalanischen Choreografen Cayetano Soto. Ballettfans erinnern sich bestimmt an sein fulminantes «Malasombra» aus Tanz 18! In «Twenty Eight Thousand Waves» geht es um Einsamkeit, darum, dass eine Türe zugeht, der Mensch allein zurückbleibt, dann aber wieder eine Türe aufgehen kann. Für die Einsamkeit wählt Soto eine Bohrinsel mitten im Ozean, der Macht der Wellen ausgeliefert. Im ersten Bild hängen die Scheinwerfer so tief, dass es scheint, als stünde das Wasser den Tänzerinnen in ihren nassen Blusen bis zum Hals, als würden sie fast erdrückt von der Situation. Auch wenn die Scheinwerferschienen später hochgezogen werden, im ersten Teil bleiben sie tief und grenzen den Raum ein, in welchem die 10 Tänzerinnen und Tänzer in einer Art Verzweiflung interagieren, sich finden und verlieren, sich begegnen und doch irgendwie gegenseitig völlig unbeteiligt scheinen. Sie kämpfen mit sich selbst, raffinierte Lichteffekte unterstreichen das Bedrückende der Situation, spielen mit den Körpern. Dann verändert sich das Bild, die Scheinwerfer jetzt angeordnet in Lichtvierecken hoch oben, die Tänzer tragen Faltenröcke, die Tänzerinnen haben ihre nassen Blusen ausgezogen, die Stimmung scheint weniger angespannt, die Interaktionen intensiver. Es folgen rasante, fast atemlose Bewegungsabläufe, wieder unterstreicht und betont das Licht. Cayetano – und mit ihm das Luzerner Ensemble – bescheren dem Publikum zwanzig Minuten voller unglaublicher Energie, temporeich fast bis ans Limit. Trotzdem bleiben die Bewegungen präzise, gleitend, stark und gleichzeitig leichtfüssig. Nur die schweissnassen Oberkörper der Tänzer zeugen beim tosenden Schlussapplaus davon, wie viel ihnen abverlangt worden ist.

Schmuckstück im wahrsten Sinn des Wortes

Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon
Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon

Caytano Soto zeichnet auch für das zweite Stück «Sortijas» (altes spanisches Wort für «Ring»). An diesem Abend tanzen Aurelie Robichon und Tom van de Ven diesen berauschenden Pas-de-Deux, fünf berückend schöne Minuten voller Intensität zur melancholischen Stimme von Lhasa da Sela. Die Bühne ist teilweise in grauen Nebel gehüllt, ab und an verschwinden die Körper kurz in totaler Dunkelheit um dann wieder aufzutauchen, oft nur schemenhaft. Tänzerin und Tänzer tragen lediglich schwarze Hosen, nichts lenkt ab von der bewegenden Tanzsprache. Es ist ein Miteinander, ein Gegeneinander, als versuchten die beiden, sich gegenseitig etwas zu erklären. Manchmal gelingt es, dann spricht wieder jeder für sich. Trotzdem bleibt eine Harmonie, als könnten sie nicht ohne einander. Man erkenne Situationen aus dem eigenen Leben, hatte die Dramaturgin Selina Beghetto in ihrer wieder sehr engagierten Einführung erzählt – die erkannte man durchaus, schön wäre es, man könnte sie jeweils ebenso poetisch darstellen! «Sortijas», ein magischer Moment, ein wundervolles Geschenk für die Schmuckschatulle.

Die verrückt-farbige Welt des David Bowie

Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon
Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon

«Let’s Bowie» heisst das dritte Stück des Abends des Choreografen Georg Reischl und Bowie ist auch Programm: Ein riesiger goldener Vorhang im Hintergrund, der die Tänzerinnen und Tänzer anfänglich sehr klein erscheinen lässt, ein goldener Boden und die verrückt farbigen, herrlich verspielten Kostüme des Modedesigners  Min Li. Faszinierend wie sich Tänzerinnen und Tänzer einzeln, zu zweit oder gemeinsam zu Bowies Songs verbiegen, denn bewegen lässt sich das kaum mehr nennen. Es ist eine Art spastische Lockerheit, wenn es diese denn überhaupt gibt: verdrehte Füsse, wild schlenkernde Arme und Beine, eine Verrücktheit in der Bewegung, die sich um nichts schert und sich bis in die Gesichter wiederspiegelt. Die Tänzer erinnern an Marionetten, welchen man die Fäden durchgeschnitten hat und die ausprobieren, was möglich ist und selbst kaum glauben können, wozu ein Körper fähig ist, ein Körper, dem man volle Freiheit gewährt. Auch schon mal tanzen sie mit und gegen ihre eigenen Schatten auf dem goldenen Vorhang; witzig, denn je nach Perspektive führen diese Schatten nicht dieselbe Figur aus. Dazu der Beat von Bowies Songs, man ertappt sich beim Füsse wippen, Szenenapplaus kommt auf und das Ensemble scheint genau so viel Spass zu haben wie das Publikum.

Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon
Tanz 28 Szenenfoto von Gregory Batardon

Ein wahrer Begeisterungssturm brach aus, langer Applaus, glückliche Gesichter auf der Bühne und ihm Saal – gibt es ein schöneres Geschenk zu einem Jubiläum?

Kleine Fotodiashow der Produktion von Gregory batardon:

fotogalerien.wordpress.com/2018/10/18/luzerner-theater-tanz-28-new-waves-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

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