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Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 19 Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam | Manfred Honeck | Anett Fritsch, 5. September 2018, besucht von Léonard Wüst

Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam
Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Besetzung und Programm:

Manfred Honeck  Dirigent

Richard Wagner Vorspiel zum dritten Akt aus der Oper Die Meistersinger von Nürnberg

Alban Berg Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Ansichtskarten-Texten von Peter Altenberg

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll WAB 103, Dritte Fassung von 1889 in der Edition von Leopold Nowak

 

Rezension:

Dirigent Manfred Honeck
Dirigent Manfred Honeck

Die Mitteilung des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra vom Juli diesen Jahres schlug ein wie eine Bombe: Man habe die Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten Daniele Gatti per sofort beendet. Der Grund: Gatti soll Musikerinnen sexuell belästigt haben. Erste Vorwürfe waren in der «Washington Post» aufgetaucht; zwei Sopranistinnen schilderten dort Vorfälle aus den Jahren 1996 und 2000. In der Folge haben dann auch Musikerinnen des Concertgebouw Orchestra «unangebrachtes Verhalten» ihres Chefdirigenten beklagt. Das reichte für eine fristlose Entlassung. Deshalb stand nun anstelle von Gatti der österreichische Dirigent Manfred Honeck, Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra am Pult.

Richard Wagner Vorspiel zum dritten Akt aus  „Die Meistersinger von Nürnberg“

Arturo Toscanini mit dem ad hoc Eliteorchesterbeim Concert de Gala auf Tribschen 25. August 1938
Arturo Toscanini mit dem ad hoc Eliteorchesterbeim Concert de Gala auf Tribschen 25. August 1938

Mit diesem Vorspiel eröffnete Arturo Toscanini im legendären „Concert de Gala“ mit einem ad hoc Elite Orchester am Tribschen beim Richard Wagner Haus am 25. August 1938 die allerersten  „Internationalen Musikfestwochen“ Luzern (IMF), welche im Jahre 2001 in „Lucerne Festival“ umbenannt wurden. Dieses kurze Werk war optimal für die Musiker um sich einzuspielen und das Publikum so richtig ins Konzert einzustimmen.

Die Solistin des Alban Berg Liederzyklus

Anett Fritsch zählt zu den wenigen Sängerinnen, die alle drei zentralen Frauenrollen in „Le nozze di Figaro“ verkörperten und sie konnte u.a. schon diese Preise ernten: 2001 Internationaler Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb den ersten Preis und Preisträgerin 2006 und 2007 am Internationalen Gesangswettbewerb der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Die deutsche Sopranistin (*1986), für die es das Debut am Lucerne Festival war,  gibt in der Saison 2018/19 die Arminda in La finta giardiniera von W. A. Mozart an der Mailänder Scala unter der Leitung des Schweizer Dirigenten  Diego Fasolis.

Alban Berg Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Texten von Peter Altenberg

Solistin Anett Fritsch mit Dirigent Manfred  Honeck, Foto Priska Ketterer
Solistin Anett Fritsch mit Dirigent Manfred Honeck, Foto Priska Ketterer

Verstörend die Komposition des Arnold Schönberg Schülers, irgendwie nachvollziehbar die ungnädig ablehnende Aufnahme beim Wiener Publikum, das bis anhin ja nur tonale Musik kannte, bei der Erstaufführung (inkl. Unmutsäusserungen wie Tumulte, Pfiffe, Gelächter, Geschrei usw.) Ein veritabler Skandal, die Veranstaltung musste gar abgebrochen werden. Ein Arzt, der Augenzeuge war,  gab zu Protokoll, dass die Musik bei einigen Besuchern äussere Anzeichen einer schweren Depression auslösten. Da Berg atonal komponierte und für ihn der Ausdruck „Emanzipation der Dissonanz“ einen hohen Stellenwert hatte, erstaunen die Reaktionen nicht, bloss deren Heftigkeit.

Zum Werk und dessen Interpretation:

Anett Fritsch  Sopran
Anett Fritsch Sopran

Bereits in Takt 2 setzt die Singstimme ein. Diese ahmt, im Gegensatz zu den Bläsern, in ihren ersten zwei Takten das Taktmetrum rhythmisch nach. Sie beginnt mit einer chromatisch absteigenden Linie, die im Takt 3 einen Ganzton höher sequenziert wird. Der Text „Über die Grenzen des All“ wird hierbei konsequent syllabisch ausgedeutet, jeder Silbe wird ein Viertel zugeordnet und durch die Taktart wird das daktylische Metrum des Textes umgesetzt. Dem Wort „All“ wird allerdings durch ein Tritonus-Intervall abwärts (G-Cis) der bisher tiefste und längste Ton, eine Halbe, zugeordnet und somit deutlich hervorgehoben. Der Tritonus gilt als diabolus in musica, weshalb man diese Stelle auch als Vorausblick auf den Inhalt des dritten Verses sehen könnte. Ein weiterer Tritonus befindet sich in Takt 5 auf die beiden letzten Viertel. Auch hier wäre der Tritonus (As-D) als schlechtes Zeichen deutbar, oder besser als Schuldzuweisung an das „du“, dass seine spätere Situation selbst zu verantworten hat. Äusserst souverän sang sich Anett Fritsch durch die sehr anspruchsvolle Partitur, präzis und souverän supportiert von Dirigent und Orchester und frenetisch applaudiert vom Auditorium.

Zitat des Wiener Literaten  Edmund Wengraf:

„Das Wiener Theaterpublikum gehört zu dem gefürchtetsten der Welt, nicht wegen seiner kritischen Schulung, sondern wegen seiner Blasiertheit, wegen der anspruchsvollen Lässigkeit, mit der es dasitzt und unterhalten sein will, ohne seinerseits hierzu mit der allermindesten Anstrengung beizutragen. Man sitzt im Theater wie im Kaffeehaus. Hier will man nicht lesen, sondern nur blättern, dort will man nicht nachdenken, sondern nur amüsiert sein.“

Als wenn die Reaktion des Publikums für die Komponisten nicht schon kränkend genug gewesen wäre, kam für Alban Berg noch hinzu, dass Schönberg die Lieder regelrecht ablehnte. Berg zog daraus die Konsequenz für sich und lies sein op. 4 nicht mehr aufführen. Die erste vollständige Aufführung der Altenberglieder gelang erst – nach Alban Bergs Tod 1935 – im Jahre1952 unter Jascha Horenstein in Rom.

Das Schwergewicht Bruckner im 2. Konzertteil

Anton Bruckner widmete die gewaltige Dritte Sinfonie seinem grossen Idol Richard Wagner, «dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst». Für Wagner war der anhängliche Bruckner aber bloss ein nützlicher Idiot; immerhin konnte er mit dessen Namen dem Kollegen Brahms eins auswischen, indem er Bruckner als das dritte große „B“ nach Bach und Beethoven bezeichnete. Speziell bei der Umsetzung der Sionfonie ist, dass in der Regel  Scherzo und Finale  immer zuerst geprobt werden, denn deren Streicherpassagen haben es in sich!

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll 3. Fassung von 1889 in Edition von Leopold Nowak

Das Finale beginnt wie ein kreisender Vogelschwarm. Das zupackende Hauptthema ist rhythmisch aus dem ersten Satz und harmonisch aus dem Scherzo gewonnen. Das zweite Thema ist ein Simultanthema: Im Vordergrund dreht sich ein Kirmestanz, im Hintergrund zieht eine Prozession. Das wilde dritte Thema assoziiert Orgelwirkung mit seinen hinterherhallenden Bassgängen. Dirigent Honeck führte zügig, gut dosiert in den Lautstärken, mit viel Gestik und Körpereinsatz durch die Partitur, nahm zum optimalen Zeitpunkt Tempo heraus, das er exakt am richtigen Punkt wieder forcierte. überdehnt genüsslich etwas die kurzen Pausen, die Bruckner dramaturgisch eingebaut hat. Die Symphonie endet in triumphalem D-Dur – wie es das Hauptthema versprochen hatte.

Eine eher etwas unterkühlte Interpretation

Die Interpretation konnte nicht wirklich berühren, etwas seelen- emotionslos, irgendwie zu technisch. Der Dirigent fand den direkten Draht zu seinen Mitmusiker nicht. Wahrscheinlich hat die „Affäre Gatti“ doch mehr Spuren hinterlassen, die Musiker des Concertgebouw Orchestra möglicherweise doch mehr verunsichert als gemeinhin angenommen.

Die Akklamation des Publikums am Schluss war trotzdem langanhaltend, wenn auch eher höflich, denn begeistert.

Trailer, Renée Flemming: Alban Berg – Lieder Op. 4 „Altenberg Lieder“ (Lucerne Festival, Claudio Abbado)

www.youtube.com/watch?v=C31WYsdo0D8

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 15 Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | Matthias Pintscher | Solisten, 1. September 2018, besucht von Léonard Wüst

Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Besetzung und Programm:

György Kurtág (*1926)
Stele für grosses Orchester
Peter Eötvös (*1944)
Reading Malevich für Orchester
Uraufführung | Auftragswerk «Roche Commissions»
Máté Bella (*1985)
Lethe für Streichorchester
Bernd Alois Zimmermann (1918–1970)
Dialoge. Konzert für zwei Klaviere und Orchester

 

Rezension:

Ein Konzertabend mit, die Ausnahme, das Konzert für zwei Klaviere und Orchester des Kölners Bernd Alois Zimmermann, bestätigt die Regel, ausschliesslich Werken ungarischer Komponisten. Würde der magyarische auch ein magischer Abend? Der Dirigent des Abends, der 47jährige Matthias Pintscher, war u. a Schüler des ungarischen Komponisten István Nagy und von Manfred Trojahn an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Ebenso studierte er bei Giselher Klebe in Detmold und war ein späterer Zögling von Pierre Boulez. Er ist in Luzern, vor allem auch seit seiner Zeit im Jahre 2006  als „Composer in Residence“ am Lucerne Festival, bestens bekannt und vernetzt. Seit 2013 leitet er das Ensemble intercontemporain in Paris und seit dem Sommer 2016 leitet er als Principal Conductor das Orchester der Lucerne Festival Academy an der Seite von Wolfgang Rihm.

Zum Konzert

Nachdem sich ein Teil des Orchesters, die Streicher, auf der Bühne eingerichtet hatte betrat Festivalintendant Michael Häfliger dieselbe, was normalerweise die Ankündigung einer Besetzungsänderung bedeutet. In diesem Fall verkündete er aber bloss eine Programmumstellung, d.h. der vorgesehene zweite  Konzertteil würde zuerst gespielt, folglich der angedacht erste Teil nach der Pause und dies in umgekehrter Werksabfolge. Also war dann der Konzertablauf so, wie im Internet gelistet, nicht aber im gedruckten Abendprogramm.

Ein fernöstlich angehauchter Ungare

Matthias Pintscher  Dirigent Foto Felix Broede
Matthias Pintscher Dirigent Foto Felix Broede

Dann eröffnete Dirigent Matthias Pintscher den Konzertabend mit Lethe für“ Streichorchester von Máté Bella, ein Werk nur für Streicher, aber trotzdem nie langweilig. Bella versteht es ausgezeichnet Spannungsbögen zu entwerfen, indem er mal den hochtönigen Violinen den Raum gibt, was dann ein Sirren erzeugt, wie bei einem aufgescheuchten Hornissenschwarm, mal lässt er die Celli und Bässe grollend brummen, führt dann alle wieder zusammen zum Ganzen. Mit Glissando-Strukturen und asiatisch anmutenden Spieltechniken entwirft er  ein exotisches Fernost-Kolorit in diesem Kompositionsauftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks
in Zusammenarbeit mit der Peter Eötvös Contemporary Music Foundation, von  Pintscher mit sehr viel Körpersprache und sichtlicher Freude dirigiert, unterstützt von seinen vollmotivierten Mitmusikern. Auch das zahlreiche Publikum hatte seine helle Freude und spendete dementsprechenden Beifall.

Solistin Tamara Stefanovich

Tamara Stefanovich, geboren 1973 in Belgrad, trat bereits als Siebenjährige öffentlich auf und war mit 13 Jahren die jüngste Studentin an der Universität Belgrad. Nach dem Diplom setzte sie ihre Ausbildung bei Claude Frank am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie bei Pierre-Laurent Aimard an der Kölner Musikhochschule fort und gastiert heute in den grössten Häusern weltweit.

Solist Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard, der 1957 in Lyon geboren wurde, studierte am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und bei Maria Curcio in London. Ausserdem nahm er an den Analyseseminaren von Pierre Boulez am Pariser IRCAM teil und besuchte Kurse von György Kurtág in Budapest. 1973 gewann er den Messiaen-Preis in Royan und gilt seither als berufener Interpret der Werke dieses Komponisten. Als Boulez 1976 das Ensemble intercontemporain gründete, ernannte er Aimard zum Solopianisten. Der Pianist war 2007 „Artist étoile“ am Lucerne Festival.

Zimmermanns futuristische Dialoge. Konzert für zwei Klaviere und Orchester

Pierre-Laurent Aimard  und  Tamara Stefanovich, Foto Neda Navaee
Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich, Foto Neda Navaee

Nun platzierten sich auch noch die restlichen Musiker zu den Streichern und die beiden Konzertflügel wurden in die Mitte gerollt. Für seine pluralistische Kompositionstechnik, am 5. Dezember 1960 in Köln uraufgeführt, schrieb der Komponist einzelne Partituren für über 100 Instrumente, ein enormer Aufwand, den das Resultat rechtfertigt. Nach einem Fagott lastigen Beginn, garniert mit Xylophon Passagen, setzen schon bald beide Klaviere ein, die während des Werks mal einzeln, mal zusammen, öfters mit der gleichen, dann wieder mit unterschiedlicher Melodik ins „Geschehen“ eingreifen, sich aber dem Orchester nie überordnen, ganz dem Gesamten dienend. In die ausgedehnte Kadenz am Ende des Werks hat Zimmermann mehrere Teile aus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur KV 467, aber auch musikalische Gestalten aus Debussys Jeux und Jazzelemente integriert. Die beiden Solisten wurden mit ihrer präzisen Bravour  dem widerstreitenden Charakter des Werkes jederzeit auf höchstem Niveau gerecht. Dieses orgiastische Wetterleuchten mit  schrillen Alltagsgeräuschen in mehrdeutigen Klangbildern ist eine aussergewöhnliche Collage. Und diese „Dialoge“ mit dem infernalischen und auch geheimnisvoll stillen Ausdrucksspektrum brachte Matthias Pintscher  mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra zu einer Aufführung von ebenso großer Transparenz wie Ausdrucksdichte. So entstehen „Dialoge über die Zeiten hinweg von Träumenden, Liebenden, Leidenden und Betenden“ (Zitat Zimmermann). Die Interpretation belohnte das Auditorium mit langanhaltendem enthusiastischem Applaus.

Uraufführung eines Auftragswerks der  «Roche Commissions»

Suprematismus (Supremus Nr. 56)
Suprematismus (Supremus Nr. 56)

In Anwesenheit des Komponisten Peter Eötvös und des Verwaltungsratspräsidenten von „Roche“, Christoph Franz erklang dann  das  Auftragswerk «Reading Male­vich», worin der Komponist die Motive des Bildes «Supremus Nr. 56» des russischen Malers Kasimir Malewitsch in Klangbilder verwandelt. Auch Eötvös instrumentiert ungewöhnlich und modern, wie sein Landsmann Kurtag, so waren u.a., nebst der „Normalinstrumentierung“, noch diese Instrumente vertreten: E Bass, E Gitarre, Akkordeon und Hackbrett. Dies ermöglicht ganz neue Klanggebilde, die in Komplexität, die Dichte des Konstrukts ebenso abstrakt und progressiv herüberkommen wie das Gemälde. Trotz dem eher kühl distanzierten Tongedicht, konnte sich das Auditorium für das Werk erwärmen und bezeugte die mit starkem Applaus und steigerte diesen noch, als sich Komponist Eötvös zu den Musikern auf die Bühne gesellte.

Konzertabschluss mit Kurtags „Stele“ für grosses Orchester

Komponist Peter Eötvös und Dirigent Matthias Pintscher
Komponist Peter Eötvös und Dirigent Matthias Pintscher, Foto Priska Ketterer

Kurtag ist der wohl meistaufgeführte Komponist der neueren ungarischen Komponistengilde, daher sind seine schrägen Töne den meisten Konzertbesuchern auch schon etwas vertrauter. Dennoch erstaunt es immer wieder, wie sich durch die ungewohnte Orchestrierung völlig ungewohnte Klangbilder formen. Feinsinnige Strukturen werden abgelöst von impulsiven Eruptionen, wo die impulsiven Streicher aufbegehren, beruhigt die Querflöte, die dann vom Horn überflügelt wird, bevor Kurtag alles wieder in das Flussbett zurückführt. All diese Gegensätze und Ungereimtheiten setzt der engagierte Pintscher am Pult präzis und emotional um, unterstützt von seinen kongenialen Mitmusikern. Die offensichtliche Spielfreude der Protagonisten überträgt sich auch auf das begeisterte Publikum, das dann auch einen langanhaltenden stürmischen Schlussapplaus spendete. Zeitgenössische Werke sind irgendwie immer ein geordnetes Chaos oder eine chaotische Ordnung der Töne.

Kleine Fotodiashow des Konzertes von Priska Ketterer, Lucerne Festival:

fotogalerien.wordpress.com/2018/09/04/sinfoniekonzert-15-orchester-der-lucerne-festival-academy-matthias-pintscher-solisten/

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival, Rebecca Saunders erhält den zehnten Kompositionsauftrag der «Roche Commissions»

Lucerne-Festival-im-Sommer-2018-Thema-Kindheit
Lucerne-Festival-im-Sommer-2018-Thema-Kindheit

Das neunte Auftragswerk Reading Malevich von Peter Eötvös wird am 1. September vom Orchester der Lucerne Festival Academy unter Matthias Pintscher uraufgeführt. Das aktuelle Auftragswerk der «Roche Commissions» kommt am 1. Sep­tember im Rahmen von Lucerne Festival im Sommer zur Uraufführung. Matthias Pintscher dirigiert Reading Malevich von Peter Eötvös, er hat das Werk in den Wochen zuvor mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy im Rahmen des Sommer-Festivals erarbeitet. Seit 2003 wird im Rahmen der «Roche Commissions» alle zwei Jahre ein Werk an einen weltweit renommierten Komponisten in Auftrag gegeben. Den Folgeauftrag für 2020 erhält die britische Komponistin Rebecca Saunders. Sie zählt zu den renommiertesten VertreterInnen ihrer Generation. Die Wahl erfolgte durch Roche auf Vorschlag der künstlerischen Leitung von Lucerne Festival. Die Uraufführung Ihres Werks wird im Rahmen des Sommer-Festivals 2020 stattfinden.

«Peter Eötvös ‘übersetzt’ mit Reading Malevich das Gemälde Suprematismus des russischen Malers Kasimir Malewitsch in Musik, das wird ein Highlight des Sommer-Festivals», kommentiert Michael Haefliger, Intendant von Lucerne Festival. «Eine hervorragende Wahl für das kommende Auftrags­werk ist Rebecca Saunders, sie setzt als eine der bedeutendsten KomponistInnen der Branche die klangvolle Reihe an Namen fort, die bereits für die ‹Roche Commissions› komponiert haben». Seit 2003 entstanden Werke von Sir Harrison Birtwistle, Chen Yi, Hanspeter Kyburz, George Benjamin, Toshio Hosokawa, Matthias Pintscher, Unsuk Chin und Olga Neuwirth.

Über Rebecca Saunders
Die 1967 in London geborene Rebecca Saunders ist eine der international führenden Komponistin­nen ihrer Generation. Sie studierte bei Nigel Osborne in Edinburgh sowie bei Wolfgang Rihm in Karls­ruhe. Ihre Musik steht für feinste musikalische Gesten und Klänge, das Ausloten nie gehörter Klang­farben und die Verräumlichung musikalischer Verläufe. Die in Berlin lebende Künstlerin lässt sich von Autoren wie Samuel Beckett, James Joyce, Italo Calvino oder David Foster Wallace anregen. Sie ar­beitete mit den renommiertesten Künstlern und Ensembles im Bereich Neue Musik wie dem Ensem­ble Modern, dem Arditti Quartett, dem Ensemble Resonanz, den Sinfonieorchestern des WDR, SWR und der BBC zusammen. Saunders wurde bereits mit zahlreichen internationalen Preisen ausge­zeichnet wie dem Mauricio Kagel Musikpreis oder dem Ernst von Siemens Musikpreis. Sie unterrich­tet an der Hochschule in Hannover und ist Mitglied der Berliner Akademie der Künste sowie der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden.

Über Peter Eötvös
Der Ungar Peter Eötvös ist seit vielen Jahren als Komponist, Dirigent und Lehrer erfolgreich. Er wur­de 1944 in Transsilvanien geboren und gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der zeitge­nössischen Musik. Bekannt ist er sowohl als international erfolgreicher Dirigent als auch als Kompo­nist beliebter Opern, Orchesterwerken und Konzerten, die er weltweit führenden Künstlern widmete. Bereits 2007 präsentierte er seine Werke bei Lucerne Festival als «composer-in-residence». Dem Unterrichten räumt Peter Eötvös viel Zeit ein, er lehrte in Köln und Karlsruhe und gibt internationale Meisterkurse. In Luzern arbeitete er im Sommer 2011 als Dirigent und Komponist mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy. 1991 gründete er in Budapest das «International Eötvös Institute» und 2004 die «Eötvös Contemporary Music Foundation» für junge Komponisten und Dirigenten. www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 8 LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA | Riccardo Chailly, 24. August 2018 besucht von Léonard Wüst

Riccardo Chailly Dirigent
Riccardo Chailly Dirigent

Besetzung und Programm:

30. Luzerner Bühnenjubiläum von Riccardo Chailly

Maurice Ravel (1875–1937)
Valses nobles et sentimentales
 
La Valse
 
Suiten Nr. 1 und 2 aus Daphnis et Chloé
 
Boléro

 

Rezension:

Es war das Konzert zum 30. Luzerner Bühnenjubiläum von Riccardo Chailly, so lange tritt er schon in Luzern auf, früher als Gastdirigent mit diversen Orchestern, seit 2016 als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra, dies in Nachfolge seines im Januar 2014 verstorbenen Landsmannes und Förderers Claudio Abbado. Dieser hatte, zusammen mit Festivalintendant Michael Häfliger, das Orchester ins Leben gerufen, dies basierend auf eine Idee und Initiative von Arturo Toscanini, der im Jahr 1938 mit dem legendären «Concert de Gala» gefeierte Virtuosen ihrer Zeit zu einem Eliteklangkörper vereinte.

Valses nobles et sentimentales

LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA
LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA

Die Suite, bestehend aus sieben eigenständigen Walzern mit fliessenden Übergängen, daher kaum einzeln aufführbar und einem Epilog, wurde 1911 für Klavier veröffentlicht, eine Version für Orchester folgte 1912. Die Uraufführung 1911 durch Louis Aubert im Salle Gaveau erfolgte im Rahmen einer Veranstaltung der Société musicale indépendante, bei der verschiedene Werke vorgestellt wurden, dessen Komponisten dem Publikum zunächst nicht bekannt waren. Dadurch sollte jedem Künstler eine unbefangene Beurteilung ermöglicht werden. Aufgrund ihrer Dissonanzen und gewagten Harmonik sorgten die Valses nobles et sentimentales allerdings für wenig Begeisterung beim Publikum. Es kam zu einigen Zwischenrufen, teilweise wurde das Werk sogar für eine Parodie gehalten.

Wiener Lebensfreude begeistert im Luzerner Konzertsaal

Hier adaptiert Ravel die Wiener Lebensfreude und diese scheint eindeutig auch dem Lombarden Riccardo Chailly inne zu wohnen. Das Orchester, spielfreudig wie immer, braust förmlich durch die verschiedenen Walzer, die Ravel mal stürmisch, mal ausladend majestätisch geschrieben hat. Der Epilog präsentiert gleich zu Beginn ein dunkles, schlichtes Hauptthema, das durchgängig in verschiedenen Tonarten wiederkehrt. Darauf werden ständig Motive der vorherigen Walzer aufgegriffen, die schließlich wieder im melancholischen Thema des Epilogs münden. Die Schwierigkeit des Epilogs liegt besonders darin, die abwechslungsreichen Themen der vorherigen Walzer im schwermütigen Hauptthema elegant einzuhüllen. Teilweise ist es nur mit dem Sostenuto-Pedal möglich, den Anweisungen Ravels völlig gerecht zu werden. Riccardo Chailly, manchmal gar leicht tänzelnd auf seinem Podium, war die gute Laune in jedem Augenblick anzusehen, seine Begeisterung und Freude, die sich auch auf seine Mitmusiker und das Publikum übertrug, förmlich greif- und spürbar. Dieses bedankte sich denn auch für das Gebotene mit reichlich Applaus.

La Valse

Sinfoniekonzert 8, Szenenfoto von Priska Ketterer
Sinfoniekonzert 8, Szenenfoto von Priska Ketterer

Ohne gross erkennbaren Unterbruch führte der Dirigent dann seine Mitmusiker dann in die sprühende, lebensfrohe Reminiszenz an den Wiener Walzerkönig Johann Strauss. In La Valse werden Elemente des Wiener Walzers aufgegriffen, die mit den Mitteln impressionistischer Harmonik und Rhythmik ausgeweitet werden. Dadurch sollte eine Art Apotheose des Wiener Walzers dargestellt werden, mit dem Ravel den „Eindruck einer fantastischen und tödlichen Art eines „Derwischtanzes“ verband. Die Intentionen des Komponisten wurden von den Protagonisten mit viel Spielfreude umgesetzt, was vom Auditorium mit dementsprechendem Applaus honoriert wurde, bevor man sich in die Pause begab.

2. Konzertteil Suiten Nr. 1 und 2 aus Daphnis et Chloé

Sinfoniekonzert 8, Szenenfoto von Priska Ketterer
Sinfoniekonzert 8, Szenenfoto von Priska Ketterer

Hier vertont Ravel, im Auftrag, für Sergei Diaghilevs „Ballets Russes“, einen spätantiken Liebesroman des griechischen Schriftstellers Longos, der die Geschichte der Findelkinder Daphnis und Chloe erzählt, die ihre Kindheit elternlos bei Hirten auf Lesbos erleben, voneinander getrennt werden, wieder zueinander finden, sich lieben und schließlich bei ihren Eltern glücklich leben. Das Lucerne Festival Orchestra unter Chailly präsentierte Ravels mit Abstand am größten instrumentierte Orchesterkomposition dezidiert als Schlüsselwerk der Moderne. Mit seinem sehr konsequenten und dynamischen Dirigat lässt der gebürtige Mailänder den lyrischen, melancholischen Momenten der Partitur durchaus ihren Raum, betont aber vor allem ihren experimentellen Klangcharakter, ihre Kleinteiligkeit, ihre vielen exotischen Farbsplitter, ihre fast überbordend dominant stampfenden Rhythmen.

Nicht nur für mich der absolute Höhepunkt des Konzertabends, obwohl ja dieser, vermeintlich, mit dem folgenden „Boléro“, noch bevorstand. Dies belegte der stürmische enthusiastische Applaus, garniert mit einzelnen Bravorufen.

Für den finalen „Boléro“ gibt’s eine glatte 10!!! 

Riccardo Cailly Foto Priska Ketterer
Riccardo Cailly Foto Priska Ketterer

Bo Derek hätte sicher auch ihre Freude daran gehabt. Zitat von Maurice Ravel: „Ich habe nur ein Meisterwerk geschaffen, den „Boléro“; nur schade, dass keine Musik drinnen ist“. Natürlich war es absehbar, dass das bekannteste Werk von Maurice Ravel, der „Boléro“ für das Orchester und seinen Dirigenten zum Schaulaufen bestens geeignet ist. Die Komposition, der Tänzerin Ida Rubinstein gewidmet, ist ein einsätziger Tanz, sehr langsam und ständig gleich bleibend, was die Melodie, die Harmonik und den ununterbrochen von einer Rührtrommel markierten Rhythmus betrifft. Das einzige Element der Abwechslung ist das Crescendo des Orchesters. In einem viertaktigen Vorspiel bildet dieser Grundrhythmus den fast schon meditativen Beginn des Boléro. Von der kleinen Trommel intoniert und kaum wahrnehmbar von Pizzicato-Akkorden der tiefen Streicher gestützt. Schon in diesem Anfang zeichnet sich eine der Grundideen des Werks ab: Wiederholung als die Sache selbst, um die es geht. Der Schlagwerker hat den Rhythmus von hier an bis zum Ende des Stücks, also gut fünfzehn Minuten lang, unverändert durchzuhalten, in über 160 Wiederholungen – in dieser Hinsicht stellt der Boléro eine einzigartige Herausforderung innerhalb des „klassischen“ Konzertrepertoires dar. Ebenso konstant wie der Grundrhythmus ist das harmonische Begleitschema des Boléro gehalten, das auf der einfachsten aller Akkordbeziehungen beruht: Das melodische Geschehen wird, mit Ausnahme einer kurzen Ausweichung nach E in der Coda – stets und ausschließlich durch Tonika und Dominante (c-g) gestützt.

Reaktionen auf den Boléro bei der Uraufführung

“Hilfe! Ein Verrückter!” soll eine Dame mittleren Alters ausgerufen haben, als sie aus der Uraufführung von Ravels “Boléro” rannte. Trockene Entgegnung des Komponisten: “Die hat mich verstanden.” Ob Anekdote, ob Legende, man kann es beiden nachfühlen, denn tatsächlich wagte Ravel sich weiter vor als je: Er schleust lediglich ein immer gleiches Ostinato im Boléro-Rhythmus mit sechzehn Takten Melodie durch alle möglichen (und manche nahe-unmöglichen) Orchester-Klangfarben, steigert dabei die Lautstärke, aber nicht das Tempo, und lässt das alles explosiv/eruptiv/orgiastisch (oder wie immer) enden – sonst könnte es wohl ewig so weitergehen. Cailly arbeitete die sich ablösenden Bläser schön heraus, hielt die Streicher bei ihren Pizzicato dezent im Hintergrund zum raffinierten Spannungsaufbau mit diesem Ostinato, das den Geniestreich von Ravel so einzigartig macht. Eine schon fast unerträgliche Gefühlsaufpeitschung, die schlussendlich mitten im Finale orgiastisch abbricht. Der nicht enden wollende Schlussapplaus kam denn auch prompt und endete in einer stehenden Ovation.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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