Acht Konzerte an drei Veranstaltungsorten und ein begeistertes Publikum. Die siebte Ausgabe des Zaubersee-Festivals bot zahlreiche Meisterwerke sowie unbekannte Schätze russischer Komponisten und festigte seinen Ruf als hochkarätiges Kammermusikfestival für russische Musik.
Von Mittwoch, 30. Mai bis Sonntag, 3. Juni veranstaltete das Luzerner Sinfonieorchester die siebte Ausgabe des Zaubersee-Festivals. In sieben Kammermusikveranstaltungen im Hotel Schweizerhof und in der St. Charles Hall Meggen traten Künstler wie die Cellisten Mischa Maisky, Truls Mørk und Christian Poltéra, die Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk oder die Pianisten Behzod Abduraimov und Stanislas Ioudenitch auf.
Im Rahmen eines Sinfoniekonzerts im KKL Luzern gelangte unter der Leitung von James Gaffigan das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninoff zur Aufführung. Das Publikum bedankte sich dafür beim Luzerner Sinfonieorchester und beim Solisten Behzod Abduraimov mit stehenden Ovationen. Abduraimov, der erste Artist in Residence am Zaubersee-Festival, zeigte sich während der fünf Tage nicht nur im grossen Konzertrepertoire, sondern auch als versierter Kammermusiker und als Rezitalist.
Am Zaubersee wurden dieses Jahr aber auch unbekannte Schätze geborgen: In einer Welturaufführung spielte das Quatuor Danel die beiden Werke Improvisation und Romanze von Mieczyslaw Weinberg. Weinberg (1919-1996) nahm in der sowjetischen Musikszene zwar eine Aussenseiterrolle ein, inspiriert Musiker aber bis heute. Ebenfalls neuartig und aussergewöhnlich waren die Einführungen von Musikwissensschaftlerin und Cambridge-Professorin Marina Frolova-Walker sowie von Parfum-Experte Luca Turin.
Numa Bischof Ullmann, Künstlerischer Direktor und Gründer des Festivals Zaubersee, zeigt sich denn auch sehr zufrieden: «Die siebte Ausgabe von Zaubersee ist absolut gelungen». Die Auslastung lag mit nahezu 90% so hoch wie nie. Insgesamt zählte das Festival an den acht Konzerten rund 3‘000 engagierte Zuhörende, die aus der ganzen Schweiz wie auch aus dem Ausland nach Luzern reisten. Die gute Auslastung der Konzerte und die Rückmeldungen der Besucher zeigen, dass sich die Umbenennung des Festivals in «Kammermusikfestival russischer Musik in Luzern» gelohnt hat. «Das Publikum erhält so eine klarere Idee vom Inhalt des Zaubersee-Festivals», ist Bischof Ullmann überzeugt. www.sinfonieorchester.ch
Carl Maria von Weber – Ouvertüre zur Oper „Oberon“
Franz Liszt – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur
Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Rezension:
Die Sächsische Staatskapelle Dresden ist wohlbekannt in der Innerschweiz und jährlich an einem der Lucerne Festivals präsent und ebenso im Rahmen von Tourneen des Migros – Kulturprozent – Classic, wie an diesem Abend, in Begleitung des russischen Klaviervirtuosen Denis Mazujew (*11. Juni 1975 in Irkutsk).Auch der Russe ist in Luzern wohlbekannt und gern gesehen, bzw. gern gehört. Die Protagonisten wurden an diesem Migros Kulturprozent Classics Konzert im total ausverkauften Konzertsaal des KKL mit enthusiastischem Applaus willkommen geheissen. Karten für das Konzert wurden auf dem Europaplatz vor dem KKL fast wie Wertschriften gehandelt.
Brillanter Konzertauftakt mit Carl Maria von Webers Oberon Ouvertüre
Christian Thielemann, Dirigent
Die am 12. April 1826 unter der musikalischen Leitung des Komponisten im Royal Opera House Covent Garden in London uraufgeführte Ouvertüre ist eher selten in einem Konzertprogramm gelistet, schade, hat sie doch, wenn so brillant wie von den Sachsen vorgetragen, einiges zu bieten. Beginnend mit romantischen Hornklängen und sanften Violinen, unterstützt von kurzen Einwürfen der Oboe und der Klarinetten, weitergeführt durch Trompetenklänge, alles schlussendlich unterlegt von den Streichern. Diese übernehmen schliesslich vehement das Diktat und absolvieren einige furiose Passagen, sodass man vor seinem geistigen Auge, förmlich die Elfen über die Konzertbühne schweben sah. Thielemann, höchst konzentriert und angespannt, führte zügig durch die Partitur. Die Musiker wurden für diesen aussergewöhnlich furiosen Start in den Konzertabend mit grossem, stürmischem Applaus bedacht.
Franz Liszt – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur
Denis Matsuev Solist am Klavier
Das zweite Klavierkonzert von Franz Liszt ist, für diesen Komponisten, eher untypisch, da viel weniger kaskadenartige Staccato als die andern seiner Werke, weniger für den spektakulären Effekt geschrieben und ruhiger, trotzdem technisch äusserst anspruchsvoll.
Nachdem der Steinway Flügel gerichtet war, betrat, unter grossem Applaus, der Solist des Abends, Denis Matsuev, die Bühne. Das Orchester baut die Komposition, beginnend durch die Holzbläser, langsam feierlich dramatisch auf, in die der Solist dann einige flinke Läufe einfügt, die überflogen werden von einer Solosequenz des Horns, bevor der Pianist einige donnernde Tonkaskaden hin hämmert, die dann vom Orchester aufgefangen und weitergetragen werden. Matsuev, eher der Stoiker, agiert kaum mit Körper und Gesten, was weniger stark nach aussen transportiert, wie schwierig die Partitur ist. So kommt dieses Werk weniger spektakulär rüber, als dies bei einem extrovertierten Showpianisten wie z.B. lang Lang der Fall ist. Der feinfühlige Russe dagegen, feilt lieber an den Nuancen in den ruhigeren Passagen, die er akzentuiert herausarbeitet, wie er es besonders ergreifend im Dialog mit dem Cello (Friedwart Christian Dittmann) zelebrierte.
Die Künstler, insbesondere der Solist durften einen verdienten, langanhaltenden Applaus entgegennehmen, die den Pianisten immer wieder auf die Bühne zurück rief, bis er doch noch eine kurze Zugabe gewährte und dann das begeisterte Publikum in die Pause entliess
2. Konzertteil Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Hier kam die personelle, aber auch musikalische Grösse des Orchesters voll zum Tragen, manchmal drohte die Ausführung durch Thielemann aber fast ins Brachiale zu kippen, besonders in den Tutti wo er mittels vollem Körpereinsatz das Orchester vorwärtspeitschte, wogegen er die solistischen Passagen fein und gefühlvoll herausarbeitete, die Anleitungen nur mittels Fingerzeichen, Kopfbewegungen und Mimik vermittelte
Zu Beginn der Sinfonie heben die Geigen an mit einer getragenen Sehnsuchtsmelodie, die scheinbar aus dem Nichts kommt. Und doch ist bereits hier Brahms, der Konstrukteur, am Werk, denn das Intervall der Terz, das dieser Melodie zugrunde liegt, prägt den weiteren Verlauf der Sinfonie entscheidend. Im 1. Satz beherrscht es die Entwicklung, kehrt in den Folgesätzen sporadisch wieder, und wenn im Finale das düstere Chaconne-Thema erklingt, besteht auch hier die Basslinie aus einer wuchtigen Terzen Kette.
Der Sachsen fulminanter Ritt durch die Brahmsche Partitur
Dem Auditorium schien dieser Ritt durch die Partitur in der von den Protagonisten gebotenen Rasanz und Lautstärke, der in einem furiosen Finale endete, gefallen zu haben, überhäufte es die Sachsen doch mit tosendem Applaus und vereinzelten Bravorufen, auch die einzelnen Register durften sich über einen Extraapplaus freuen, zu einer stehenden Ovation reichte es aber nicht ganz.
Christian Thielemann, der Hans Dampf in allen Gassen?
Christian Thielemann Dirigent
Der ausgewiesene Wagner Spezialist Christian Thielemann ist, nebst seiner Tätigkeit bei der Sächsischen Staatskapelle und an der Semper Oper, ja auch noch musikalischer Direktor der Bayreuther Festspiele und ebensolcher bei den Osterfestspielen in Salzburg, wo „sein“ Orchester auch gleich noch das Residenzorchester ist. Zudem wird Christian Thielemann 2019 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren. Zudem hat er viele Berufungen, als Gastdirigent bei einigen der weltbesten Orchestern tätig zu sein, also ein dicht gedrängtes Programm für den 59jährigen, gebürtigen Westberliner.
Hausgemachte Choreografien der Tänzerinnen und Tänzer, kurze Stücke unterschiedlichster Art über ganz persönliche Themen, ungewohnte Nähe zu Tänzerinnen und Tänzern, das ist Dancemakers, mittlerweile in der 9. Ausführung. «Sie zeigen unter einfachen Bedingungen ihre Arbeiten – nah, pur und mit viel Herzblut – Selfmade with love», beschreibt die Dramaturgin Selina Beghetto den Abend im Programmheft.
Es war ziemlich heiss und schwül im Südpol an der Premiere am vergangenen Freitag und es herrschte eine fast unnatürliche Stille im Raum, bedingt durch die Nähe der Bühne? Die beinahe greifbare Anspannung und Vorfreude seitens des Publikums und der Tänzerinnen und Tänzer auf die immer sehr persönlichen und speziellen Momente mit dem Ensemble «Tanz Luzerner Theater»?
Krimi in Endlosschlaufe
Szenenfoto Dancemakers #9 Ingo Hoehn
Die sieben Stücke waren wie erwartet unterschiedlichster Natur; verspielt, verrückt, entrückt, poetisch, hektisch. Humorvoll «Une petite soirée» von Zach Enquist, eine kurze Party-Krimi-Szene in Endlosschlaufe, mit jeder Wiederholung konzentrierter, schneller. Zwar eher Theater als Ballett, wobei nur Tänzer so elegant sterbend zu Boden gehen oder so unglaublich kraft- und leblos aus Sesseln gleiten können.
Danach zeigte sich, was Dancemakers auch noch ist. Tänzerinnen und Tänzer schieben Kulissen weg, kehren den Boden, bereiten die Bühne auf das nächste Stück vor.
Poesie und Melancholie
Szenenfoto Dancemakers #9 Ingo Hoehn
Von den sechs weiteren Stücken besonders erwähnenswert «LIVing», ein sehr poetisches, ruhiges Solo von Dor Mamalia mit einer ausdrucksstarken Olivia Lecomte. Zur melancholischen Ballade von Asaf Avidan & The Mojos scheint sie sich in sich selber zu verflechten, versunken in der eigenen Wahrnehmung. Eindrücklich und irgendwie tieftraurig auch «Babochka» von Sada Mamedova zur Musik des Isländers Ólafur Arnalds. Mamedova fand für das Stück eine ganz eigene Bewegungssprache, eine Art Pas-de-deux für vier Arme und Hände, mit wunderschönen Verschlingungen, Spiegelungen, Verdoppelungen.
Szenenfoto Dancemakers #9 Ingo Hoehn
«Women’s Studies» von und mit Aurélie Robichon und Tom van de Ven beginnt mit den rhythmischen Bewegungen zweier Körper im Liebesakt, wobei man im blauen Halbdunkel bald erkennt, dass sie für sich allein bleiben. Auch über den Rest des Stückes berühren sie sich kaum, obwohl sie sich zu verfolgen scheinen und sich kaum aus den Augen lassen. Das hat etwas Gehetztes, Atemloses. In «Babel» von Giovanni Insaudo wird die Sprachlosigkeit thematisiert, dabei spielt Insaudo geschickt mit den Sprossen seines «Turms», einem grossen Hochstuhl. «L’appel du vide» von Carlos Kerr Jr. erzählt von psychischen Problemen, Aberglauben, Wahnsinn und in «How to Crave» von Olivia Lecomte und der Schauspieldramaturgin Friederike Schubert wird Andrea Thompson zu A’s Monolog aus Sarah Kanes «Crave» am Ende bildlich vereinnahmt von dieser ausufernden Liebeserklärung.
Szenenfoto Dancemakers #9 Ingo Hoehn
Die Dancemakers Series erlauben es immer wieder, kurz in die Köpfe der Tänzerinnen und Tänzer zu blicken, einige ihrer Ideen, vielleicht auch Träume und Vorlieben wenn auch nicht immer zu verstehen, so doch mindestens zu erahnen. Die jungen Choreografinnen und Choreografen arbeiten viel mit Videos, Texteinspielungen – teilweise von Bloggerinnen – das ist alles jung, frisch und mutig und fühlt sich ein bisschen an wie wenn man einen flüchtigen Blick ins Wohnzimmer der WG «Tanz Luzerner Theater» werfen würde.
JEDERMANN Matthias SchochTEUFEL / GUTER GESELL / MAMMON Aaron Hitz
TOD Christian Baus
STIMME GOTTES Max Christian Graeff
JEDERMANNS MUTTER Giulietta Odermatt
ANSAGER / SCHULDKNECHT Adrian Furrer
EINE FRAU Alina Vimbai Strähler
BUHLSCHAFT Miriam Joya Strübel
DICKER VETTER Jakob Leo Stark
DÜNNER VETTER Michel Kopmann
WERKE Wiebke KayserGLAUBE Sofia Elena BorsaniDER KOCH Alfons LinerDER VERWALTER Adalbert SpichtigDER HAUSBURSCH Bernhard Kesseli BUHLSCHAFTS GEFOLGE Mascia Altermatt, Sabrina Althaus, Samantha Aquilino, Sofia Elena Borsani, Antonia Bucher Nadja Fanger, Tina Frank, Nesi Haxhimurati, Wiebke Kayser, Nadia Odermatt, Laura Rutz, Anna Rebecca Sehls, Isabelle Siegenthaler, Helena Steffen, Alina Vimbai Strähler
NONNEN Marlies Giger, Lena Krütli, Alma Lichtsteiner, Mariella Pfyffer, Rahel Wüest, Soley Tobler
FESTGÄSTE Mascia Altermatt, Sabrina Althaus, Melchior Amgarten, Samantha Aquilino, Timo Balzli, Agnes Barth, Josef Blättler, Josef Bühler, Ursula Brunner, Antonia Bucher, Susanna Burger, Nadja Fanger, Marlies Giger, Nesi Haxhimurati, Philip Hecht, Lia Aurelia Kraft, Lena Krütli, Alma Lichtsteiner, Stefan Murmann, Nadia Odermatt, Mariella Pfyffer, Laura Rutz, Liselotte Schleiss, Isabelle Siegenthaler, Verena Stämpfli Meier, Helena Steffen, Soley Tobler, Franz Tschümperlin, Hans Woodtli, Rahel Wüest
Rezension:
Ein Frontalangriff auf Salzburg und seinen seit 1920 jährlich aufgeführten Jedermann? Jesuiten – statt Domplatz?
Grundsätzliches zum „Jedermann“:
Die Macher, v.l.n.r. Christoph Risi, Thomas Schulte-Michels, Benedikt von Peter, Foto Ingo Höhn
Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele treten im „Jedermann“ Gott, der Tod, der Teufel und andere abstrakte Wesen auf und jagen den Zuschauern gruselig-wohlige Schauer über den Rücken.
Der wohlhabende Jedermann sieht sich mit dem unerwarteten Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein treuer Knecht noch seine Freunde noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten; erst der Auftritt seiner Werke und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zur Christenheit zu bekennen und als reuiger Bekehrter ins Grab zu steigen.
Start in die erste Jedermann Saison
Regierungsrat Reto Wyss richtete ein paar Worte an das PremierenpublikumAaron Hitz ( Guter Gesell )
Der gutgelaunte Intendant des Luzerner Theaters, Benedikt von Peter persönlich, begrüsste das Premierenpublikum bei allerbesten äusseren Bedingungen auf dem Platz vor der Jesuitenkirche. Ebenso richtete der kantonal luzernische Kulturminister, Regierungsrat Reto Wyss einige Worte an die Besucher, die es sich auf der eigens erstellten Tribüne über der Reuss so gut als möglich bequem gemacht hatten.
Auftakt im Stile einer „Commedia dell`arte“.
Alle Gäste des Jedermann sitzen am Tisch und warten aufs Festmahl
Zum Auftakt bevölkern viele Gaukler, darunter zwei Jongleure, drei Einradfahrer und ein Feuerspucker, die Szenerie, im Stil einer „Commedia dell`arte“. Dazu passend, erklangen Drehorgelähnliche Orgelklänge (Musik Christov Rolla). Dann hält einer der Akteure eine Ansprache an die, inzwischen ebenfalls die Bühne bevölkernde andere Jedermann Entourage. (Die Hauptdarsteller agieren mit Kopf Mikrophonen). Dazu wird lautstark gesungen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Dem Herrn im Himmel scheint das bunte Treiben der Jedermann Truppe zu missfallen und so meldet er sich denn auch mit lauter Stimme um dem Spass Einhalt zu gebieten. Ebenso hat der Tod seinen ersten kurzen Auftritt versinnbildlicht, indem sich darauf alle Akteure des Geschehens eine Totenmaske überstülpen und verstummen. Dann entert der rotgewandete Macho Jedermann (Matthias Schoch) im Gareth Bale Look mir Rossschwänzchen, die Szenerie und ordnet an, alles für ein üppiges Festmahl herzurichten, das er zu geben gedenke.
Der laute Ruf Gottes schallt über das Gelände
Der Tod,Christian Baus
Nun schallt es aber laut über den Jesuitenplatz das JEEEEDERMAAAAANN, JEEEEDERMAAAAANN, JEEEEDERMAAAAANN.
Matthias Schoch (Jedermann)
Noch aber scheint sich der so aufgerufene nicht im Klaren zu sein, was das bedeuten soll. Das versucht ihm dann der auf die Bühne zurückgekehrte Tod (Christian Baus) zu erläutern, indem er ihn auffordert, mit ihm in das Jenseits zu reiten, da sein irdisches Dasein sofort, aufgrund des liederlichen Lebenswandels, beendet werde. So langsam, aber sicher dämmert es dem Lebemann und Tunichtgut, dass die Sache ernst ist und er sucht Beistand bei Weggefährten und Gefolgsleuten. Diese aber, ihm sonst treu ergeben, wenn es lustig zu und hergeht, verweigern ihm die Gefolgschaft in den Tod, wenden sich jetzt gar von ihm ab. Erst als Jedermann merkt, dass er diesen Weg wohl allein beschreiten muss, wird er sich der ganzen Tragweite voll bewusst und ersucht beim Tod um Aufschub, zuerst ein paar Tage, wird abgelehnt, ein Tag, ebenso verweigert, dann, ebenfalls nicht gewährt ein paar Stunden, schlussendlich um 60 Minuten. Diese erhält er, um seinen Nachlass einigermassen zu ordnen und vor allem, um Abbitte zu leisten. Zu dem Chorgesang „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ räumen der Tod und Jedermann vorerst die Bühne.
Der grosse Auftritt der Buhlschaft
Miriam Joya Strübel (Buhlschaft) mit Gefolge
Aus der Jesuitenkirche auf die Bühne schreiten dann die Buhlschaft (Miriam Joya Strübel) mit Gefolge unter Intonation des Whitney Houston Megahits „I always love you“ als die recycelten „Göttinnen des Pop“. Jedermanns Geliebte zieht alle Register ihrer Verführungskunst um ihren Lover zu becircen, ihn noch mehr in ihren Bann zu schlagen und ihre Errungenschaften zu verteidigen.
Das grosse Fressen findet doch noch statt
Jakob Leo Stark (Dicker Vetter) und Michel Kopmann (Dünner Vetter)
Die Szenerie beherrschen jetzt wieder die Vasallen, die Fans und die Entourage von Jedermann, die sich über die üppig hergerichtete Tafel her machen. Die engsten Freunde des Jedermann, weibliche und männliche geben dann noch Statements ab, u.a. die beiden Vettern und der Gute Gesell. Der „Schuldknecht“(Adrian Furrer) gibt noch einen Abriss darüber, was er unter dem Drangsal des Jedermann und dessen Willfährigkeit alles erdulden musste, weshalb dieser den Tod mehr als verdient hätte.
Später gabs noch den Abgesang für ihren Gönner und Gastgeber in Form des Chorals „Ich hatt einen Kameraden“.
Matthias Schoch (Jedermann) und Giulietta Odermatt (Jedermanns Mutter)
Parallel dazu hatte Jedermanns Mutter (Giulietta Odermatt), mit den ihr ergebenen Nonnen im Schlepptau, noch vergeblich versucht, ihren Sohn wieder in den Schoss von Mutter Kirche zurück zu holen.
Jedermann muss erkennen, dass der Tod einsam macht
Miriam Joya Strübel (Buhlschaft) vereint mit Matthias Schoch (Jedermann)
Der Geschockte will immerhin noch sein Vermögen mit ins Jenseits nehmen, aber der aus seiner Geldtruhe entstiegene, aufgeplusterte Mammon erklärt sich auch nicht bereit, mit ihm zu gehen, da er ihm, Jedermann, nur geliehen war und jetzt dem nächsten dienen müsse. Nun ist Jedermann völlig einsam und der Verzweiflung nahe. Da hört er aus dem Hintergrund eine leise Stimme, die seinen Namen ruft. Als er sich umdreht, sieht er eine gebrechliche Frau, die ihm sagt, dass sie seine „guten Taten“ (Werke, Wiebke Kayser) sei und ihn gern ins Jenseits begleiten will. Sie ist aber zu schwach, da er sie immer so vernachlässigt hat. Sie ist aber bereit, ihre Schwester, den Glauben (Sofia Elena Borsani) darum zu bitten. Der Glaube weist Jedermann nun auf die unendliche Liebe Gottes hin und rät ihm, den Herrn um Gnade zu bitten. Jedermann ergreift die letzte Hoffnung auf Rettung und versucht nach Jahren der Ungläubigkeit, wieder zu Gott zu finden, wobei ihm ein Mönchhilft.
Wiebke Kayser als Werke
Inzwischen kommt der Teufel, um die schuldbeladene Seele Jedermanns, derer er sich ganz sicher ist, zu holen und mit ihr zur Hölle zu fahren, doch er muss zu seinem Verdruss sehen, dass sie ihm durch die Gnade Gottes entrissen wurde. Wenig später kehrt Jedermann völlig gereinigt zurück und kann nun mit ruhigem Gewissen in Begleitung des Glaubens und der guten Werke vor Gottes Richterstuhl treten.
Fazit des Abends auf dem Jesuitenplatz
Dank sehr guten Leistungen des Ensembles, ob Profis oder Laien, des stimmungsvollen Bühnenbildes, der passenden Musik und entsprechenden Kostümen ist der Jedermann an der Reuss ein weiteres starkes Ausrufezeichen des neuen Intendanten und ein erneuter, sehr grosser Schritt in die Zukunft und die von ihm angestrebte weitere Öffnung und näher zum Volk Doktrin.
Als „Primus inter Pares“ besonders erwähnenswert die Parforceleistung von Aaron Hitz in allen seinen drei Rollen, ob als guter Gesell, Mammon oder Teufel.
Effizientes, dennoch wirkungsvolles Bühnenbild
Christian Baus als Tod und Ensemble
Eine Open Air Bühne, die äusserst effizient hergerichtet war u.a. mit einigen nebeneinander platzierten Infanterie-Wagen, die mit abklappbaren Treppen bestückt waren, sodass daraus eine temporäre Bühne gemacht werden konnte, oder, bei Bedarf, hochgeklappt und mit weissen Tischtüchern belegt, eine festliche Tafel für des Jedermann Gäste und Saufkumpane hergerichtet wurde. Leider ist der Jesuitenplatz etwas zu klein, um optisch das Maximum zu erzielen, verfügt halt nicht über die ideale Grösse, hat zu wenig Tiefe um ein Totalpanorama zu sehen von der Zuschauertribüne aus. Man sitzt zu nah, praktisch vis a vis der Kirche, kann so deren räumliche Dimensionen visuell gar nicht erfassen.
Wird der Luzerner Jedermann zu einer Institution wie in Salzburg?
Matthias Schoch, Miriam Joya Strübel
Wenn ja, werden sich Schauspieler/innen in Zukunft auch darum buhlen, in Luzern als Jedermann, Tod oder Buhlschaft auf der Bühne zu stehen? Eine Ehre, die in Salzburg nur den allerbesten und berühmtesten Bühnenschauspielern zuteil wird.
Des Teufels letzte Worte, nachdem er den Jedermann nicht bekommen hat: Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich, treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug.
Dieser Luzerner Jedermann ist wohl kaum ein Frontalangriff auf die Bastion Salzburg, scheint eher ein „Ausloten“, was in dieser Richtung alles möglich sein könnte. Ein bisschen zu brav, zu wenig dramatisch aber mit zugefügten, witzigen und auch zeitgemässen Dialogen.
Blick auf die Jesuitenkirche Foto Ingo Hoehn
Zur Spielstätte: Der Jesuitenplatz verfügt halt nicht über die ideale Grösse, hat zu wenig Tiefe um ein Totalpanorama zu sehen von der Zuschauertribüne aus. Man sitzt zu nah, praktisch vis a vis der Kirche, kann so deren räumliche Dimensionen visuell gar nicht erfassen.