Luzerner Sinfonieorchester, Himmelhoch jauchzend , 3. Mai 2017, besucht von Léonard Wüst
Besetzung undProgramm:
Luzerner Sinfonieorchester
Constantinos Carydis, Leitung Chen Reiss, Sopran
Thomas Quasthoff, Sprecher, Peter Schweiger, Sprecher
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Musik zu Goethes Trauerspiel «Egmont» op. 84
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Arnold Schönberg (1874 – 1951)
«Ode to Napoleon Buonaparte» op. 41
–
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543
Rezension:
Vor dem Konzert fand eine höchst interessante Einführung durch Mariel Kreis, unter Mitwirkung des Ensembles „Helix“ der Hochschule Luzern statt. Kreis erklärte die atonale Musik Arnold Schönbergs anhand von konkreten Beispielen, die von der Pianistin Ju Ting intoniert wurden. Schönberg war ja keinesfalls der erste, der diesen Weg einschlug, das hatten vor ihm auch schon ganz grosse Komponisten getan, berühmteste Beispiele wohl Gustav Mahlers 9 Ton Akkord in der 10. Sinfonie, Franz Liszt „Bagatelle ohne Tonart“ und wegweisend Richard Wagners legendärer „Tristan Akkord“ im 2. Takt der Einleitung zu „Tristan und Isolde“. Aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern, löste Schönberg die Harmonien schlussendlich nicht auf, führte sie also nicht in die gewohnten Dur- oder Molltonarten wohlgefällig zurück, sondern liess sie im Raum stehen und aushallen. Fast etwas Unerhörtes, vor allem aber Revolutionäres, in der damaligen spätromantischen Kompositionsphase. Und der Erneuerer und suchend Angetriebene beliess es nicht dabei, sondern entwickelte sein Schaffen weiter, was schlussendlich zu der sogenannten Zwölftonmusik führte.
Zuerst erfuhren wir, wie Akkorde um ca. 1910 entstanden und erklangen, schlussendlich durch die Intonation des 2. Streichquartetts, dessen Uraufführung in Wien einen grösseren Skandal, ja Tumulte auslöste, die beinahe in eine Massenschlägerei mündeten.
Mit den beiden, um eine Singstimme erweiterten Sätzen drei und vier griff Schönberg im Grunde eine Zeittendenz auf, die durch Mahlers Sinfonien einerseits, durch Kammermusikwerke mit Singstimme andererseits gekennzeichnet war. Komponisten der Jahrhundertwende versuchten das Spezifische der Kammermusik bzw. Sinfonik “zur Sprache zu bringen”, im Wortausdruck der Singstimme zu überhöhen. Zusammengefasst: In diesem Werk kommt alles zusammen: Ein handfester Skandal bei der Uraufführung 1908, eine (mitvertonte) Liebesaffäre der Ehefrau des Komponisten mit dem Maler Richard Gerstl, eine Musik an der Grenze zur Atonalität – und ein zum Motto gewordener Satz in der Gesangsstimme: «Ich fühle Luft von anderem Planeten». Dem Visionär Schönberg, wie auch seinen Schülern, u.a. Alban Berg und Anton Webern, schwebte gar vor, dass man ihre Kompositionen in nicht allzu ferner Zukunft auf Wiens Strassen pfeifen werde. Ein Traum, der sich, wie man heute weiss, nicht erfüllen sollte. Noch heute stehen diese Kompositionen des, nebst Igor Strawinsky, wohl grössten und bedeutendsten Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts sehr „schräg“ in der Landschaft, haben halt nichts Liebliches wie eine Brahms Sinfonie, romantisches wie eine Schubert Melodie. Trotzdem haben sie heute einen festen Platz im Repertoire der grösseren Orchester und ermunterten auch nachfolgende Komponisten, wie z.B. Pierre Boulez, neue Wege zu beschreiten im Schaffen zeitgenössischer Musik.
Zum Konzert, das von der Programmation und Besetzung her Aussergewöhnliches erwarten liess. Der ehemalige Bass – Bariton Thomas Quasthoff als Sprecher der „Egmont Texte“, dem griechischen Gastdirigenten Constantinos Carydis und der israelischen Sopranistin Chen Reiss, nebst dem Luzerner Sinfonieorchester, das im gut besetzten Konzertsaal natürlich einmal mehr ein „Heimspiel“ hatte. Quasthoff erwies sich als äusserst einfühlsamer Rezitator der Goethe Texte, die Beethoven ganz im Sinne des Dichterfürsten vertont hat. Sanft, mit sparsamen Gesten führte der Dirigent das Orchester an den Sprecher heran, ermöglicht so einen spannenden Dialog der Protagonisten auf gleicher Ebene. Auf diesem hohen Niveau gesellte sich später auch die Sopranistin mit den Liedern „Clärchens“ dazu, In den Zwischenakten blieb für die Luzerner Sinfoniker genug Platz, um ihre aussergewöhnlich hohe musikalische Qualität zu beweisen, mal einfühlsam schlank, dann wieder vehement voluminös aufbrausend, wie dies das Werk Beethovens einfordert, dem auch der Dirigent mehr als gerecht wurde, indem er sich einordnete in diesen Klangkörper und das Ganze über die Individualität stellte. Das Publikum verdankte diesen akustischen Genuss mit einem langanhaltenden Applaus, entliess aber die Musiker dann doch in die wohlverdiente Pause.
2. Konzerthälfte der Erneuerer Schönberg steht dem Traditionalisten Mozart gegenüber.
Auftritt für den zweiten Sprecher des Abends Peter Schweiger, der Schönbergs „Ode an Napoleon Buonaparte“ rezitierte, eingebettet in die Harmonien oder vielmehr Dissonanzen des Werkes. Diese Anklage an den korsischen Tyrannen bot dem Komponisten ausreichend Gelegenheit, Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit musikalisch umzusetzen, einen Appell wider Unterdrückung, Krieg und das daraus entstehende Elend zu statuieren. Das Auditorium beeindruckt nachdenklich, würdigte auch diese Interpretation mit grossem Applaus. Zum Abschluss eher Versöhnliches, noch ein Schaulaufen des Orchesters mit Mozarts Sinfonie Nr. 39 in Es-Dur. Hier war Dirigent Carydis deutlich aktiver mit Gesten, Gesamtkörpereinsatz und Kopfgesten in Richtung Mitmusikern. Gelegenheit auch für die verschiedenen Sektionen des Orchesters, ihr grosses Können aufschimmern zu lassen, besonders erwähnt die Bläser, dazu die Möglichkeit für das Schlagwerk, einmal tüchtig auf die Pauke zu hauen. Mozarts Partitur führt scheinbar in ein furioses Finale, endet aber abrupt, um anschliessend die Spannung wieder langsam aufzubauen. Eine neckische Irreführung durch das Salzburger Musikgenie, der sich darob sicherlich köstlich amüsiert haben dürfte. Auch dieses Werk interpretierten die Künstler souverän und durften dafür einen langanhaltenden stürmischen Schlussapplaus als verdiente Belohnung entgegen nehmen.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: sinfonieorchester.ch/home
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Produktionsteam und Besetzung
Besetzung:
Die Künstlerisch wirkt sehr authentisch, wenn sie die psychisch und physisch erlittenen Qualen ihres geknechteten und drangsalierten Volkes anklagt, trotzdem die Hoffnung im Vertrauen auf eine höhere Macht nicht verliert und die Menschen dazu aufruft, Sorge zu tragen zu den Mitmenschen, andern Lebewesen und eigentlich zur gesamten Welt, unserem einmaligen blauen Planeten.
Das Konzert begann mit dem traditionellen Ruf des Muschelhorns, das die Nonnen und Mönche in den Klöstern Tibets zum Gebet ruft. Beim darauffolgenden Chenresi Mantra, dem wohl allerwichtigsten für die Tibeter, kam erstmals Jürg Fuyûzui Zurmühle mit seinem Shakuhachi als Solist zur Geltung, garniert mit ein paar Schlägen des Gongs. Mit einen paar Zupfern an der von Thomas Niggli gespielten Sitar, dem Einsatz von diversen, in Schwingungen versetzten Klangschalen und Glasschalen war unmittelbar ein mystisch – magischer Klangteppich geschaffen, auf dem sich die Künstlerin stimmlich in Höhen schwang, gekleidet in ein traditionelles, einfaches Kleid des Bergvolkes, einen Glücksschal um die Schultern gelegt.
Besetzung und Programm:
Requiem-Strophen für Soli, gemischten Chor und Orchester
Das Publikum im fast ausverkauften Konzertsaal empfing Mariss Jansons (*1943) und seine „Bayern“ mit einem herzlichen, langanhaltenden Willkommensapplaus. Der Lette und sein Orchester sind immer wieder gern gesehene und natürlich vor allem, gern gehörte Stammgäste am Lucerne Festival. Dazu noch zwei Schweizer Erstaufführungen, diese erst noch komponiert vom Nachfolger Pierre Boulez` als neuem Leiter der Lucerne Festival Academy, Wolfgang Rihm (*1952).
Rihm stützt sich dabei nicht auf die diversen Evangelien, sondern vertonte Texte von u.a. Johannes Bobrowski, Hans Sahl, Rainer Maria Rilke, ergänzt durch, von Rilke ins Deutsche übersetzte, Textfragmente von Michelangelo Buonarroti. Die Grundpassagen werden durch den Chor fast ausschliesslich auf lateinisch gesungen, die Soloparts auf Deutsch. Rihm will mit seiner Komposition, wie er einmal erklärte, „die innere Bewegung eines Trauerprozesses nicht abbilden, wohl aber abtasten“
Obwohl ein modern orchestriertes Werk, ist es nicht so avantgardistisch, dass man um dessen Akzeptanz beim Publikum fürchten müsste. Natürlich setzt er andere Rhythmen als von den traditionellen Passionswerken her gewohnt, nutzt auch des Öftern das Schlagwerk, hat ein Faible für die königliche Harfe. Ein Terrain, das dem Orchester zu gefallen scheint, agiert es doch souverän, mit der nötigen Zurückhaltung bei den Gesangspassagen. Die Vokalsolisten fügen sich nahtlos ins Gefüge, mit einem ganz starken, in Luzern bestens bekannten Bariton Hanno Müller – Bachmann, einer souveränen Anna Prohaska (Sopran), einer ab und zu schrillen Sopranistin Mojca Erdmann. Die grossartigen Stimmen des Chors und das Orchester des bayerischen Rundfunks legten die Basis für ein Klangerlebnis, dem Jansons mit seinem nuancierten Dirigat den Feinschliff verlieh, was auch das Auditorium so sah und die Protagonisten mit stürmischem, langanhaltenden Applaus belohnte.