Orpheum Stiftung präsentiert: Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau, Tonhalle Zürich, 30.August 2015, besucht von Léonard Wüst
Besetzung und Programm:
Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau
Dirigent: Vladimir Fedoseyev
Valery Kikta
Neues Werk, Uraufführung
Dmitri Schostakowitsch
Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107
Solist: Aurélien Pascal
Sergej Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30
Solist: Vadym Kholodenko
Rezension:
Grundsätzliches zur Orpheum Stiftung:
Einen Tag nach der „Streetparade“ der Raver rund ums Zürcher Seebecken mit ca. einer Million Besuchern, ging es beim 25 Jahr Jubiläum der Orpheum Stiftung in der Tonhalle beschaulicher zu und her. Im fast voll besetzten Konzertsaal begrüsste Gründer und Stiftungsratspräsident Dr. Hans Heinrich Coninx die Besucher, erläuterte einige Eckdaten und nannte ein paar Zahlen der Stiftungsgeschichte. (Detailliertere Informationen finden Sie über den eingefügten Link am Ende des Artikels).
Gestartet wurde in den ersten Konzertteil mit einer Uraufführung des ukrainischen Komponisten Valery Kikta, die auf Wunsch und Anregung des Orpheum - Kuratoriumsvorsitzenden Vladimir Fedoseyev entstand und Hans Heinrich Coninx und dessen Gattin Christine Gerber Coninx gewidmet ist.
Die Introduktion klang irgendwie vertraut, kein Wunder, ähnelt sie doch dem Eurovisionssignet, Eurovisions-Melodie / Fenseh-Signet / nach Marc-Antoine Charpentier (1636-1704), entwickelte sich aber nach diesen paar Tönen immer eigenständiger und raumfüllender, eine Komposition, an die man sich durchaus gewöhnen könnte und das Zeug zum Klassiker hat, wenn sie öfter gespielt werden wird. (Auch Werke manch Heute als gross geltender Komponisten brauchten ihre Zeit zur Verbreitung und Popularisierung, Tonträger gabs ja noch nicht, mussten also nach und nach in den Salons der grossen Städte, mancherorts, wo vorhanden, in Konzertsälen meist von den Komponisten selbst aufgeführt werden. Auch Partituren und deren Kopien wurden seinerzeit noch teilweise, ja sogar meistens von Hand verfasst). Die Komposition wurde immer eindrücklicher und vertrauter und endete spektakulär. Das Orchester wurde für die Interpretation reichlich mit Applaus bedacht.
Es folgte der, wie sich im Nachhinein erwies, Höhepunkt des Konzertabends, die Darbietung des Konzertes für Violoncello und Orchester in Es – Dur von Dmitri Schostakowitsch durch Aurélien Pascal. Mit erstaunlicher Abgeklärtheit an – oder wehklagte der junge Pariser mit seinem Instrument, die damals aktuelle Gefühlswelt des Komponisten nach aussen stülpend, dies natürlich mit einer blendenden Technik und viel Enthusiasmus, so gekonnt, dass man fast ein Raunen des Publikums zu hören vermeinte. Da staunte selbst das sehr sachkundige Publikum, wie reif der junge Musiker, das für den russischen Cellisten Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch (1927 – 2007) geschriebene Werk zelebrierte. Entsprechend fiel der Applaus für den Solisten und das ihn kongenial unterstützende Orchester aus.
Dann, im zweiten Konzertteil erklang es endlich: Das Leitmotiv des dritten Klavierkonzertes, das mich immer in eine Rachmaninowendlosschlaufe versetzt, die durchaus belastend sein kann nachts, wenn Du nicht mehr raus- und keinen Schlaf mehr findest. Wahrscheinlich trägt dazu auch „Shine“(der Weg ans Licht) die 1996, Oscar - preisgekrönte verfilmte Biografie von David Helfgott bei. Fedosejef ging den Part, von dem ja verschiedene, von Rachmaninow selber überarbeitete Versionen existieren, erstaunlich zügig an, was mich auf eine Spieldauer um die 42.50 Minuten spekulieren liess, meistens sind es so um die 44. Khodolenko nahm dann eigenmächtig etwas Tempo weg, keineswegs weil er technisch nicht in der Lage wäre, die äusserst anspruchsvolle Aufgabe zu meistern, mir schien eher, er könne dadurch mehr Persönlichkeit einbringen. Der Solist wurde aber bei den Orchestereinsätzen vom Dirigenten wieder angetrieben. Später fanden sich die beiden auf einem angenehmen Tempo, bei dem man sich auch als Zuhörer nicht überfordert fühlte, ist es doch, laut Berechnungen, von allen großen Klavierkonzerten das mit den meisten Noten pro Sekunde im Klavierpart. Schlussendlich dauerte die Nummer 3 gestoppte 43:07. So oder so war jede Sekunde ein Hochgenuss, dementsprechend heftig applaudierte das Auditorium den Protagonisten, die daraufhin noch zwei kleine Zugaben darboten, wovon die zweite eine Kurzversion eines mir unbekannten Walzers. Zu einer Standing Ovation reichte es dann doch nicht ganz, das hing wahrscheinlich auch mit einem gewissen Gerechtigkeitssinn gegenüber dem ebenso grandiosen Solocellisten Aurélien Pascal im ersten Konzertteil zusammen. Entspannt freudig machte ich mich auf die Fusswegschlaufe Richtung Hauptbahnhof, war es doch für mich ein Novum dieses Rachmaninow - Klavierkonzert live erlebt zu haben, kannte ich doch nur diverse Versionen ab Tonträgern.
Nachtrag zum Tempo beim Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Rachmaninow:
(Könnte eventuell die Erklärung sein: Quelle Wikipedia: Russische Pianisten bevorzugen allerdings i. d. R. die klanggewaltigere Original-Kadenz, die heute als ossia gedruckt wird. Einige Pianisten mischen die Kadenzen; dann wird mit der schnelleren angefangen und einige Takte vor Presto in die originale übergeleitet).
Rachmaninow Klavierkonzert Nr.3 d-moll
Allegro ma non tanto, 17:53 Intermezzo:Adagio, 27:38 Finale:Alla breve
Rachmaninow Klavierkonzert Nr.3, Denis Matsuev
www.youtube.com/watch?v=SYXL_dex69Q
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: orpheum.ch/ger/
www.gabrielabucher.ch Paul Ott:www.literatur.li
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Besetzung und Programm:
Im Auftrag von Lucerne Festival schrieb Màrton Illés «Re-akvarell», ein Konzert für Klarinette und Orchester. Er widmete das Werk dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie der Klarinettistin Sabine Meyer. Zwei langsame Sätze rahmen einen schnellen. Neben sechs Hörnern und unzähligen Holzbläsern werden Harfe, Klavier, Akkordeon und drei Schlagzeuge eingesetzt, trotzdem kommt das Stück leichtfüssig und filigran daher. Die Solistin Sabine Meyer spielte oder wob vielmehr anfänglich über mehrere Takte einen einzigen Ton, übergab diesen ans Orchester, welches daran weiter spann, reihte sich wieder ein, nur um sich gleich wieder herauszuschälen und eine neue Melodie zu kreieren. Manchmal stiegen die Töne wie Seifenblasen aus ihrem Instrument, manchmal fragte man sich, wie sie diese aus ihrem Instrument herauszauberte. Das Orchester griff ihre Melodien immer wieder auf, fiel in sich zusammen, ein gegenseitiges Anspornen, das sich ins Atemlose steigerte. Wie Wellen rollten die Akkorde an, ein Aufschrei des Orchesters, rasende Läufe der Solistin und ein letztes Verlöschen. Das Publikum feierte begeistert den Komponisten, die Solistin, das Orchester und den Dirigenten.
Programm und Besetzung:
Erstaunlich, mit wieviel Fantasie und Einfühlungsvermögen die jungen Schüler die Zwölftonwerke zusammen entwickelten und umgesetzt haben, beispielsweise indem sie sich pantomimisch von Mäusen zu Drachen und wieder zurück verwandelten, mit entsprechenden selbst dargebotenen Tonabfolgen auf den Vibraphonen. Scheinbar finden junge, nicht vorbeeinflusste Schüler einfacheren Zugang zu neuer Musik, als so manch gestandener Konzertgänger.
Für den Start des zweiten Konzertteils mit Pjotr Peszats „Pensees étranglées“ übernahm Mariano Chiacchiarini das Kommando am Dirigentenpult. Auch diese Komposition benötigt einen zahlenmässig gross besetzen Klangkörper und kommt trotzdem nicht grossspurig larmoyant daher, der junge Pole ist eher der Mann der leisen Töne, der sparsamen Gestik, nicht im Ausdruck, nur im Klangvolumen. Dies sah oder hörte auch das Auditorium so, dementsprechend der zustimmende Applaus. Zwischenspiel in Form einer kurzen Talkshow, für die Pintscher alle anwesenden Komponisten und Dirigenten dieses Abends auf die Bühne bat und um eine Aussage zur Beziehung des jeweiligen zu Pierre Boulez nachfragte. So gaben alle kurze Statements ab oder kleine Anekdoten zum Besten, wie auch Pintscher selber sein erstes Zusammentreffen mit dem grossen Musiker schilderte, gedacht als Einleitung zur Darbietung der „Notations“ I bis IV und VII. Präsentiert wurden diese dann in Form der Gegenüberstellung der ursprünglichen Klavierversionen, die Boulez als Zwanzigjähriger 1945 in Paris verfasste und den für Orchester bearbeiteten Notations I bis IV von 1978 und der Fassung der siebten aus dem Jahre 1998. Den Pianopart spielte Andrew Zhou, Student der Lucerne Festival Academy. Die Notations sind keine Ohrwürmer, sondern eben Bewertungen, d.h. alles in der Zwölftontechnik verfasst, die Interpretation ist offen, wie dies die Büroner Schüler bei der Einführung demonstriert hatten. Es ergaben sich reizvolle Direktvergleiche der verschiedenen Schaffungsphasen des Genies Boulez dem Vorwärtsdrang, der Befreiung von vermeintlichen Zwängen der Kompositionsarchitektur zum Erschaffen neuer Klangwelten, nicht bloss durch moderner arrangierte Musikliteratur. Wie eng Pintscher mit Boulez verbunden ist, zeigte sich sehr in der Umsetzung der Boulez Ideen durch das von ihm geleitete Festival Academy Orchestra. Dieses lief denn auch zur absoluten Topform auf in Form eines gewissen Spielrausches bis zur finalen Krönung mit der Notation VII. Eine Applauskaskade durch das überwältigte Publikum, fast ehrfürchtig dargeboten, diesen Zaubermoment festhaltend. Das war nicht eine kleine Nachtmusik sondern eine grosse Abendmusik als Krönung dieses denkwürdigen Tages der „Hommage an Pierre Boulez“, welcher leider aus gesundheitlichen Gründen nicht physisch anwesend sein konnte.
Programm und Besetzung:
Es war absehbar und es kam auch so: Der programmierte Sommernachtstraum mit rezitierten Texten wurde fast zur „One man Show“ des Klaus Maria Brandauer.
uns hineingleiten in Purcells Welt der „Fairy Queen Z. 629“. Die Basler besonders beeindruckend in den leisen Passagen und mit überragenden, präzis gesetzten Bläsereinwürfen. Pinnock führte seine Mitmusiker mit fast unmerklichen Bewegungen aus den Handgelenken und Fingerzeigen, auf grosse ausholende Gesten konnte, oder wollte er verzichten. Gemeinsam mit den Sängerinnen boten sie eine überzeugende Darbietung dieses, relativ selten programmierten Werkes aus der Zeit vor dem Siegeszug der italienischen Oper in Grossbritannien. Die litauische Sopranistin steigerte sich kontinuierlich und brillierte im Duell mit dem Oboisten Matthias Arter, welcher dafür am Schluss einen Extraapplaus entgegen nehmen durfte. So überzeugte der erste Konzertteil das Publikum, welches mit Applaus nicht sparte und sich anschliessend gutgelaunt in die Pause begab.
Bühnenpartner. Als er dann auch noch improvisierte, hatte er den Konzertsaal endgültig monopolisiert und erstaunt nahm man zur Kenntnis, wieviel Platz eine einzelne Person beanspruchen kann. Spielerisch deutete er dann sogar ein kleines Tänzchen mit dem Dirigenten an, was dieser amüsiert mitmachte. Dann aber meldete sich das Orchester mit dem bekannten Hochzeitsmarsch tongewaltig zurück und übernahm das Zepter wieder, was der Burgtheatermime mit den Worten schön, immer wieder schön quittierte. Weiter gings mit dem Zwischenspiel Melodram, bevor Brandauer zum Rüpeltanz bat, bestens dargeboten von den dazu herausgeforderten Instrumentalisten, wiederum gefolgt von einem Melodram, dem das grosse Finale mit allen Sängerinnen folgte, wo dann die Solosopranistin noch einen Glanzpunkt setzte, der das Gleichgewicht von Text und Musik wieder einigermassen ins Lot brachte.
Ein spezieller Abend der neue Akzente setzte und bei dem die Aufführenden mit einer Standing Ovation belohnt wurden.