Lucerne Festival im Sommer 2015: Sinfoniekonzert 10 – Boulez-Hommage 7 Lucerne Festival Academy Orchestra | Ensemble intercontemporain | Mariano Chiacchiarini | Julien Leroy | Matthias Pintscher, besucht von Léonard Wüst
Programm und Besetzung:
Lucerne Festival Academy Orchestra Ensemble intercontemporain Mariano Chiacchiarini Dirigent (Peszat) | Julien Leroy Dirigent (Moussa) | Matthias Pintscher Dirigent
«Ein Tag für Pierre Boulez»
György Kurtág (*1926) Neues Werk
Auftragswerk von LUCERNE FESTIVAL | Uraufführung
Wolfgang Rihm (*1952) Fusées 2
Auftragswerk von LUCERNE FESTIVAL | Uraufführung
Piotr Peszat (*1990) Pensées Étranglées für Orchester
Auftragswerk im Rahmen der Roche Young Commissions | Uraufführung
Samy Moussa (*1984) Neues Werk für Orchester
Auftragswerk im Rahmen der Roche Young Commissions | Uraufführung
Matthias Pintscher (*1971) Osiris für Orchester
Pierre Boulez (*1925) Notations I-IV und VII. Fassungen für Klavier und Orchester
Rezension:
Ungewöhnlich neu und spannend war die Konzerteinführung. Pierre Boulez` Notations in den Augen und Ohren von 17 Schülern der 4. Klasse des Primarschulhauses Burg in Büron ((Kanton Luzern, Lehrperson Ingrid Guntern), erarbeitet in einem Workshop, umgesetzt und vorgeführt mit Musik, Tanz und Pantomime, teilweise auf eine Leinwand projiziert mit Vibraphonen vorgetragen, moderiert von Tobias Bleek vom „Klavier – Festival Ruhr“.
Erstaunlich, mit wieviel Fantasie und Einfühlungsvermögen die jungen Schüler die Zwölftonwerke zusammen entwickelten und umgesetzt haben, beispielsweise indem sie sich pantomimisch von Mäusen zu Drachen und wieder zurück verwandelten, mit entsprechenden selbst dargebotenen Tonabfolgen auf den Vibraphonen. Scheinbar finden junge, nicht vorbeeinflusste Schüler einfacheren Zugang zu neuer Musik, als so manch gestandener Konzertgänger.
Diejenigen, die die Einführung besuchten, liessen sich jedenfalls positiv überraschen und spendeten den Surentaler Arrangeuren den verdienten Beifall, wofür sich diese, mit schon fast routinierten Verbeugungen, auch artig bedankten. Alle hatten ihren Spass, die Gebenden und die Nehmenden. Die optimale Vorbereitung für das folgende Konzert, das mit gleich vier Uraufführungen programmiert war. Kurzfristig wurde die Reihenfolge aber abgeändert, das Werk von Pjotr Peszat rückte in den zweiten Konzertteil, dafür folgte die Komposition „Osiris“ von Matthias Pintscher den drei übrigen Uraufführungen zum Schluss des ersten Teils. Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellte.
Es begann lautstark mit dem Werk von Samy Moussa (dirigiert von Julien Leroy), dementsprechend fast ohne beruhigende Streicher, die Bühne war hauptsächlich den Schlaginstrumenten vorbehalten, erst ganz am Schluss wurde die Partitur etwas sanfter, versöhnlicher. Das Publikum fand Gefallen an den ungewohnten Tönen und applaudierte den Komponisten auf die Bühne, was dieser sich, strahlend, gerne gefallen liess. Anschliessend übernahm Matthias Pinscher das Dirigieren. Es folgten leisere Töne beim Auftragswerk des Lucerne Festivals des Ungarn György Kurtag, ein Komponist der Boulez – Generation (*1926), auch diese gefielen den Zuhörern die nun gespannt waren, was der, ebenfalls anwesende Wolfgang Rihm im Auftrag des Lucerne Festival komponiert hatte. Im Gegensatz zu den andern Komponisten, kennt man Rihm doch schon einigermassen an den Gestaden Vierwaldstättersees. Es begann irgendwie psychedelisch sphärisch geheimnisvoll, mit relativ kleiner Besetzung. Es waren nur acht Streicher, wovon vier Kontrabässe und ein Cello, den Bläsern und der Rhythmussektion zugesellt, etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch diese Komposition bestand die Feuertaufe mit Bravour, bestätigt durch den Applaus, bei dem Dirigent Pinscher den Komponisten auch auf die Bühne bat. Dann erklang zum ersten Mal am Lucerne Festival „Osiris“, Pintschers Komposition aus dem Jahre 2007, die Pierre Boulez zusammen mit dem Chicago Symphony Orchestra 2008 in Chicago uraufgeführt hatte, wahrlich eine Komposition für ein grosses Orchester in jeder Bedeutung des Wortes. Inspiriert durch das gleichnamige Bild von Joseph Beuys gelang Pinscher ein wirklich grosser Wurf, der alles enthält, was zeitlose Oeuvres ausmacht. Alle Ressourcen und Facetten des fabelhaften, von Pierre Boulez und Festival - Intendant Michael Häfliger gegründeten Orchesters voll ausschöpfend, setzte Pintscher seine Visionen in akustische Bilder um, zeitgenössische Musik, richtungsweisend wie von Mentor und Förderer Boulez angedacht. Wie der grosse Meister immer betont, darf Musik nie zu Ende sein, sondern sie ist ein immerwährender Schöpfungsakt, der kontinuierlichen Anpassung verpflichtet. Unter Beifallstürmen endete dieser erste Konzertteil und man begab sich aufgewühlt und emotional tief berührt in die Pause.
Für den Start des zweiten Konzertteils mit Pjotr Peszats „Pensees étranglées“ übernahm Mariano Chiacchiarini das Kommando am Dirigentenpult. Auch diese Komposition benötigt einen zahlenmässig gross besetzen Klangkörper und kommt trotzdem nicht grossspurig larmoyant daher, der junge Pole ist eher der Mann der leisen Töne, der sparsamen Gestik, nicht im Ausdruck, nur im Klangvolumen. Dies sah oder hörte auch das Auditorium so, dementsprechend der zustimmende Applaus. Zwischenspiel in Form einer kurzen Talkshow, für die Pintscher alle anwesenden Komponisten und Dirigenten dieses Abends auf die Bühne bat und um eine Aussage zur Beziehung des jeweiligen zu Pierre Boulez nachfragte. So gaben alle kurze Statements ab oder kleine Anekdoten zum Besten, wie auch Pintscher selber sein erstes Zusammentreffen mit dem grossen Musiker schilderte, gedacht als Einleitung zur Darbietung der „Notations“ I bis IV und VII. Präsentiert wurden diese dann in Form der Gegenüberstellung der ursprünglichen Klavierversionen, die Boulez als Zwanzigjähriger 1945 in Paris verfasste und den für Orchester bearbeiteten Notations I bis IV von 1978 und der Fassung der siebten aus dem Jahre 1998. Den Pianopart spielte Andrew Zhou, Student der Lucerne Festival Academy. Die Notations sind keine Ohrwürmer, sondern eben Bewertungen, d.h. alles in der Zwölftontechnik verfasst, die Interpretation ist offen, wie dies die Büroner Schüler bei der Einführung demonstriert hatten. Es ergaben sich reizvolle Direktvergleiche der verschiedenen Schaffungsphasen des Genies Boulez dem Vorwärtsdrang, der Befreiung von vermeintlichen Zwängen der Kompositionsarchitektur zum Erschaffen neuer Klangwelten, nicht bloss durch moderner arrangierte Musikliteratur. Wie eng Pintscher mit Boulez verbunden ist, zeigte sich sehr in der Umsetzung der Boulez Ideen durch das von ihm geleitete Festival Academy Orchestra. Dieses lief denn auch zur absoluten Topform auf in Form eines gewissen Spielrausches bis zur finalen Krönung mit der Notation VII. Eine Applauskaskade durch das überwältigte Publikum, fast ehrfürchtig dargeboten, diesen Zaubermoment festhaltend. Das war nicht eine kleine Nachtmusik sondern eine grosse Abendmusik als Krönung dieses denkwürdigen Tages der „Hommage an Pierre Boulez“, welcher leider aus gesundheitlichen Gründen nicht physisch anwesend sein konnte.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: www.lucernefestival.ch
www.gabrielabucher.ch Paul Ott:www.literatur.li
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Programm und Besetzung:
Es war absehbar und es kam auch so: Der programmierte Sommernachtstraum mit rezitierten Texten wurde fast zur „One man Show“ des Klaus Maria Brandauer.
uns hineingleiten in Purcells Welt der „Fairy Queen Z. 629“. Die Basler besonders beeindruckend in den leisen Passagen und mit überragenden, präzis gesetzten Bläsereinwürfen. Pinnock führte seine Mitmusiker mit fast unmerklichen Bewegungen aus den Handgelenken und Fingerzeigen, auf grosse ausholende Gesten konnte, oder wollte er verzichten. Gemeinsam mit den Sängerinnen boten sie eine überzeugende Darbietung dieses, relativ selten programmierten Werkes aus der Zeit vor dem Siegeszug der italienischen Oper in Grossbritannien. Die litauische Sopranistin steigerte sich kontinuierlich und brillierte im Duell mit dem Oboisten Matthias Arter, welcher dafür am Schluss einen Extraapplaus entgegen nehmen durfte. So überzeugte der erste Konzertteil das Publikum, welches mit Applaus nicht sparte und sich anschliessend gutgelaunt in die Pause begab.
Bühnenpartner. Als er dann auch noch improvisierte, hatte er den Konzertsaal endgültig monopolisiert und erstaunt nahm man zur Kenntnis, wieviel Platz eine einzelne Person beanspruchen kann. Spielerisch deutete er dann sogar ein kleines Tänzchen mit dem Dirigenten an, was dieser amüsiert mitmachte. Dann aber meldete sich das Orchester mit dem bekannten Hochzeitsmarsch tongewaltig zurück und übernahm das Zepter wieder, was der Burgtheatermime mit den Worten schön, immer wieder schön quittierte. Weiter gings mit dem Zwischenspiel Melodram, bevor Brandauer zum Rüpeltanz bat, bestens dargeboten von den dazu herausgeforderten Instrumentalisten, wiederum gefolgt von einem Melodram, dem das grosse Finale mit allen Sängerinnen folgte, wo dann die Solosopranistin noch einen Glanzpunkt setzte, der das Gleichgewicht von Text und Musik wieder einigermassen ins Lot brachte.
Ein spezieller Abend der neue Akzente setzte und bei dem die Aufführenden mit einer Standing Ovation belohnt wurden.
Es folgte ein kurzer Bühnenumbau, das Bereitstellen zweier Konzertflügel für das nun folgende Konzert für zwei Klaviere von Wolfgang Amadeus Mozart, das dieser in Salzburg 1779 im Alter von 23 Jahren verfasste, für sich und seine Schwester Maria Anna „Nannerl“, mit der zusammen er das Konzert wohl auch des Öftern dort vorgetragen haben dürfte, was damals durchaus üblich war, aber nirgendwo genau dokumentiert ist.
Zum Konzert: Nun gesellten sich auch die Bläser zu den Streichern. Das Klavierduo, die Israelin Yaara Tal (1955*) und der Deutsche Andreas Groethuysen (1956*) nahmen ihre Plätze an den Flügeln ein. Daniel Dodds dirigierte das Werk stehend an, um sich schon nach wenigen Takten wieder hinzusetzen. Das Orchester glänzend aufgelegt, die Klaviervirtuosen fügten sich nahtlos ein, fein perlend die Läufe beim Allegro, filigran bis ins Detail austariert und ausgewogen harmonierten und ergänzen sich die beiden, ihren Ruf als eines der weltbesten Klavierduos festigend. Sicht - und spürbar die überschäumende Spielfreude bei der man sich gut vorstellen konnte, wie auch die Mozartgeschwister damals einander die Noten und Harmonien zuspielten, sich gegenseitig zur Perfektion antreibend. Nahtlos weiter der Genuss beim Andante des zweiten Satzes, etwas unspektakulär beginnend, ruhig routiniert und abgeklärt, dann aber kehrten die Emotionen zurück und die Kadenz erhöhend begannen die beiden einen musikalischen Dialog auf höchstem Niveau, grandios unterstützt von den, einmal mehr, souverän abgeklärten stilsicheren Festival Strings. Alles locker meisterhaft dargeboten und vom Auditorium dementsprechend bejubelt und gefeiert begaben sich die Musiker in die wohlverdiente Pause.
Der zweite Konzertteil startete mit Darius Milhaud: Le Bœuf sur le toitop. 58, das er kurz nach einer Brasilienreise eigentlich für einen Charly Chaplin Stummfilm komponierte, das dann aber anlässlich eines Kulturhappenings von Jean Cocteau im Jahre 1920 in der Comédie des Champs – Elysées als Ballettmusik erstmals zur Aufführung kam und entsprechend interessiert zur Kenntnis genommen wurde. Ein Werk, von dem gut vorstellbar ist, dass es George Gershwin für seine Cuban Overture inspiriert und beeinflusst haben könnte, sind es doch vor allem die markanten Bläsersequenzen, die diese quirlige Komposition prägen.
Es konzertierte das Mozart Ensemble Salzburg in der Besetzung:
Zuerst genoss ich im Festungsrestaurant, die Stadt Salzburg mir zu Füssen liegend, das zum gebuchten Arrangement gehörende Drei – Gang Menu, nicht ahnend, dass ich die angefutterten Kalorien umgehend wieder verbrennen würde.
Nichtendenwollende Applauskaskaden ermunterten die Protagonisten, noch eine schmissige Strausspolka nachzulegen, dies natürlich frenetisch bejubelt durch die Anwesenden. Irgendwann endet auch das schönste Konzert, glücklich und zufrieden verliess man Hohensalzburg, um mit der Festungsbahn wieder ins Tal zu fahren, angeregt diskutierend. Zu aller Freude, waren die Musiker im selben Wagen mit dabei und erfüllten noch eifrig die Autogrammewünsche. Zusammenfassend denk ich, diesen Aufstieg vom Restaurant zum „Goldenen Saal“ würde ich wieder mal in Kauf nehmen, jetzt wissend, womit ich dafür belohnt werde.