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Gesundheit

Covid-19-Antikörperwirkstoff COR-101: Herzstiftung begrüßt erste Tests an Patienten

Herzstiftung hat COR-101-Wirkstoffentwicklung gegen Covid-19 mitgefördert

Der Antikörperwirkstoff COR-101 gegen Covid-19 wird seit dem 21. April
2021 an hospitalisierten Patientinnen und Patienten, die an Covid-19
erkrankt sind, erprobt. Das gab das Universitätsklinikum Tübingen, das die
klinische Studie koordiniert, bekannt. Die Deutsche Herzstiftung hat die
Entwicklung von COR-101 durch das Corona-Antikörper-Team (CORAT) mit dem
Forschungsprojekt „Menschliche monoklonale Antikörper gegen SARS-CoV-2 zur
Prophylaxe gegen Covid-19 - Unterstützung der Entwicklung“ mit 50.000 Euro
unterstützt (Forschungs-Video unter www.youtube.com/watch?v=nCV0NytOLLs).
Das Projekt wurde von Prof. Dr. Stefan Dübel, Leiter der Abteilung
Biotechnologie der Technischen Universität Braunschweig, und seinem
Kollegen Prof. Dr. Michael Hust initiiert.
„Wir gratulieren den CORAT-Forschern zu diesem wichtigen Schritt der
Erprobung des Antikörpermedikaments an ersten Covid-19-Patienten“, betont
Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen
Herzstiftung. Dies könne, so der Kardiologe, ein weiterer wichtiger
Baustein in der Bekämpfung von SARS-CoV-2 werden. „Mit den ersten Tests
deuten sich Perspektiven für eine klinische Anwendung an. Ob die
Antikörpertherapie auch bei Herz-Kreislauf-Patienten wirkt, müssen die
klinischen Tests noch zeigen.“

Impfstoffe können zwar Gesunde schützen, aber bereits an Covid-19
erkrankte Menschen nicht heilen. Antikörper-Therapien wie COR-101 können
dagegen unmittelbar gegen das Virus wirken und so zum Schutz vor einer
schweren Covid-19-Erkrankung das Immunsystem von infizierten Personen
unterstützen. So soll der Wirkstoff COR-101 nach Informationen von CORAT
die bereits in Deutschland eingesetzten Antikörperwirkstoffe ergänzen, die
bei moderat bis schwer erkrankten Covid-19-Patienten wegen ihrer
Nebenwirkungen bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf nicht eingesetzt
werden dürfen.

Im Frühling 2020 hatten die CORAT-Forscher um Prof. Dübel und seinem
Braunschweiger Kollegen Prof. Hust mit vielen weiteren Unterstützern den
monoklonalen Antikörper COR-101 nach dem genetischen Bauplan, der DNA-
Sequenz, von menschlichen Antikörpern, die der Blutbahn von Gesundeten
entnommen wurden, nachgebaut. „Diese Antikörper sind von Antikörpern
unseres eigenen Körpers nicht zu unterscheiden, außer dass sie die
Coronaviren blockieren können“, erklärt Dübel und betont: „COR-101 wurde
speziell für Patienten mit einer moderaten bis schweren Covid-19
Erkrankung entwickelt.“ Die ersten Patienten wurden Ende April am
Universitätsklinikum Tübingen unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Salih
mit dem neuartigen Antikörper-Wirkstoff im Rahmen einer Phase Ib/II-Studie
behandelt. An fünf Studienzentren in Deutschland wird diese Studie nun
durchgeführt und soll bei 45 hospitalisierten Patientinnen und Patienten
insbesondere die Sicherheit und Verträglichkeit, sowie die Wirksamkeit von
COR-101 bewerten.

Auch könnte sich im Rahmen der klinischen Studie zeigen, ob COR-101 nicht
nur den Heilungsprozess von akut Covid-19-Erkrankten unterstützen, sondern
gerade auch Risikogruppen, die nicht hundertprozentig von einer Corona-
Impfung profitieren können, vor einer Infektion schützen kann: Menschen
mit Vorerkrankungen und ältere Personen. Die Gabe von Antikörpern kann
deshalb eine wichtige therapeutische Ergänzung zur Impfung gegen Covid-19
sein.

Die Covid-19-Forschungsförderung der Deutschen Herzstiftung
Unmittelbar nach Beginn der Corona-Pandemie hat die Deutsche Herzstiftung
die „Covid-19-Projektförderung“ ins Leben gerufen und eine Million Euro
für die Forschung bereitgestellt. 14 hochkarätige wissenschaftliche
Projekte wurden ausgewählt. Informationen zur Covid-19-Projektförderung
der Herzstiftung finden Sie unter:
www.herzstiftung.de/covid-19-projektfoerderung
Weitere Informationen zur Forschung zu COR-101 bietet die aktuelle Ausgabe
von HERZ heute 2/2021 in dem Artikel „Auf dem Weg zu einem Medikament
gegen Covid-19“, kostenfrei erhältlich unter Tel. 069 955128-400 oder
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Ein Video-Clip „Covid-19-Forschung: Auf der Suche nach einer Antikörper-
Therapie“ (Stand: Dez. 2020) mit dem Wissenschaftler der TU Braunschweig
Prof. Stefan Dübel ist abrufbar unter:

https://www.youtube.com/watch?v=nCV0NytOLLs

Weitere Informationen:
https://www.tu-braunschweig.de/bbt/biotech/corat-corona-antibody-team

  • Aufrufe: 79

Seltene Krebserkrankung: Zertifizierte Versorgung von Mesotheliomerkrankten

Die Diagnostik und Behandlung des Mesothelioms – einer seltenen
Tumorerkrankung, die überwiegend durch Kontakt mit Asbest verursacht wird
– ist komplex und stellt aktuell eine große Herausforderung dar. Die
Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) setzt sich deshalb für die bestmögliche
Versorgung von betroffenen Patient*innen ein. Hierfür hat die DKG in
Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V.
(DGUV) Qualitätsanforderungen für die Diagnostik und Therapie von
Mesotheliomen erarbeitet.

Zertifizierte Lungenkrebszentren, die diese zusätzlichen Anforderungen
erfüllen, können sich ab sofort auch als sogenannte Mesotheliomeinheiten
zertifizieren lassen und somit zu besseren Versorgungsstrukturen für
Erkrankte beitragen.

Mesotheliome treten meist am Lungenfell auf, manchmal am Bauchfell und in
sehr seltenen Fällen auch im Bereich des Herzbeutels. Etwa 90 Prozent der
Mesotheliomerkrankungen können auf eine Asbestexposition zurückgeführt
werden. Jährlich werden in Deutschland ca. 1.500 Erkrankungen neu an
dieser Tumorart gemeldet. Trotz seiner Seltenheit ist das maligne
Mesotheliom eine der häufigsten beruflich verursachten Tumorerkrankungen
in Deutschland. Mit relativen 5-Jahres-Überlebensraten von 8 Prozent bei
Männern bzw. 13 Prozent bei Frauen gehört das Mesotheliom zu den
Krebsarten mit einer ungünstigen Prognose.

Leider wird die Erkrankung meist erst entdeckt, wenn die Tumorentwicklung
schon weit fortgeschritten ist. Die Behandlung besteht meistens aus einer
Chemo- und/oder Strahlentherapie, je nach Krankheitsstadium in Kombination
mit einer Operation. Dazu kamen in den vergangenen Jahren weitere
Behandlungsmethoden, die im Zusammenspiel mit neuen Biomarkern wichtige
Bausteine für die Früherkennung und moderne Behandlungskonzepte sein
können. „Für die Betroffenen ist es wichtig, dass sie von Expertinnen und
Experten behandelt werden, die sich mit der Erkrankung und den
Behandlungsoptionen gut auskennen“, sagt Privatdozentin Dr. Simone
Wesselmann, Bereichsleiterin Zertifizierung bei der DKG. „Unsere
zertifizierten Lungenkrebszentren bringen dafür sehr gute Voraussetzungen
mit, beispielsweise in der Thoraxchirurgie. Durch die Zertifizierung von
Mesotheliomeinheiten setzen wir darüber hinaus bestimmte
Qualitätsanforderungen fest, um so die Versorgungsstandards für
Patientinnen und Patienten mit Mesotheliomen zu verbessern.“

Die DGUV unterstützt die Zertifizierung als Mesotheliomeinheit.
Voraussetzung für die Zertifizierung ist das Angebot von speziellen
Mesotheliomsprechstunden. „Für die seltenen Mesotheliomerkrankungen sind
ausgewiesene Spezialambulanzen viel seltener als für häufige Tumoren. Im
Verdachts- oder Krankheitsfall zeitnah Expertinnen und Experten in
zumutbarer Entfernung zum eigenen Wohnort zu finden, kann für die
Betroffenen und ihre Angehörigen eine große Herausforderung darstellen“,
sagt Dr. Edlyn Höller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der DGUV:
„Die Einrichtung von regionalen Mesotheliomsprechstunden zur Diagnostik,
Therapieplanung, Beratung und Zweitmeinung auf Expertenniveau und mit
reibungslosen Abläufen wird die Versorgung für die Patientinnen und
Patienten deutlich erleichtern und verbessern.“

Die Deutsche Krebsgesellschaft
Die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. (DKG) – eine Nachfolgeorganisation
des 1900 gegründeten „Comité für Krebssammelforschung“ – ist die größte
wissenschaftlich-onkologische Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum.
In der DKG vertreten sind rund 8.000 Einzelmitglieder in 25
Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der Erforschung und Behandlung von
Krebserkrankungen befassen; dazu kommen 16 Landeskrebsgesellschaften und
36 Fördermitglieder. Die DKG engagiert sich für eine Krebsversorgung auf
Basis von evidenzbasierter Medizin, Interdisziplinarität und konsequenten
Qualitätsstandards, ist Mitinitiatorin des Nationalen Krebsplans und
Partnerin der „Nationalen Dekade gegen Krebs". Mehr:
https://www.krebsgesellschaft.de/

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)
Die gesetzliche Unfallversicherung ist der Zweig der Sozialversicherung,
der Menschen nach Arbeits-, Schul- und Wegeunfällen sowie bei
Berufskrankheiten versorgt. Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung
sind Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Ihr Spitzenverband ist die
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) e.V. Der Verband vertritt
die gemeinsamen Interessen der Unfallversicherungsträger und fördert die
Forschung. Unter seinem Dach arbeiten auch drei eigene
Forschungsinstitute. Mehr: https://www.dguv.de/corona/index.jsp

  • Aufrufe: 148
Patient 1: Tim Klaenfoth geht es nach der Infusion seiner aufbereiteten körpereigenen T-Zellen gut. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen  Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Neuer Therapieansatz bei Colitis ulcerosa erstmals angewendet

Patient 1: Tim Klaenfoth geht es nach der Infusion seiner aufbereiteten körpereigenen T-Zellen gut. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen  Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen
Patient 1: Tim Klaenfoth geht es nach der Infusion seiner aufbereiteten körpereigenen T-Zellen gut. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Spezielle regulatorische T-Zellen sollen die entzündete Darmschleimhaut
zum Abheilen bringen – weltweit erster Patient im Erlanger DZI behandelt

Der gesamte Darm ist mit einer Oberfläche von knapp 400 Quadratmetern und
acht Metern Länge unser größtes Immunorgan. Hier befindet sich ein
Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und -hemmenden Faktoren.
Reagiert die körpereigene Abwehr allerdings über, führt das zu
Entzündungen, die nicht mehr abklingen – so wie bei Colitis ulcerosa. Die
chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die hauptsächlich den
Dickdarm betrifft, kommt weltweit immer häufiger vor. Betroffene leiden an
anhaltenden blutigen Durchfällen und krampfartigen Bauchschmerzen, die die
Lebensqualität oft stark beeinträchtigen. Einer von ihnen ist Tim
Klaenfoth. Die Beschwerden des heute 22-Jährigen begannen schon 2015, doch
auch unzählige Behandlungsversuche mit verschiedenen Therapeutika brachten
keine anhaltende Besserung. Tim Klaenfoth setzte deshalb seine ganze
Hoffnung in eine neuartige Therapie, die er jetzt als weltweit erster
Colitis-ulcerosa-Patient im Deutschen Zentrum Immuntherapie (DZI) am
Universitätsklinikum Erlangen im Rahmen einer durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft geförderten Studie verabreicht bekam: Körpereigene
regulatorische T-Helferzellen (Treg) sollen das Gleichgewicht in seinem
Darm wiederherstellen und so die chronische Entzündung abklingen lassen.

Bei Tim Klaenfoth fing es mit Magen-Darm-Beschwerden und Durchfällen an.
Nach einer Darmspiegelung stellte ein Gastroenterologe bei dem damals
16-Jährigen die Diagnose Colitis ulcerosa. Tim Klaenfoth ging es nach und
nach immer schlechter, bei 1,80 Meter Körpergröße wog der Jugendliche bald
nur noch 57 Kilogramm. „Ich war schwach und konnte kaum aufstehen.
Irgendwann bin ich dann in die Notaufnahme gegangen“, erinnert sich Tim
Klaenfoth. Er wurde stationär behandelt und bekam Medikamente zur
Eindämmung der Symptome. „Ich dachte damals, mein Leben wäre vorbei. Im
ersten Jahr konnte ich meine Erkrankung nur schwer akzeptieren“, schildert
der junge Mann seine damalige Situation. Verschiedenste
Behandlungsmethoden brachten nicht den gewünschten Erfolg. Die Symptome
besserten sich nicht oder kamen bald vollständig zurück. „2016 hatte ich
dann genug von den vielen Behandlungen und ich brach die Therapie ab.
Daraufhin war ich sogar ein Jahr lang symptomfrei. Aber danach kamen die
Beschwerden wieder und ich ließ mich an der Charité behandeln“, sagt Tim
Klaenfoth. Die Berliner Ärzte machten den jungen Mann dann auf ein
Verbundprojekt zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem
Uni-Klinikum Erlangen aufmerksam, da er alle bislang zur Verfügung
stehenden Therapieoptionen ausgeschöpft hatte. Für die vielversprechende
experimentelle Therapie nahm Tim Klaenfoth die über 400 Kilometer lange
Anreise in die Hugenottenstadt gern in Kauf.

Balanceakt der T-Zellen

„Im gesunden menschlichen Körper besteht ein Gleichgewicht zwischen
entzündungsfördernden T-Zellen, den sogenannten Effektor-T-Zellen, und
entzündungshemmenden regulatorischen T-Zellen, den Treg“, erklärt Prof.
Dr. Raja Atreya, Leiter des Schwerpunkts CED sowie Oberarzt der
Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie
(Direktor: Prof Dr. Markus F. Neurath) und des DZI am Uni-Klinikum
Erlangen. Treg sind eine spezialisierte Untergruppe von T-Zellen mit stark
entzündungshemmenden Eigenschaften. Sie haben die Funktion, die
Aktivierung des Immunsystems in bestimmten Situationen zu unterdrücken,
und verhindern dadurch eine Entzündungsreaktion. „Es konnte
wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass bei Patienten mit Colitis
ulcerosa das Gleichgewicht zwischen Effektor-T-Zellen und regulatorischen
T-Zellen gestört ist“, so Prof. Atreya. „Die Treg sind dabei nicht in
ausreichender Konzentration vorhanden und die entzündungsfördernden
T-Zellen somit in der Überzahl.“

Körpereigene T-Zellen gewinnen und zurückführen

Der Ansatz der Erlanger Wissenschaftler: Aus dem Blut des Patienten werden
mittels Leukapherese, also der Blutzelltrennung, zuerst körpereigene
regulatorische T-Zellen gewonnen und diese anschließend im Reinraumlabor
vermehrt. Die körpereigenen Treg werden dem Patienten anschließend als
einmalige Infusion wieder zurückgegeben. PD Dr. Bosch-Voskens, Oberärztin
der Hautklinik (Direktorin: Prof. Dr. Carola Berking) des Uni-Klinikums
Erlangen, erklärt: „So wollen wir das natürliche Gleichgewicht der
verschiedenen T-Zellen im Darm wiederherstellen und die entzündlichen
Veränderungen der Darmschleimhaut damit zum Abheilen bringen. Im
Tiermodell hat sich bereits gezeigt, dass der therapeutische Einsatz von
Treg einen heilenden Effekt hat. Wir sind deshalb äußerst zuversichtlich,
dass dieser Ansatz auch bei Herrn Klaenfoth ein positives Ergebnis bringen
wird.“ Im DZI besteht für Patienten wie Tim Klaenfoth die besondere
Möglichkeit, im Rahmen von Studien eine neue Behandlungsoption
wahrzunehmen, die andernorts noch nicht zur Verfügung steht. Die Treg-
Studie im Sonderforschungsbereich Transregio 241 wurde in Kooperation mit
der Charité – Universitätsmedizin Berlin konzipiert und wird von Dr.
Bosch-Voskens und Prof. Atreya unter der Leitung von Prof. Dr. Markus F.
Neurath durchgeführt.

Weltweit erster behandelter Colitis-ulcerosa-Patient

Tim Klaenfoth ist der weltweit erste Patient mit Colitis ulcerosa, der die
Treg-Therapie erhalten hat. Nach nur etwa 30 Minuten hatte der 22-Jährige
die Infusion der aufbereiteten Zellen hinter sich. Im Anschluss wurden Tim
Klaenfoths Temperatur und Blutdruck regelmäßig kontrolliert: zuerst jede
Viertelstunde, danach jede Stunde und später alle drei Stunden – auch
nachts. „Die Infusion an sich habe ich vertragen. Durch die ständige
Überwachung bin ich etwas müde“, berichtet Tim Klaenfoth. Ansonsten gehe
es ihm gut. Hinter dem Präparat steckt jedoch jahrelange Forschung. Seit
2012 arbeiteten die Erlanger Wissenschaftler der Medizin 1 und der
Hautklinik daran, ein Produkt aus körpereigenen regulatorischen T-Zellen
in der benötigten Qualität und Menge herzustellen, das die
Entzündungsreaktion bei Colitis ulcerosa zurückgehen lässt. Das Ziel der
aktuell laufenden Phase-I-Studie ist es, die Verträglichkeit und
Sicherheit der Infusion von körpereigenen regulatorischen T-Zellen für
Patienten mit Colitis ulcerosa nachzuweisen. Die Erlanger Forscher
erwarten sich außerdem eine Aussage darüber, ob die Tregs tatsächlich in
den Darm einwandern und dort die aktive Entzündung der Darmschleimhaut
hemmen. So wollen sie es künftig ermöglichen, mehr Colitis-ulcerosa-
Patienten eine wirksame Therapie anbieten zu können.

„Weltweit wurden bisher ca. 160 Patientenfälle veröffentlicht, die eine
ähnliche Infusion mit regulatorischen T-Zellen erhalten haben. Der Einsatz
bei Colitis ulcerosa wurde bislang noch nicht erprobt. Wir sind daher sehr
stolz, diesen Therapieansatz nun bei uns in Erlagen weltweit zum ersten
Mal durchzuführen“, freut sich Prof. Neurath. Bei Tim Klaenfoths nächstem
Besuch am Uni-Klinikum Erlangen wird sich nach der geplanten
Darmspiegelung dann zeigen, ob die Entzündung zurückgegangen ist und die
Therapie erfolgreich war. „Meine Lebensqualität würde sich dadurch
mindestens verdoppeln. Ich möchte mich endlich wieder frei bewegen
können“, sagt Tim Klaenfoth. Damit stünde seinem erfolgreichen
Studienabschluss in Schweden nichts mehr im Weg und sein Traum von einem
Auslandsaufenthalt in Japan käme ein ganzes Stück näher.

  • Aufrufe: 241
Dr. Andrea Näke, Leiterin des Kinderdiabeteszentrums am Dresdner Uniklinikum, ihr Patient Daniel und seine Mutter.  Holger Ostermeyer  Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Gen-Diagnostik hilft Spezialisten in einem Drittel der Fälle Ursache von seltener Erkrankungen zu finden

Das Aufspüren seltener Erkrankungen, die Wahl einer adäquaten und sicheren
Therapie sowie die engmaschige Überwachung der betroffenen Patienten
bleibt eine große Herausforderung. Sie lässt sich nur fachübergreifend,
arbeitsteilig und im Rahmen eines internationalen Netzwerks leisten.
Darauf weist das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden anlässlich
des Welttags der Seltenen Erkrankungen am 28. Februar hin. In der
Europäischen Union gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als
fünf von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind.

Ein Spezialgebiet des Dresdner UniversitätsCentrums für Seltene
Erkrankungen (USE) ist die Diagnose und Behandlung seltener Erkrankungen
des Immunsystems. Derzeit befindet sich das Zentrum im Aufnahmeverfahren
für das mit EU-Geldern geförderte Europäische Referenznetzwerk „The Rare
Immunodeficiency, AutoInflammatory and AutoImmune Disease network“ (ERN-
RITA).

Daniel, Jessica-Emilia und Marcel sind drei Patienten mit einer seltenen
Erkrankung. Anlässlich des Welttags am 28. Februar sind die drei gern
bereit, offen über ihre Krankheiten zu sprechen. Die Bandbreite der
Symptome und die Konsequenzen ihrer Erkrankungen sind so vielfältig wie
die dahinterstehenden Geschichten sowie die Aktivitäten der Spezialisten
des Dresdner Uniklinikums. Diese fahnden nach einer Diagnose, um eine
möglichst erfolgreiche Therapie und die kontinuierliche, engmaschige
Betreuung dieser Patienten zu gewährleisten. „Im Rahmen des USE sehen wir
Neugeborene wie Daniel, der unter genetisch bedingtem Diabetes leidet, und
auch Erwachsene wie Marcel, der von einem Tag zum anderen mit den
Symptomen einer schwerwiegenden neurologischen Erkrankung konfrontiert
wurde. Typisch ist auch Jessica-Emilias Schicksal. Die Symptome zeigten
sich frühzeitig, aber deren Ursache wurde erst nach einer mehrjährigen
Odyssee gefunden“, sagt Prof. Reinhard Berner, Sprecher des
UniversitätsCentrums für Seltene Erkrankungen. „Entscheidend ist das
Zusammenwirken vieler Experten in interdisziplinären Fallkonferenzen, wie
sie nur in Zentren vorgehalten werden kann.“ „Es gibt nach wie vor großen
Handlungsbedarf bei der Diagnose und der anschließenden Behandlung dieser
Krankheitsbilder. Das betrifft nicht nur den weiteren Aufbau und Betrieb
der dafür notwendigen Zentrumsstrukturen in den spezialisierten
Krankenhäusern. Auch das Bewusstsein von Kliniken und niedergelassenen
Ärzten für seltene Erkrankungen sowie das Wissen um die Existenz von
Zentren, gilt es auszubauen“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer
Vorstand des Dresdner Uniklinikums. „Mit dem USE haben wir dafür eine
exzellente Basis geschaffen. Doch es bedarf einer dauerhaften wie
auskömmlichen Finanzierung, um die laufende Versorgung der Patienten und
die weitere Förderung der damit verbundenen Forschungsaktivitäten
dauerhaft sicherzustellen.“

Dr. Andrea Näke, Leiterin des Kinderdiabeteszentrums am Dresdner Uniklinikum, ihr Patient Daniel und seine Mutter.  Holger Ostermeyer  Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Dr. Andrea Näke, Leiterin des Kinderdiabeteszentrums am Dresdner Uniklinikum, ihr Patient Daniel und seine Mutter. Holger Ostermeyer Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Auch 2020 wurde dem USE ein breites Spektrum an Patienten vorgestellt, bei
denen eine seltene Erkrankung vermutet wurde. Lediglich ein Teil davon ist
bereits vorher im Dresdner Uniklinikum behandelt worden. Die
interdisziplinäre Fallkonferenz des USE hat schließlich 130 Patienten
besprochen. Dank der Kooperation mit der Klinik für Psychotherapie und
Psychosomatik ist es nun möglich, alle Patientenanliegen und
Beschwerdebilder abzudecken. Der Fokus im USE liegt neben der
interdisziplinären Diagnostik und Therapie auch auf der genetischen
Abklärung. Im vergangenen Jahr ließen sich auf der Basis von Genanalysen
rund 30 Prozent der Fälle aufklären.

Bei Daniels Diabetes wirken kleine Pillen genauso gut wie Insulinspritzen

Für seine Größe von 51 Zentimetern war Daniel bei seiner Geburt mit 2.575
Gramm viel zu schmächtig. Dies allein ist noch kein Grund für große
Besorgnis. Die Eltern waren überglücklich, hatten sie doch lange um dieses
Kind kämpfen müssen. Eine erste Blutzuckerbestimmung bei Entlassung aus
der Geburtsklinik war etwas erhöht, so dass der niedergelassene Kinderarzt
um erhöhte Sensibilität gebeten wurde. Bereits am fünften Lebenstag wies
dieser das Baby mit dem Verdacht auf einen angeborenen Diabetes in die
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Dresdner Uniklinikums ein. Bei
Kindern ab sechs Monaten erkranken 14 von 100.000 an einem autoimmunen
Diabetes mellitus Typ 1 und werden mit Insulin behandelt. Bei Neugeborenen
dagegen ist Diabetes eine absolut seltene Diagnose, denn dieser entsteht
ganz anders. Er wird auf einem Gen vererbt, was nur bei einer von 100.000
Geburten vorkommt.

Um Daniel vor einer lebensbedrohlichen Krise zu bewahren, musste auch er
umgehend Insulin injiziert bekommen. Eine halbe Einheit Insulin am Tag und
dafür Stillen nach der Uhr. Ein Gedanke, der seine Eltern verzweifeln
ließ: Würde ihr lang ersehntes Wunschkind ein Leben lang eng überwacht
werden und nur mit Insulinpumpe überleben? Der heute Zweieinhalbjährige
wurde ab sofort von einer erfahrenen Kinderdiabetologin intensiv betreut:
Die Leiterin des Kinderdiabeteszentrums, Dr. Andrea Näke, konnte innerhalb
kürzester Zeit die Weichen für die weitere Behandlung von Daniel stellen.

Ein Gentest bestätigt die Diagnose Neonataler Diabetes mellitus (NDM), bei
der die an der Insulinproduktion beteiligten Betazellen einen genetischen
Defekt aufweisen. Aber es gibt eine schonende Therapie. Daniels
Blutzuckerspiegel kann mit einem Wirkstoff behandelt werden, den
routinemäßig Patienten mit Diabetes Typ II – dem sogenannten Alterszucker
– bekommen. Die oral verabreichten Sulfonylharnstoffe fördern die
Freisetzung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse. Die in den verfügbaren
Tabletten enthaltene Dosierung ist nur für Erwachsene geeignet. Deshalb
stellt eine Apotheke nach guter Absprache individuell Kapseln mit 0,01
Milligramm her, die dann nach Körpergewicht dosiert werden müssen.
Mittlerweile hat sich ein Hersteller des Problems angenommen und bietet
den Wirkstoff als Suspension an. Medikamente für seltene Erkrankungen,
sogenannte „Orphan Drugs“ sind aufgrund der Entwicklungskosten und des
kleinen Absatzmarktes sehr teuer und so kostet auch dieser altbekannte
Wirkstoff als Orphan Drug ein Vielfaches des sonst Üblichen.

Daniel hat die transiente Form der Erkrankung und braucht derzeit keine
Therapie. Dr. Andrea Näke schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass er
irgendwann doch insulinpflichtig wird, auf etwa 50 Prozent ein. Bis dahin
gibt es lediglich regelmäßig Kontrolltermine in der Diabetesambulanz der
Dresdner Uni-Kinderklinik und die Vorfreude auf ein Geschwisterkind.

Innovative Immuntherapie gegen Marcels Muskelschwäche

Die Symptome der Myasthenie trafen Marcel Welk nahezu über Nacht. Als
Teenager trainierte der damals 17-Jährige für die Schwimmmeisterschaften
und war bereits mehrere Jahre als Rettungsschwimmer bei der DLRG tätig,
was ihn sehr prägte. Doch plötzlich fühlten sich seine Beine schlapp an,
sein Trainingspensum schaffte der heute 35-Jährige nicht mehr, weil sein
Körper immer schneller ermüdete. Das Wort Myasthenie kommt aus dem
Griechischen und heißt übersetzt Muskelschwäche. Schwach sind die aber
nur, weil die Übertragung der Impulse an der Kontaktstelle zwischen Nerv
und Muskel gestört ist. Grund dafür ist eine Autoimmunerkrankung, die bei
etwa 100 von einer Millionen Personen auftritt.

Je nach Schwere der Erkrankung lässt sich die Myasthenie gut mit
Medikamenten behandeln, auch wenn sie nicht heilbar ist. Auch bei Marcel
Welk verliefen die ersten Jahre nach der Diagnose noch ohne massive
gesundheitliche Einschränkungen. Doch bereits im Alter von 20 Jahren
zeigte sich, dass die Medikamente ihre Wirkung verloren haben. Seitdem
steht Dr. Ulrike Reuner von der Klinik für Neurologie im Uniklinikum
Dresden dem noch jungen Patienten zur Seite. Seine Erkrankung ist nicht
nur selten, sondern auch sehr komplex. Dies bedeutet, dass das Ärzteteam
der Neurologie kontinuierlich andere Fachbereiche mit einbeziehen muss.

Parallel ist Dr. Reuner immer wieder damit beschäftigt gewesen, mögliche
Alternativen zu bestehenden Therapien zu finden. Trotzdem kam es beim
Wettlauf zwischen neu verfügbaren Wirkstoffen und den immer schwerer
werdenden Symptomen bei ihrem Patienten immer wieder zu lebensbedrohlichen
Krisen. Eine der Ursachen dafür war, dass die Krankheit auch die
Atemmuskulatur betreffen kann. Mehrmals wurde Marcel deshalb auf die
neurologische Intensivstation eingeliefert und wurde künstlich beatmet.
Dr. Reuner begleitete ihn auch in diesen Phasen.

Über fünf Jahre saß Marcel Welk im Rollstuhl, da sein Körper zu schwach
zum Gehen war. Dass es ihm mittlerweile besser geht, liegt an einer
modernen immunmodulierenden Therapie, die er mittlerweile seit drei Jahren
bekommt. Dank des neuen Medikaments konnte er den Rollstuhl wieder
verlassen und hat erheblich an Lebensqualität gewonnen. Alle zwei Wochen
kommt Marcel nun ins Uniklinikum, wo ihm das Medikament per Infusion
verabreicht wird. Doch bevor damit Ende 2017 begonnen wurde, erarbeitete
das Team um Dr. Reuner eine sogenannte Standard Operating Procedure – kurz
SOP – eine mehrseitige, umfassend recherchierte Verfahrensanweisung. Nur
so lassen sich die mit der Gabe verbundenen Risiken minimieren.

Für Marcel Welk bedeutete das Jahr 2017 nicht nur medizinisch einen
Wendepunkt. Seitdem ist er glücklich verheiratet: „Meine Frau und mein
siebenjähriger Sohn haben mir in meiner schwersten Zeit immer zur Seite
gestanden“, berichtet er.

Jessica Emilias Klinik-Odyssee endet erst nach Jahren

Dass Jessica-Emilia im Kindergartenalter ab und an einmal mit Fieber über
mehrere Tage zu Hause bleiben musste, hatte ihre Eltern noch nicht
beunruhigt. Auch ihr größerer Bruder machte in diesem Alter viele Infekte
durch, die oft von Fieber begleitet waren. Die Fieberschübe bei Jessica-
Emilia entwickelten sich dagegen anders – sie waren keine Vorboten von
anderen Erkrankungen. Als Siebenjährige wurden die Fieberschübe immer
heftiger. Das Thermometer kletterte auf 41 Grad Celsius. Weder mit
Antibiotika noch mit fiebersenkenden Medikamenten ließ sich die Temperatur
anhaltend senken.

Deshalb bestanden die Eltern auf eine umfassende Untersuchung des Blutes.
Dabei gab es nur einen Wert, der anzeigte, dass bei Jessica-Emilia etwas
nicht stimmte: In ihrem Blut wurden über 100 Milligramm pro Liter des
Plasma-Eiweißes CRP nachgewiesen – etwa das Zwanzigfache des Normalwerts.
Dieses Eiweiß ist ein Indikator für Infektionen, Entzündungen oder
Gewebsschäden. Der viel zu hohe Wert war Anlass genug, das Mädchen in die
nahegelegene Kinderklinik einzuweisen. Doch die Ärzte fanden dort keine
weiteren Hinweise auf eine Grunderkrankung. Zwar litt Jessica-Emilia neben
dem Fieber unter unspezifischen Kopf- und Bauchschmerzen, aber mehr als
fiebersenkende Medikamente und Antibiotika konnten die Klinikärzte
aufgrund der fehlenden Diagnose nicht verordnen.

Bei einem erneuten ungewöhnlich heftigen, von deutlichen Muskel- und
Gelenkschmerzen begleiten Fieberschub, wurde die mittlerweile Neunjährige
in eine Berliner Kinderklinik eingewiesen. Über die Notaufnahme kam sie
aber nicht hinaus. Die Familie wurde wieder nach Hause geschickt. Immerhin
erhielt sie einen Termin in der dortigen Immunologischen Ambulanz, der
allerdings erst fünf Monate später stattfinden sollte.

Mit den immer regelmäßiger auftretenden Fieberschüben stieg der
Leidensdruck. Jessica-Emilia war so geschwächt, dass sie irgendwann nicht
mehr regelmäßig zur Schule gehen konnte. Ihre Mutter hatte inzwischen
intensiv recherchiert und stieß dabei auf das Zentrum für Seltene
Erkrankungen eines Uniklinikums in Baden-Württemberg. Dort wurde ihr nicht
nur ein Termin angeboten, sondern darum gebeten, in der fünfmonatigen
Wartezeit ein Fiebertagebuch zu führen und einen Gentest zu machen.

Doch die immer heftigeren Fieberschübe hielten die Familie und die
behandelnden Ärzte weiter in Atem. Es folgte die erste Einweisung ins
Dresdner Uniklinikum. Auch hier wurde entschieden, einen Termin in der
Spezialambulanz anzuberaumen und Jessica-Emilia bis dahin wieder nach
Hause zu entlassen. Ein nächster heftiger Fieberschub schwächte das
Mädchen jedoch so, dass sie nicht mehr allein aus dem Bett kam und sie
deshalb erneut in die lokale Kinderklink eingeliefert werden musste. Dort
stellten die Ärzte einen CRP-Wert von 300 Milligramm pro Liter fest, der
weiter anstieg. Nach fünf Tagen Krankenhausaufenthalt wurde Jessica-Emilia
notfallmäßig ans Dresdner Uniklinikum verlegt – drei Tage vor dem dort
ursprünglich anberaumten Termin in der Spezialsprechstunde.

Im Rahmen des stationären Aufenthalts nahm sich auch die auf pädiatrische
Immunologie spezialisierte Prof. Catharina Schütz Jessica-Emilias
Leidensgeschichte an. Es konnten zahlreiche mit Fieberschüben verbundene
Krankheitsbilder ausgeschlossen und auf der Basis eines Gentests endlich
eine Diagnose gestellt werden. Das Mädchen leidet unter dem sogenannten
TRAPS-Syndrom. Die fünf Buchstaben stehen für eine Kombination ganz
unterschiedlicher Krankheitsmerkmale. Auslöser ist die angeborene Anomalie
eines Proteins mit dem Namen „Tumor-Nekrose-Faktor-Rezeptor 1“. Es
verursacht bei den Patienten eine gesteigerte Entzündungsreaktion. Die
Herausforderung bestand nun darin, eine krankheitsspezifische Therapie zu
finden. Bei der Auswahl der Medikamente und der Dosierung ging das auf
Immunologie spezialisierte Team sehr behutsam vor.

Um die Symptome zu lindern, werden übliche antientzündliche Medikamente
eingesetzt. Eine weitere Option besteht darin, den für die überschießende
Immunreaktion und damit das Fieber relevanten Rezeptor zu blockieren
beziehungsweise die überschüssigen Botenstoffe zu neutralisieren. Seit
November 2019 bekommt Jessica-Emilia ein entsprechendes Medikament in
dreiwöchentlichen Abständen unter die Haut gespritzt. Zwar hat sie
weiterhin leichte Schübe, aber es sind weniger geworden, die zudem auch
nicht mehr so heftig ausfallen. Ein gutes Zeichen für den Erfolg der
Therapie ist, dass die mittlerweile Elfjährige auch ihren Schulalltag
wieder meistern kann, was sich in guten Noten widerspiegelt, wie der Vater
stolz bei einem der Kontrolltermine in der immunologischen Spezialambulanz
der Dresdner Uni-Kinderklinik berichtet. „Wir sind sehr dankbar dafür,
dass sich Frau Prof. Schütz so intensiv um unsere Tochter kümmert und sie
bei Fragen rund um die Uhr für uns erreichbar ist“, ergänzt Jessica-
Emilias Mutter.

Ein besonderer Fokus des USE in Dresden sind gerade solche
autoinflammatorischen und Autoimmunerkrankungen. Ursache sind meist
angeborene Störungen im Immunsystem, die fehlgesteuerte Immunreaktionen
hervorrufen und zu chronischen Entzündungen in verschiedenen Organen
führen können. Die Arbeitsgruppe von Prof. Min Ae Lee-Kirsch – sie ist
stellvertretende Sprecherin des USE – gehört zu den international
führenden Forschenden auf dem Gebiet der Interferonopathien. Aufgrund
dieser besonderen Expertise kommen Patienten und Familien nicht nur aus
ganz Deutschland, sondern auch aus dem europäischen Ausland nach Dresden,
um sich hier am USE vorzustellen. Dank dieser Expertise befindet sich das
Zentrum nunmehr im Aufnahmeverfahren für das mit EU-Geldern geförderte
Europäische Referenznetzwerk „The Rare Immunode-ficiency, AutoInflammatory
and AutoImmune Disease network“ (ERN-RITA).

UniversitätsCentrum für Seltene Erkrankungen (USE)

Das UniversitätsCentrum für Seltene Erkrankungen (USE) wurde im November
2014 eröffnet. Seitdem haben Patienten, deren Angehörige und ärztliche
Kollegen über 1.000 Anfragen ans USE gestellt. In mehr als 400 Fällen
wurden die eingereichten Akten – zum Teil umfassen diese über 200 Seiten –
aufbereitet, in einer interdisziplinären Fallkonferenz besprochen und eine
schriftliche Empfehlung ausgesprochen.

Das USE Dresden ist ein sogenanntes A-Zentrum nach den Empfehlungen des
Nationalen Aktionsplans für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE). Es
erfüllt damit koordinierende und krankheitsübergreifende Aufgaben und ist
zuständig für unklare Krankheitsfälle, die in interdisziplinären
Fallkonferenzen in einem Expertengremium vorgestellt und diskutiert
werden. Das Zentrum selbst untersucht und behandelt keine Patienten,
sondern verweist sie an die entsprechenden Fachzentren, sieht sich jedoch
auch in der Verantwortung, den Ratsuchenden zeitnah Antworten auf die
gestellten Fragen zu ermöglichen und Empfehlungen bezüglich der weiter zu
unternehmenden Schritte auszusprechen. Auch in den Fällen, in denen keine
seltene Erkrankung diagnostiziert wurde, versucht das USE, Antworten zu
geben, und ermöglicht in spezifischen Fällen, Vorstellungen in
angebundenen Fachdisziplinen. Es ist dem Zentrum ein besonderes Anliegen,
allen Ratsuchenden eine Antwort zu ermöglichen, um unter Umständen
jahrelange Odysseen der Patienten abzukürzen und über indizierte, adäquate
Behandlung aufzuklären.

Um die oft sehr komplexen Krankengeschichten zeitnah abklären zu können,
finden die Fallkonferenzen inzwischen wöchentlich statt. Um einen größeren
Kreis über die aktuellen Fälle und die daraus resultierenden Empfehlungen
fachübergreifend bekannt zu machen, veranstaltet das USE weiterhin
monatlich ein großes Board Meeting. In diesem Rahmen werden lehrreiche
Fälle – weiterhin unklare oder auch bereits geklärte – vorgestellt. Dies
dient auch der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses: Das Meeting steht
allen Studierenden offen.

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