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Gesundheit

Dr. Eugen Sandica  (Foto: Marcel Mompour).

Dreijähriger Junge erhält Spenderherz in Bad Oeynhausen

Dr. Eugen Sandica  (Foto: Marcel Mompour).
Dr. Eugen Sandica (Foto: Marcel Mompour).

Noahs Herz ist gesund. Es schlägt ganz regelmäßig und kräftig in der Brust
des dreijährigen Jungen, davon hat sich Dr. Eugen Sandica gerade bei einem
Termin in der Ambulanz des Kinderherzzentrums in Bad Oeynhausen überzeugt.
Erst vor zwei Monaten hat der erfahrene Herzchirurg und Klinikdirektor
Noah ein Spenderherz transplantiert. Jetzt hat für Noahs Familie wieder
ein ganz normales Leben begonnen. „Wir sind unendlich dankbar dafür, dass
die Eltern eines verstorbenen Kindes einer Organspende zugestimmt haben“,
sagen Markus N. und Delia P. „Das hat unserem Sohn das Leben gerettet.“

Herztransplantationen bei Kindern und Jugendlichen zählen zu den
regelmäßig durchgeführten, großen Operationen im Herz- und Diabeteszentrum
NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen. Dabei kommen sie im Vergleich zu
Herztransplantationen bei Erwachsenen eher selten vor. Mit mehr als 2.500
transplantierten Herzen, knapp 200 davon bei unter 16-Jährigen, ist die
Bad Oeynhausener Einrichtung das größte Herztransplantationszentrum in
Europa. „Jeder Eingriff am Herzen muss individuell beurteilt werden“, sagt
Dr. Sandica. In enger Zusammenarbeit planen und besprechen die beiden
Chefärzte des Zentrums für angeborene Herzfehler – Herzchirurg Dr. Sandica
und Kinderkardiologe Prof. Dr. Matthias Peuster - gemeinsam jeden
Behandlungsschritt für ihre Patienten. „Bei Noah wussten wir seit fast
einem Jahr, dass nur eine Herztransplantation helfen kann.“

Fast ein Jahr Wartezeit

Fast ein Jahr, solange musste der kleine Junge in der Klinik auf ein
Spenderherz warten, weil sein krankes Herz nicht mehr ausreichend Blut in
den Kreislauf pumpen konnte. Der damals Zweijährige wurde als Notfall in
Bad Oeynhausen aufgenommen. In einer mehrstündigen Operation implantierte
das Kinderherzteam ein künstliches Herzunterstützungssystem, das fortan
die Pumpfunktion für Noahs krankes Herz übernahm. In dieser Zeit machte
die Familie alle Höhen und Tiefen mit. „Die künstliche Pumpe diente zur
Überbrückung der Wartezeit auf das Spenderherz“, erläutert Dr. Sandica.

Das bleibt die einzige lebensrettende Lösung, weil zeitnah kein geeignetes
Spenderorgan zur Verfügung steht. Bis auf Deutschland, wo die Entscheidung
noch aussteht, haben sich bisher alle im Eurotransplant-Verbund
zusammengeschlossenen Länder zur Organspende auf eine gesetzlich geregelte
Widerspruchslösung geeinigt, um einen Anstieg der Spenderzahlen bewirken
und mehr Leben retten zu können. „Wir sind froh, Herzunterstützungssysteme
einsetzen zu können“, sagt Dr. Sandica. „Aber die beste Therapie ist nach
wie vor der Einsatz eines Spenderherzens.“

Weltweit führen die Bad Oeynhausener Herzspezialisten eines der größten
Programme für den Einsatz künstlicher Herzunterstützungssysteme und
Kunstherzen. Kinder sind stets auf einen großen, externen Maschinenantrieb
des Berlin Heart Systems angewiesen, mit dem sie über ein Kabel verbunden
sind.

Während der langen Wartezeit fanden die Eltern von Noah und seine große
Schwester Nele (6) im nahe gelegenen Elternhaus der Ronald McDonald
Stiftung ein Zuhause auf Zeit. „Es tut gut, hier andere betroffene
Familien zu treffen“, sagen sie. In dieser Zeit unterstützten sie die
„Herz für Kinder“-Aktion, die sich für das Thema Organspende engagiert.
Einer der Fürsprecher ist der ehemalige Box-Weltmeister Wladimir
Klitschko, der Noah sogar in Bad Oeynhausen besucht und sich über die
mögliche Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland informiert hat.
Ein Paar blaue Boxhandschuhe hatte Klitschko vor Ort am Krankenbett
signiert. Der kleine Kämpfer Noah hat das Geschenk jetzt mit nach Hause
genommen. Es bekommt einen Ehrenplatz im Kinderzimmer.

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Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 35.000 Patienten pro Jahr, davon
14.000 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren
seiner Art in Europa.

Das Kinderherzzentrum und Zentrum für angeborene Herzfehler des HDZ NRW
wird von Prof. Dr. Matthias Peuster, Direktor der Klinik für
Kinderkardiologie und angeborene Herzfehler, und Dr. Eugen Sandica,
Direktor der Kinderherzchirurgie und Chirurgie angeborener Herzfehler,
gemeinsam geleitet. Es zählt zu den international führenden Kliniken bei
der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit angeborenem Herzfehler und
ist zertifiziertes Zentrum für die Behandlung von Erwachsenen mit
angeborenen Herzfehlern (EMAH). Im Zentrum werden alle Arten von
angeborenen Herzfehlern im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter mit
modernsten Methoden therapiert. Jährlich werden hier über 1000 Operationen
und Herzkathetereingriffe mit herausragenden Ergebnissen auch im
internationalen Vergleich durchgeführt.

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Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München  Foto: DHS/Andreas Malkmus

Herzinfarkt-Vorsorge: Lebensstil ändern – aber nicht alles auf einmal!

Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München  Foto: DHS/Andreas Malkmus
Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München Foto: DHS/Andreas Malkmus

Sich ausdauernd bewegen, gesund ernähren und seine Herzinfarkt-
Risikofaktoren im Griff haben: für viele leichter gesagt als getan.
Herzspezialisten zeigen, worauf Gesunde und Herzkranke achten sollten

Unser Lebensstil ist in großem Maße für die Entstehung der koronaren
Herzkrankheit (KHK), der Grunderkrankung des Herzinfarkts, verantwortlich.
Insbesondere Rauchen, Übergewicht, Mangel an Bewegung, ungesunde Ernährung
mit zu viel Zucker, Kohlenhydraten und Fett sowie psychosozialer Stress
führen zu den Risikokrankheiten Bluthochdruck, Diabetes und
Fettstoffwechselstörungen. Erbliche Faktoren kommen hinzu. „Jeder sollte
sich beim regelmäßigen Gesundheits-Check ab 35 Jahren beim Hausarzt auf
diese Risikofaktoren für eine Herz- oder Gefäßerkrankung untersuchen
lassen. Damit senkt man sein Risiko einer schleichenden Gefährdung durch
unerkannten Bluthochdruck, Verengungen der Herzkranzgefäße oder sich
entwickelnde Herzrhythmusstörungen“, betont Prof. Dr. med. Heribert
Schunkert vom Vorstand der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik
für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München zum
Weltherztag. Aktuell bietet die Herzstiftung ihren Herzinfarkt-Risikotest
in neuer Überarbeitung zum Bestellen unter Tel. 069 955128400 oder unter
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. an.
Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation
von Herz- Kreislauferkrankungen (DGPR) macht die Herzstiftung mit ihrem
kostenfreien Ratgeber-Angebot unter www.herzstiftung.de/weltherztag.html
auf die Möglichkeiten der Vorsorge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen für
gesunde und herzkranke Menschen aufmerksam. Service für Herz-Rehakliniken:
ein Aktionspaket speziell für Reha-Patienten steht Herz-Kliniken und
-Praxen bereit unter www.herzstiftung.de/dgpr-aktionspaket.pdf

Reha-Spezialist: Nicht alles auf einmal ändern, mit Bewegung beginnen
Lautet die Diagnose Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte oder ein
verengtes Herzkranzgefäß, heißt das für die Betroffenen, möglichst rasch
ihren Lebensstil umzustellen und die Risikofaktoren mit Medikamenten
einstellen zu lassen. „Gerade bei mehreren Risikokrankheiten gleichzeitig
und einem engen Zeitkorsett im Alltag durch Arbeit und Familie ist diese
Umstellung für viele eine Herkulesaufgabe“, berichtet der Kardiologe Prof.
Dr. med. Bernhard Schwaab, DGPR-Präsident und Chefarzt der Curschmann-
Klinik am Timmendorfer Strand. „Das Rauchen einstellen, sich regelmäßig
ausdauernd bewegen, Abnehmen und dann noch Blutdruck und Cholesterinwerte
mit Medikamenten normalisieren – hier sollte man nicht den Fehler machen,
alles auf einmal zu ändern.“ Der Reha-Spezialist rät, mit Bewegung
anzufangen. „Man fühlt sich schnell besser, ist leistungsfähiger und kommt
dadurch auch besser mit der herzmedizinischen Behandlung zurecht.“
Außerdem schützt Bewegung nicht nur vor Arteriosklerose
(„Gefäßverkalkung“), sondern wirkt sich positiv auf andere Körper- und
Organfunktionen wie Zellerneuerung, Anregung der Hirnaktivität,
Stoffwechselprozesse in Leber und anderen Organen aus. DGPR und
Herzstiftung empfehlen regelmäßige Ausdauerbewegung an fünf Tagen die
Woche jeweils 30 Minuten. „Das können schnelles Gehen, Fahrradfahren,
Joggen, Walken, Ergometertraining oder Schwimmen sein“, bestätigt Prof.
Schunkert. „Auch wer beispielsweise täglich rund zehn Minuten zügig
spazieren geht, reduziert sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und
Diabetes.“ Wer lange nicht mehr sportlich aktiv war und herzkrank ist,
sollte vor dem Training von einem Kardiologen seine Belastungsfähigkeit
bestimmen lassen und das Trainingspensum besprechen.

Feste Ankerpunkte im Alltag erleichtern Lebensstiländerung
Zusätzlich zur Bewegung fördert die Mittelmeerküche, die auf Obst und
Gemüse, Salat, Hülsenfrüchte, wenig Fleisch, dafür eher Fisch, auf Oliven-
und Rapsöl und auf Kräuter anstelle von Salz setzt, das schrittweise
Abnehmen für ein gesundes Normalgewicht. „Wir propagieren die
Mittelmeerküche, weil sie den Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall,
aber auch vor anderen chronischen Leiden wie Diabetes und Krebs erhöht“,
bestätigen unisono Prof. Schwaab und Prof. Schunkert. Speziell der
tägliche Konsum von ausreichend Obst und Gemüse kann durch den relativ
geringen Energiegehalt dazu beitragen, Übergewicht zu vermeiden, das
wiederum Bluthochdruck begünstigt. Dazu schmecken die Gerichte der
Mittelmeerküche lecker und sind keineswegs fade (www.herzstiftung.de
/Rezept-Tipps-Mittelmeerkueche). Für Lebensstiländerungen sind meistens
alte gewohnte Strukturen im eigenen Leben aufzubrechen. „Das ist
schwierig. Oftmals ist es hilfreich, in sein Lebensumfeld feste
Ankerpunkte einzurichten: die regelmäßige Lauf-, Walker- oder
Herzsportgruppe im Verein, das mehrmalige gemeinsame Kochen mit der
Familie oder mit Freunden zu Hause und für Raucher der Austausch mit Ex-
Rauchern in der Selbsthilfegruppe“, so DGPR-Präsident Prof. Schwaab.

Tipp: Der Herzinfarkt-Risikotest der Herzstiftung zur Besprechung der
persönlichen Risikofaktoren für Herzinfarkt mit dem Hausarzt kann
kostenlos angefordert werden per Tel. unter 069 955128400 oder per E-Mail
unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Druckfähiges Bildmaterial zum Risikotest (Collage auch ohne farbigen Fond
möglich) unter: www.herzstiftung.de/presse/bildmaterial/risikotest

Ratgeber-Service zu den Risikokrankheiten von Herzinfarkt und
Schlaganfall:
Alle Ratgeber können auch telefonisch bestellt werden (Tel. 069
955128-400)

Ratgeber „Bluthochdruck: Was tun?“
www.herzstiftung.de/Bluthochdruck-Sonderband.html

Ratgeber „Herzprobleme bei Diabetes: Was tun?“
www.herzstiftung.de/Diabetes.html

Ratgeber „Hohes Cholesterin: Was tun?“
www.herzstiftung.de/cholesterin-ratgeber.html

Daten & Fakten zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen*
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache
in Deutschland. An Herz- und Kreislauferkrankungen starben 2017 insgesamt
über 344.500 Menschen (2016: 338.700). (Statistisches Bundesamt/Destatis,
2019).
Jährlich werden in Deutschland über 1,7 Mio. vollstationäre Fälle wegen
Herzkrankheit (koronare Herzkrankheit, Herzklappenerkrankung,
Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Angeborene Herzfehler) in einer
Klinik behandelt, davon allein fast 218.000 wegen eines Herzinfarkts. Über
207.000 Menschen sterben jedes Jahr an einer Herzkrankheit, davon ca.
48.700 am akuten Herzinfarkt (Deutscher Herzbericht 2018).

Die Risikokrankheiten für Herzinfarkt im Überblick
- Bluthochdruck: ca. 20 Mio. Erwachsene in Deutschland, davon ca. vier
Mio. unerkannte Fälle.
- Diabetes Mellitus: ca. 7 Mio. Betroffene.
- Fettstoffwechselstörungen (Gesamtprävalenz): Insgesamt haben 64,5 % der
Männer und 65,7 % der Frauen im Alter von 18 bis 79 Jahren
Fettstoffwechselstörungen (Gesamtcholesterin ≥190 mg/dl oder ärztliche
Diagnose einer Fettstoffwechselstörung); davon haben jeweils mehr als die
Hälfte der betroffenen Personen eine bislang unerkannte
Fettstoffwechselstörung.
- Rauchen ist nicht nur für Krebs und chronische Lungenleiden ein
Risikofaktor, sondern auch für Herzinfarkt und Schlaganfall. An den Folgen
des Rauchens sterben jedes Jahr in Deutschland zwischen 100.000 und
120.000 Menschen.

*Quellen:
Deutscher Herzbericht 2018
PLOS ONE: DOI:10.1371/journal.pone.0133493
Deutscher Gesundheitsbericht, Diabetes 2016; Bundesgesundheitsbl 2013
56:661–66
Robert Koch-Institut (2016), Gesundheit in Deutschland – die wichtigsten
Entwicklungen,
RKI Berlin

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Studienleiterin Prof. Dr. Stefanie Schüpke, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München.

Überraschende Erkenntnisse zur Therapie des Herzinfarkts

Studienleiterin Prof. Dr. Stefanie Schüpke, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München.
Studienleiterin Prof. Dr. Stefanie Schüpke, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der Technischen Universität München.

Nach einem Herzinfarkt oder bei einer instabilen Angina pectoris ist die
blutplättchenhemmende Behandlung mit Prasugrel für die Patienten besser
als mit Ticagrelor. Zu diesem unerwarteten Ergebnis kommt die vom
Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und dem Deutschen
Herzzentrum München finanzierte, industrie-unabhängige Studie ISAR-REACT
5, die jetzt auf dem ESC Kongress in Paris vorgestellt wurde.

Nach einem Jahr kam es in der mit Prasugrel behandelten Patientengruppe zu
weniger Herzinfarkten, Schlaganfällen und Todesfällen als in der
Patientengruppe, die Ticagrelor erhielt. „Auch das Risiko für Blutungen
war mit Prasugrel nicht erhöht“, sagt Studienleiterin Professor Stefanie
Schüpke vom Deutschen Herzzentrum München, Klinik an der Technischen
Universität München (TUM). „Das ist eine sehr gute Nachricht für die
Patienten.“ Aufgrund vorangegangener Studien zur Vorbehandlung bei einer
bestimmten Form des Herzinfarkts hatten die Wissenschaftler erwartet, dass
Ticagrelor als Gewinner aus dem direkten Vergleich mit Prasugrel
hervorgeht.

Beide Medikamente gehören zu den Blutplättchenhemmern, die Ärzte nach
einem akuten Koronarsyndrom (ACS) standardmäßig verordnen. Akutes
Koronarsyndrom ist ein Oberbegriff für schwerwiegende
Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Dazu gehören der Herzinfarkt und
die instabile Angina pectoris. Bei Letzterer treten wie bei einem
Herzinfarkt drückende, einschnürende Schmerzen im Brustraum auf, andere
Kriterien für einen Infarkt fehlen jedoch.

Die Plättchenhemmer sollen verhindern, dass die Blutplättchen verklumpen
und erneut Blutgerinnsel in den vorgeschädigten Herzkranzgefäßen bilden.
Bislang empfehlen die Behandlungs-Leitlinien der Europäischen Gesellschaft
für Kardiologie Prasugrel und Ticagrelor gleichermaßen. „Welches der
beiden Medikamente besser ist, wussten wir bislang nicht, da der direkte
Vergleich in einer ausreichend großen ACS-Population über ein Jahr
fehlte“, erklärt die DZHK-Forscherin Stefanie Schüpke. Diese Lücke wird
nun von den Ergebnissen der ISAR-REACT 5-Studie geschlossen. An der Studie
beteiligten sich 23 Zentren in Deutschland und Italien, insgesamt wurden
4.018 Patienten mit einem ACS untersucht.

Die Prasugrel-basierte Strategie ist der Ticagrelor-basierten Strategie
überlegen

In die Studie wurde das gesamte Spektrum von Patienten mit ACS
eingeschlossen: 41 Prozent der Studienteilnehmer wurden mit der Diagnose
Herzinfarkt mit ST-Streckenhebung (STEMI) aufgenommen, 46 Prozent mit
einem Herzinfarkt ohne ST-Strecken-Hebung (NSTEMI) und 13 Prozent der
Studienteilnehmer mit einer instabilen Angina pectoris. Der NSTEMI
unterscheidet sich vom STEMI unter anderem durch das Fehlen einer
bestimmten Hebung in einem Abschnitt des EKGs, der ST-Strecke. Bei allen
Patienten war eine Untersuchung mit dem Herzkatheter geplant.

Die Studienteilnehmer wurden zufällig einer Therapie mit Prasugrel oder
Ticagrelor zugeordnet. Patienten mit Ticagrelor-Therapie erhielten das
Medikament schon bevor die Ärzte ihr Herz mit dem Katheter untersuchten.
Mit Prasugrel wurden nur Patienten mit einem STEMI medikamentös
vorbehandelt. Aufgrund früherer Studienerkenntnisse erhielten Patienten
mit NSTEMI und instabiler Angina pectoris Prasugrel erst nachdem die
Herzanatomie bekannt war. Bei älteren Patienten (ab 75 Jahren) und
Patienten mit einem Gewicht unter 60 kg wurde die Erhaltungsdosis von
Prasugrel von 10 auf 5 mg pro Tag reduziert.

Die Mehrzahl der Patienten (84 %) wurde mit einer perkutanen
Koronarintervention behandelt, 2 Prozent erhielten eine Bypass-Operation
und 14 Prozent der Patienten wurden konservativ behandelt.

Nach einem Jahr trat der Endpunkt Tod, erneuter Herzinfarkt oder
Schlaganfall seltener bei mit Prasugrel behandelten Patienten auf (6,9 %)
im Vergleich zu Patienten, die Ticagrelor erhalten hatten (9,3 %).
Gleichzeitig war das Risiko für Blutungen mit der Prasugrel-basierten
Strategie nicht erhöht.
Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, sowohl bei einem STEMI als auch
bei einem NSTEMI und einer instabilen Angina pectoris Prasugrel zu
bevorzugen.

Komfortabler und günstiger

Obwohl die beiden Substanzen eine Hemmung der Blutplättchen bewirken, sind
sie chemisch ganz unterschiedlich aufgebaut. Ticagrelor ist ein
reversibler Plättchenhemmer, dessen Wirkung schneller nachlässt als die
von Prasugrel. Ticagrelor muss daher zweimal täglich eingenommen werden,
was den Patienten etwas mehr Therapietreue abverlangt. Prasugrel ist
hingegen ein irreversibler Plättchenhemmer. Es reicht, ihn einmal täglich
einzunehmen. Außerdem ist Prasugrel mittlerweile als Generikum erhältlich
und damit günstiger als Ticagrelor.

Relevanz der Studie für die Praxis

Die Studie löst das Dilemma, welches Medikament Ärzte Millionen von
Patienten, die jährlich ein ACS erleiden, verordnen sollten. Außerdem
erlaubt sie eine Individualisierung der Plättchen-hemmenden Therapie. Sie
unterstützt das Konzept, zunächst die Diagnose ACS mittels Herzkatheter zu
sichern und vermeidet so, dass Patienten Medikamente erhalten, die sie gar
nicht benötigen. Darüber hinaus untermauern die Daten die Sicherheit einer
reduzierten Prasugrel-Dosis bei Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko.

Professor Thomas Eschenhagen, Vorstandsvorsitzender des DZHK, lobt nicht
nur die hohe Qualität und die klaren Ergebnisse der Studie: „Die ISAR-
REACT 5-Studie ist in meinen Augen ein gutes Beispiel für klinische
Studien, die das DZHK fördern sollte: Wissenschaftliche Fragestellungen,
die unmittelbaren Nutzen für die Patientenversorgung haben, die aber sonst
niemand fördern würde. Der Vergleich von zwei (zu Studienbeginn) noch
unter Patentschutz stehenden Medikamenten wäre weder vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung noch von einem der Hersteller finanziert worden.
Deswegen hat sich das DZHK entschlossen, diese Studie zu unterstützen, und
wie man heute sieht, hat sich das mehr als gelohnt.“

Der Diskutant der Studie, Professor Gilles Montalescot vom Hospital Pitie-
Salpetriere in Paris, bezeichnete die Studie als Meilenstein, die die
klinische Praxis und die Behandlungsempfehlungen beeinflussen wird.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefanie Schüpke, Deutsches Herzzentrum München, Klinik an der
Technischen Universität München, schuepke(at)dhm.mhn.de

Originalpublikation:
Ticagrelor or Prasugrel in Patients with Acute Coronary Syndromes.
Schüpke S, Neumann FJ, Menichelli M, Mayer K, Bernlochner I, Wöhrle J,
Richardt G, Liebetrau C, Witzenbichler B, Antoniucci D, Akin I, Bott-
Flügel L, Fischer M, Landmesser U, Katus HA, Sibbing D, Seyfarth M,
Janisch M, Boncompagni D, Hilz R, Rottbauer W, Okrojek R, Möllmann H,
Hochholzer W, Migliorini A, Cassese S, Mollo P, Xhepa E, Kufner S, Strehle
A, Leggewie S, Allali A, Ndrepepa G, Schühlen H, Angiolillo DJ, Hamm CW,
Hapfelmeier A, Tölg R, Trenk D, Schunkert H, Laugwitz KL, Kastrati A;
ISAR-REACT 5 Trial Investigators. N Engl J Med. 2019 Sep 1. DOI:
10.1056/NEJMoa1908973

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Studie: Immer mehr Diabetespatienten nutzen Diabetes-Technologien

DDG kritisiert lange Genehmigungsverfahren für CGM-Systeme

Eine aktuelle Studie zeigt: Immer mehr Menschen mit Diabetes Typ 1 nutzen
eine Insulinpumpe. Insbesondere bei Kindern unter 15 Jahren ist sie
inzwischen eine Standardtherapie. Auch Systeme zur kontinuierlichen
Glukosemessung (CGM), wie Glukosesensoren, die Patienten zur
Blutzuckerbestimmung am Arm oder Bauch platzieren, haben eine breite
Akzeptanz gefunden.

Diese Technologien haben dazu beigetragen, die Therapie zu verbessern und
Komplikationen – wie schwere Unterzuckerungen – zu reduzieren. Die
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) fordert raschere
Bewilligungsverfahren der Kostenträger für Insulinpumpen und CGM.


Aktuelle Diabetestechnologien sind inzwischen ein fester Bestandteil in
der Behandlung des Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. So
veranschaulicht eine aktuell veröffentlichte Studie in Diabetes Care, dass
1995 gerade einmal ein Prozent der Diabetespatienten die Insulinpumpe
nutzte – heute sind es inzwischen über die Hälfte aller Patienten. „Die
deutlichste Zunahme ist bei Kleinkindern unter sechs Jahren zu
verzeichnen: Über 90 Prozent dieser Altersgruppe erhalten heute eine
Insulinpumpentherapie“, resümiert DDG Vizepräsident Professor Dr. med.
Andreas Neu.

In der Beobachtungsstudie an 96.547 Patienten mit Diabetes Typ 1 über
einen Zeitraum von 1995 bis 2017 zeigen die Autoren, dass auch
Glukosesensoren in der Therapie erheblich an Bedeutung gewannen. Hierbei
befindet sich ein Sensor mit einer winzigen Elektrode im
Unterhautfettgewebe, der regelmäßig den Glukosewert ermittelt. „Besonders
bei Kleinkindern unter sechs Jahren wird der Glukosesensor immer häufiger
eingesetzt“, führt Studienautorin Dr. med. Louisa van Boom, Oberärztin am
Clementine Kinderhospital Frankfurt, aus. „Das erspart ihnen den
unleidigen Pieks in den Finger und erleichtert Eltern den Alltag
erheblich.“

Auch Therapieerfolg und Sicherheit haben zugenommen: „Wir konnten
aufzeigen, dass sich der HbA1c-Wert bei Pumpenträgern gegenüber Patienten
mit Pen-Therapie verbessert hat“, so van den Boom. Zudem habe sich die
Anzahl der Patienten mit schweren Unterzuckerungen und Koma durch die
neuen Technologien deutlich verringert.

Die besondere Erfolgsgeschichte der CGM-Systeme bei Kindern sieht
Privatdozent Dr. med. Thomas Kapellen, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft
Pädiatrische Diabetologie der DDG (AGPD) in der Therapieerleichterung und
Verbesserung der Lebensqualität. Denn bei Kindern muss jederzeit mit
erheblichen Blutzuckerschwankungen gerechnet werden. „Unregelmäßige
Bewegung und Nahrungsaufnahme sowie Wachstumsschübe wirken sich erheblich
auf den Zuckerstoffwechsel aus. Die Insulindosis muss daher besonders
häufig und schnell angepasst werden, um gefährliche Unterzuckerungen zu
verhindern“, erklärt Kapellen, Leiter der Diabetes-Ambulanz für Kinder und
Jugendliche im Universitätsklinikum Leipzig. Dies lasse sich unkompliziert
und mit deutlich weniger Aufwand mithilfe einer Insulinpumpe
gewährleisten.

„Doch die CGM-Systeme werden Patienten meist nur nach einem langen
Genehmigungsverfahren unter zusätzlicher Begutachtung durch den
Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zugesprochen“,
kritisiert Kapellen. Dies sei unnötig, da die Leitlinien der DDG, der
ergänzende Begutachtungsleitfaden zur Bewilligung einer Insulinpumpe des
MDK sowie der Beschluss des G-BA zum rtCGM eindeutig für eine Erstattung
sprechen. „Eine verzögerte Bewilligung der kontinuierlichen Glukosemessung
belastet die betroffenen Familien nur unnötig“, ergänzt Neu.

Literatur:
Van den Boom, L., Temporal Trends and Contemporary Use of Insulin Pump
Therapy and Glucose Monitoring Among Children, Adolescents, and Adults
With Type 1 Diabetes Between 1995 and 2017, Diabetes Care 2019;42:1–7 |
<https://doi.org/10.2337/dc19-0345>

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Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9.000
Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen
Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und
Forschung, engagiert sich in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert
Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine
wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der
fast sieben Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem
Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.
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