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Gesundheit

Herzstiftung zu Laien-Reanimation: Alleinige Herzdruckmassage muss bundesweit Richtlinie werden

Untersuchungen an über 30.000 Patienten mit Herzstillstand belegen:
Ersthelferquoten bei Laien steigen deutlich nach Vereinfachung der
Wiederbelebung durch Verzicht auf Atemspende

Jedes Jahr erleiden ca. 65.000 Menschen in Deutschland ein plötzliches
Herzversagen und über 60.000 versterben daran. Das müsste nicht sein.
Viele könnten gerettet werden, wenn Zeugen (zumeist medizinische Laien)
sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen würden. Dies tun in
Deutschland aber nur etwa 40 %. „Wir haben in Deutschland immer noch das
Problem, dass Ersthelfer häufig nur die 112 wählen und bis zum Eintreffen
des Rettungsteams gar nichts tun, weil sie meinen, sie müssten zur
Herzdruckmassage auch die Atemspende durchführen. Viele Ersthelfer lähmt
diese Komplexität, zumal in einer Notfallsituation. Sie tun dann gar
nichts – aus Angst vor Fehlern, aus Ekel oder aus hygienischen Gründen“,
berichtet der Notfallmediziner Prof. Dr. med. Dietrich Andresen,
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, aus eigenen
Untersuchungen zusammen mit der Berliner Feuerwehr. „Dieses Nichtstun
bedeutet für den Notfallpatienten nach wenigen Minuten den Tod oder
schwerste bleibende Hirnschädigungen.“
Es ist nicht der Sauerstoff, der dem Körper in den ersten Minuten nach
einem Herzstillstand fehlt. Es ist der fehlende Blutfluss, so dass der
Sauerstoff nicht zum Gehirn transportiert werden kann. Nur durch die
Herzdruckmassage wird ein solcher Blutfluss hergestellt, mit dem der
Sauerstoff zum Gehirn gepumpt wird. „Wir wissen aus eigener Erfahrung aber
auch aus Studien, dass viel mehr Menschen den Mut haben bei Herzstillstand
zu reanimieren, wenn sie die alleinige Herzdruckmassage ohne Mund-zu-Mund-
Beatmung anwenden können“, betont der Herzspezialist. „Je einfacher das
Reanimieren wird, desto mehr Menschen getrauen sich zu drücken.“ Die Infos
zur Wiederbelebung unter: www.dhs.tips/herznotfall

Schweden: Vereinfachung der Reanimation treibt Ersthelferquote nach oben
In Schweden konnte die Reanimationsbereitschaft enorm verbessert werden,
nachdem die Leitlinien zur Laienreanimation von 2000 bis 2017 stufenweise
vereinfacht wurden. Zu diesem Schluss kommt eine Registerstudie an über
30.000 Patienten mit plötzlichem Herzstillstand. Die Ergebnisse wurden
aktuell in dem renommierten Fachjournal „Circulation“ der US-
amerikanischen Herzgesellschaft (AHA) veröffentlicht (*). Danach ist die
Anzahl der Reanimationen mit Herzdruckmassage, aber ohne Mund-zu-Mund-
Beatmung, von 5,4 % (im Jahr 2000) auf 30,1 % (im Jahr 2017) gestiegen. Im
gleichen Zeitraum sank die Anzahl der Patienten, die nicht reanimiert
wurden, von 59 % auf 32 %.

Studienerkenntnisse auch in Deutschland konsequent umsetzen
Diese Daten unterstreichen die Empfehlungen der Deutschen Herzstiftung,
dass eine Mund-zu-Mund-Beatmung nur von Personen angewendet werden sollte,
die auch nachhaltig gut ausgebildet sind und die einzelnen Schritte sicher
beherrschen. Eine einmalige Schulung reicht dazu nicht aus (**). „Da diese
Voraussetzungen bei medizinischen Laien in aller Regel nicht vorliegen,
sollten Laien bei Patienten mit beobachtetem Herzstillstand ausschließlich
eine Herzdruckmassage ohne Beatmung durchführen“, so Andresen.
Vor diesem Hintergrund weist der Kardiologe am Ev. Hubertus-Krankenhaus in
Berlin auf eine Unschärfe in den allgemeinen Empfehlungen zur
Laienreanimation hin: Die Patienten werden entkleidet dargestellt. „Die
Entfernung der Kleidung vor Eintreffen eines Defibrillators macht keinen
Sinn. Das Ausziehen kostet Zeit und für den einzelnen Laienhelfer nicht
selten auch Überwindung.“ Das führe dann dazu, dass Laien eher gar nichts
machen und damit die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich abnimmt. Die
Herzstiftung empfiehlt: Solange die wissenschaftliche Datenlage keine
anderen Erkenntnisse hervorbringt, führen Laien bis zum Eintreffen eines
Laien-Defibrillators (AED) die alleinige Herzdruckmassage durch, ohne
vorher die Kleidung des Patienten zu entfernen.

* Riva G., et al., Survival in Out-of-Hospital Cardiac Arrest After
Standard Cardiopulmonary Resuscitation or Chest Compressions Only Before
Arrival of Emergency Medical Services: Nationwide Study During Three
Guideline Periods, Circulation (2019; doi:
10.1161/CIRCULATIONAHA.118.038179)

** Andresen D., et al., Public access resuscitation program including
defibrillator training for laypersons: a randomized trial to evaluate the
impact of training course duration. Resuscitation. 2008 Mar;76(3):419-24.
Epub 2007 Oct 31 (doi: 10.1016/j.resuscitation.2007.08.019

Hilfreiche Tipps und kostenfreies Infomaterial
Herznotfall-Webseite
Die für Herzinfarkt und Herzstillstand erforderlichen Schritte, die
Ersthelfer wissen müssen, erläutert leicht verständlich die
Herznotfallseite der Herzstiftung www.dhs.tips/herznotfall

Ratgeber „Was tun im Notfall?“
Einen Ratgeber „Was tun im Notfall?“ (22 Seiten) mit einer Darstellung der
Herzinfarkt-Alarmzeichen und Erläuterungen zur Wiederbelebung für Laien
bietet die Herzstiftung kostenfrei unter Tel. 069 955128-400 oder unter
www.herzstiftung.de/herznotfall-set.html an.

Video-Clips
Herzdruckmassage lässt sich in weniger als einer Minute erlernen. Das
zeigt der Wiederbelebungs-Film unter www.herzstiftung.de/herzdruckmassage-
in-55-sek-lernen


Mut zur Wiederbelebung: Wie Michael B. gerettet wurde, zeigt ein Video-
Clip mit einer Nachstellung der wichtigsten Verhaltensmaßnahmen bei
Herzstillstand www.youtube.com/watch?v=DmdaLu6E0gE

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Schirmherrin Barbara Stamm (rechts, Vorsitzende der Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern) mit Dr. Paul Reuther (AG Teilhabe) und Helga Lüngen (Geschäftsführerin der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung)  ZNS – Hannelore Kohl Stiftung

Ein Jahr Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Wer weiß davon?

Schirmherrin Barbara Stamm (rechts, Vorsitzende der Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern) mit Dr. Paul Reuther (AG Teilhabe) und Helga Lüngen (Geschäftsführerin der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung)  ZNS – Hannelore Kohl Stiftung
Schirmherrin Barbara Stamm (rechts, Vorsitzende der Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern) mit Dr. Paul Reuther (AG Teilhabe) und Helga Lüngen (Geschäftsführerin der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung) ZNS – Hannelore Kohl Stiftung

Anfang März fand der 13. Nachsorgekongress der ZNS – Hannelore Kohl
Stiftung und der Arbeitsgemeinschaft Teilhabe, Rehabilitation, Nachsorge
und Integration nach Schädelhirnverletzung (AG Teilhabe) in Regensburg
statt. Wie auch in den Vorjahren trafen Vertreter der Bundes- und
Landespolitik, von Leistungs- und Rehabilitationsträgern sowie Betroffene
und Angehörige zusammen, um in zahlreichen Podiumsbeiträgen,
Diskussionsforen, Workshops und Interviews die aktuelle
Versorgungssituation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung zu
beleuchten. Besonderer Fokus lag auf dem neu geschaffenen Angebot der
Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB).

„Es ist so anstrengend, für mein Gehirn mitdenken zu müssen“, sagt die
sympathische Frau; ihre blauen Augen blicken offen ins Publikum. Andrea
Kuschel, der man ihre 58 Jahre nicht ansieht, steht neben der
Sozialpädagogin Gabriele Stamm. Beide zusammen bilden im Kreis Viersen –
nahe der niederländischen Grenze – ein Beraterteam der EUTB. Sie stellen
auf dem 13. Nachsorgekongress, der Anfang März in Regensburg stattfand,
ihre Tätigkeit vor. Die Sympathie, die ihnen von den 350 Teilnehmenden des
Kongresses entgegengebracht wird, ist förmlich mit den Händen zu greifen.
Kuschel ist selbst gelernte Pflegekraft und habe bis zu dem Moment, als im
Jahr 2007 eine Gehirnblutung ihr Leben schlagartig veränderte, zahlreiche
Fach- und Weiterbildungen absolviert – auch zum Thema Hirnschädigung. Aber
sämtliche Fortbildungen hätten sie nicht annähernd auf das vorbereitet,
was ihr seit der Hirnschädigung tatsächlich täglich abverlangt werde.

Von jetzt auf gleich aus dem alltäglichen Leben gerissen zu werden – ein
Schicksal, das sich Nicht-Betroffene kaum vorstellen können. Die Folgen
nach erlittenen Schädelhirnverletzungen sind weitreichend und erstrecken
sich in alle Lebensbereiche. Allein aufgrund von Unfällen erleiden 270.000
Menschen jährlich in Deutschland ein Schädelhirntrauma – zur Hälfte sind
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene betroffen. Ein Sechstel von ihnen
muss mit langanhaltenden oder dauerhaften Schäden des Gehirns weiterleben.
Für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen und deren Angehörige stellen
spezialisierte Nachsorge-Angebote eine große Chance dar, um Schritt für
Schritt den Weg in ein verändertes Leben zu finden.

Individuelle Angebote sind nötig, um umfangreiche Teilhabe zu ermöglichen

Der 13. Nachsorgekongress stand unter dem Motto: „Bundesteilhabegesetz-
Umsetzung: Impulse aus dem Labyrinth?“ Mit Einführung des Gesetzes zur
Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung,
kurz Bundesteilhabegesetz (BTHG) sollen Betroffene am sozialen Geschehen
beteiligt und in die Gesellschaft integriert werden.

Wie wichtig dabei individuelle Angebote für Menschen mit erworbenen
Hirnschädigungen sind, verdeutlichen durchgängig alle Beiträge des
Kongresses. Vielfach wurden die aktuellen Versorgungslücken angesprochen.
Dr. Fried Eckart Seier, Leitender Arzt der Klinik für Neurologische
Rehabilitation am Bezirksklinikum Regensburg, wies beispielsweise auf das
mangelhafte Angebot von spezialisierten Tagesförderstätten für
schädelhirnverletzte Menschen hin. Eine Unterbringung im Pflege- oder
Altenheim werde deren Bedürfnissen oft nicht gerecht. Ihre
Beratungsbedarfe seien individuell: Junge Menschen mit erworbenen
Hirnschädigungen stünden oftmals am Anfang der Lebensplanung, bei der sich
dringende Fragen nach Berufsweg und Familienplanung stellten. Hingegen
hätten Ältere eher Probleme, dass ihr soziales und berufliches Umfeld die
dramatische Veränderung schlecht akzeptieren kann. Seier: „Eine
entscheidende Herausforderung nach der Hirnschädigung ist die Schaffung
eines neuen Selbstbildes. Hier hat die Versorgung mit besonderen Facetten
im Leistungsangebot Rücksicht zu nehmen“.
Bedeutende Funktion kommt dabei der 2018 eingeführten Ergänzenden
unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) zu.

EUTB als Chance für beide Seiten: Betroffene und Beratende

Alfons Polczyk vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gab
einen Überblick über die neue Beratungssituation: 511 Beratungsstellen
sind inzwischen geschaffen, wofür der Bund jährlich 58 Millionen Euro zur
Verfügung stellt.
Ihre Funktion: durch individuelle Beratung den Betroffenen und ihren
Angehörigen gezielte Unterstützung anzubieten und damit die
selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu stärken. Die
Beratung soll unabhängig von den Leistungsträgern bzw. -erbringern und
gleichzeitig parteilich im Sinne des Ratsuchenden erfolgen. Hierbei spielt
die Peer-Beratung durch Betroffene und Angehörige eine große Rolle. Denn
aufgrund ihrer Erfahrungen können sie den Ratsuchenden Kenntnisse über das
System vermitteln.

Gabriele Stamm beobachtet beispielsweise während der gemeinsamen
Beratungen mit ihrer hirnverletzten Kollegin Andrea Kuschel, dass die
Ratsuchenden sehr viel schneller Vertrauen fassten, häufig andere Fragen
stellten und insgesamt eine viel größere Offenheit in der
Beratungssituation herrsche. „Ich muss mir fast schmerzhaft eingestehen“
verrät die Sozialpädagogin, „dass selbst die größte Empathie die
Diskrepanz zwischen theoretischem Einfühlen und dem Einfühlen aus eigener
Erfahrung nicht ersetzen kann“.

„Ich bin Fachexpertin für Hirnschäden. Ich habe selbst einen“

Andrea Kuschel drückt es mit anderen Worten aus: „Ich bin Fachexpertin für
Hirnschäden. Ich habe selbst einen, deshalb kann ich mich besonders gut in
die Lage der Geschädigten hineinversetzen“. Damit werde die Erfahrung mit
der Behinderung zur Qualifikation für die Beratung in der EUTB. „Wir sehen
die EUTB als einen wichtigen Schritt zur inklusiven Gesellschaft: aufgrund
der Zusammenarbeit in einem inklusiven Team, das stets auch über Haltung
und Ausrichtung reflektiert“, so Gabriele Stamm.
Für Kuschel als Betroffene sei es wichtig, wieder gebraucht zu werden, für
andere da sein zu können und am ersten Arbeitsmarkt beteiligt zu sein.
Offen spricht Kuschel aber auch Problematisches an: aufgrund der
halbseitigen Lähmung und des eingeschränkten Gesichtsfeldes entgingen ihr
oft Reaktionen in Mimik und Gestik des Gegenübers.
Deshalb sei die Tandem-Arbeit mit der Sozialpädagogin Stamm für beide
Beraterinnen ein Gewinn. Es sei notwendig, gemeinsam zu arbeiten und zu
lernen, um voneinander zu profitieren. Sich gegenseitig zu unterstützen,
damit Betroffenen die beste Unterstützung zuteil wird. Einem Statement
gleich äußerten sie den Wunsch, dass die EUTB sich als Marke etablieren
möge.

Die verschiedenen Redebeiträge und Ergebnisse der Workshops und
Diskussionsforen machten weitere Aspekte der Beratung deutlich: Zeit und
Raum für Individualität spielten eine bedeutende Rolle. Gabriele Stamm:
„Der Berater muss sich zurücknehmen und am Tempo und den Zielvorgaben des
Betroffenen ausrichten. Er ist nur der Lotse, der dem Kapitän hilft, das
Boot zu steuern – am besten mit der gesamten Crew, also zusammen mit den
Angehörigen, Therapeuten und möglicherweise auch den Ärzten und anderen
Helfern“. Anfangs sei sicher mehr Unterstützung nötig, aber das Ziel sei
es, dass der Ratsuchende irgendwann wieder eigenständig das Ruder in
seinem Leben übernehme, wenn möglich. Der Weg dahin müsse von ihm
selbstbestimmt sein.

Finanzierung der EUTB derzeit nur bis 2022 gesichert, „aber es muss
weitergehen“

Bei aller Begeisterung für das neue Beratungstool – einen Wermutstropfen
lieferte der Hinweis von Alfons Polczyk: Die Förderung der EUTB aus
Bundesmitteln sei derzeit nur bis Ende 2022 geregelt. Laut
Koalitionsvertrag soll die Finanzierung geschützt werden, allerdings
müssen die dafür notwendigen Haushaltsmittel ab 2023 erst noch bewilligt
werden. Für Polczyk ergibt sich damit einerseits die Chance, bei den
entsprechenden Verhandlungen anhand der tatsächlichen Bedarfe
nachzujustieren, aber auch das Erfordernis, nach neuen
Finanzierungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Eventuell müssten die
Mittel aus dem BMAS-Haushalt erwirtschaftet werden. Polczyk ist dennoch
optimistisch, dass das Instrument der ergänzenden unabhängigen Beratung
weiterhin bestehen bleibe: „Es gibt hier kein Zurück mehr“.

Appell des Behindertenbeauftragten für Teilhabe und Inklusion

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit
Behinderungen, Jürgen Dusel, betonte die Wichtigkeit einer guten
Schnittstellenarbeit. Die Abstimmung von medizinischen, beruflichen und
sozialen Belangen sei eine wichtige Voraussetzung, um Menschen mit
erworbenen Hirnschädigungen bestmöglich am Alltag teilhaben zu lassen.
Auch vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft müsse
Barrierefreiheit zum Qualitätsstandard werden. Er forderte weiterhin, dass
die Vermittlung von Wissen über Behinderungen Eingang gerade auch in die
medizinische Ausbildung finden müsse.
Darüber hinaus sprach er sich für ein stärkeres Miteinander in der
Gesellschaft aus: „Demokratie sind wir alle. Deswegen müssen alle Menschen
einbezogen sein, Demokratie braucht daher notwendigerweise Inklusion“.

Die Worte der ehemaligen bayrischen Landtagspräsidentin und Schirmherrin
des 13. Nachsorgekongresses Barbara Stamm betteten die gelungene
Veranstaltung ein: „Wir sind alle darauf angewiesen, dass es andere
Menschen gibt, die für uns da sind und für die wir da sein können. Der
Nachsorgekongress gibt Menschen mit erworbener Hirnschädigung und ihren
Angehörigen eine Stimme und vertritt in der Öffentlichkeit und im
gesellschaftlichen Diskurs ihre Interessen – das ist Lobbyarbeit im besten
Sinne.“

Bereits seit 2006 findet die Nachsorgekongressreihe statt und hat sich
inzwischen bundesweit für Betroffene, Praktiker aus Rehabilitation und
Nachsorge sowie für Vertreter der Kostenträger und Gesundheitspolitik als
interdisziplinäre Plattform zum konstruktiven Dialog etabliert. Besonderes
Kennzeichen dieser Veranstaltung: die inhaltsreichen Beiträge der
engagierten Redner und die gleichberechtigte Einbindung aller
Teilnehmenden liefert eine Basis, die direkten Austausch in einem
wertschätzenden Rahmen ermöglicht. Das Anliegen des Kongresses sei es
schon immer, Lösungen zu finden, die bedarfsgerecht an den Bedürfnissen
der Betroffenen und Angehörigen ausgerichtet sind, so die
Geschäftsführerin der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, Helga Lüngen. Im
kommenden Jahr findet der Nachsorgekongress in Dresden statt.

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Auf dem 11. TMF-Jahreskongress in Bonn diskutierten 160 Wissenschaftler Strategien und Best Practice für die enge Zusammenarbeit von Forschung und Versorgung.  TMF/Volkmar Otto

Forschen für Gesundheit: TMF-Jahreskongress stellt die Bedeutung der Translation in den Mittelpunkt

Auf dem 11. TMF-Jahreskongress in Bonn diskutierten 160 Wissenschaftler Strategien und Best Practice für die enge Zusammenarbeit von Forschung und Versorgung.  TMF/Volkmar Otto
Auf dem 11. TMF-Jahreskongress in Bonn diskutierten 160 Wissenschaftler Strategien und Best Practice für die enge Zusammenarbeit von Forschung und Versorgung. TMF/Volkmar Otto

160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer widmen sich in Bonn der engen
Zusammenarbeit von medizinischer Forschung und Versorgung
„Translationale Forschung ist angesichts des ungebrochenen Vormarsches der
großen Volkskrankheiten und des demografischen Wandels eine dringliche
Herausforderung. Von der schnelleren Umsetzung von Erkenntnissen der
wissenschaftlichen Forschung in den klinischen Alltag werden in erster
Linie die Patientinnen und Patienten profitieren“, sagte Prof. Dr.
Wolfgang Hoffmann (Universitätsmedizin Greifswald) als Tagungspräsident
zur Eröffnung des TMF-Jahreskongresses am 20. März 2019 im großen
Vortragssaal des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen
(DZNE) auf dem Bonner Venusberg. Dabei gelte es ebenso Fachgrenzen zu
überwinden wie eine Kultur der Datenteilung zu etablieren. „Insbesondere
heißt Translation: Rausgehen, Schauen, Zuhören, wo die offenen Bedarfe in
der Versorgung sind und diese gezielt durch Forschung füllen“, so Hoffmann
weiter. Dazu müssen Medizinforscherinnen und -forscher die
Rahmenbedingungen der Versorgung kennen und Betroffene aktiv in die
Forschung einzubeziehen.

Im Rahmen des 11. TMF-Jahreskongresses berieten medizinische Forscherinnen
und Forscher, Medizininformatikerinnen und -informatiker, Biobanken-
Expertinnen und -Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter der deutschen
Forschungsförderung über die Voraussetzungen für eine erfolgreiche
translationale Forschung in Deutschland. Gegenwärtig werden umfangreiche
Ressourcen und viel Zeit investiert, bis ein neues medizinisches
Diagnostik- oder Therapieverfahren den Weg vom Labor in die breite
Anwendung schafft. Die translationale Forschung möchte diesen Prozess
beschleunigen, sodass Patienten schneller von neuen Erkenntnissen aus der
Forschung profitieren. Translation ist ein komplexer Prozess, der
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Praxis vor große
Herausforderungen stellt. Sie erfordert interdisziplinäres Denken und
Handeln an den Schnittstellen zwischen Forschung, Klinik und Versorgung.
Dabei rückt der Mensch in den Mittelpunkt. Digitalisierung und
Personalisierung gelten als Schlüssel für den Fortschritt.

Als Gastgeber beschrieb Prof. Dr. Dr. Pierluigi Nicotera (DZNE) vor den
rund 160 Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern den Trend zur Forschung
an und mit großen Datenmengen: „Die internationalen Technologie-Konzerne
investieren massiv Mittel in diesen Bereich und beginnen mit der Ernte von
individuellen Gesundheitsdaten. Hier muss öffentlich geförderte Forschung
Schritt halten und selbst konkrete Beiträge zu einer besseren
Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten leisten.“ Zentral
hierfür sei die Zusammenarbeit der Forschenden auf nationaler und
internationaler Ebene. Das DZNE und die TMF arbeiteten für dieses Ziel
bereits Hand in Hand.

Die breite Beteiligung der deutschen medizinischen Verbundforschung am
diesjährigen TMF-Kongress unterstreiche laut TMF-Vorstandsvorsitzendem
Prof. Dr. Michael Krawczak (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein,
Campus Kiel) die Bedeutung des Kongressthemas: „Die schnelle Übersetzung
neuer grundlegender Erkenntnisse der medizinischen Forschung in die
passgenauere Versorgung einzelner Menschen ist eine große Herausforderung.
Die Voraussetzungen für eine personalisierte Medizin werden dabei nur im
Zusammenspiel verschiedener Fachgebiete und im bundesweiten Austausch von
Forschungsdaten zu schaffen sein.“ Dieses Credo des Mehrwertes der
standortübergreifenden Zusammenarbeit trage die TMF seit ihrer Gründung
vor 20 Jahren „in ihren Genen“. Innovative Versorgungsmodelle wie das
ebenfalls auf dem Kongress vorgestellte Zentrum für Personalisierte
Medizin Baden-Württemberg oder das computergestützte Interventions-
Management-System der DelpHi-Studie zur Verbesserung der Versorgung von
Demenzerkrankten in Mecklenburg-Vorpommern leisten einen wichtigen Beitrag
zu einer schnellstmöglichen und flächendeckenden individuellen
Diagnosestellung und Behandlungsstrategie.

Neben Querschnittsthemen wie Datenschutz, semantische Datenintegration,
Qualitätssicherung und Netzwerkmanagement prägten vor allem zahlreiche
Best Practice-Beispiele der translationalen Forschung das
Kongressprogramm. Digitale Tools und Instrumente der patientennahen
Forschung wie zum Beispiel die in Kooperation mit dem DZNE entwickelte
NEOTIV-App für die Alzheimer-Früherkennung ermöglichen, patientenerhobene
Daten als „Citizen Science“ in die wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse
einzubeziehen. Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch (Universitätsklinikum
Erlangen-Nürnberg) rief dazu auf, die aktive Teilhabe der Patientinnen und
Patienten an medizinischen Forschungsprozessen auszubauen. Hierzu stellte
er den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern die Idee eines zukünftigen
digitalen Patientenforschungsdatenportals vor.

Auch die Bundesregierung rückt die schnelle Translation zur Verbesserung
der Patientenversorgung in den Fokus des vor kurzem verabschiedeten
Rahmenprogramms Gesundheitsforschung. Mit der Gründung von zwei neuen
Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung sollen Forschung und Versorgung
noch enger vernetzt werden. Prof. Dr. Jutta Gärtner (Universitätsklinikum
Göttingen) informierte auf dem Kongress über den aktuellen Planungsstand
des neuen Deutschen Zentrums für die Kinder- und Jugendgesundheit.
Patientennahe translationale Forschung sei dabei ein wesentlicher
Erfolgsfaktor etwa für die Behandlung seltener Erkrankungen, die sich
zumeist im Kindes- und Jugendalter manifestierten. Mangels ursächlicher
Therapieoptionen verlaufen diese „allein gelassenen (engl.: orphan)“
Krankheiten noch allzu oft lebensverkürzend. Translationale Ansätze bieten
Chancen, dies zu ändern.

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Deutsche Leberstiftung: Mit künstlicher Intelligenz der Hepatitis C auf der Spur

Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit
mindestens 70 Millionen Menschen an einer chronischen Hepatitis C
erkrankt. Die Virusinfektion kann die Leber zerstören. In den letzten
Jahren wurden bei der Hepatitis C-Therapie große Fortschritte erzielt.
Behandelt werden kann die Erkrankung aber nur, wenn sie auch erkannt wird.
In Deutschland wird die Zahl der infizierten Menschen auf 250.000
geschätzt, viele wissen nichts von ihrer Erkrankung. Das Projekt DETECT
der Deutschen Leberstiftung verfolgt mit der Nutzung von neuronalen Netzen
einen neuen Ansatz zur Ermittlung von Prädiktoren für das Vorliegen einer
chronischen Hepatitis C. Ergebnisse wurden nun veröffentlicht.

In dem Projekt DETECT (PräDiktoren-Ermittlung für unerkannTe HEpatitis
C-VirusinfekTionen) konnten Gesundheitsdaten von mehr als 1,8 Millionen
Versicherten aus dem Zeitraum von 2009 bis 2014 ausgewertet werden, die
von den privaten Krankenversicherungen „Debeka“ und „HUK-COBURG“ in
anonymisierter Form zur Verfügung gestellt wurden. Die zuständige
Ethikkommission hat diese Datenauswertung positiv beurteilt.
Wissenschaftlicher Projektleiter war Priv. Doz. Dr. Markus Reiser,
Chefarzt der Medizinischen Klinik II der Paracelsus-Klinik Marl am
Klinikum Vest. Das Datenmanagement wurde von Jürgen Hirsch,
Geschäftsführer der Qyte Software & Solutions GmbH geleistet. Finanziell
unterstützt wurde das Projekt von der AbbVie Deutschland GmbH & Co.KG,
einem Partner der Deutschen Leberstiftung.

Die Krankenversicherungs-Daten wurden mittels einer künstlichen
Intelligenz, also einem neuronalen Netzwerk, auf Auffälligkeiten für das
Vorliegen einer möglichen Hepatitis C analysiert. Im ersten Schritt wurden
die Datensätze der 2.544 bekannten Hepatitis C-Erkrankungen extrahiert und
auf versteckte Hinweise auf die Infektion untersucht. Hierzu zählen
Diagnosen und Behandlungen von unspezifischen Begleiterscheinungen, die
bei einer Hepatitis C häufiger beobachtet werden, allein aber nicht
ausreichen, einen begründeten Verdacht zu äußern. Solche Verdachtsmomente
können Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Schilddrüsenerkrankungen, Depressionen
oder Diabetes sein. Ein künstliches neuronales Netz ähnelt einem Gehirn,
welches Informationen aufnimmt, bewertet und auf einer dreidimensionalen
Karte sortiert. Mit 1,8 Millionen Versicherten und jeweils einer Vielzahl
an ambulanten und stationären Diagnosen, Medikamentenverordnungen,
Krankentagen und anderen Variablen über einen Zeitraum von sechs Jahren
war die Datenmenge extrem groß und für diese Auswertung entsprechend ein
künstliches „Hochleistungsgehirn“ erforderlich.

„Den Forschungsansatz finde ich sehr spannend“ sagt Projektleiter Priv.
Doz. Dr. Markus Reiser, der sich seit mehr als 20 Jahren intensiv mit
Hepatitis C beschäftigt. “Viele Betroffene wissen nicht, dass sie mit dem
potentiell tödlichen Virus infiziert sind. Die Identifizierung von
Prädiktoren, die auf eine Hepatitis C schließen lassen, ist eine wichtiger
Beitrag zur Heilung dieser Menschen und auch zur geplanten Elimination der
Hepatitis C in Deutschland.“

Zentrale Fragestellungen des Forschungsvorhabens waren: Können die
bekannten Hepatitis C-Diagnosen mit Hilfe der künstlichen Intelligenz aus
dem Gesamt-Datenpool der 1,8 Millionen Versicherten wiedergefunden werden?
Und wie viele Versicherte zeigen auffällige Ähnlichkeiten ihrer
Gesundheitsdaten im Vergleich zu den Hepatitis C-Erkrankten? Ein
besonderes Augenmerk lag dabei auf den im letzten Beobachtungsjahr
diagnostizierten HCV-Infektionen, da diese Daten nicht durch die Diagnose
beeinflusst sein konnten.

Die umfangreichen und Wochen dauernden Analysen zeigten, dass mit dem
neuronalen Netz alle bekannten Hepatitis C-Virusinfektionen wiedergefunden
wurden: Sie zeigten sich an dem definierten Ort (in einem so genannten
Cluster) der Datenkarte; auch die erst in 2014 diagnostizierten
Infektionen wurden vom neuronalen Netz erkannt. Darüber hinaus wurden
2.217 Versicherte aufgrund der Ähnlichkeit ihrer „sozio-medizinischen“
Daten dem Cluster zugeordnet und haben damit eine potenziell höhere
Wahrscheinlichkeit, an einer noch nicht erkannten Hepatitis C erkrankt zu
sein. Aufgrund einer Vorgabe der Ethikkommission mussten alle Daten
anonymisiert werden, um das Recht auf „Nichtwissen“ zu schützen. Damit
waren die Kontaktaufnahme und das Angebot eines HCV-Testes ausgeschlossen,
sodass nicht geprüft werden konnte, ob die potentiell Betroffenen
tatsächlich an einer Hepatitis C leiden. Die Studienergebnisse wurden
jetzt im Journal of Translational Medicine veröffentlicht.

„Mit dieser Untersuchung konnte die Deutsche Leberstiftung einen neuen
Ansatz zur Identifizierung von Hepatitis C-Erkrankten aufzeigen“, betont
Prof. Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, die
Bedeutung des Projektes. „Ich danke den Krankenversicherungen und unserem
Partner AbbVie, ohne deren Unterstützung dieses Projekt nicht möglich
gewesen wäre sowie dem Projektleiter Priv. Doz. Dr. Markus Reiser und dem
Datenanalysten Jürgen Hirsch für ihre überaus engagierte Arbeit.“

Literatur: Reiser et al. Neural-network analysis of socio-medical data to
identify predictors of undiagnosed hepatitis C virus infections in Germany
(DETECT), J Transl Med (2019) 17:94 https://translational-
medicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12967-019-1832-4.

Deutsche Leberstiftung
Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen
und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung zu
verbessern. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung
die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher
erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet
außerdem Information und Beratung für Betroffene und Angehörige sowie für
Ärzte und Apotheker in medizinischen Fragen. Diese Aufgaben erfüllt die
Stiftung sehr erfolgreich.
Weitere Informationen: https://www.deutsche-leberstiftung.de.

JETZT NEU: Website-Relaunch der Deutschen Leberstiftung https://www
.deutsche-leberstiftung.de – wichtige Basisinformationen, umfangreicher
Service und Presseinformationen/-bilder im neu gestalteten Online-Portal
für Betroffene und Angehörige, Fachkreise sowie Medienvertreter.

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