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Gesundheit

Große Leber-Operation mit kleinen Schnitten

Krebspatient Klaus Kraft (links) im Gespräch mit Prof. Jürgen Weitz.  Stephan Wiegand / Medizinische Fakultät der TU DresdenErstmals am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden hat das Team um Prof. Jürgen Weitz, Direktor der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, einen von Krebs-Metastasen befallenen Leberlappen mit einem minimalinvasiven OP-Verfahren entfernt. Bei dem Ende Juli vorgenommenen Eingriff blieb dem 79-jährigen Patienten damit das standardmäßig angewandte Verfahren einer offenen Operation erspart: Statt einem rechtwinkligen, mehr als 30 Zentimeter langen Bauchschnitt reichten dem Dresdner Chirurgenteam vier kurze sowie ein etwa sieben Zentimeter langer Schnitt, um den rechten Leberlappen des an Darmkrebs erkrankten Mannes zu entfernen.


Einen Monat nach dem siebenstündigen Eingriff ist der Patient soweit genesen, dass er wieder ausgedehnte Waldspaziergänge unternehmen kann. Entscheidender Vorteil des minimalinvasiven Verfahrens sind ein geringerer Blutverlust bei der OP und eine niedrigere Komplikationsrate – unter anderem, weil die einzelnen kleinen Schnitte in der Bauchdecke die Risiken von Wundheilungsstörungen senken.

„Mit dieser erst von wenigen Spezialisten angewandten Operationsmethode setzt die Dresdner Hochschulmedizin ein weiteres Zeichen für seine führende Position in der Versorgung von Krebspatienten. Dazu tragen am Universitätsklinikum die chirurgischen Fächer ebenso bei wie Gynäkologie, die internistischen Fächer, die Strahlentherapie und die Urologie. Der auch durch dieses Verfahren vorangetriebene Ausbau der onkologischen Leberchirurgie und deren Kombination mit innovativen Transplantationstechniken sind ein wichtiger Schritt, auch auf internationaler Ebene die Zukunft auf diesem Gebiet mitzugestalten“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums

Tickende Zeitbombe in einem lebenswichtigen Organ

Die Leber übernimmt im Blutkreislauf eine wichtige Filterfunktion. Das führt bei Krebspatienten häufiger dazu, dass sich dort Tochtergeschwülste – Metastasen – ansiedeln, die die Leber zuvor aus dem Blut gefiltert hat. Sie sind eine tickende Zeitbombe, weil durch ihr fortschreitendes Wachstum gesundes Lebergewebe zerstört wird. Die Folge sind Stoffwechselstörungen und schließlich Leberversagen. Deshalb müssen Metastasen abgetötet oder entfernt werden. Letzteres übernehmen Bauchchirurgen wie Prof. Weitz, die über einen großen Erfahrungsschatz verfügen müssen: „Das stark durchblutete Organ bedeutet für uns Chirurgen eine große Herausforderung. Etwa zwei Liter Blut fließen pro Minute durch die Leber und die stärkste Vene ist daumendick. Wir müssen sehr präzise vorgehen, wenn wir einen großen Teil der Leber herausschneiden wollen“, erklärt der Klinikdirektor. Seit Team entfernt jährlich bei rund 120 Patienten Teilstücke des lebenswichtigen Organs. Sofern dort angesiedelte Metastasen günstig liegen, muss lediglich ein kleines Stück Leber herausgenommen werden. In diesen Fällen haben die Bauchchirurgen des Dresdner Uniklinikums auch bisher schon minimalinvasive OP-Verfahren genutzt. Doch wenn es darum ging, einen größeren Teil der Leber – möglich sind je nach Zustand des Patienten bis zu 80 Prozent – zu entfernen, wurde die Option der offenen OP gewählt. Möglich ist ein solcher Eingriff, weil sich das Organ regenerieren kann: Lebergewebe bildet sich nach der OP innerhalb von drei bis sechs Wochen neu. Damit gewinnt das Organ seine volle Funktionsfähigkeit relativ schnell zurück. In der Zwischenzeit macht sich die eingeschränkte Leistungsfähigkeit des reduzierten Organs beispielsweise durch Müdigkeit bemerkbar. Auch kann sich die Haut der Patienten aufgrund der verringerten Filterfunktion verfärben.

Schlüsselloch-Chirurgie kommt mit deutlich kürzeren Schnitten aus

Um einen Teil der Leber in einer offenen Operation zu entfernen, ist meist ein großer Schnitt notwendig, der vom Brustbein bis zum Bauchnabel oder in manchen Fällen von dort bis zur Höhe der rechten Flanke reicht. Die Öffnung kann bis zu 30 Zentimeter lang sein, wobei die Chirurgen größere Muskeln durchtrennen müssen. Der große Schnitt sorgt zwar dafür, dass die zu operierende Leber für die Chirurgen gut erreichbar ist, was auch zu einer relativ kurzen OP-Zeit von zwei bis drei Stunden führt. Doch diese Form des Eingriffs geht mit höherem Blutverlust sowie einem erhöhten Risiko an Wundheilungsstörungen einher. Patienten brauchen oft einige Wochen, um sich wieder problemlos bewegen und ihre Bauchmuskulatur belasten zu können. Bei der sogenannten Schlüsselloch-Chirurgie dagegen beschränkt sich der Eingriff auf vier kurze und einen etwa sieben Zentimeter langen Schnitt. In die kleineren Öffnungen führen die Chirurgen ihre Spezialinstrumente ein; ein etwas längerer Schnitt ist notwendig, um den abgetrennten Leberlappen mit den Metastasen aus dem Körper zu holen.

Klaus Kraft aus Brand-Erbisdorf ist der erste Patient, bei dem das Chirurgenteam um Prof. Weitz gut die Hälfte seiner Leber minimalinvasiv entfernt hat. Notwendig wurde dieser Eingriff, weil die Ärzte im Januar dieses Jahres Darmkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium bei dem 79-Jährigen diagnostizierten. Nachdem in einem ersten Schritt die Bauchchirurgen des Dresdner Uniklinikums im Februar ein Teilstück des Dickdarms ebenfalls mit dem schonenden OP-Verfahren entfernten, stellte sich heraus, dass der Tumor bereits gestreut hatte. Folge waren drei Metastasen in der Leber. Nach einer Erholungsphase folgte Ende Juli die zweite OP, um den betroffenen rechten Leberlappen ebenfalls minimalinvasiv zu entfernen. Die siebenstündige, von Prof. Weitz und Oberarzt Prof. Thilo Welsch vorgenommene Operation war ein voller Erfolg: „Nach aktuellem Stand ist der Patient zu 100 Prozent tumorfrei“, erklärt der Klinikdirektor.

Die Zeit nach der Operation gibt dem ungebrochenen Optimismus Recht, mit dem sich Klaus Kraft ein zweites Mal in die Hände der Chirurgen des Dresdner Uniklinikums begab. „Ich hatte vom ersten Tag an keine Schmerzen und konnte mich gut bewegen. Die Physiotherapeutin verblüffte ich mit meinem Wunsch, in der Klinik gleich Treppen steigen zu wollen“, erzählt der 79-Jährige. Gemeinsam mit seinem Bettnachbarn unternahm er Spaziergänge im Klinikumsgelände: „Ich hatte dabei gleich ein gutes Gefühl!“ Gut einen Monat nach der Operation bricht er mit seiner Frau zu ausgedehnten Waldspaziergängen auf. Auf der Suche nach Pilzen war er bereits wieder zwei Stunden in unwegsamem Gelände unterwegs. „Dass der Patient so schnell zu seiner Mobilität zurückgefunden hat, ist auch eine Folge des schonenden minimalinvasiven Eingriffs. Ich freue mich für Herrn Kraft, dass wir ihm mit dem modernen Operationsverfahren ein wichtiges Stück an Lebensqualität erhalten konnten!“, zeigt sich Prof. Weitz zufrieden.
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.uniklinikum-dresden.de/vtg

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Rheumastiftung zeichnet neue Forschungsidee bei Vaskulitis aus

Dr. Anja KersteinVaskulitiden sind entzündlich-rheumatische Erkrankungen der Blutgefäße, die schwere Organschäden hervorrufen und nicht selten lebensgefährlich verlaufen. Ein neuer Forschungsansatz bei einer besonders schweren Form, der Granulomatose mit Polyangiitis, siegte beim diesjährigen Ideenwettbewerb der Rheumastiftung. Die Idee von Dr. rer. nat. Anja Kerstein aus der Klinik für Rheumatologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, zielt auf die Identifikation neuer Therapieziele.


Die Granulomatose mit Polyangiitis (GPA) ist eine schwere, mit Wucherungen und Gewebezerstörung einhergehende Entzündung der Atemwege, der eine Entzündung der Blutgefäße im ganzen Körper folgen kann und die unbehandelt rasch zum Tode führt. Die Krankheit kann heute durch Medikamente relativ schnell unter Kontrolle gebracht, aber nicht geheilt werden, und die Komplikationen einiger Therapien können teilweise schwerwiegend sein.

Obwohl die Ursache noch unbekannt ist, sind einzelne Entwicklungsschritte der Krankheit aufgeklärt. Unter anderem weiß man, dass eine bestimmte Gruppe von Abwehrzellen, die sogenannten neutrophilen Granulozyten, auf ihrer Oberfläche Enzyme ausbilden, gegen die das Immunsystem unter dem Einfluss weiterer entzündungsfördernder Faktoren Antikörper produziert (sog. ANCA: anti-Neutrophile zytoplasmatische Antikörper). Die Folge ist, dass das fehlgeleitete Immunsystem körpereigenes Gewebe und Blutgefäße angreift und zerstört.

Kürzlich wurden neue Einflussfaktoren entdeckt, die an diesem Prozess beteiligt sind, so genannte Alarmine. Das sind körpereigene Substanzen, die unter bestimmten Umständen das Immunsystem aktivieren können. Sie könnten ein neues Ziel darstellen, um wirksam den Krankheitsverlauf in einem frühen Stadium zu unterbrechen. Die Forschungsidee zielt darauf, über die Beeinflussung der Alarmine die Entwicklung der Autoimmunreaktion zu unterbinden und damit die chronische Entzündung der Blutgefäße zu stoppen.

Dr. Anja Kerstein hat einen Masterabschluss in Molecular Life Science an der Universität Lübeck erworben und ist derzeit Postdoktorandin in der Klinik für Rheumatologie am UKSH Lübeck. Sie hat 2015 ihre Dissertation zu Alarminen in der GPA vorgelegt und bereits Arbeiten auf dem Gebiet der Vaskulitisforschung publiziert. Der Preis für den Ideenwettbewerb ist mit 2.500 € dotiert und wird in diesem Jahr mit freundlicher Unterstützung durch die Lilly Deutschland GmbH vergeben. Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung des 44. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie am 31. August in Frankfurt.

Die Rheumastiftung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und der Deutschen Rheuma-Liga gegründet. Sie ist die erste gemeinnützige Stiftung in Deutschland, die gemeinsam von der wissenschaftlichen Fachgesellschaft und der Patientenselbsthilfeorganisati

on getragen wird und die sich das Motto „Rheuma heilbar machen“ auf die Fahnen geschrieben hat. Die Rheumastiftung finanziert eine Stiftungsprofessur für Versorgungsforschung, fördert Forschungsprojekte und schreibt regelmäßig Ideenwettbewerbe für neue Forschungsideen aus, für die dann gezielt Mittel eingeworben werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) ist mit mehr als 1.500 Mitgliedern die größte medizinische Fachgesellschaft in Deutschland im Bereich der Rheumatologie. Sie repräsentiert seit mehr als 80 Jahren die rheumatologische Wissenschaft und Forschung und deren Entwicklung in Deutschland. Als gemeinnütziger Verein arbeitet die DGRh unabhängig und ohne Verfolgung wirtschaftlicher Ziele zum Nutzen der Allgemeinheit. Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.,

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Gewalt gegen ältere Menschen: Pflegeteams können Opfer schützen

Dr. Mark S. LachsEs ist eines der letzten großen Tabuthemen in der Öffentlichkeit: Gewalt gegen ältere, pflegebedürftige Menschen. Schläge, Beleidigungen oder auch finanzielle Ausbeutung finden im engsten Kreis statt. In der Familie, in Pflegeheimen oder auch in Kliniken. Nur kaum einer redet drüber. Dabei gibt es Strategien zur Hilfe. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) wollen deshalb aufklären. Wie können Misshandlungen erkannt und vor allem vorgebeugt werden? Darüber sprechen im Doppelinterview Dr. Mark Lachs vom Weill Cornell Medical College in New York und Prof. Dr. Susanne Zank von der Universität Köln.
Erhebungen zufolge berichtet jeder zehnte pflegebedürftig, alte Mensch in Deutschland von Übergriffen in seinem direkten Umfeld – wobei von einer großen Dunkelziffer auszugehen ist. Wieso ist dies so?

Prof. Dr. Susanne Zank: Es ist leider sehr, sehr schwer, verlässliche Daten über die Verbreitung zu erheben. Die Opfer schweigen aus Scham oder Angst. In der Familie sind sie psychologisch oder aus pflegerischen Gründen abhängig von den misshandelnden Familienmitgliedern. Wobei Misshandlung auch psychische Qual oder finanzielle Ausbeutung umfasst. Trotzdem haben die Opfer Angst, dass sie die Familie verlassen und in eine Institution ziehen müssten. Die Furcht vor einem Heim ist häufig so groß, dass die Opfer sich lieber schlecht behandeln lassen.
In der Pflege wiederum spielt Vernachlässigung eine große Rolle. So werden zum Beispiel Medikamente vorenthalten, Windeln selten gewechselt oder zu wenig Flüssigkeit angeboten. Da die Menschen sehr abhängig von den Pflegekräften sind, trauen sie sich manchmal nicht, sich zu beschweren. Selbst Angehörige, die unangemessenes oder gewalttätiges Verhalten der Pflegekräfte beobachten, schweigen mitunter aus Angst, dass sie den Pflegebedürftigen nicht wirklich schützen können. Und die Institutionen selber möchten natürlich nicht, dass entsprechendes Fehlverhalten publik wird.

Dr. Mark Lachs: Dass Fälle von Misshandlungen älterer Menschen so selten gemeldet werden, hat auch etwas damit zu tun, dass sie eher sozial isoliert sind als jüngere. Wenn ein Kind mit einer verdächtigen Verletzung in die Schule kommt, gibt es Lehrer und andere, die den Vorfall melden und notwendige Maßnahmen einleiten können. Alte Menschen – gerade jene, die in Rente sind – haben deutlich kleinere zwischenmenschliche Netzwerke, in denen Misshandlungen entdeckt werden können.

Wer sind die Täter?

Lachs: Anhand der wenigen Daten, die uns zur Problematik vorliegen, können wir feststellen, dass es sich bei den Tätern zumeist um die erwachsenen Kinder der Opfer oder auch um den Ehepartner handelt. Sie sind eher männlich, haben oder hatten in der Vergangenheit Probleme mit Medikamentenmissbrauch oder Drogen, leiden unter psychischen oder körperlichen Erkrankungen oder sind bereits mit der Polizei in Konflikt geraten. Zudem sind sie meistens sozial isoliert, arbeitslos oder in finanziellen Schwierigkeiten und leiden unter starkem Stress.

Immer wieder ist auch von Gewalt unter betagten Menschen zu hören, beispielsweise in Seniorenheimen. Woran liegt das? Und was lässt sich dagegen tun?

Lachs: Diese Art von Gewalt gegen ältere Menschen sehen wir in zunehmendem Maße, und wir müssen dem sehr viel Bedeutung beimessen. Nach unseren Erkenntnissen ist es wohl sehr viel wahrscheinlicher, in einem Seniorenheim Gewalt durch andere Bewohner zu erfahren als durch das Pflegepersonal. Dafür gibt es viele Gründe, aber ein bedeutender Faktor ist, dass in den Einrichtungen viele Patienten mit Demenz oder Verhaltensstörungen auf engstem Raum zusammenleben. Unsere Gruppe entwickelt und testet derzeit eine Interventionsstrategie, die Missbrauch zwischen den Bewohnern von Einrichtungen verhindern soll.

Zank: Menschen mit einer demenziellen Erkrankung missverstehen Verhaltensweisen von Mitbewohnern häufig auch als aggressives Verhalten oder Bedrohung. Hier können Pflegekräfte deeskalierend eingreifen. Wichtig ist vor allem die genaue Analyse des Geschehens: Was hat das aggressive Verhalten ausgelöst? Lässt sich ein Muster wiederkehrender Situationen erkennen? Und: Kann man diese zukünftig vermeiden?

Wie können die Opfer geschützt werden? Gibt es hierzu Strategien?

Lachs: Eine wichtige Strategie ist zunächst einmal die Erkennung von Missbrauch. Wir müssen erreichen, dass diejenigen, die in Kontakt mit älteren Erwachsenen kommen, auf Anzeichen von Missbrauch achten. Ärzte sind bisher in diesem Bereich noch nicht besonders involviert, obwohl sie manchmal die einzigen Personen sind, die außerhalb der Täter-Opfer-Beziehung Kontakt zum Missbrauchsopfer haben.
Ist ein Fall erst einmal bekannt, gibt es verschiedene Strategien, um gegen Missbrauch vorzugehen. Obwohl noch keine randomisierten kontrollierten Studien vorliegen, ist eine vielversprechende Strategie in den Vereinigten Staaten der Einsatz fachübergreifender Teams, in denen Spezialisten aus unterschiedlichen Gebieten (Medizin, Recht, Sozialarbeit, Wohnungswesen, Polizei) zusammenarbeiten und einen umfassenden Plan zum Schutz der Opfer erstellen. Ich glaube, dass sich diese Strategie auch sehr gut in vielen anderen Ländern und Gesellschaften anwenden lässt. Die Interventionsansätze sollten die gleichen sein.

Frau Professor Zank, welche politischen Weichenstellungen sind nötig, um Misshandlungen zu verhindern?

Zank: Für pflegebedürftige Menschen gelten die gleichen Rechte wie für alle anderen Menschen. Dennoch gibt es eine besondere Verantwortung von Staat und Gesellschaft, dass sie würdevoll und ohne Gefahr für Leben und Gesundheit versorgt werden. Allerdings bewegen wir uns rechtlich häufig in einer Grauzone.
Wir benötigen daher in Anlehnung an das Kinder- und Jugendhilferecht ein Altenhilferecht! Bei jedem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung findet eine Überprüfung statt – wesentliche Fragestellungen sind dabei, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und ob beziehungsweise welcher Handlungsbedarf besteht. Die Möglichkeit, eine solche Überprüfung durchzusetzen, gibt es bei alten Menschen nicht. Nur bei Gefahr für Leib und Leben liegt ein sofortiger Handlungsbedarf vor, befreit Pflegedienste von der Schweigepflicht und ermöglicht polizeiliches Eingreifen. Das sollte sich ändern.

Was können Angehörige, Pflegende und Ärzte, aber auch ältere Patienten selbst tun, um sich zu schützen?

Lachs: Beim Umgang mit älteren Personen wachsam bleiben. Machen Sie sich mit den Anzeichen und Symptomen vertraut. Gehen Sie Partnerschaften mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Institutionen in Ihrer Region ein, mit denen Sie gemeinsam Aufklärungsarbeit leisten und zusammenarbeiten können, um den Missbrauch von älteren Menschen zu verhindern.

Zank: In Institutionen: Gewalt nicht einfach hinnehmen! Stattdessen Ansprechen der Person, die sich falsch verhalten hat. Besprechung mit einer vertrauten Person wie der Bezugspflegekraft, Schicht- oder Heimleitung. Pflegende und Ärzte sollten durch Fortbildungen Sicherheit gewinnen in der Identifizierung von Misshandlung und Vernachlässigung. Zugleich sollten sie Interventionsmaßnahmen kennenlernen.
Angehörige und professionell Pflegende müssen auf Anzeichen von Überforderung, Erschöpfung, depressiven Symptomen bei sich achten und Hilfe annehmen. Das kann Beratung sein, die beispielsweise zur Nutzung von Entlastungsmöglichkeiten (Tagespflege, Urlaub, freiwillige Helfer, Selbsthilfegruppen) führt. In Institutionen sollte es Supervisionsangebote geben. Bei längerfristigen Belastungs- beziehungsweise Überforderungssituationen kann auch eine Psychotherapie indiziert sein.

Zu den Personen:

Dr. Mark S. Lachs ist Absolvent der New York University School of Medicine. Im Anschluss entschied er sich für ein zusätzliches Masterprogramm in Public Health an der renommierten Yale University. Dort war er dann auch einige Jahre als Assistant Professor of Medicine tätig, bevor er als Leiter der Geriatrie ans Cornell University Medical College wechselte. Seitdem bekleidet Mark S. Lachs zahlreiche Positionen im akademischen Bereich – er ist aber auch an vielen außeruniversitären Einrichtungen aktiv. Aktuell arbeitet Mark S. Lachs als Professor der Medizin am Weill Cornell Medical College. Er ist dort einer der Leiter der Abteilung für Geriatrie und Palliativmedizin. Daneben ist er Direktor des Bereichs Geriatrie für das New York Presbyterian Health Care System. Sein Interesse gilt dem Einsatz für ältere Menschen. Davon zeugen auch seine zahlreichen Publikationen, Lehraufträge und über 100 Gastvorträge, die sich mit der Vernachlässigung und Gewalt gegen ältere Menschen, ethischen Themen und der Finanzierung des Gesundheitswesens beschäftigen.

Prof. Dr. Susanne Zank studierte Psychologie an der TU Berlin und Vancouver/Canada und arbeitete u. a. als Psychologische Psychotherapeutin in der Gerontopsychiatrischen Tages- und Poliklinik der Universitätsklinik Berlin. Seit 2010 leitet Frau Prof. Zank den Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschaftlic

he Gerontologie an der Universität Köln und ist Direktorin des Zentrums für Heilpädagogische Gerontologie.
Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Belastungs- und Interventionsforschung bei pflegenden Angehörigen von Demenzpatienten, Interventions- und Rehabilitationsforschung bei alten Menschen und die Evaluation ambulanter und stationärer Versorgung. Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen entwickelte sie Erhebungsinstrumente zur Belastung pflegender Angehöriger und zum Screening von Depressionen, die sowohl in der Forschung als auch in der Praxis zur Qualitätssicherung einsetzbar sind. Ihr Team entwickelte ein Screeninginstrument zur Erfassung von Gewalt in der ambulanten Pflege und ein Fortbildungsprogramm für Pflegekräfte.
Dr. Mark Lachs wird seine Ergebnisse auf dem Jahreskongress der DGG und der DGGG vorstellen und gemeinsam mit den deutschen Kollegen diskutieren. Hierzu laden wir alle Vertreter der Presse bereits heute herzlich ein!

Jahreskongress der DGG (Deutsche Gesellschaft für Geriatrie) und der DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie) in Stuttgart 7. bis 10. September 2016

Mark S. Lachs, New York
Keynote-Lecture: „Elder Abuse: Advances in Science and Service“
Freitag, 09.09.2016
09.45 – 10.30 Uhr Haus der Wirtschaft (König-Karl-Halle)

Vortragssprache der Keynote ist Englisch. Um das Verständnis zu fördern, werden jedoch neben den englischen Slides simultan auch deutsche Slides gezeigt.
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.gerontologie-geriatrie-kongress.org

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Neugeborenen-Screening auf Mukoviszidose ab 1. September

Universitätsklinikum Jena bietet Früherkennungsmöglichkeit an / Jährlich über 140 Mukoviszidose-Patienten in Behandlung

Wenige Tropfen Blut aus der Ferse reichen aus, um bei Babys einen Verdacht auf Mukoviszidose zu stellen: Ab dem ersten September wird das Neugeborenen-Screening auf die schwere, angeborene Erkrankung bundesweit und damit auch am Universitätsklinikum Jena (UKJ) eingeführt. Eltern können ihr Neugeborenes freiwillig auf die unheilbare Erbkrankheit testen lassen. „Betroffene haben durch Nutzung der heutigen Therapiemöglichkeiten eine Lebenserwartung von durchschnittlich 40 Jahren. Vor 50 Jahren verstarben Kinder mit Mukoviszidose in der Regel im Vorschulalter“, sagt PD Dr. Jochen Mainz, Leiter des Mukoviszidose-Zentrums der Kinderklinik am UKJ. Das zertifizierte Zentrum, in dem jährlich über 140 Patienten interdisziplinär betreut werden, bietet die erforderlichen Untersuchungen und gezielte Behandlung an.
Mainz wertet die Einführung des Screenings als einen bedeutenden Fortschritt in der Früherkennung der Stoffwechselkrankheit, bei der im Verlauf vor allem die Lunge durch zähen Schleim zerstört wird. „Indem Mukoviszidose früher diagnostiziert wird, kann eine gezielte Therapie schneller eingeleitet werden. Dadurch können wir das Auftreten von Krankheitserscheinungen an Organen, neben der Lunge, Bauchspeicheldrüse, Darm und Leber, verlangsamen und insbesondere die Lungenfunktion verbessern. Die Lebenserwartung und die Lebensqualität für die Patienten werden so verbessert.“
Deutschlandweit leiden rund 8000 Menschen an Mukoviszidose. Laut dem Selbsthilfeverein Mukoviszidose e.V. kommen jährlich 200 Kinder mit der Erkrankung zur Welt. Bisher konnte sich eine Diagnose hinziehen. „Seit der Einführung des erweiterten Neugeborenen-Screenings in Deutschland, vor 12 Jahren, wird mit der Untersuchung auf Mukoviszidose erstmals eine weitere Erkrankung in das Neugeborenen-Screening integriert“, erklärt Dr. Ralf Husain, Leiter des Thüringer Stoffwechselzentrums am UKJ.
Bei auffälligem Screening sollen die entsprechenden Spezialisten kontaktiert werden, so Husain: „Wenn der Bluttest einen auffälligen Befund ergibt, dann bedeutet es noch nicht, dass Mukoviszidose vorliegt, sondern ein erster Verdacht geprüft werden muss. Eltern werden dann an ein zertifiziertes Mukoviszidose-Zentrum verwiesen, wo ein Schweißtest erfolgt. Hierbei ist nicht die sehr eilige Durchführung, sondern die Qualität entscheidend. Meist ist dieser erst in der dritten Lebenswoche aussagekräftig. Weitere Untersuchungen bringen Gewissheit.“
Laut Husain wird letztlich bei einem von fünf Kindern mit auffälligem Screening tatsächlich Mukoviszidose diagnostiziert. Am UKJ finden die Eltern sowie alle ärztlichen Kollegen kompetente Ansprechpartner für die untersuchten seltenen Erkrankungen. „Besonderes Augenmerk wird auf die Begleitung der Eltern in der Zeit zwischen Mitteilung des Verdachts und Bestätigung bzw. Ausschluss der jeweiligen Erkrankung gelegt. Hier können wir aufgrund unserer Erfahrungen eine bestmögliche Unterstützung, in der für die Eltern sehr belastenden Zeit, bieten“, sagt Mainz.
 
Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.uniklinikum-jena.de

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