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Lifestyle

Luzerner Theater: Lehman Brothers, Première 15. April 2016, besucht von Léonard Wüst

Luzerner Theater: Lehman BrothersAufstieg und Fall einer Dynastie

Schauspiel von Stefano Massini
Schweizer Erstaufführung


Produktionsteam

Matthias Kaschig Inszenierung
Michael Böhler Bühne
Stefani Klie Kostüme
Michael Frei Musik
Roman Kuskowski Video
Sebastian Pircher Video
Carolin Losch Dramaturgie

Besetzung

Jörg Dathe Emanuel Lehman, Hans-Caspar Gattiker Herbert Lehman, Felix Knopp Henry Lehman, Bettina Riebesel Mayer Lehman, Marcus Signer Robert Lehman

Rezension:

Eine über 160-jährige Familiengeschichte, Dynastien Chronik, die sich über den amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865), zwei Weltkriege und zumindest drei industrielle, digitale und gesellschaftliche Revolutionen erstreckt, in eine dreistündige Handlung zu verpacken und den Zuschauern zu vermitteln, erscheint ein fast aussichtsloses Unterfangen. Trotzdem stellte sich das Schauspielteam des Luzerner Theaters dieser Herausforderung und brachte das Schauspiel von Stefano Massini als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne. Der Eindruck ist zwiespältig, das Ensemble, die Inszenierung und das Bühnenbild (inklusive Diaprojektionen) wie immer mehr als auf der Höhe der Aufgabe, die Handlung halt doch zu plakativ, reduziert auf das Feindbild des geldgierigen Bankers und den Lockruf des schnellen Profits und des gesellschaftlichen Anerkennung, verbunden mit dem Aufstieg in das Establishment. Symbolisch die drei, in den 1840er Jahren von Rimpar in Bayern, beschnittene Söhne eines jüdischen Viehhändlers, in die Vereinigten Staaten eingewanderten Brüder Lehmann. Heyum, hier Henry genannt, der Kopf (Stratege), Emanuel, der Arm (Macher) und Mayer, das Gemüse (der Unauffällige, Verbindende). Zusammen bauten sie nach und nach ein Imperium auf, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dem untrüglichen Riecher für das Machbare, dem Instinkt für die weitere wirtschaftliche Entwicklung, der nötigen Risikobereitschaft bei Investitionen in noch unbekannte Geschäftszweige, der erforderlichen Zurückhaltung bei allzu unsicheren Erfolgsaussichten, manchmal auch einfach auf den schon rollenden Zug aufspringend. Sie waren auch der ersten, die erkannten: Ich kann jemandem Kampfflugzeuge und die dazu passende Munition verkaufen, dem jeweiligen Gegner Fliegerabwehrkanonen mit entsprechender Munition. Mit dem Erfolg wuchs auch die Gier nach noch mehr Geld, damit auch grössere Macht und mehr Einfluss. Die Welle der ungebremsten Euphorie und der allgemeinen Hysterie und der Hype über den weltweiten wirtschaftlichen Aufschwung, spülte die Lehman- Dynastie nach ganz oben, Generationen übergreifend. Als Mitbegründer der Wall Street waren sie auch Strippenzieher sowie Pioniere der Devise: Geld macht Geld, alles lässt sich vergolden. Zitat: Wir benutzen Geld, um Geld zu kaufen, um Geld zu verkaufen, um Geld zu verleihen, um Geld zu wechseln.  Nicht die Arbeit bringt die grosse Rendite, sondern der Handel und die Einflussnahme auf denselben. Die Lehmans, noch in der Zeit der Sklaverei in die neue Welt gekommen, nutzten alle Ressourcen, manipulierten Menschen und Märkte, immer mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, erschufen so eine Art Baal, dem Gott, dem man alles opfert, ob Privatleben, Familie, Ideale und als Quintessenz schlussendlich jegliche Moral und gesellschaftliche Verantwortung. Da wurden imaginäre Werte, ein monumentales, verschachteltes Konstrukt geschaffen, ein zeitgenössischer Turmbau zu Babel auf einem absolut instabilen Fundament. Obschon allen klar ist, dass das Ganze in sich zusammenstürzt, falls jemand den realen Gegenwert in Form von Geld einfordern würde, drehte sich das Karussell unaufhörlich weiter und entwickelte eine Eigendynamik, die nicht mehr zu stoppen ist und auch durch die Verursacher nicht gestoppt werden wollte. Zu sehr war man trunken von der vermeintlichen Geldmaschine, vom goldenen Kalb, von der eierlegenden Wollmilchsau. Da erste Mal, bei der Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 begann, ging alles nochmal gut, da alle das Spiel trotzdem weiter spielen wollten, nachdem sich einige Trader das Leben genommen hatten und einige Posten bereinigt waren. Im September 2008 hingegen war das grosse Spiel der Leman Brothers definitiv zu Ende, der instabile Turm stürzte in sich zusammen, wie sieben Jahre zuvor die Twin Towers und riss auch viele Kleinanleger, vor allem Immobilienbesitzer, mit ins globale Elend. Die Hinterlassenschaft sind unglaubliche 613 Milliarden Dollar Schulden. Zum Vergleich:16.77 Billionen USD beträgt das *Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA im Jahre 2013. Über 70% der involvierten Banker sind heute noch in ähnlichen, führenden Positionen in andern Geldinstituten tätig, weshalb sich auch kaum signifikant etwas geändert hat, ausser, dass vielleicht nicht mehr so geprotzt wird wie vorher. Bei Boni und sonstigen Vergütungen machen aber die Arroganten keinerlei Abstriche, während ein Grossteil der Anleger sich mit grad mal 17 Prozent ihrer Forderungen abspeisen lassen mussten. Pikant und Ironie des Schicksals: zum eigentlichen Zeitpunkt des Crashs, war kein Mitglied der Familie Lehman mehr an führenden Positionen der Bank beschäftigt. Auf der Bühne des Luzerner Theater wurde das Werk brillant interpretiert von den hervorragenden Schauspielern, die alle mindestens drei verschiedene Rollen spielten und verblüffend mühelos zum Beispiel die Metamorphose vom Banker zur umworbenen Braut schafften. Marcus Signer glänzte mit hinreissender Mimik bei der Verkörperung von Pauline Sondheim. Die Inszenierung schaffte eine Dichte, ohne überladen zu sein, die Story wurde real übermittelt und schaffte Spannung, obwohl der Ausgang der Geschichte ja allen schon vorher bekannt war. Das Bühnenbild und die Requisiten dem Lauf der Geschichte angepasst, zu Beginn ( bei der Einwanderung der Lehmans) agierten die Protagonisten in weissem Outfit, Boxershorts und Unterleibchen, später ( nach dem Aufstieg) in entsprechender Bankerkleidung, zuerst die Fassade eines einfachen Kurzwaren/Handelsladens in Montgomery (Alabama) zum Schluss die angedeutete Skyline Manhattans, in deren Zentrum die Wall Street, also auch die  New York Stock Exchange (NYSE),die größte Wertpapierbörse der Welt, beheimatet ist. Auch die Darstellung der unterschiedlichen Charaktere war sehr eindrücklich und überzeugend, teilweise mit minimalen Mitteln, einem Bart oder einem Hut, schufen sie eine glaubwürdige Verwandlung in eine völlig neue Person. Das war fast schon genial. Auch die überraschende Szene mit dem Hochzeitskleid ist sehr gelungen und originell. Eigentliche Bilanz wurde nicht gezogen, das Ende offen gelassen und der Zuschauer wird genötigt, seine persönliche Konsequenz aus diesem „Monopoly“ der abgehobenen, weltweit tätigen Finanzhaien zu ziehen. Einem Spiel, bei dem die Gewinne von den Spielern vereinnahmt, die Verluste aber verallgemeinert werden.

Heute ist es ja noch einfacher, jegliche Verantwortung zu negieren, wird doch der Börsenhandel grossmehrheitlich von Grossrechnern aufgrund von Algorithmen erledigt, des sogenannte das „Algo-Trading“. Computer, Server und Netzwerke sind aus dem heutigen Wertpapiergeschäft nicht mehr wegzudenken. Während sich die Marktakteure in den Anfangsjahren der Aktienbörse noch persönlich gegenüberstanden, werden Wertpapiergeschäfte heute elektronisch und anonym abgewickelt. Es ist also so, dass Transaktionen innerhalb von 250 Mikrosekunden abgewickelt werden. Zum Verständnis: Das ist ein Viertausendstel einer Sekunde.

Fazit: Eine vollumfänglich gelungene Adaption einer eigentlich einfachen Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Dynastie, wie sie auch bei Monarchien, Diktaturen usw. vorher und nachher vorkamen. Wie ein Blick in den Wirtschaftsteil einer Zeitung zeigt, wird nach wie vor unverantwortlich spekuliert, ob mit Gütern des täglichen Gebrauchs, Waffen etc.. Warentermingeschäfte mit Lebensmitteln verstärken die Not grosser Bevölkerungsteile, die sonst schon unter Hunger zu leiden haben Absehbar, dass es auch bei einem allfälligen weiteren Börsenabsturz wieder die kleinen Leute besonders hart trifft und die Verursacher einmal mehr ungeschoren und noch vermögender davonkommen.

Vielleicht wäre die zustande gekommene http://www.vollgeld-initiative.ch/ ein taugliches Mittel (zumindest in der Schweiz), um dieses Roulette mit dem Eigentum Unbeteiligter auszubremsen, oder zumindest einzudämmen.

*http://de.statista.com/statistik/daten/studie/14418/umfrage/bruttoinlandsprodukt-in-den-usa/

 

Kleine Fotodiashow der Produktion von Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

fotogalerien.wordpress.com/2016/04/15/luzerner-theater-lehman-brothers-aufstieg-und-fall-einer-dynastie-schauspiel-von-stefano-massini-deutsch-von-gerda-poschmann-reichenau/

Text: leonardwuest.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

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Hommage à Yehudi Menuhin: Daniel Hope gratuliert zum 100. Geburtstag, Tonhalle Zürich, 14. April 2016, besucht von Irène Hubschmid

Zürcher KammerorchesterProgramm
Edward Elgar Introduction und Allegro op. 47
Bechara El-Khoury «Unfinished Journey»
Felix Mendelssohn Violinkonzert d-Moll
Franz Schubert Streichquartett Nr. 14 d-Moll D 810 «Der Tod und das Mädchen»,
Bearbeitung Gustav Mahler
Besetzung
Daniel Hope, Violine
Willi Zimmermann, Konzertmeister
Zürcher Kammerorchester

Rezension:

Vor dem eigentlichen Konzert gab es die vom ZKO Publikum geschätzte und bewährte Einführung im Foyer der Tonhalle mit Majordomus Stephan Mester.

Dies war das Gedenk-Konzert zum 100. Geburtstag von Yehudi Menuhin. Die Mutter von Daniel Hope war Yehudi Menuhins langjährige Sekretärin und spätere Festivaldirektorin und wohnte dem Konzert bei.

Folgendes Zitat aus Buch „Gstaad und die Menuhins“: Yehudi Menuhin tells Daniel Hope what a young musician has to look out for in his career, which and how composers are played to day, how interpretations have changed, how children are introduced to classical music and what it depends on for every musician. Beide, Mutter und Sohn pflegten eine wunderbare Freundschaft mit Yehudi Menuhin. Er ist vielen als Botschafter der Musik in bester Erinnerung.

Die Eröffnung des Konzertes machte wiederum gekonnt der ZKO-Direktor Michael Bühler. Er erwähnte auch gewisse Erneuerungen für die kommende Saison. Speziell betonte er wie Musik und Sprache (Interpret: Karl Maria Brandauer) in das Programm aufgenommen werden. Dies ab 2017 im Schauspielhaus, da die Tonhalle dann für die geplante Renovation geschlossen bleibt.

Dann begann die Musik: Der aus Basel stammende Konzertmeister Willi Zimmermann (Co-Solist mit Daniel Hope und anderen namhaften Musikern) leitete die Musiker schwungvoll bis energisch. Was blieb ihm anderes übrig, die Komposition von Edward Elgar (1857-1934) forderte es. Zwischendurch gab es auch sanfte Töne, man hörte deutlich den Frühling. Mit dem Werk wollte Elgar Introduction und Allegro unter Beweis stellen, die Virtuosität dieses Klangkörpers.  Der Violinvirtuose und Humanist Yehudy Menuhin spielte 1932 mit dem London Symphony Orchestra  Elgars Violinkonzert unter der Leitung des Komponisten. Das Stück erinnert einem: „April macht, was er will“.

Daniel Hope

 

Im Anschluss trat der ebenfalls grossartige Violinvirtuose/Humanist Daniel Hope auf und spielte Bechara El-Khourys (*1957) engagiertes Werk „Unfinished Journey“. Der franko-libanesische Komponist verarbeitet in seinen Werken auch aktuelle politische Themen, wie den Krieg in Beirut. Er schrieb das Stück extra für Daniel Hope, der es 2009 anlässlich des 10. Todestages von Yehudy Menuhin in Gstaad spielte. Die Musik widerspiegelt eine Art Autobiographie des Komponisten.

Anschliessend Felix Mendelssohn (1809-1847), Violinkonzert. Daniel Hope erzählte im perfekten Deutsch den Zuhörern im vollbesetzen Auditorium Mendelssohn sei ein Wunderkind gewesen. Die Komposition schrieb er im zarten Alter von 12 Jahren. Daniel Hope musizierte wie ein Gott. Der Bogen tanzte nur so über die Saiten. Das Adagio war sehr lieblich. Es ertönte eine einfühlsame, rege und komplexe Musik. Zeitweise erkannte man etwas Bach und etwas Schubert, eine erlebenswerte und erstklassige Musikdarbietung.

Zu diesem Anlass gab es eine Verlosung für Mitglieder der höheren Miktgliederbeitragskategorie. Diesen Preis gewann die Schwester des verstorbenen Gründers des ZKO, Edmond de Stoutz, welch ein herrlicher Zufall. Es bestand eine lange und innige Freundschaft zwischen Yehudi Menuhin und Edmond de Stoutz.

Nach der Pause: Von Franz Schubert (1797-1828) das Streichquartett: „Der Tod und das Mädchen“

(Originaltitel: La muerte y la doncella) ist auch ein Theaterstück des die USA emigrierten Chilenen Ariel Dorfman.

Es ist eine traurige Komposition. Stimmungsvoller Auftakt mit rührendem bis ergreifendem Ausklang. Das Publikum lauschte ganz andächtig mit.

Man hätte meinen können im Adagio con moto, käme eine Harfe vor, dabei war es nur das Zupfen der Bassisten. Daniel Hope integrierte sich hier in das Orchester

Als Zugabe erklärte Hope, nach Schubert passe nur Bach. Das Orchester verwöhnte das Publikum noch mit einem Orgelstück für Streicher

Die Zuhörer applaudierten zu allen Musikstücken heftig und gingen dankbar wie erfüllt in die laue Frühlingsnacht.

Text: www.irenehubschmid.ch 

Fotos: Wikipedia und  www.zko.ch

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Luzerner Theater: Uraufführung „Essen Zahlen Sterben“, Première im UG, 8. April 2016, besucht von Léonard Wüst

v.r.n.l.  Michael Fehr, Dominik Busch und Ariane Koch

Ein Theaterabend von Dominik Busch, Michael Fehr und Ariane Koch

In Zusammenarbeit mit dem Stück Labor Basel und der Zürcher Hochschule der Künste

Produktionsteam
Franz-Xaver Mayr Inszenierung
Johanna Zielinski Inszenierung
Dominik Busch Text
Michael Fehr Text
Ariane Koch Text
Anna Wohlgemuth Bühne
Susanne Ruhstorfer Kostüme
Erik Altorfer Dramaturgie
Besetzung: Judith Cuénod, Michael Fehr, Wiebke Kayser, Lilli Lorenz, Ingo Ospelt, David Michael Werner

Rezension:

Ein äusserst komplexer, spannender aber auch sehr fordernder Theaterabend, wie er wohl nur möglich und machbar ist in der Intimität der Spielstätte im UG. Ein monologisierender Michael Fehr spinnt in «Wie glücklich ich bin» die Geschichte des unauffälligen, grauen blinden Brüderpaares Frederic und Paul, die eine graue Maus adoptiert hatten, die sich aber im Nachhinein, als erwachsene junge Dame dagegen auflehnt, zwei Väter, aber keine Mutter zu haben, was absolut nicht der gängigen Norm entspreche. Die Brüder können sich mit dem „Abnabeln“ ihres Schützlings nicht abfinden und hetzen schlussendlich eine Horde aggressiver Hunde auf die Abtrünnige, was zu einer surrealen Verfolgungsjagd durch den Wald führt, die im Nirgendwo endet. Sich wiederholend übermittelt der Autor diese grau – düstere Parabel der Verlorenen, die gefangen in ihrer Welt, ihren vermeintlichen Besitzstand zu retten trachten, die Rechte und den Freiheitsdrang ihrer Schutzbefohlenen dabei über alle Massen beschränken, gar negieren, was zwangsläufig in einer Apokalypse enden muss, die Fehr denn auch detailversessen zwar grau, aber grellweiss ausgeleuchtet, schildert. Dies alles passiert inmitten der Requisiten, die für das nachfolgende Stück, «Die Beflissenen» von Dominik Busch benötigt werden und zwar etwa hälftig vor dem zweiten Stück und nach der darauffolgenden Pause, was zwangsläufig irritiert und etwas verwirrend ist. Nachdem Michael Fehr die Bühne verlassen hatte, versetzten sich die Schwingtüren an der Seite der Bühne der alten Schiesshalle im UG vom Luzerner Theater in stürmisches Pendeln, das Schauspiel Ensemble betritt den Raum, nimmt ihn furios für sich ein, schleudert Stakkato mässig Fragen über Fragen in die Runde, beantwortet sie teils selbst, lässt den Zuhörer aber meistens verstört ratlos sich selbst überlassen. Wie viele Firmen passen in einen Raum, sagen wir, so zwei mal drei mal drei Meter? Es kollabiert, um die Stummen zum Reden zu bringen. «Sag es!» Dann korrigieren und: «Nochmals von vorne sagen!» Bis sich die Rede verselbständigt und aus den Anstifterinnen Zuhörer werden, die, als wollten sie das Publikum verschaukeln, provokativ eine Pose des interessierten Mitverfolgens nach der anderen vorgaukeln. Doch es verwirrt sich immer mehr: wer steuert hier wen in diesem fünfköpfigen Ensemble? Legt das Wort wem in den Mund und fällt in wessen hinein? Wo endet das Dirigieren und beginnt der Dialog? Es erhält eine Eigendynamik, über die man leicht die Geschichte vergessen kann, die da eigentlich erzählt wird. Und dann kommen sie wieder mit ihren Fragen: alles Gold auf der Welt hat in einem Kubus 20mal20mal20 Platz, was wären die Masse des dafür vergossenen Blutes?

Hintergründiger Humor und Seitenhiebe auf Sterneköche und ihre Klientel und Entourage, verbal und mimisch hervorragend umgesetzt von den Schauspieler/innen, bot Buschs Satire «Die Beflissenen». Wiebke Kayser, einmal mehr in einer Glanzrolle, gab die Herrscherin über Hummermousse, Pastinaken, Wasabi Variationen, Zitronengassüppchen mit Jakobsmuscheln, orchestrierte und dirigierte die imaginäre Küchenbrigade. Ob Poissonier, Entremetier, Rotisseur oder Patissier, jedem wurde klargemacht, was wie wo zu passieren hatte, welche Raffinesse für welche Köstlichkeit vonnöten sei, wie und mit was man dieses oder jenes Gericht zu veredeln habe, damit ihr Auftraggeber zufrieden ist.  Dies alles, während ihr Mann, Chauffeur und Diener desselben Auftraggebers, auf absurd – abenteuerliche Weise bemüht war, die extravaganten, ausgefallenen Cigarrenwünsche seines Chefs zu befriedigen, dafür auch schon mal mit gefährlich überhöhtem Tempo über die Autobahnen brauste, um rechtzeitig im richtigen Cigarren – Spezialgeschäft anzukommen. Abgetaucht und gefangen in ihren jeweiligen Welten, waren sie aber nicht in der Lage ihren Babysitter dazu anzuhalten, etwas länger zum Kind zu schauen, da man etwas später nach Hause kommen werde. So werden eigentliche Banalitäten zum grossen Problem, komplexe berufliche Aufgaben werden dagegen mit vollem Engagement und Vehemenz gemeistert.

Da ja bekanntlich aller guten Dinge drei sein sollen, folgte nach der Pause noch «ALL YOU CAN EAT» von Ariane Koch. Ein gebündelt Feuerwerk an Wortkaskaden, sich jagende Pointen, Synchrondialogen, intellektuellen Fragespielen, Textfragmenten, hinausposaunten Lebensphilosophien, skurrilen Weltanschauungen. Die Dekadenz unserer unersättlichen Konsumgesellschaft, die auch nicht davor zurückschreckt, dem Kannibalismus zu verfallen und schlussendlich sich selber einzuverleiben, so wie die Revolution ihre eigenen Kinder frisst. Kannibalismus symbolisch für die heutige Heuschreckenmentalität des Neoliberalismus, der ohne jegliche Rücksicht über alles hinwegfegt. Dies alles in atemberaubenden Tempo, mit viel Spielwitz, hintergründiger Weisheit und Ironie von den Protagonisten verbal, mimisch und mit Gesten brillant umgesetzt, inklusive kurzer Chorgesangseinlage. Das Experiment mit Werken der drei Hausautoren ist sehr fordernd und sicherlich nicht mehrheitsfähig, d.h. kaum Theater für den Durchschnittstheatergänger, also ist das UG  die geeignete Spielstätte für weitere Inszenierungen ähnlicher Art. Fazit: Die drei Stücke waren ein starkes Stück, vielschichtig, unter die Haut gehend, den Intellekt erfrischend kitzelnd. Ein Abtauchen in die Unterwelt (sprich ins UG, Untergeschoss, des Luzerner Theaters) ist unbedingt zu empfehlen.

Essen Zahlen Sterben | Luzerner Theater (Official Trailer)

youtu.be/uYCVvHXl13Q

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Höhn, Luzerner Theater:fotogalerien.wordpress.com/2016/04/10/luzerner-theater-spielstaette-ug-essen-zahlen-sterben-ein-theaterabend-von-dominik-busch-michael-fehr-und-ariane-koch/

Text: leonardwuest.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch Ingo Höhn und kulturteil.ch

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