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Lifestyle

Luzerner Theater: «Tanz 21: Bolero plus 2», Premiere: 24. März 2016, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

 

Luzerner Theater: «Tanz 21: Bolero plus 2»Besetzung: «Tanz Luzerner Theater»: Chiara Dal Borgo, Rachel P. Fallon, Rachel Lawrence, Salome Martins, Martina Pedrini (Hospitanz), Aurélie Robichon; Davidson Farias, Juan Ferré Gómez (Hospitanz), Shota Inoue, Anton Rosenberg, Richèl Wieles, Eduardo Zúñiga
Produktionsteam: Didy Veldman (Choreografie «360°»), Kimie Nakano (Bühne und Kostüme «360°»); Idan Sharabi (Choreografie, Bühne und Kostüme «Songs»); Stephan Thoss (Choreografie und Kostüme «Bolero»), Arne Walther (Bühne «Bolero»); Jordan Tuinman (Licht); Zoran Marković (Probenassistenz), Lucie Machan (Dramaturgie)
Künstlerische Leitung «Tanz Luzerner Theater»: Kathleen McNurney

Rezension:

Das doch relativ kleine Tanzensemble des Luzerner Theaters hat es einmal mehr gewagt, drei verschiedenen Choreografien einzustudieren und diese mit «Bolero plus 2» am letzten Donnerstag zur Première zu bringen. Und verschieden sind sie, die drei Stücke, so unglaublich verschieden, dass man sich fragt, ob das jeweils dieselben Tänzerinnen und Tänzer sind, welche da auf der Bühne agieren.

Der Abend beginnt mit «360°», einer Uraufführung der niederländischen Choreografin Didy Veldman zu Vivaldis «Vier Jahreszeiten» neu arrangiert von Max Richter. Der Vorhang öffnet sich auf ein mystisch anmutendes Bild. Die acht Tänzerinnen und Tänzer, alle in identischen filigranen blattähnlichen Kostümen,  liegen auf dem Boden, während ein langes, von der Decke hängendes Rohr mit leuchtendem Ende um sie kreist. Die Körper fangen an zu zucken,  sich aus sich selber herauszuschälen, wie Knospen, die sich öffnen. Das Ganze spiegelt sich im schwarz-glänzenden Boden, so entstehen Bilder von grosser Dichte und Schönheit. Mal stehen alle auf der Bühne, mal verzaubert ein Pas-de-deux, zwei Körper, die sich ineinander, aneinander, miteinander im Lichtkegel bewegen. Mal scheinen die Frauen auszuprobieren, was bewegungstechnisch möglich ist, mal zeigen die Männer, was sie an Kraft und Männlichkeit drauf haben. Mal ist es ernsthaft-poetisch, mal flatternd-unsicher und fast erratisch, mal erinnert es an ein Kinderspiel, wo einer etwas vormacht und die andern ihn ständig kopieren. Das Licht-Rohr, welches sich unentwegt dreht wie ein Uhr-Zeiger, definiert den Lebenskreis und gibt dem Ganzen eine wohltuende Ruhe und Stetigkeit, auch in den schnellen Passagen.

In der Pause stellt man sich dann unweigerlich die Frage, wie sich das zweite Stück «Songs» des Israelischen Choreografen Idan Sharabi, ebenfalls eine Uraufführung, einreihen würde nach diesem poetischen Moment. Lucie Machan hatte in ihrer Einführung darauf hingewiesen, dass es eher unkonventionell daherkomme, die Tänzer auch mal sprechen und schreien und das Publikum mit einbeziehen würden. Ballett und Interaktion mit dem Publikum? Die fünf Tänzer stehen bereits auf der Bühne nach der Pause. Während die einen sich unter riesigen Scheinwerfern aufzuwärmen beginnen, stellt sich einer nach dem anderen am Bühnenrand mit Namen vor und richtet sich in seiner Sprache kurz an die Zuschauer, meist unverständlich, aber plötzlich sind es nicht mehr nur Tänzer, sondern Menschen mit einer Stimme, einem Lachen, einer Geschichte. Diese «Öffnung» der Tänzer zieht sich durchs ganze Stück, sie scheinen ihr Innerstes nach aussen zu kehren, was sie zeitweise unglaublich verletzlich erscheinen lässt. Und kann man sich, wie Lucie Machan erklärt hatte, auf dieses Stück einlassen, erlebt man einen magischen Moment, bereits am Anfang in jener Sequenz, wo Bachs Präludium Nr. 12, diese klare, fliessende Melodie in Bewegungen umgesetzt wird, eine perfekte Symbiose,  verkörperter Bach.

Ob nun der Bolero von Stephan Thoss als drittes Stück wirklich auch noch begeistern konnte? Das kann er durchaus, rein nur dadurch, dass es wieder eine komplett andere Geschichte ist. Üblicherweise assoziiert man den getanzten Bolero mit lasziver Erotik. Nicht so bei Thoss. Hier treffen sich sechs ältere Damen in einem leicht veralteten Wohnzimmer zum Kaffeekränzchen. Nur die knallroten Requisiten nehmen das Thema Erotik auf. Es ist wohl noch selten bei einem Ballett so viel gelacht worden wie in den Eingangsszenen dieses Stücks. Wie die sechs Tänzerinnen in ihren grauen Plissée-Jupes, den Deux-Pièces und grauen Hausschlappen herumtrippeln, sich ins Kreuz, an die Hüfte greifen, sich mühsam setzen und wieder aufzustehen versuchen, die ewigen Wiederholungen, schrägen Angewohnheiten, das ist grosses Kino. Bis eine der Damen Ravels Bolero auflegt, da entkrampfen sich die Körper, ab und zu noch eine Geste, die daran erinnert, dass man nicht mehr zu den Jüngsten zählt, aber das Leben kommt zurück. Anfänglich ist alles noch etwas ungelenk aber je mehr sie ausprobieren, desto mutiger werden die Frauen. Und scheinen sie anfänglich selber noch erstaunt über ihre Fähigkeiten, werden sie immer ungestümer, vergessen sich und geraten in eine Art Ekstase, die Hausschlappen sind vergessen, die Plissée-Jupes fliegen: Ravels Bolero als Befreiungsschlag und gleichzeitig als krönender Abschluss eines überaus gelungenen, spannenden Abends.

Einmal mehr beweist das Luzerner Tanzensemble, wie unglaublich wandlungsfähig es ist. Das Publikum war begeistert!

Kleine Fotodiashow von Gregory Batardon Luzerner Theater:

fotogalerien.wordpress.com/2016/03/24/luzerner-theater-tanz-21-bolero-plus-2-premiere-24-maerz-2016-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Trailer der Produktion:

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch

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Lucerne Festival Ostern 2016: Sinfoniekonzert 2, 20. März, besucht von Léonard Wüst

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen RundfunksBesetzung und Programm:

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks   Mariss Jansons, Dirigent

Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 Leningrader

Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion. Nur zehn Wochen später hatte die Wehrmacht die Millionen-Metropole Leningrad eingekreist, um sie für zweieinhalb Jahre zu belagern. Die Bevölkerung wurde während dieser unvorstellbar langen 872 Tage buchstäblich ausgehungert – mehr als 900.000 Menschen fielen der Blockade zum Opfer. In dieser Stadt, in dieser Situation komponierte Dmitri Schostakowitsch seine Siebte Sinfonie, die Leningrader Sinfonie. Sie spiegelt die katastrophalen Ereignisse und feiert am Ende doch den Triumph der Menschlichkeit über die Tyrannei. Besonders markant ist das Portrait der einmarschierenden Nazi-Truppen, das Schostakowitsch im Kopfsatz zeichnet, wenn er den Beginn von Lehárs Operettenschlager «Heut geh’ ich ins Maxim» zu einer militanten Version verzerrt und als Thema von elf immer schriller anmutenden Variationen verwendet. Mariss Jansons dirigiert zum Festival-Finale dieses erschütternde musikalische Monument: «Einen berufeneren Schostakowitsch-Interpreten wird man derzeit nicht finden», urteilte DIE ZEIT über seine Einspielung des Werks.

 

Die bewegte und bewegende Geschichte der Leningrader Sinfonie und Näheres zum Dirigenten

.Im Oktober 1941 wurde Schostakowitsch mit seiner Familie aus Leningrad ausgeflogen und konnte das Werk in Kuibyschew fertigstellen, wo es am 5. März 1942 vom dorthin ausgelagerten Orchester des Bolschoi-Theaters unter Leitung von Samuil Samossud uraufgeführt wurde. Die Moskauer Erstaufführung am 27. März fand ebenfalls unter lebensgefährlichen Umständen statt, doch selbst ein Luftalarm konnte angesichts der fesselnden Musik die Zuhörer nicht dazu bewegen, die Schutzräume aufzusuchen. Stalin war daran interessiert, die Sinfonie auch außerhalb der Sowjetunion bekannt zu machen. Am 22. Juni dirigierte sie Sir Henry Wood in London, und Arturo Toscanini leitete die erste Aufführung der Sinfonie in den Vereinigten Staaten, die am 19. Juli 1942 in New York mit dem NBC Symphony Orchestra stattfand. Schostakowitschs Wunsch nach einer Aufführung in Leningrad ging erst kurze Zeit später in Erfüllung: Ein Sonderflugzeug durchbrach die Luftblockade, um die Orchesterpartitur nach Leningrad zu fliegen. Die Leningrader Erstaufführung fand am 9. August 1942, während der Leningrader Blockade, mit dem Radioorchester Leningrad (Dirigent: Karl Eliasberg) statt und wurde von allen sowjetischen Rundfunksendern übertragen.

Ursprünglich hatte Schostakowitsch seine vier Sätze mit den Titeln „Krieg“, „Erinnerungen“, „Heimatliche Weiten“ und „Sieg“ versehen, dies aber wieder zurückgezogen – sie kamen den Wünschen der Stalin-Bürokratie nach einer heroischen Kriegssymphonie zu sehr entgegen. Geplant war, dass die Sinfonie nur aus einem Satz besteht, dann entschloss der Komponist sich zum klassischen Aufbau mit 4 Sätzen.

„Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt …“Zitat Schostakowitsch vom 29. März 1942 in der Prawda.

Seit 2003 hat Mariss Jansons die Leitungsposition beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks inne; seinen dortigen Vertrag hat er mittlerweile bis zum Jahr 2021 verlängert. Er debütierte am Lucerne Festival am 20. April 1992 mit dem London Symphony Orchestra.

Rezension:

Der erste, 27 Minuten lange Satz – mit dem plötzlichen Einbruch des Marschthemas und ihren elf Variationen, erst leise mit Geigen und Bratschen vorgetragen, begleitet von einer kleinen Militärtrommel, danach variiert durch Flöte, Oboe und Fagott, sich steigernd durch immer mehr Instrumente und schließlich kulminierend in einem Orkan von Bläsern und Trommeln auf dem „prasselnden Hintergrund der Violinen, die mit dem Bogenschaft auf die Saiten geschlagen werden – eine instrumentale Technik, die das Bild tanzender Skelette suggeriert“  – dies lässt niemanden kalt!

Mariss Jansons, Dirigent

 

Etwas erstaunt war ich schon, dass ausschliesslich die „Leningrader Sinfonie“ programmiert war, also kein erster Programmteil so quasi zum „Aufwärmen“, denn  der direkte Einstieg in die „Leningrader“ ist schon relativ starker Tobak. Die Bayern liessen die Muskeln spielen, intonierten opulent, voluminös generös, trotzdem kompakt und streng hierarchisch, besonders kriegerisch  Oboen, Flöten und Klarinetten, versöhnlich der wunderbare Ton des Fagotts. Jansons führte diskret, jedoch bestimmt und gradlinig, liess den Registern Raum für individuelle Interpretationen innerhalb der gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen der Partitur, wovon  vor allem die „Kleinbläser“ regen Gebrauch machten, aber nie überbordend ausufernd. Immer wenn das Gefühl aufkam, es münde nun ins Desaströse, fing der geborene Lette seine Mitmusiker auf und lenkte sie wieder in den Verbund zurück. Es war eine Demonstration der individuellen Klasse der einzelnen Orchestermitglieder im Dienste des Ganzen, was das sachkundige Publikum angespannt genoss. Mariss Jansons (1943*) interpretiert die „Leningrader“ transparenter und weniger düster als etwa sein deutlich jüngerer Landsmann  und Kollege Andris Nelsons (1978*). Obwohl das Konzert nur etwa 75 Minuten dauerte, wirkten die Protagonisten erschöpft, aber auch glücklich. Das Auditorium feierte die Musiker denn auch mit frenetischem Applaus, mündend in eine stehende Ovation, die von Orchester und Dirigenten sichtlich erfreut genossen, aber nicht mit einer Zugabe belohnt wurde. Ein würdiger Abschluss dieses, auch zuschauermässig, äusserst erfolgreichen Lucerne Festival an Ostern 2016.

Kleine Fotodiashow von Priska Ketterer Lucerne Festival

fotogalerien.wordpress.com/2016/03/21/sinfoniekonzert-2-symphonieorchester-des-bayerischen-rundfunks-mariss-jansons/

Trailer Dmitri Shostakovich: Symphony No.7  Arturo Toscanini Original Erstaufnahme vom 19. Juli 1942

www.youtube.com/watch?v=SG_KJI6sOwc

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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www.gabrielabucher.ch  Paul Ott:www.literatur.li

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Lucerne Festival an Otern: Gedenkkonzert für Pierre Boulez, 20. März 2016, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Alumni-Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMYBesetzung und Programm:

Alumni-Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Matthias Pintscher  Dirigent

Yeree Suh  Sopran

Pierre Boulez (1925–2016)
Don aus Pli selon pli. Portrait de Mallarmé für Sopran und Orchester

Gedenkansprache von Wolfgang Rihm

Alban Berg (1885–1935)
Drei Orchesterstücke op. 6

Igor Strawinsky (1882–1971)
Le sacre du printemps

Pierre Boulez (1925–2016)
Mémoriale (… explosante-fixe … Originel) für Flöte und acht Instrumente

Rezension:

Mit einem Gedenkkonzert im Rahmen des Oster-Festivals erinnerte LUCERNE FESTIVAL an Pierre Boulez. Der französische Komponist und Dirigent, der am 5. Januar 2016 verstarb, hatte das Festival geprägt wie kaum ein anderer.

Pierre Boulez, wie man ihn kannte

 

Ein Programmheft ganz in Schwarz, ein Kondolenzbuch im Foyer und viel Französisch waren erste Merkmale des Gedenkkonzerts vom letzten Sonntag. Über Hundert ehemalige Musiker der Lucerne Festival Academy (gegründet 2002 von Pierre Boulez und Michael Häfliger) waren aus aller Welt angereist, um für diesen Auftritt ein Orchester zu bilden, das Alumni-Orchester der Lucerne Festival Academy. Dirigent war Matthias Pintscher, seit Beginn dieses Jahres dessen «principal conductor».

Wolfgang Rihm gedenkt Pierre Boulez

 

«Alumni» komme von Ernähren, erklärte Wolfang Rihm in seiner Gedenkansprache. Die jungen Musiker seien von Boulez «ernährt» und auf den Weg gebracht worden. Er erinnerte sich in seiner Hommage an einen generösen, einfachen, zugewandten und zugänglichen Menschen, welcher immer im richtigen Moment mit den richtigen Worten zu motivieren gewusst habe, die Möglichkeiten genutzt und gegeben habe, um Dinge zu ermöglichen und Weichen für die Zukunft gestellt habe..

Das Konzert begann mit «Don» aus «Pli selon Pli» von Boulez, einem Stück mit kleiner Streicher-, aber grosser Bläserbesetzung, acht Schlagzeugen und zusätzlichen Instrumenten wie Mandoline, Gitarren, Celeste und Sopran. Nach einem scharfen Anfangs-Akkord kommt das Stück aber leise und fast leichtfüssig daher, das Orchester scheint teilweise die Töne einzeln in den Saal zu setzen, Ansätze von Melodien schälen sich heraus, einzelne Instrumente positionieren sich kurz, um sich wieder mit dem Ganzen zu vereinen. Die Sopranistin Yeree Suh überzeugte in den gesungenen, gesprochenen, gehauchten Passagen mit ihrer glockenklaren Stimme, die sie perfekt zu modulieren wusste.

Alban Berg hatte seine Drei Orchesterstücke op. 6 als Geschenk für Arnold Schönberg gedacht. Mit knappen, präzisen Gesten führte Matthias Pintscher durch dieses Werk mit Passagen brachialer Gewalt, tänzerischen Motiven und aufblitzenden Walzertempis. Auch im nachfolgenden Sacre du printemps von Stravinsky überzeugten Dirigent und Orchester vollends. Die Spannung wurde durchwegs gehalten, auch in den leisen, beinahe elegischen Passagen, denen wiederum rhythmisch gehämmerte Takte folgten, ein riesiger Klangteppich, dämonisch-dynamisch, im zweiten Satz dann mystisch verhalten.

Wolfgang Rihm und Matthias Pintscher während der Genreralprobe

 

Als letztes Stück und als letzte Hommage an Boulez folgte „Mémoriale (…explosante-fixe…originel) ein elegant-französisch wirkendes Werk für Flöte und acht Instrumente, welches Erinnerungen an Debussy aufkommen liess. Solist Yi Wie Angus Lee überzeugte mit seiner Virtuosität, scheinbar mühelos erzeugte er flirrend zarte Töne auf seinem Instrument, diskret begleitet und getragen vom Ensemble der 8 Musiker.

Mit einem kurzen Moment der Stille zollte Pintscher Pierre Boulez ein letztes Mal Respekt, der ganze Saal folgte ihm in ebenso andächtiger Stille. Ein eindrücklicher Moment, ein unvergessliches Konzerterlebnis

Kleine Fotodiashow von Priska Ketterer Lucerne Festival:

fotogalerien.wordpress.com/2016/03/21/gedenkkonzert-fuer-pierre-boulez-alumni-orchester-der-lucerne-festival-academy-matthias-pintscher-yeree-suh-20-maerz-2016/

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos: www.lucernefestival.ch/de/

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Lucerne Festival Ostern 2016: Chorkonzert 3 Le Concert des Nations, 18. März, besucht von Léonard Wüst

La Capella Reial de CatalunyaBesetzung und Programm:

La Capella Reial de Catalunya, Jordi Savall  Dirigent

Hanna Bayodi-Hirt  Sopran, Marta Mathéu  Sopran

Romina Basso  Mezzosopran, Cyril Auvity  Tenor, Konstantin Wolff  Bass

Marc-Antoine Charpentier (1643–1704) Te Deum H 146

Georg Friedrich Händel (1685–1759) Jubilate Deo D-Dur HWV 279

Antonio Vivaldi (1678–1741) Magnificat G-Dur RV 610

Johann Sebastian Bach (1685–1750) Magnificat D-Dur BWV 243

Tönendes Gotteslob aus vier Ländern lässt Jordi Savall zum Abschluss seiner Luzerner Residenz erklingen: in grosser Besetzung, mit seinem Orchester Le Concert des Nations und seinem Vokalensemble La Capella Reial de Catalunya. Frankreich ist mit Charpentiers unverwüstlichem Te Deum vertreten, dessen schmissiges Prélude als Eurovisionshymne Karriere gemacht hat. Händel wiederum komponierte sein Jubilate Deo 1713 zur Londoner Feier des Friedens von Utrecht. Im zweiten Teil stellt Savall dann zwei grundverschiedene Magnificat-Vertonungen einander gegenüber: Der Italiener Antonio Vivaldi hat den Lobgesang, mit dem die Jungfrau Maria auf die Verkündigung der Geburt Christi antwortet, knapp gefasst, aber dramatisch zugespitzt. Der Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach dagegen feiert in seiner berühmten Adaption ein barockes Fest, mit triumphierenden Trompetenklängen und einem verzückten Engelschor – als sängen die himmlischen Heerscharen.

Rezension:

Jordi Savall i Bernadet, Dirigent

 

Jordi Savall i Bernadet (1941*) ist nicht nur Musikwissenschaftler, Dirigent und Experte im Bereich der historischen Aufführungspraxis, sondern auch ein weltberühmter Gambist, der auch eigene Kompositionen zur Aufführung bringt. Ebenso ist er, zusammen mit seiner im Jahre 2011 verstorbenen Frau, Sopranistin Montserrat Figueras, Gründer der Capella Reial de Catalunya (1987) und der Formation “Le Concert des Nations“ (1989). Er ist am Lucerne Festival an Ostern 2016 präsent als «Artist-in-Residence»: mit einem weltmusikalisch inspirierten «Dialog der Seelen», einem Solorezital mit der Viola da Gamba und einem barocken Chorkonzert.

Reial. also königlich ist dieser ca. 25 köpfige Chor tatsächlich,

Begleitet vom ca. 20 köpfigen Orchester und unterstützt – ergänzt von den fünf Solist/innen. Stimmgewaltig, trotzdem fein abgestimmt und nuanciert intonierten die Vokalkünstler die vier programmierten Barockwerke, jedem Komponisten und dessen Eigenheiten mehr als gerecht werdend. Fulminant beginnend mit der Prélude des Te deum von Marc – Antoine Charpentier (jedem bekannt als Grundlage der Eurovisionsmelodie). Die gezierte Melodik der routiniert wohlgerundeten Streicher- und Trompetenlauten bringen den harmonischen Klang stilvoll zum Ausdruck. Während bei Charpentier auch noch eine gewisse Relation zu mittelalterlichen Klängen zu erahnen ist, steht die darauf folgende Musik Händels unverwechselbar klar barock in der Musikliteratur. Die Solisten fügten sich alternierend harmonisch in den Gesang der Capella Reial ein, ob solo, im Duett, Terzett oder Quartett. Wunderschöne Koloraturen der beiden Sopranistinnen wechselten mit dem klaren Tenor des französischen Barockspezialisten Cyril Auvity. Grossartig auch der deutsche Bassbariton Konstantin Wolff, schlicht Weltklasse Mezzosopran/Altistin Romina Basso. Ausser dem Tenor gaben alle andern Solisten mit diesem Konzert ihr Debut am Lucerne Festival. Der erste Konzertteil endete mit starkem, langanhaltendem Applaus des beeindruckt, ergriffenen Publikums.

 

 

 

 

 

Weiter ging es nach der Pause mit Vivaldis „Magnificat“, erstaunlicherweise orchestriert ohne Tenor und Blechbläser, was aber dem Vortrag nicht abträglich war, denn den restlichen Solisten bot sich dafür reichlich Gelegenheit zum Glänzen.

Dem knapp gefasst, aber dramatisch zugespitzten „Magnificat“ von Vivaldi stand zum Abschluss des Konzertes die Version von J.S. Bach als das barocke Fest, mit triumphierenden Trompetenklängen und einem verzückten Engelschor gegenüber. Beide Versionen überzeugten das sachkundige Auditorium im praktisch ausverkauften Konzertsaal. Die Protagonisten durften denn auch einen kräftigen, langanhaltenden Schlussapplaus entgegen nehmen für diesen einzigartigen Musikgenuss, Kirchenmusik auf allerhöchstem Niveau.

Trailer A. Vivaldi Magnificat in G minor RV 610, Jordi Savall

www.youtube.com/watch?v=DWoKahU0zGs

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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