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Studie: Für wen sich Premiummitgliedschaften in sozialen Karrierenetzwerken lohnen

Premiummitgliedschaften in sozialen Karrierenetzwerken lohnen sich in erster Linie für sehr aktive Nutzer
Premiummitgliedschaften in sozialen Karrierenetzwerken lohnen sich in erster Linie für sehr aktive Nutzer

Karrierenetzwerke wie Xing, LinkedIn und andere funktionieren nach dem
Freemium-Prinzip. Während die Basismitgliedschaft kostenlos ist,
versprechen kostenpflichtige Premiummitgliedschaften das Erweitern des
eigenen Netzwerkes deutlich zu erleichtern. Doch können diese bezahlten
Angebote ihr Versprechen tatsächlich halten? Eine aktuelle Studie der WHU
– Otto Beisheim School of Management, der HEC Paris und der Goethe
Universität Frankfurt zeigt, was Nutzer berücksichtigen müssen.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Arbeitswelt nachhaltig verändert,
sondern auch die Art und Weise, wie wir netzwerken. Meetings, Konferenzen
und Treffen mit Kollegen oder Geschäftspartnern haben sich zum Großteil in
den virtuellen Raum verlagert. Dementsprechend boomen auch die sozialen
Karrierenetzwerke, die das traditionelle Netzwerken ein Stück weit
ersetzen. Portale wie Xing oder LinkedIn bieten ihren Kundinnen und Kunden
sowohl kostenlose Basismitgliedschaften als auch kostenpflichtige
Premiummitgliedschaften an, um sich besser vernetzen und die eigene
Karriere vorantreiben zu können. Doch bietet ein Premium-Account gegenüber
dem kostenfreien Zugang überhaupt einen echten Mehrwert? Und was müssen
Nutzer tun, um das Optimum aus ihrer Premiummitgliedschaft herauszuholen?

Diese Fragen wurden in einer neuen gemeinsamen Studie der WHU – Otto
Beisheim School of Management, der HEC Paris und der Goethe Universität
Frankfurt beantwortet. Um den kausalen Mehrwert zu messen, verlosten die
Wissenschaftler in einem Experiment 75 Premiummitgliedschaften innerhalb
einer Gruppe von 215 Freelancern, also eine Gruppe, die berufsbedingt auf
ihr Netzwerk angewiesen ist. In der Folge verglichen die Forscher die
Entwicklung des sozialen Kapitals bei den Gewinnern im Vergleich zu den
Nutzern in der Basismitgliedschaft. Zusätzlich analysierten die Autoren
der Studie die Individualnutzungsdaten von über 50.000 weiteren
Freelancern.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Premiummitgliedschaft bei
bestimmten Nutzern eine überproportionale Steigerung des sozialen Kapitals
bewirkt, aber nicht bei jedem Nutzer. Das aktive Engagement in
Karrierenetzwerken ist Grundvoraussetzung, um einen Nutzen aus der
Premiummitgliedschaft zu erzielen. Der Vergleich innerhalb der aktiven
Nutzer zeigt, dass die Premiummitgliedschaft nachweislich dazu beiträgt,
überproportional das Netzwerk auszubauen. Prof. Dr. Christian Schlereth,
Inhaber des Lehrstuhls für Digitales Marketing an der WHU, erläutert: „Die
Premiummitgliedschaft wirkt wie ein Verstärker für die aktiven Nutzer.
Hingegen eher passive Nutzer, die lediglich darauf hoffen, prominenter
hervorgehoben zu werden und dadurch ihr Netzwerk zu erweitern, profitieren
nicht.“

Die Forscher konnten außerdem nachweisen, dass aktiv genutzte Funktionen
wie In-Mails, Suchanfragen oder ein automatischer Alarm für Suchergebnisse
sich besonders positiv auf das soziale Kapital der Nutzer auswirkten.
Passive Funktionen, wie Statistiken über die Besucher auf dem eigenen
Nutzerprofil oder die farbliche Hervorhebung als Premiumnutzer in den
Suchergebnissen anderer Nutzer, sorgten dagegen nur für eine moderate
Erweiterung des eigenen Netzwerks.

Informationen zur Person

Prof. Dr. Christian Schlereth

Seit Oktober 2014 ist Christian Schlereth Inhaber des Lehrstuhls für
Digitales Marketing an der WHU - Otto Beisheim School of Management. In
seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit den Fragen, wie die
Digitalisierung genutzt wird, ob sich ihr Nutzen quantitativ bestimmen
lässt und welche Implikationen sich für die Praxis ableiten lassen. In
diesem Zusammenhang beschäftigt er sich mit Themen wie der Messung von
Präferenzen und der Bereitschaft zur Zahlung für technische Innovationen
mittels Discrete-Choice-Experimenten. Zudem beschäftigt er sich mit
innovativen Abo-Modellen, sozialen Netzwerken und der Quantifizierung der
langfristigen Wirkung von Online-Marketingaktivitäten. Zusammen mit dem
WHU Center for Non-Profit Management and Digital Social Impact beschäftigt
er sich außerdem mit dem Thema Social Media P2P Fundraising (z.B. Facebook
Birthday Fundraiser). Im Rahmen seiner Forschung hat er die
Befragungssoftware DISE entwickelt, die in über 100 Studien von
Universitäten und Unternehmen eingesetzt wurde und einen Schwerpunkt auf
fortgeschrittene Präferenzmesstechniken legt. Bei den meisten Projekten
arbeitet sein Lehrstuhl mit namhaften Unternehmen aus dem jeweiligen
Bereich zusammen. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem
mit dem Schmalenbach-Preis und mehreren Dies Academicus Teaching Awards.

Informationen zur Studie

- Weiler, Michael/Stolz, Simon/Lanz, Andreas/ Schlereth, Christian/Hinz,
Oliver (2022): Social Capital Accumulation Through Social Media Networks:
Evidence from a Randomized Field Experiment and Individual-Level Panel
Data, in: Management Information Systems Quarterly, zur Veröffentlichung
angenommen.

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Neues Tool ermittelt betrieblichen Klimafußabdruck

Mit dem scope3analyzer können Unternehmen ihre Treibhausgas-Emissionen ganz einfach ermitteln.  Hochschule Pforzheim
Mit dem scope3analyzer können Unternehmen ihre Treibhausgas-Emissionen ganz einfach ermitteln. Hochschule Pforzheim

Kostenlose Berechnung des Beitrags durch die Lieferketten
Das Institut für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim hat in
Kooperation mit dem Thinktank für industrielle Ressourcenstrategien in
Karlsruhe ein Tool konzipiert, mit dem die Treibhausgas-Emissionen von
Unternehmen einfach ermittelt werden können. Der sogenannte scope3analyzer
wurde nun auf der Webseite des Thinktanks freigeschaltet und ist
öffentlich und kostenlos zugänglich. Zuvor wurde das Tool, das zusammen
mit der Hamburger Firma Systain Consulting GmbH weiterentwickelt wurde,
ausgiebig mit Praxispartnern aus der Industrie getestet. Unmittelbar in
das Projekt eingebunden waren die ZEISS Gruppe und die Robert Bosch GmbH.
Gefördert wurde die Entwicklung vom Umweltministerium Baden-Württemberg.

Die Ermittlung eines betrieblichen Carbon Footprint ist der erste wichtige
Schritt auf dem Weg zum Klimaschutz in Unternehmen. Wo sind die größten
Beiträge zu den Emissionen und wo sollten die Maßnahmen zuerst ansetzen?
„Wir wissen heute, dass die vorgelagerten Emissionen in der Lieferkette
der Unternehmen einen wesentlichen Beitrag liefern, oft sogar den
größten,“ sagt der Projektleiter Professor Mario Schmidt. Doch die
Erhebung dieser Emissionen, in der Fachsprache wird immer von
Scope-3-Emissionen gesprochen, stellen eine große Herausforderung dar.
Große Unternehmen haben oft Tausende von Lieferanten und Vorprodukte, aus
dem In- und Ausland, und fragen sich, woher sie die Zahlen bekommen können
und wie belastbar sie sind.

Der scope3analyzer stellt für Unternehmen einen sehr einfachen Einstieg in
die Klimabilanzierung dar: Das Tool ist kostenfrei, webbasiert, arbeitet
völlig anonymisiert und kann die Emissionen unmittelbar auf Basis bereits
vorliegender Einkaufs- und Verbrauchsdaten des Unternehmens berechnen. Das
Tool ist außerdem berichtskonform – gängige internationale Standards wie
das Greenhouse Gas Protocol, das Carbon Disclosure Project sowie die
Science Based Targets Initiative akzeptieren die angewandte Methodik.

Der Emissionsbeitrag der Lieferkette wird mit volkswirtschaftlichen Daten
abgeschätzt. Dabei können dann sogar die Emissionen der Vor-Vorprodukte,
die aus Asien oder anderen Weltregionen kommen, einbezogen werden. Dies
führt zu einem umfassenden Bild des unternehmerischen Handelns und
ermöglicht die Identifikation der Hot-Spots von Treibhausgasemissionen.
Zusätzlich werden auch die direkten Emissionen vor Ort und die indirekten
Emissionen aus eingekaufter Energie mit errechnet.

Professor Schmidt: „Der scope3analyzer entfaltet sein Potential, je mehr
Lieferanten ein Unternehmen hat und je schwieriger es wird, einzelne
Zahlen zu recherchieren. Vor allem aber sollen die Daten nach der gleichen
Methode erhoben und somit vergleichbar sein. Das wird durch die von uns
eingesetzte Methode sichergestellt.“

Hier können Unternehmen ihren betrieblichen CO2-Fußabdruck ermitteln:
https://scope3analyzer.pulse.cloud/

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Innovative Algorithmen der künstlichen Intelligenz (KI) sollen die Entwicklungszeit von Flugzeugen verkürzen

Innovative Algorithmen der künstlichen Intelligenz (KI) sollen die Entwicklungszeit von Flugzeugen verkürzen  ho7dog  Pixabay
Innovative Algorithmen der künstlichen Intelligenz (KI) sollen die Entwicklungszeit von Flugzeugen verkürzen ho7dog Pixabay

Gut Ding will Weile haben, lautet ein oftmals bemühtes Sprichwort. Doch
das muss nicht sein! Denn eine kürzere Entwicklungsdauer bei der
Produktentwicklung spart nicht nur Zeit und Kosten, sondern führt ebenso
zu einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit. Erreicht werden kann dies durch
effizientere und schnellere Prüfungsprozesse. Bei der Flugzeugentwicklung
und -zertifizierung tragen die Ermüdungsversuche (EF) am Gesamtflugzeug
wesentlich zur Dauer des Entwicklungsprojekts bei. Ziel ist es, die Zeit
vom Projektstart bis zur Zertifizierung von etwa acht auf fünf Jahre zu
verkürzen.

Im Vorhaben »F-REE« – Fraunhofer-Gesellschaft-RapidEF Enablers – sollen
innovative KI-Verfahren entwickelt, optimiert und in industrieller
Umgebung eingesetzt werden. Schwerpunktmäßig sollen die Prüfprozesse
beschleunigt und deren Zuverlässigkeit deutlich verbessert werden. Auch
wird dadurch eine zeitintensive manuelle Interpretation der
aufgezeichneten Daten vermieden.

Aktuell befindet sich die industrielle Welt in einem Umwälzungsprozess –
beschrieben durch den Begriff Industrie 4.0 (I4.0). Die moderne digitale
zerstörungsfreie Prüfung umfasst innerhalb der I4.0 die Aspekte der
robotergestützten Inspektion sowie die Bewertung der Produktintegrität. In
dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)
geförderten Verbundvorhaben werden innovative Algorithmen der künstlichen
Intelligenz entwickelt, mit denen die Fehlererkennung basierend auf
multimodalen ZfP-Daten ermöglicht wird. Optische, thermische und
Deformationsmessungsverfahren werden zusammengeführt und interpretiert. So
wird eine zeitaufwändige manuelle Interpretation der ZfP-Daten erleichtert
und oftmals ganz ersetzt. »Durch die Minimierung der menschlichen
Einflüsse werden die Prüfungsprozesse effizienter und schneller, was
letztendlich zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit führt«, erläutert Prof.
Ahmad Osman, verantwortlicher Projektleiter am Fraunhofer IZFP.

Diese innovativen Ansätze werden im Projekt zur Verkürzung der
Versuchsphasen genutzt: Zum einen »erklärbare KI-Modelle« für eine
nachvollziehbare multimodale ZfP-Datenauswertung, zum anderen
automatisierte Überwachungs- und Inspektionsverfahren im laufenden
Betrieb. Dazu werden die kontinuierlich erfassten Daten in Echtzeit
analysiert. Schäden am Flugzeugrumpf werden so mittels künstlicher
Intelligenz frühzeitiger erkannt und bewertet. KI-Algorithmen,
insbesondere Deep Learning, haben sich in den letzten Jahren als
Schlüsseltechnologie für die komplexe Datenanalyse herausgestellt. Ihr
Einsatz für die automatisierte Qualitätssicherung im Zusammenhang mit ZfP-
Verfahren, insbesondere in der Luftfahrt, hat sich bisher nicht etabliert.

Für das Projekt beschäftigt sich das Fraunhofer IZFP mit der Verkürzung
der Stillstandzeit. Dabei wird auf Unterbrechungen des Versuchsbetriebs
für Inspektionen und Reparaturen verzichtet. Notwendig ist dazu eine
ständige Kenntnis über den aktuellen Zustand des Prüfobjekts: Dieser
sogenannte »digitale Zwilling« wird durch kontinuierlich messende
Datenerfassungssysteme ermöglicht. Virtuelle Sensoren, multikamerabasierte
3D-Verformungsmesssysteme werden mit optischen, thermographischen und
akustischen Verfahren kombiniert und in ein Gesamtsystem integriert. Die
Überlagerung dieser Messdaten zusammen mit Material- und Prozessparametern
bilden den digitalen Zwilling.

Modernere Techniken, neue Konzepte, neue Designs

»Die Stillstandzeiten eines Ermüdungsversuchs im ersten Flugzeugleben
sollen um 80 Prozent reduziert werden. Die Attraktivität ergibt sich aus
dem Einsatz automatisierter Verfahren, die einen unterbrechungsfreien
Betrieb ermöglichen«, so Prof. Ahmad Osman.

So soll mithilfe eines sogenannten »RapidEF-Prozesses« eine signifikante
Beschleunigung des Gesamtflugzeug-Ermüdungsversuchs erreicht werden.
Hierbei wird das erste Flugzeugleben ohne Unterbrechungen mit
höchstmöglicher Versuchsgeschwindigkeit simuliert. Die Versuchsergebnisse
stehen zudem bereits vor dem Erstflug zur Verfügung. Dieses Projekt
schafft Voraussetzungen, um in allen Phasen des Versuchs deutliche
Verkürzungen zu erreichen.

Auch wird die zeitliche Genauigkeit der Daten gesteigert. Durch ein
systemübergreifendes Datenmanagementsystem können große Datenmengen in
Echtzeit verarbeitet werden. Eine weiterführende Schadensrekonstruktion,
eine direkte Überführung in den digitalen Zwilling und eine automatische
numerische Analyse ermöglichen eine Bewertung in Echtzeit.

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„Die Pandemie trifft psychisch vor allem Menschen am Rand der Gesellschaft“

Psychologe Prof. Dr. Mitja Back
Psychologe Prof. Dr. Mitja Back

Benachteiligte Menschen fühlen sich durch Coronakrise stärker psychisch
belastet – Erste Ergebnisse aus internationalem Forschungsprojekt „Coping
with Corona“ – Linksorientierte leiden stärker emotional,
Rechtsorientierte unzufriedener mit Politik – Religiosität hängt zusammen
mit sozialer Verbundenheit, aber auch mit Misstrauen in Wissenschaft

Wer sich in Deutschland benachteiligt fühlt, leidet einer psychologischen
Studie zufolge besonders unter der Pandemie. „Menschen, die sich
kulturell, politisch und ökonomisch an den Rand gedrängt fühlen, geben an,
stärker durch die Krise eingeschränkt zu werden, weniger glücklich zu
sein, und empfinden die Pandemie deprimierender als andere“, stellt
Psychologe Prof. Dr. Mitja Back vom Exzellenzcluster „Religion und
Politik“ der Uni Münster erste Ergebnisse des internationalen und global
einmaligen Forschungsprojektes „Coping with Corona“ (CoCo) vor.
Psychologen der WWU Münster, LMU München und Uni Osnabrück haben über vier
Wochen täglich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zu ihren
Einstellungen, Emotionen und Alltagserfahrungen befragt. Einen
wesentlichen Unterschied hinsichtlich der psychischen Belastung durch
Corona mache die politische Orientierung. „Politisch linksorientierte
Menschen scheinen sorgenvoller und ängstlicher zu sein und wünschen sich
ein stärkeres Durchgreifen der Politik.“ Eher Rechtsorientierte schätzten
das Risiko des Coronavirus deutlich geringer ein. „Sie sind unzufriedener
mit der Demokratie im Land, sind gegen Einschränkungen und halten sich
weniger an Schutzempfehlungen.“ Diese Unterschiede zwischen politischen
Lagern werden durch Marginalisierungsgefühle noch verstärkt. Die Studie
lässt auch erste Rückschlüsse auf den Einfluss von Religiosität auf das
Pandemieerleben zu. „Religiösere Menschen fühlen sich sozial besser
integriert, misstrauen Wissenschaft aber stärker und sind anfälliger für
Verschwörungstheorien. Hier werden wir die Auswertungen noch stark
ausdifferenzieren.“

Interessierte Bürgerinnen und Bürger können weiter an der Studie
teilnehmen (https://go.wwu.de/qzgy7). „Je mehr Menschen wir erfassen,
desto vollständiger wird das Bild von den psychischen und
gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Durch das vierwöchige
Studiendesign können wir die Effekte präzise und alltagsnah untersuchen“,
erläutert der Psychologe Julian Scharbert vom Forschungsprojekt. Mitja
Back führt aus: „Die ersten Ergebnisse zeigen, dass sich das psychische
Erleben der Pandemie stark zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen
unterscheidet. Wir müssen die Unterschiede verstehen, um konkret helfen
und den Zusammenhalt in der Bevölkerung bewahren zu können. „Menschen in
Deutschland erleben und deuten die Corona-Krise individuell und werden
durch ihre sozialen Gruppen beeinflusst.“

Individuelle Religiosität hat ambivalente Auswirkungen

Religiosität scheint den Umgang mit der Krise zu erleichtern, wie der
Forscher darlegt. „Religiösere Menschen fühlen sich laut Befragung
verbundener zu ihrem sozialen Umfeld und empfinden die Pandemie als
weniger deprimierend.“ Auf der anderen Seite zeigten sich für religiösere
Personen auch Tendenzen zu einem geringeren Vertrauen in die Wissenschaft
und einem stärkeren Hang zu Verschwörungstheorien. „Hinsichtlich dieser
möglichen Effekte der Religiosität kratzen wir wissenschaftlich allerdings
erst an der Oberfläche“, betont Back. „Wir werden dies ausdifferenzieren
und verschiedene Aspekte individueller Religiosität wie Glaubenspraktiken
und dogmatische religiöse Vorstellungen getrennt analysieren. Außerdem
können die Effekte der Religiosität über Länder mit verschiedenen
religiösen Prägungen hinweg sehr unterschiedlich ausfallen.“

Die Studie ist Teil umfassender Forschungen am Exzellenzcluster zur
Wirkung gesellschaftlicher Benachteiligung. Danach sind
Marginalisierungsgefühle etwa zentral für Bedrohungsgefühle gegenüber
ethnisch-religiösen Minderheiten und identitätsbezogene Spaltungen in der
Gesellschaft. Die internationale Erhebung „Von Verteidigern und
Entdeckern“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
(https://go.wwu.de/kcbe0) hatte erstmals empirisch eine
identitätspolitische Spaltung europäischer Gesellschaften in zwei
verfestigte Lager von substantieller Größe nachgewiesen. „In unseren
aktuellen Daten aus Deutschland zeigt sich wieder, dass Gefühle der
gesellschaftlichen Benachteiligung, aber auch politische und religiöse
Einstellungen damit zusammenhängen, wie sich unsere Emotionen,
Verhaltensweisen und Bewertungen in gesellschaftlichen Krisen entwickeln“,
erläutert Mitja Back. (sca/vvm)

Alle Informationen zur Teilnahme an der Studie: https://formr.uni-
muenster.de/CoCoDE

Originalpublikation:
https://osf.io/5az36/ (Preprint)

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