Zum Hauptinhalt springen

Cholesterinsenker Statine: Was tun bei Beschwerden?

Statine sind gut untersuchte Cholesterinsenker. Muskelbeschwerden bei
Statinen sind zwar selten, dennoch sorgen sich viele Patienten – zurecht?
Zum „Tag des Cholesterins“ klärt ein Herzspezialist im Podcast über
Cholesterinsenker und den richtigen Umgang mit Beschwerden auf

Ein hoher Cholesterinspiegel zählt zu den größten Risikofaktoren für Herz-
Kreislauf-Erkrankungen. Insbesondere hohe Werte des LDL (LDL=Low Density
Lipoprotein)-Cholesterins (LDL-C) sind kennzeichnend für dieses Risiko.
Statine sind Cholesterinsenker erster Wahl, wenn es darum geht, hohe
LDL-C-Werte zu normalisieren und dadurch das Risiko für Herzinfarkte und
Schlaganfälle zu senken – insbesondere bei Menschen, die bereits ein
kardiovaskuläres Ereignis hatten (sogenannte Sekundärprävention).
Doch Patienten sind oft unsicher bei der Einnahme, weil Berichte zu
Muskelbeschwerden mit Statinen verbreitet sind. „Nehmen Patienten
Cholesterinsenker ein und es kommt zu Beschwerden, sollten sie zeitnah mit
ihrem Arzt sprechen. Er kann klären, was genau die Ursache der Beschwerden
ist. Denn oft sind es gar nicht die Medikamente“, erläutert der Kardiologe
und Lipidspezialist Prof. Dr. med. Ulrich Laufs vom Wissenschaftlichen
Beirat der Deutschen Herzstiftung. Im aktuellen Herzstiftungs-Podcast der
Reihe imPULS unter https://www.herzstiftung.de/podcast-statine-schmerzen
rät er zudem: „Auf keinen Fall sollten Betroffene eigenhändig ihr Statin
absetzen oder die Dosierung reduzieren.“
Große Studien (1) haben gezeigt, dass nur ein sehr geringer Teil der
Personen, die Statine einnehmen und von solchen Beschwerden berichten,
diese tatsächlich nicht oder nicht in einer hohen Dosierung vertragen.
„Neun von zehn Personen, die im Rahmen dieser Studien über
Muskelbeschwerden berichten, können ein Statin einnehmen. Ihre Beschwerden
waren nicht durch Statine verursacht“, so Prof. Laufs, Direktor der Klinik
und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig.

„Wir nehmen die Beschwerden sehr ernst“
„Wenn ein Patient Beschwerden hat, nehmen wir das natürlich sehr ernst.
Die berichteten Beschwerden werden nicht in Frage gestellt“, betont der
Leipziger Kardiologe. Die Frage, die es gemeinsam mit Patientinnen und
Patienten zu klären gelte, sei jedoch, ob die Statine tatsächlich die
Beschwerden verursachen oder ob eine andere Ursache vorliege.
„Muskuloskelettale Beschwerden sind leider sehr häufig. Liegt es
tatsächlich am Statin oder handelt es sich vielleicht um altersbedingte
Beschwerden im Bewegungsapparat?“, so Prof. Laufs. „Es ist wichtig, sich
mit den Patienten die Zeit zu nehmen, um das Problem zu klären, damit
nicht die Einnahme der Lipid-senkenden Therapie gefährdet wird.“

Warum sind Statine bei erhöhtem LDL-C so wichtig?
Überschüssiges LDL-C im Blut lagert sich in den oberen Schichten der
Gefäßwand ein. Ein wesentlicher Mechanismus für das Entstehen einer
Gefäßverkalkung (Atherosklerose), der über Jahre hinweg – gemeinsam mit
anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Rauchen –
zum vollständigen Verschluss oder zum Aufplatzen von Kalkplaques mit
nachfolgender Thrombose führt: Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine
periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) sind die Folge. Allein in
Deutschland werden pro Jahr fast 200.000 Herzinfarkt-Patienten stationär
in Kliniken versorgt.

Bei Muskelbeschwerden hilft meist Ausweichen auf anderes Statin
Wenn es zu Muskelbeschwerden aufgrund eines Statins kommt, sind meist
große Muskelgruppen wie Oberschenkel-, Schultergürtel- und
Oberarmmuskulatur beidseitig betroffen. Frauen berichten häufiger als
Männer von solchen Beschwerden. „Setzt man dann das Statin ab – dies
unbedingt in Absprache mit dem Arzt –, dann gehen die Beschwerden in der
Regel innerhalb kurzer Zeit zurück“, berichtet der Leiter der Lipid-
Ambulanz am Leipziger Uniklinikum. Bei Beschwerden könne man zum Beispiel
die medikamentöse cholesterinsenkende Therapie für zwei bis vier Wochen
pausieren, um zu prüfen, wie es dem Patienten dann geht. „Eventuell kann
man anschließend das Präparat wechseln, zum Beispiel von Simvastatin zu
Atorvastatin. Man beginnt zunächst niedrig dosiert und erhöht dann die
Dosis“, erklärt Prof. Laufs. Seine Erfahrung zeigt: Ärzte sollten sich
stets Zeit nehmen, um Patienten die Bedeutung der cholesterinsenkenden
Therapie zu erläutern. „Für die Behandlung der wichtigsten Risikofaktoren
von Herzinfarkt und Schlaganfall wie Bluthochdruck, Diabetes und eben
hohes LDL-C, brauchen wir langfristig ausgerichtete Therapien. Das
verlangt den Patienten auch Vertrauen in die medikamentöse Therapie ab,
denn der Erfolg ist ja nicht direkt erkennbar“, so Laufs. „Nur wenn wir
mit den Patienten quasi in einem Boot sitzen, ist eine Behandlung
erfolgreich“.

Kombinationstherapie als Alternative bei Statin-Unverträglichkeit
Reicht die Statin-Dosierung, die ein Patient beschwerdefrei verträgt, für
eine cholesterinsenkende Wirkung nicht aus, ist eine Kombinationstherapie
möglich. Zum Beispiel kann das Präparat Ezetimib zusätzlich zum Statin
gegeben werden, um bei geringerer Statindosis dennoch den LDL-C-Wert
ausreichend zu reduzieren. Alternativ zu einem Statin steht als
lipidsenkendes Therapeutikum auch Bempedoinsäure zur Verfügung, die
ebenfalls mit Ezitimib kombiniert werden kann. Schließlich sind noch die
PCSK9-Hemmer eine Option, insbesondere für Patienten, bei denen trotz
einer optimalen cholesterinsenkenden Therapie mit Tabletten der
LDL-C-Zielwert nicht zu erreichen ist. Infos unter
https://www.herzstiftung.de/cholesterinsenker

Erhöhtes LDL-Cholesterin: Risiko immer individuell abschätzen
Prof. Laufs, wie auch andere Kardiologen, betonen, dass für eine
Behandlung bei hohen LDL-C-Werten immer die individuelle Person, also auch
ihr Gesamtrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu betrachten ist. Ist
zum Beispiel nur das LDL-C leicht erhöht? Oder liegen noch zusätzlich
Risikofaktoren für Infarkte vor, die ebenfalls ein Handeln erfordern? Bei
hohen LDL-C-Werten ist mit Lebensstilmaßnahmen allein nur wenig zu
erreichen. Daher muss früher mit einer medikamentösen Therapie gestartet
werden. „Wissenschaftlich am besten gesichert sind hierfür Statine“,
unterstreicht Laufs. Dennoch sei ein gesunder Lebensstil generell für die
Gefäßgesundheit wichtig, um das Infarktrisiko zu verringern. Bei lediglich
leicht erhöhten LDL-C-Werten könne das Umstellen der Ernährungs- und
Bewegungsgewohnheiten reichen, um das kardiovaskuläre Risiko zu senken.

Lebensstil-Anpassung bei erhöhten Triglyzerid-Werten
Bei erhöhten Triglyzerid-Werten steht hingegen der Lebensstil an erster
Stelle. Wenn das nicht hilft, dann kommen erst Medikamente ins Spiel.
Herzexperten und die Deutsche Herzstiftung empfehlen für die tägliche
Bewegung 30 bis 45 Minuten Ausdaueraktivitäten wie Radfahren, Laufen,
flottes Spazierengehen, Joggen oder Schwimmen. Für eine ausgewogene
herzgesunde Ernährung raten manche Herzspezialisten zur Mittelmeerküche.
Dieser werden positive Effekte zugeschrieben, die sich aber nicht an einer
Senkung des Cholesterin-Spiegels ablesen lassen. Sie ist reich an frischem
Gemüse, Obst, Salaten, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fisch, Nüssen,
Kräutern und pflanzlichen Ölen (z.B. Olivenöl), die mehrfach ungesättigte
Fettsäuren enthalten. Insgesamt werden zudem nur wenige tierische Produkte
genutzt. „Die Prävention durch eine Lebensstil-Anpassung – insbesondere
die körperliche Aktivität und das Nicht-Rauchen - sollte in das
Gesamtkonzept einer Fettstoffwechsel-Behandlung stets mit eingebunden
werden. Arzt und Patienten sollten das gemeinsam besprechen“, rät der
Herzstiftungs-Experte. Infos zur Mittelmeerküche, die fettarm und reich an
ungesättigten Fettsäuren ist, sind unter https://herzstiftung.de
/mediterrane-ernaehrung abrufbar.
(wi/ne)

(1)     Literatur:

Wood FA et al., NEJM 2020, 383(22):2182-4, doi: 10.1056/NEJMc2031173
Laufs & Isermann, EHJ 2020; 41(35):3343-5, doi: 10.1093/eurheartj/ehaa582
Bytyçi et al., European Heart Journal 2022;
https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac015 Reuth, Baigent, Collins et al.,
Lancet. 2022, doi:10.1016/S0140-6736(22)01545-8

Jetzt reinhören! Podcast „Muskelschmerzen durch Statine – echt oder
eingebildet?“
Der Podcast mit dem vollständigen Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Laufs ist
zu hören unter: https://www.herzstiftung.de/podcast-statine-schmerzen
Alle Podcasts können auf der Herzstiftungs-Website unter
https://www.herzstiftung.de/podcasts direkt gehört werden und sind ebenso
bei den einschlägigen Podcast-Anbietern wie Spotify und Apple iTunes zu
finden. Alle 14 Tage gibt es einen neuen „imPULS“-Podcast.

Informationen über Ursachen und Folgen hoher Cholesterinwerte sowie
Möglichkeiten der Therapie finden Betroffene und Interessierte unter
www.herzstiftung.de/cholesterin und
https://www.herzstiftung.de/cholesterinsenker sowie unter
https://www.herzstiftung.de/statine-irrtuemer

Den kostenfreien Ratgeber „Hohes Cholesterin: Was tun?“ kann man unter
www.herzstiftung.de/bestellung oder per Tel. unter 069 955128-400
anfordern.

  • Aufrufe: 40

Prof. Dr. Beatriz Roldán Cuenya: Neues Mitglied der Leopoldina (Deutsche Akademie der Wissenschaften)

Prof. Dr. Beatriz Roldán Cuenya  © FHI
Prof. Dr. Beatriz Roldán Cuenya © FHI

Prof. Dr. Beatriz Roldán Cuenya, Direktorin der Abteilung Interface
Science am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, wurde in
Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Exzellenz und Führungsstärke in die
Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewählt.

Diese Wahl ist nicht nur eine Anerkennung ihrer herausragenden
wissenschaftlichen Beiträge, sondern markiert auch einen historischen
Meilenstein für das Fritz-Haber-Institut (FHI). Prof. Dr. Roldán Cuenya
ist die erste Frau in der Geschichte des Instituts, die zur Direktorin
ernannt wurde und ist derzeit das einzige aktive Mitglied der
Institutsleitung innerhalb der Reihen der Leopoldina.

Seit ihrer Ernennung zur Direktorin im Jahr 2017 hat Prof. Dr. Roldán
Cuenya wesentlich zum mechanistischen Verständnis von thermischen und
elektrokatalytischen Prozessen beigetragen. Ihre Wahl in die Leopoldina,
die älteste kontinuierlich bestehende Wissenschaftsakademie der Welt,
zeugt von ihrer bedeutenden Auswirkung auf die Entwicklung ihres
wissenschaftlichen Feldes und anerkennt ihr Engagement für die Förderung
der Wissenschaft zum Wohle der Gesellschaft.

Die Leopoldina steht seit über 360 Jahren für wissenschaftliche Exzellenz
und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Mit 1600 Mitgliedern aus über 30
Ländern und einem strengen Auswahlverfahren für neue Mitglieder
repräsentiert die Akademie die Spitze der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
Als Nationale Akademie der Wissenschaften hat die Leopoldina die wichtige
Aufgabe, die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien zu
vertreten, Stellung zu den wissenschaftlichen Grundlagen politischer und
sozialer Fragen zu nehmen und zu einer wissenschaftlich aufgeklärten
Gesellschaft beizutragen.

Die Wahl von Prof. Dr. Roldán Cuenya unterstreicht die Bedeutung ihrer
Arbeit und die Rolle, die sie in diesen Diskursen spielen wird. Derzeit,
mit nur etwa 15 % weiblichen Mitgliedern in allen wissenschaftlichen
Disziplinen, wird Prof. Dr. Roldán Cuenya auch als Vorbild für
Nachwuchswissenschaftlerinnen dienen.

Das Fritz-Haber-Institut gratuliert Prof. Dr. Beatriz Roldán Cuenya
herzlich zu dieser ehrenvollen Anerkennung und freut sich auf ihre
weiteren Beiträge zur Wissenschaft und zur Förderung der
wissenschaftlichen Gemeinschaft.

  • Aufrufe: 40

Waldforum der Vereinten Nationen: „Aufforstung ist keine einfache Win-Win- Geschichte“

Prof. Dr. Daniela Kleinschmit  Jürgen Gocke
Prof. Dr. Daniela Kleinschmit Jürgen Gocke

Interview mit Daniela Kleinschmit, Professorin für Forst- und
Umweltpolitik und angehende Präsidentin der internationalen
Dachorganisation der Forstwissenschaften IUFRO.

Frau Kleinschmit, beim Waldforum der Vereinten Nationen in New York
(UNFF19) wird in dieser Woche über Fragen der internationalen Wald-
Governance beraten, also darüber, wie Staaten und internationale
Organisationen gute Regeln für die Nutzung und Erhaltung der globalen
Wälder finden können. Ein wichtiger Impulsgeber wird dabei ein Bericht
sein, den ein internationales Team von Forstwissenschaftler*innen unter
Ihrer Leitung erstellt hat und den Sie am Freitag in New York vorstellen.
Welche Botschaften geben sie den Vereinten Nationen mit?

Die Effektivität der internationalen Waldpolitik wird bislang häufig an
der Entwaldungsrate gemessen, also daran, wie viel Waldflächen wir jedes
Jahr verlieren – was wir übrigens kontinuierlich tun. Eine Kernbotschaft
unseres Berichts ist aber, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir
immer auf die Entwaldung als Indikator zurückzugreifen. Natürlich ist es
wichtig, diese Zahl zu kennen, aber ihre Aussagekraft ist begrenzt.
Stattdessen schlagen wir vor, den Erfolg von Waldpolitik mithilfe anderer
Faktoren zu messen, beispielsweise dem Erhalt der Artenvielfalt oder der
sozial gerechten Nutzung der Wälder. Denn Wälder erbringen extrem viele
Ökosystemleistungen: Sie liefern Holz, sie speichern CO2, sie sind
Lebensraum für viele Arten, sie tragen zur Ernährungssicherheit und
Wasserqualität bei und sie bieten natürlich auch Platz für Spiritualität,
Kultur und Erholung. Das sind nur einige der wichtigen Funktionen von
Wäldern, die die Politik mitdenken muss.

Was wir in unserem Bericht auch kritisch sehen, ist der Klimadiskurs, der
im Bereich der Wald-Governance sehr viel Raum einnimmt. Weil Wälder ein
wichtiger Speicher von CO2 sind, wird Aufforstung oft fälschlich als eine
einfache Win-Win-Geschichte verkauft, nach dem Motto: Pflanze einen Baum
und rette damit die Welt – oder wenigstens das Klima. Damit wird uns aber
suggeriert, wir müssten uns nicht viele Gedanken um unsere Emissionen
machen. Wir könnten den CO2-Ausstoß einfach kompensieren, indem irgendwo
Wälder gepflanzt werden. Diese Vorstellung begegnet uns immer wieder im
Alltag, manchmal wird es dabei besonders absurd: In einer Werbung wurde
angepriesen, dass beim Kauf eines Autoreifens ein Baum gepflanzt wird!
Auch in der internationalen Waldpolitik wird diese Idee unterstützt,
sicher auch, da eine Kompensation durch neue Wälder politisch attraktiver
ist als die Forderung, den Konsum zu reduzieren. Unser Report
verdeutlicht, dass es in der internationalen Waldpolitik keine einfachen
Win-Win Lösungen gibt. Es muss mitgedacht werden, dass die Flächen, auf
die Bäume gepflanzt werden, in vielen Fällen von Menschen schon auf andere
Weise zum Lebensunterhalt genutzt werden.

Warum gibt es international bislang keine Wald-Governance, die auch
soziale Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und weitere Aspekte
einbezieht?

Zunächst ist die internationale Wald-Governance extrem komplex, weil der
Wald an so vielen Stellen zum Gegenstand von Politik wird und so viele
alte und neue Akteure mitreden. Noch Ende der 1980er- und Anfang der
1990er-Jahre war Waldpolitik in erster Linie ein Gegenstand
internationaler Abkommen zwischen Staaten. Die Vereinten Nationen
behandeln Forstfragen in verschiedenen Bereichen, etwa im Pariser
Klimaabkommen oder in der Konvention zur biologischen Vielfalt. Aber
inzwischen sind neben Staaten zunehmend auch Firmen, NGOs und andere
Stakeholder in die Waldpolitik involviert, dadurch nimmt die Komplexität
zu.
Hinsichtlich der sozial gerechten Nutzung des Waldes spielen Machtfragen
und finanzielle Interessen eine große Rolle, auch darauf gehen wir in
unserem Bericht ein. Die Nutzung von Wäldern als Kohlenstoffspeicher und
der Handel mit CO2-Zertikaten führt häufig zu einer Perspektive, bei der
kurzfristige Gewinne im Vordergrund stehen. Die langfristige
Nachhaltigkeit der Wälder und die Effekte für das Wohlbefinden der
Menschen, die in unmittelbarer Nähe der Wälder wohnen und von ihnen
anhängig sind, verliert man dabei aber aus den Augen. Die Stimmen dieser
Menschen, insbesondere im Globalen Süden, werden international bislang
nicht laut genug gehört. Wir stellen in unserem Bericht daher die Frage,
wer eigentlich definieren darf, was das waldpolitische Problem ist und was
nicht. Wer bestimmt zum Beispiel, ob ein Waldstück als „degradiert“
angesehen und daher restauriert werden sollte? Die lokale Bevölkerung vor
Ort sieht das vielleicht anders und setzt andere Prioritäten. Diese
bestehenden Machtasymmetrien stellen wir in unserem Bericht dar.

Welche Wirkung wünschen Sie sich, wenn Sie Ihren Bericht zur Wald-
Governance beim Waldforum der Vereinten Nationen York vorstellen?

Seit dem Erscheinen des letzten Reviews zur internationalen Wald-
Governance 2010 hat sich viel getan. Daher haben die Vereinten Nationen
uns, das heißt den Internationalen Verband Forstlicher Forschungsanstalten
(IUFRO), um einen Folgebericht gebeten, der die Entwicklungen der
vergangenen 14 Jahre zusammenfasst. Ich würde mich freuen, wenn unser
Bericht dazu beiträgt, dass in der internationalen Waldpolitik weniger auf
einfache Zahlen fokussiert wird – etwa zur Entwaldung oder zur
Aufforstung. Denn solche quantitativen Ergebnisse mögen schön darstellbar
sein, sie sagen qualitativ aber wenig bis gar nichts aus. Stattdessen
sollten wir stärker die Bedürfnisse der Menschen einbeziehen, insbesondere
derjenigen, die ohnehin verwundbar sind und durch Krisen besonders
gefährdet: Wer gewinnt durch das waldpolitische Handeln – und wer
verliert? Man sollte sich die Effekte politischer Entscheidungen klarer
vor Augen führen, insbesondere die nicht intendierten, die dann dennoch in
Kauf genommen werden.

Im Juni werden Sie die neue Präsidentin von IUFRO. Welche Ziele setzen Sie
sich in Ihrem Amt?

Die IUFRO ist eine mehr als einhundert Jahre alte, historisch gewachsene
Organisation, in der sehr viele verschiedene Wissenschaftler*innen aus
einem breiten Spektrum von Disziplinen zusammenarbeiten, vom
praxisbezogenen Waldbau bis hin zur sozialwissenschaftlich ausgerichteten
Erforschung von Waldpolitik. Unsere Mitglieder kommen aus allen Teilen der
Welt, aber dort liegt auch eine Herausforderung: Während Forschende aus
Europa und Nordamerika sehr präsent sind, wünsche ich mir eine noch viel
stärkere aktive Beteiligung aus anderen Regionen, wie beispielsweise
Südamerika und Afrika. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass wir ein
besseres Verständnis für die Themen und wissenschaftlichen Probleme
anderer Weltregionen entwickeln können. Es wird daher eine große Aufgabe
sein, eine aktive Beteiligung insbesondere von Forschenden aus dem
globalen Süden und aus bislang unterrepräsentierten Ländern zu erreichen.

Auch beim Austausch mit der Politik müssen wir der Tatsache Rechnung
tragen, dass sich die Wald-Governance stark regionalisiert hat. Das
bedeutet, dass IUFRO neben der internationalen Ebene auch auf regionaler
Ebene verstärkt in Interaktion mit der Politik treten muss. Das wird uns
ermöglichen, viel zielgerichteter wissenschaftsbasierte Informationen für
die Wald-Governance in verschiedenen Weltregionen anzubieten. Damit kann
dann auch den unterschiedlichen waldpolitischen Prioritäten in den
verschiedenen Regionen Rechnung getragen werden.

Faktenübersicht:

•       Prof. Dr. Daniela Kleinschmit ist seit 2014 Professorin für Forst-
und Umweltpolitik an der Universität Freiburg. Von 2021 bis März 2024 war
sie zudem Prorektorin für Nachhaltigkeit und Internationalisierung an der
Universität. Sie ist derzeit Vizepräsidentin des Internationalen Verbandes
Forstlicher Forschungsanstalten (IUFRO). Beim kommenden IUFRO-Weltkongress
(23. bis 29. Juni 2024 in Stockholm) wird sie zur neuen Präsidentin des
Verbandes ernannt werden. Kleinschmit ist zudem Principal Investigator der
Exzellenzclusterinitiative „Future Forests: Adapting complex social-
ecological forest systems to global change“.

•       Der Bericht „International Forest Governance: A Critical Review of
Trends, Drawbacks, and New Approaches“ wird bei der 19. Sitzung des
Waldforums der Vereinten Nationen (UNFF19) am 10. Mai vorgestellt.

Daniela Kleinschmit steht gerne für Medienanfragen zur Verfügung.

  • Aufrufe: 41

Studie der PFH: Psychische Belastung des Gesundheitspersonals auch nach Pandemie-Ende unverändert hoch

Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie  PFH Göttingen
Prof. Dr. Stephan Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren der Studie PFH Göttingen

Die psychische Belastung von Fachkräften im Gesundheitswesen
ist auch nach der Corona-Pandemie konstant hoch. Besonders
Pflegefachkräfte weisen erhöhte Symptome von Stress, Angst und Depression
auf. Dabei fühlen sich die Befragten subjektiv am meisten betroffen von
strukturellen Problemen wie Personalmangel und unzureichende
Wertschätzung. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie des
Fachbereiches Psychologie der PFH Private Hochschule Göttingen. Die
Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten medizinischen
Fachzeitschrift BMJ Open veröffentlicht.

„Die Ergebnisse sind besorgniserregend, auch angesichts des weiter
zunehmenden Mangels an Pflegefachkräften“, sagt Prof. Dr.  Stephan
Weibelzahl, Professor für Psychologie an der PFH und einer der Co-Autoren
der Studie. Laut aktueller Berechnungen des Statistischen Bundesamts
(Destatis) liegt die Zahl der verfügbaren Pflegekräfte bereits im Jahr
2034 um 90 000 unter dem erwarteten Bedarf. Infolge der Alterung der
Gesellschaft werden in Deutschland bis zum Jahr 2049 voraussichtlich
zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.

Für die Studie hat ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern
der PFH Göttingen, der Universität Wien und der Fernuniversität Hagen die
psychische Gesundheit von Gesundheitsfachkräften in Deutschland und
Österreich während der COVID-19-Pandemie über die Jahre 2020 bis 2022
untersucht. Dabei wurden Daten von 421 Fachkräften aus dem
Gesundheitswesen mit früheren Umfragen aus den Jahren 2021 (N=639
Befragte) und 2020 (N=300 Befragte) verglichen. Die Ergebnisse zeigen,
dass die psychische Belastung des Gesundheitspersonals im Verlauf der
Pandemie konstant geblieben ist, ohne Anzeichen von Gewöhnung an die
belastende Situation oder die neuen Umstände.

Pflegepersonal am stärksten belastet

„Beim Vergleich der drei Berufsgruppen Ärztinnen und Ärzte, Rettungskräfte
und Krankenschwestern sowie -pflegern war in unserer Studie das
Pflegepersonal zu jedem Zeitpunkt am stärksten psychisch belastet, d. h.
es zeigte deutlich mehr Symptome von Angststörungen und Depression und
hatte insgesamt eine schlechtere psychische Gesundheit als die anderen
Teilnehmenden, erläutert Dr. Julia Reiter, Co-Autorin der Studie und
wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Arbeits-,
Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Wien. Während
beispielsweise 24 Prozent der Ärztinnen und Ärzte von mittleren oder
schweren Symptomen von Depression berichteten, waren es bei den
Pflegekräften 36 Prozent. Die aktuellen Erkenntnisse der Studie
untermauern die Ergebnisse anderer Studien, in denen festgestellt wurde,
dass das Pflegepersonal im Vergleich zu anderen Berufsgruppen im
Gesundheitswesen stärker belastet ist.

„Dabei waren insbesondere die Symptome von Angst und Depression sowie die
psychische Belastung insgesamt bei diesen Fachkräften im Vergleich zur
Zeit vor der Pandemie deutlich erhöht“, so Reiter. Die psychische
Belastung der Pflegekräfte hat sich gegenüber den beiden ersten Erhebungen
in der Anfangszeit der Pandemie 2020 und 2021 leicht erholt, ist aber nach
wie vor auf sehr hohem Niveau. Um die genannten Zahlen besser einschätzen
zu können, hilft der Blick auf eine repräsentative Vergleichsstichprobe
(N=2512), die vor der Pandemie mit demselben Fragebogeninstrument erhoben
wurde: Damals zeigten nur fünf Prozent der Bevölkerung mittlere oder
schwere Symptome von Depression.

Hilfe trotz Bedarf nicht in Anspruch genommen

Obwohl die Bereitschaft, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen,
während des Untersuchungszeitraums gestiegen ist, stehen die begrenzte
Verfügbarkeit von Unterstützungsleistungen und Zeitmangel aufgrund hoher
Arbeitsbelastung dem Hilfegesuch häufig entgegen. Zudem hatten 42,5
Prozent der Befragten, die so stark psychisch belastet waren, dass sie
psychologische Unterstützung benötigten, nicht die Absicht, Hilfe in
Anspruch zu nehmen. „Selbst wenn psychologische Unterstützung vorhanden
ist, hatten die Beschäftigten aufgrund der höheren Arbeitsbelastung oft
keine Zeit, sie in Anspruch zu nehmen“, so Weibelzahl.

Anhaltende strukturelle Probleme im Gesundheitswesen

Die Arbeitsanforderungen, von denen sich die Teilnehmenden subjektiv am
stärksten betroffen fühlten, bezogen sich nicht auf die Pandemiesituation,
sondern auf existierende strukturelle Probleme. Auf einer Skala von 0 bis
4 bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Personalmangel
(Mittelwert M=3,30) und unzureichende Wertschätzung ihrer Arbeit (M=2,96)
als besonders beeinträchtigend. Ein weiterer struktureller Faktor, der
etwas niedriger (M=2,41), aber immer noch am oberen Ende der Skala
rangiert, sind lange Arbeitszeiten. „Dieses Problem ist bis zu einem
gewissen Grad ein ständiges Merkmal medizinischer Berufe, wird aber auch
durch Personalmangel verschärft, der dazu führt, dass mehr Schichten
übernommen werden müssen und während dieser Schichten mehr Aufgaben
anfallen“, so Weibelzahl.

Effektive Unterstützungsmaßnahmen der Arbeitgebenden erforderlich

Insgesamt unterstreicht die Studie die dringende Notwendigkeit für
Arbeitgebende, effektive Maßnahmen zur Unterstützung der psychischen
Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu implementieren und eine unterstützende
Arbeitskultur zu fördern. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die
wahrgenommene Arbeitskultur eine Rolle für die psychische Gesundheit und
das Hilfesuchverhalten der Mitarbeitenden spielt. Mitarbeitende benötigen
eine Kultur, die offene Kommunikation und Anerkennung der Arbeitsbelastung
fördert, mit einer geringeren psychischen Belastung verbunden ist und
erleichtert, die Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Prof. Dr. Weibelzahl.
Je positiver die Teilnehmenden die Arbeitskultur in ihrer Organisation
bewerteten, desto geringer war ihre psychische Belastung. „Eine positive
Arbeitskultur ist auch angesichts des sich weiter verschärfenden
Fachkräftemangels dringend geboten“, schlussfolgert Weibelzahl.

Über die Studie

Die Studie wurde von Mitte Juni bis Mitte August 2022 unter Mitarbeitenden
des Gesundheitswesens in staatlichen und privaten Einrichtungen des
Gesundheitswesens, wie Arztpraxen, Krankenhäusern und Rettungsdiensten, in
Deutschland und Österreich online durchgeführt (n=421).

Die Ergebnisse der Studie wurden in BMJ Open veröffentlicht, eine von
Experten begutachtete, frei zugängliche medizinische Fachzeitschrift, die
sich der Veröffentlichung medizinischer Forschung aus allen Disziplinen
und Therapiebereichen widmet. Reiter Julia, Weibelzahl Stephan, Duden
Gesa: Would’ve, could’ve, should’ve: a cross-sectional investigation of
whether and how healthcare staff’s working conditions and mental health
symptoms have changed throughout 3 pandemic years. BMJ Open 2024;
https://bmjopen.bmj.com/content/14/3/e076712.info

  • Aufrufe: 123