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Was tun gegen Schmerz? Expertinnen und Experten klären über Therapiemöglichkeiten auf

In Deutschland berichten rund 23 Millionen Menschen über chronische
Schmerzen, insbesondere an Kopf, Rücken, Gelenken, Nerven und im Magen-
Darm-Bereich. Betroffene müssen oft erhebliche Einschränkungen im Alltag
hinnehmen, bis hin zu Arbeitsausfällen und Frühberentung. Am 4. Juni 2024
können sie sich beim 13. bundesweiten Aktionstag gegen den Schmerz
umfassend zum Thema Schmerz informieren. Die Deutsche Schmerzgesellschaft
e. V. organisiert den Tag mit 150 Einrichtungen. Es gibt Aktionen,
Infoveranstaltungen, Vorträge und eine kostenfreie telefonische
Patientenhotline. Um 11.00 Uhr findet eine Online-Pressekonferenz statt.

Jährlich am ersten Dienstag im Juni ruft die Deutsche Schmerzgesellschaft
e. V. Kliniken, ärztliche oder psychologische Praxen,
schmerztherapeutische Einrichtungen, Apotheken sowie Pflegedienste, Heime
und Physiotherapiepraxen auf, das Thema „Schmerz“ in den Fokus zu rücken.
Um die breite Öffentlichkeit, Betroffene und ihre Angehörigen zu
informieren, gibt es im Rahmen des „Aktionstages gegen den Schmerz“ am 4.
Juni 2024 bundesweite Informationsveranstaltungen. „Es ist wichtig, über
die Entstehung von Schmerz aufzuklären und Betroffenen Wege daraus
aufzuzeigen“, so Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen
Schmerzgesellschaft e. V. „Denn Schmerz wird häufig unterschätzt. Wird er
nicht ernst genommen und behandelt, kann er sich schnell chronifizieren,
zu einer großen Einschränkung im Alltag werden und die Lebensqualität
erheblich mindern“, gibt Isenberg zu bedenken.

Fast jede 5. Krankschreibung in Deutschland ist auf Rückenschmerzen,
Bandscheibenschäden oder andere Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems
zurückzuführen1. „Die damit verbundenen Schmerzen führen also nicht nur zu
persönlichem Leid, sondern richten auch erheblichen volkswirtschaftlichen
Schaden an“, so Isenberg. So verursachen chronische Schmerzen hierzulande
jährliche Kosten von schätzungsweise 38 Milliarden Euro. Davon entfallen
lediglich etwa 10 Milliarden Euro auf die Behandlungskosten – der Rest ist
Krankengeld, Arbeitsausfall und Frühberentungen zuzuschreiben.

Es ist daher wichtig, Schmerzen frühzeitig zu behandeln und so bestenfalls
in den Griff zu bekommen. Doch bei mehr als der Hälfte aller Menschen mit
chronischen Schmerzen dauert es über 2 Jahre, bis sie eine wirksame
Schmerzbehandlung erhalten, und nur ein Zehntel aller Patientinnen und
Patienten mit chronischen Schmerzen werden überhaupt einem Spezialisten
vorgestellt.

Der Aktionstag soll Betroffenen und ihren Angehörigen daher die
Möglichkeit geben, niederschwellig und wohnortnah mit renommierten
Schmerzexpertinnen und -experten in Kontakt zu treten. Eine Übersicht
aller Veranstaltungen gibt es auf der Website der Schmerzgesellschaft.

Außerdem steht von 9.00 bis 18.00 Uhr eine kostenfreie telefonische
Patientenhotline 0800 1818120 zur Verfügung. Dort erhalten Anruferinnen
und Anrufer praktische Tipps zum Umgang mit Schmerzen und Informationen
darüber, wo sie die richtige Unterstützung und Therapie erhalten.

Am Aktionstag findet auch eine Online-Pressekonferenz statt. Hier
informieren Schmerzexperten, eine Vertreterin der Pflegeberufe und eine
Betroffene über aktuelle Forschungsprojekte im Bereich Schmerz, darüber,
welche Möglichkeiten aber auch Hindernisse die Krankenhausreform für die
Schmerzversorgung bringt und warum das Thema Schmerz in Schulen und ins
Medizinstudium gehört.

Weitere Informationen:

Patienten-Flyer
• „Schmerzen verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_Schmerzen_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „Kopfschmerzen verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_Kopfschmerzen_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „CRPS – Komplexes regionales Schmerzsyndrom verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_CRPS_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „Gesichtsschmerzen verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_Gesichtsschmerzen_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „Endometriose-Schmerzen verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_Endometriose_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_IMST_Cewe_20012021_Screen.pdf)
• „Restless Legs Syndrom verstehen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_RLS_Cewe_20052021_Screen.pdf)
• „Physiotherapie bei Schmerzerkrankungen“
(https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/2021/pdf/DS_Flyer_Patienten_Physiotherapie_Cewe_04102021_Screen.pdf)

Weitere Informationen, Materialien und die Veranstaltungsorte zum
„Aktionstag gegen den Schmerz“ unter
https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/bewusstsein-schaffen/aktionstag

Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. anlässlich
des bundesweiten 13. „Aktionstages gegen den Schmerz“ am 4. Juni 2024

Schmerzversorgung muss gesichert werden!

Termin: Dienstag, 4. Juni 2024, 11.00 bis 12.00 Uhr
Anmeldung: https://attendee.gotowebinar.com/register/2018563050169497693

Vorläufiges Programm:

13. Aktionstag gegen Schmerz: 150 Einrichtungen klären über Schmerz und
aktuelle Behandlungsmöglichkeiten auf
und
Forschung gegen Schmerz: Die Schmerzgesellschaft ist in neuen
Innovationsfondsprojekten bundesweit aktiv
Professor Dr. med. Hans-Georg Schaible
Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und Professor für
Physiologie an der FSU Jena

Krankenhausreform: Schmerz muss eigene Leistungsgruppe werden!
Aktuelle Daten enthüllen gravierende Lücken in der Schmerzversorgung und
bei der Erreichbarkeit von Einrichtungen
Professor Dr. med. Frank Petzke, Göttingen
Leiter der Abteilung Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie am
Universitätsklinikum Göttingen

Pflegekompetenzgesetz – Eine Revolution in der Schmerztherapie? Wie
Schmerzpatientinnen und -patienten von neuen heilkundlichen Aufgaben der
Pflegenden profitieren
Professor Dr. h. c. Christel Bienstein
Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe e. V. (DBfK)

Das Thema Schmerz gehört ins Klassenzimmer und in die Vorlesungssäle:
Frühe Aufklärung und Weiterbildung für bessere Schmerzprävention
Heike Norda
Vorsitzende der Selbsthilfegruppe SchmerzLOS e. V. in Neumünster

Moderation: Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen
Schmerzgesellschaft e. V.

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Ein Plädoyer für mehr Freiraum: 75 Jahre Grundgesetz oder warum es nicht sinnvoll ist, alles regeln zu wollen

Eine aktuelle Einordnung von Staatsrechtler Prof. Ulrich Fastenrath,
Leiter der Forschungsstelle für Völkerrechts- und Staatstheorie an der TU
Dresden

„Verfassungen müssen kurz und dunkel sein.“ Dieser Satz wird Napoleon
zugeschrieben; von einem autoritären Herrscher wird man auch nichts
anderes erwarten: Er scheut rechtliche Bindungen. Das ist gewiss keine
Vision für die demokratisch und rechtsstaatlich organisierte
Bundesrepublik Deutschland. Dennoch steckt in diesem Satz ein Körnchen
Wahrheit auch für die deutsche Verfassung: das vor 75 Jahren am 23. Mai
1949 verkündete und tags darauf in Kraft getretene Grundgesetz.

Eine aktuelle Einordnung von Staatsrechtler Prof. Ulrich Fastenrath,
Leiter der Forschungsstelle für Völkerrechts- und Staatstheorie an der TU
Dresden

„Verfassungen müssen kurz und dunkel sein.“ Dieser Satz wird Napoleon
zugeschrieben; von einem autoritären Herrscher wird man auch nichts
anderes erwarten: Er scheut rechtliche Bindungen. Das ist gewiss keine
Vision für die demokratisch und rechtsstaatlich organisierte
Bundesrepublik Deutschland. Dennoch steckt in diesem Satz ein Körnchen
Wahrheit auch für die deutsche Verfassung: das vor 75 Jahren am 23. Mai
1949 verkündete und tags darauf in Kraft getretene Grundgesetz.

Verfassungen sind auf lange Dauer angelegt und sollten sich auf das
Wesentliche beschränken. Sie konstituieren den Staat und können nur unter
erschwerten Bedingungen mit besonderen Mehrheiten geändert werden.
Gleichzeitig müssen Verfassungen wandlungsfähig sein, um auch veränderten
Gegebenheiten und Einstellungen Rechnung tragen zu können. Und nicht
zuletzt soll sich die Bevölkerung auch “emotional” hinter “ihrer”
Verfassung versammeln können. Die Verfassung ist damit im Idealfall
gleichsam eine rechtliche und gesellschaftliche Grundlage bzw. Klammer.

Vieles ist den “Vätern und Müttern” des bundesdeutschen Grundgesetzes
gelungen, aber sowohl in punkto Beständigkeit als auch Wandlungsfähigkeit
und gesellschaftlicher Klammer hat das Grundgesetz nach Einschätzung von
Prof. Ulrich Fastenrath, der die Forschungsstelle Völkerrechts- und
Staatstheorie an der TU Dresden leitet, einige Schwächen.

„In seinen 75 Jahren ist das Grundgesetz bereits 67 Mal geändert worden.
Das ist außergewöhnlich viel. Die mehr als dreimal so alte amerikanische
Verfassung wurde lediglich 18 Mal ergänzt“, vergleicht Prof. Fastenrath.
„Ein Grund dürfte in der mitunter sehr hohen Präzision einzelner
Regelungen des Grundgesetzes liegen und dem Hang, bei Änderungen sehr ins
Detail zu gehen. Das hat historische Gründe, hängt aber auch damit
zusammen, dass die politischen Akteure die Grenze ihrer Zugeständnisse
oder das im Gegenzug dafür Erlangte im Wortlaut genau wiederfinden wollen.
In der Praxis bewähren sich solche Detailregelungen aber nicht immer.“

Doch nicht nur die Politik nimmt dem Grundgesetz die Beweglichkeit. Auch
das Bundesverfassungsgericht sorgte im Laufe seiner Rechtsprechung
zunehmend für eine Versteinerung der verfassungsrechtlichen Begriffe, sagt
Fastenrath. „So richtig es ist, dass Recht Konstanz braucht und deshalb
bei der Auslegung von Rechtssätzen gerichtliche Entscheidungen zu
berücksichtigen sind, so droht doch eine Verkrustung, weil sich das
deutsche Recht in besonderer Weise als wissenschaftliches Recht versteht.“
Das Bundesverfassungsgericht entscheide nicht einfach den vorgelegten
Einzelfall, sondern bette die Entscheidung in einen größeren
Begründungszusammenhang ein, der Rechtsbegriffe schärft und frühere
Begründungsableitungen immer wieder erneut abruft. „Das nimmt der
Verfassungsauslegung und -anwendung die Flexibilität und führt dazu, dass
das Grundgesetz nur noch von rechtskundigen Personen einigermaßen
zutreffend verstanden werden kann.“

Dies hat direkte Konsequenzen auf die emotionale Bindungswirkung des
Grundgesetzes. „Der Bevölkerung fehlt damit die Grundlage für einen
Verfassungspatriotismus, wie es Dolf Sternberger genannt hat. Es bleibt
nur der Rückzug auf universelle (und somit für Deutschland nicht
spezifische) Werte wie Freiheit und Diskriminierungsverbot als Fundament
der Gesellschaft bzw. den Grundkonsens aller Demokraten“, kritisiert
Fastenrath.

Zum 75. Jubiläum wünscht sich der Staatsrechtler, dass wir dem politischen
Prozess mehr vertrauen (können) und nicht alles rechtlich regeln wollen,
weder in der Verfassung noch in Gesetzen. Ein freiheitlicher Staat und
eine freie Gesellschaft brauchen Freiräume, um verantwortungsbewusst den
mit der Zeit wechselnden Anforderungen und Lebenseinstellungen gerecht
werden zu können.

Prof. Ulrich Fastenrath war von 1993 bis 2014 Inhaber der Professur für
Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Technischen
Universität Dresden und leitet seither die Forschungsstelle für
Völkerrechts- und Staatstheorie. In diesen Bereichen liegen auch seine
Forschungsschwerpunkte, die er interdisziplinär unter Einbeziehung von
Linguistik, Philosophie und Politikwissenschaft betreibt. Er ist weiterhin
in der Lehre am Zentrum für Internationale Studien tätig. https://tu-
dresden.de/gsw/phil/irget/jfoeffl3

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Größtes deutsches Schlaganfall-Register: Forschung seit 30 Jahren zur Volkskrankheit Schlaganfall

„Erlanger Schlaganfall-Register“ trägt entscheidend zur
Gesundheitsversorgung von Patient/-innen in Deutschland bei


Das Erlanger Schlaganfall-Register feiert sein 30-jähriges Bestehen. Seit
seiner Gründung hat es sich nicht nur zum größten bevölkerungsbasierten
Register in Deutschland entwickelt, bei dem die Daten von Erlanger
Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten fortlaufend und direkt aus der
Bevölkerung erhoben werden. Es ist auch eines der weltweit ältesten
wissenschaftlichen Register zur Versorgungsforschung über die
Volkskrankheit Schlaganfall. Seit 1994 erfasst das Forschungsteam der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) um den Neurologen
Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas Daten zu Epidemiologie,
Krankheitsverlauf, Versorgung und den Kosten zum Schlaganfall. Aufgrund
des Alleinstellungsmerkmals wird das Erlanger Register seit 2000 vom
Bundesgesundheitsministerium (BMG) gefördert. Die Anschubfinanzierung
erfolgte 1995 durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit,
Pflege und Prävention.

„In Deutschland müssen wir anhand der epidemiologischen Berechnungen des
Erlanger Schlaganfall-Registers von rund 270.000 neuen Schlaganfällen pro
Jahr ausgehen. Rund 66.000 davon sind Schlaganfälle, die sich bei den
Betroffenen wiederholt haben“, sagt der Neurologe Prof. Dr. Peter
Kolominsky-Rabas, Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Erlanger
Schlaganfall-Registers. „Die Patientinnen und Patienten, die einen
erstmaligen Schlaganfall erleiden, sind im Durchschnitt 75 Jahre alt. Mit
der Alterung der Gesamtbevölkerung – Stichwort demographischer Wandel –
wird sich die Zahl der neuen Schlaganfälle in den nächsten Jahrzehnten
mehr als verdoppeln.“

Gesundheitspolitischer Stellenwert

Nach Herz- und Krebserkrankungen ist der Schlaganfall mit jährlich rund
63.000 Toten, davon rund 36.000 Frauen, die dritthäufigste Todesursache in
Deutschland (Stand 2022). Die Erkrankung ist außerdem die häufigste
Ursache für lebenslange Behinderung bei Erwachsenen. Je nach Ausprägung
des erlittenen Schlaganfalls kann es zu bleibenden Schäden wie dauerhaften
Lähmungen, Sprach- und Sprechstörungen oder Harn- und Stuhlinkontinenz
kommen, die hohe Versorgungskosten nach sich ziehen. Hinzu kommt noch die
sehr hohe körperliche und emotionale Belastung der pflegenden An- und
Zugehörigen.

Neuland betreten

Wie verbreitet ist Schlaganfall, wie verläuft die Erkrankung, wie hoch ist
die Sterblichkeit und wie hoch sind die Behandlungskosten? Auf die Fragen
nach den Auswirkungen, die ein Schlaganfall hat, gab es lange Jahrzehnte
keine Antworten. Erst die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FAU
haben – als erste in Deutschland ¬– belastbare Zahlen vorgelegt. Damit
haben die Forschenden vor genau 30 Jahren völliges Neuland betreten, denn
bis zur Gründung des Erlanger Schlaganfall-Registers wurde eine derartige
Forschung in Deutschland nicht betrieben.

Geburtsstunde des Erlanger Schlaganfall-Registers

Weshalb das Erlanger Schlaganfall-Register gegründet wurde, hat einen
guten Grund. Krankenkassen stellten sich damals die Fragen: Wie viele
Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten müssen in Deutschland
voraussichtlich versorgt werden? Wie viele dieser Patientinnen und
Patienten überleben und mit welchen Behinderungen? Denn danach richtete
sich die Planung für die ersten Schlaganfall-Spezialstationen (Stroke
Units) in den Krankenhäusern, die ab 1994 entstanden. „Aussagekräftige
Zahlen, die diese Fragen hätten zuverlässig beantworten können, gab es in
dieser Zeit nicht“, erläutert Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas. „Dieser
Zeitpunkt ist die Geburtsstunde des Erlanger Schlaganfall-Registers“, sagt
der Neurologe rückblickend. Der Mediziner war zu dieser Zeit an der
Neurologischen Klinik des Uniklinikums Erlangen unter der damaligen
Leitung von Prof. Dr. Bernhard Neundörfer tätig. Gemeinsam begannen sie,
eigene Daten zu erheben und die bestehenden Lücken mit belastbaren Zahlen
zu schließen.

Alleinstellungsmerkmal: Daten entlang der gesamten Versorgungskette

Was das Erlanger Schlaganfall-Register besonders macht, ist sein
Alleinstellungsmerkmal. Ob ambulant oder stationär: Die Registerdaten
werden entlang der gesamten Versorgungskette beginnend mit der
Akutbehandlung auf der Stroke Unit, über die Rehabilitation, die
Langzeitpflege bis hin zur hausärztlichen Betreuung erhoben. Ein
besonderes Augenmerk der Forschenden gilt den erneuten Schlaganfällen
sowie den möglichen Spätfolgen wie Depressionen, epileptischen Anfällen
sowie Demenzerkrankungen. „Die freiwillige Datenspende der Erlanger
Bürgerinnen und Bürger erlaubt so eine umfassende Versorgungsforschung zur
Volkskrankheit Schlaganfall und hat die Berechnung der Krankheitskosten
erst möglich gemacht.“

Eine Frage der Kosten

Erstmalig in Deutschland haben die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler des Erlanger Schlaganfall-Registers gemeinsam mit Prof.
Dr. Oliver Schöffski vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre,
insbesondere Gesundheitsmanagement an der FAU die lebenslangen
medizinischen Behandlungskosten nach einem einmaligen Hirninfarkt
berechnet: Sie betragen rund 43.000 Euro pro Schlaganfallpatientin bzw.
-patient. „Dies macht den Schlaganfall zu einer für die Gesundheitssysteme
‘teuersten‘ Erkrankungen“, urteilt Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas. Auch
haben die Forschenden die Gesamtkosten der zukünftigen Versorgung von
Schlaganfallpatient/-innen in Deutschland hochrechnen können. „Bis 2040
wird die Anzahl der Schlaganfälle um 30 Prozent steigen. Damit
unterstreichen unsere Zahlen den hohen gesundheitspolitischen Stellenwert
der Volkskrankheit Schlaganfall und deren Auswirkungen für die sozialen
Sicherungssysteme.“

Größtes bevölkerungsbasiertes Register in Deutschland

Heute ist das Erlanger Schlaganfall-Register das größte
bevölkerungsbasierte Register in Deutschland ¬– und gleichzeitig eines der
weltweit ältesten Schlaganfall-Register überhaupt. Die Anschubfinanzierung
erfolgte 1995 durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit,
Pflege und Prävention unter der damaligen bayerischen
Gesundheitsministerin Barbara Stamm. Aufgrund seines
Alleinstellungsmerkmals wird das Erlanger Schlaganfall-Register seit 2000
vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) gefördert. Für den Zeitraum 1995
bis 2024 betrugen die Fördermittel insgesamt rund 6,1 Millionen Euro.

Bislang 11.000 dokumentierte Fälle

Die Erfassung der akuten Schlaganfälle erfolgt in enger Kooperation mit
der Neurologischen Klinik am Uniklinikum Erlangen unter der Leitung von
Prof. Dr. Stefan Schwab. Seit der Gründung des Registers im April 1994
konnten so auf breiter Basis insgesamt 11.000 Fälle dokumentiert werden.
„Wir erheben die Langzeitdaten aller Patientinnen und Patienten innerhalb
der Stadt Erlangen, bei denen ein Schlaganfall diagnostiziert wurde, und
begleiten die Erkrankten vom ersten Tag der Erkrankung an über ihre ganze
Lebenszeit hinweg“, erläutert Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas. Dazu
gehört die Erhebung vielfältiger Daten: Benötigt die Patientin bzw. der
Patient zum Beispiel Hilfe beim Essen oder An- und Auskleiden, liegen
zusätzlich zum Schlaganfall weitere Erkrankungen vor, bestehen Risiken wie
zum Beispiel Übergewicht und Bluthochdruck oder fand eine ambulante
Rehabilitation statt?

Epidemiologie, Krankheitsverlauf, Versorgung

„Wir dokumentieren im Sinne epidemiologischer Fragestellungen die
individuellen Krankheitsverläufe sowie die vollständige anschließende
Versorgung nach einem Schlaganfall, aber auch die Ursachen und Folgen, die
ein Schlaganfall haben kann. Hinzu kommt die Ermittlung von Risikofaktoren
und die Berechnung der Kosten zur Volkskrankheit Schlaganfall.“

Die Daten werden in Abständen von drei und 12 Monaten erhoben, danach
jährlich bis zum Lebensende. „Aus den in einem langen
Nachbeobachtungszeitraum gewonnenen Registerdaten gewinnen wir
Informationen und ziehen Schlüsse, die für die Präventionsmedizin,
Therapie und Versorgungsplanung von Bedeutung sind.“

Künstliche Intelligenz hält Einzug

Noch mehr Vorteile für die Prävention, Diagnose und Behandlung von
Schlaganfällen bieten die qualitativ hochwertigen Registerdaten, wenn sie
mit künstlicher Intelligenz (KI) verbunden sind. Denn auch nach 30 Jahren
entwickelt sich das Register weiter und hat zum Beispiel das Themenfeld KI
für sich neu erschlossen. In der die Analyse großer und strukturierter
Datenmengen erkennen KI-Algorithmen unterschiedliche Muster, die Fachleute
womöglich nicht so leicht erkennen können. „Dank KI lassen sich
Risikofaktoren sowie gezielte Maßnahmen zur Verhinderung von
Schlaganfällen identifizieren“, erläutert Prof. Dr. Peter Kolominsky-
Rabas.

So wurden Registerdaten erstmals im Bereich des sogenannten Maschinellen
Lernens eingesetzt – im Rahmen eines Projektes mit Siemens Healthineers.
„Auf diese Weise ist es gelungen, ein Vorhersage-Modell zu entwickeln, um
die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Schlaganfalls abschätzen zu können.“

Umfassende evidenzbasierte Versorgungsforschung

Das Erlanger Schlaganfall-Register trägt wesentlich zur Verbesserung der
Versorgungssituation rund um die Volkskrankheit Schlaganfall bei. „Die
gewonnenen Erkenntnisse helfen, bei der Versorgungsplanung die Über-,
Unter- und Fehlversorgung bei Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten zu
vermeiden.“ Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas erläutert weiter: „Unser Ziel
war und ist es, einen Beitrag zu einer umfassenden und evidenzbasierten
Versorgungsforschung zu leisten.“ Er weiß: „Angesichts des demographischen
Wandels sind repräsentative Daten, die kontinuierlich über eine lange
Laufzeit hinweg erhoben wurden, gerade für Entscheiderinnen und
Entscheider im Gesundheitswesen von großer Bedeutung.“

Wissenschaftliches Symposium – Hinweis für Medien

Anlässlich des Jubiläums „30 Jahre Erlanger Schlaganfall-Register“ findet
am Donnerstag, 6. Juni von 14.00 bis 17.30 Uhr, ein wissenschaftliches
Symposium mit nationalen und internationalen Fachexpert/-innen statt.
Medien sind herzlich eingeladen – weitere Informationen gibt es bei Ilona
Hörath unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.. Eine Anmeldung ist bis Donnerstag, 30.
Mai, erforderlich.

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Mythen der Vergangenheit im Dienste der Gegenwart – Vom Wiederaufleben nationaler Ursprungskonzepte

Die Jahrestagung des Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des
östlichen Europa (GWZO) widmet sich am 3. und 4. Juni in Leipzig
mythischen Vorstellungen von nationalen Ursprüngen und ihrem aktuellen
Wiederaufleben in Mittel-, Ost- und Südosteuropa.

Herkunftserzählungen stiften Identität, konstruieren Nationen und
legitimieren bestehende oder angestrebte Machtverhältnisse. Die
Jahrestagung nimmt die Instrumentalisierung solcher Mythen in den Blick
und analysiert sie aus historischer wie gegenwartsbezogener Sicht. Sie
nutzt dazu das breite Spektrum der am GWZO vertretenen wissenschaftlichen
Disziplinen – von der Geschichte und Archäologie über die Kunst- und
Architekturgeschichte bis hin zur Ethnologie und Literaturwissenschaft.

Wie entsteht eine Nation? Seit dem 19. Jahrhundert sind die Prozesse der
Nationenbildung eng mit Vorstellungen über scheinbar einzigartige, tief
verwurzelte und historisch stabile Ethnien verbunden. Dies trifft
besonders auf Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu, eine Region, die eine
vielschichtige Geschichte nationaler und territorialer Umwälzungen erlebt
hat. Herkunftsnarrative wurden in der Sprach- und Geschichtswissenschaft
oder der Archäologie entworfen und gelegentlich durch Erkenntnisse aus der
Anthropologie oder sogar der Rassenbiologie ergänzt. In einigen Fällen
waren es auch Amateurhistoriker*innen und Mitglieder von Diaspora-Gruppen,
die Abstammungsgeschichten entwickelten, die zuerst als unwissenschaftlich
abgelehnt wurden, später jedoch Eingang in die offizielle nationale
Geschichtsschreibung fanden, um aktuellen geschichtspolitischen Interessen
gerecht zu werden. Die Ursprünge nationaler Identität wurden ebenso in der
Tradition des Brauchtums, der Folklore und speziell in Sagen, Legenden und
Märchen erforscht. Die diversen Narrative hatten und haben einen
beträchtlichen Einfluss auf nahezu alle kulturellen Bereiche von der Kunst
über die Architektur bis zur Musik. Sie wurden nicht zuletzt häufig zur
Rechtfertigung politischer Ansprüche genutzt, insbesondere territorialer
Natur, etwa gegenüber Nachbarstaaten.

In einigen Teilen des heutigen Mittel-, Ost- und Südosteuropa haben
nationale Herkunftsnarrative zwischenzeitlich eine neue politische
Bedeutung erlangt. Beispiele hierfür sind die neo-turanistische Umdeutung
der frühen ungarischen Geschichte im Kontext einer nach Osten aus-
gerichteten Wirtschafts- und Bündnispolitik oder der Streit zwischen
Mazedonien, Bulgarien und Griechenland über die Herkunft der modernen
mazedonischen Nation. Nicht zuletzt dienen auch die Auseinandersetzungen
um die nationale Zugehörigkeit der Krim und die Verwendung russischer
Geschichtsbilder zur Legitimation des russischen Angriffskriegs gegen die
Ukraine.

In der Rhetorik, die diesen Krieg begleitet, kommt auch der Verbindung von
„Sprache“ und „Nation“ eine besondere Rolle zu – dazu spricht
Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Monika Wingender (Justus-Liebig-
Universität Gießen) im Rahmen der Jahrestagung am 3. Juni ab 19 Uhr in
ihrem öffentlichen Abendvortrag „Sprache und Nation in Russlands Krieg
gegen die Ukraine – Narrative, Mythen, Propaganda“. Nationale
Ursprungserzählungen Russlands und der Ukraine unterscheiden sich deutlich
in Bezug auf die Kyiver Rus sowie auf die Entwicklung der drei
ostslawischen Sprachen Russisch, Ukrainisch und Belarussisch. Russland
stützt seine aktuelle Propaganda vor allem auf die Sprach- und
Kulturideologie der „Russischen Welt“, die zunehmend zu einem
geopolitischen Konzept Russlands wurde. Die Ukraine wehrt sich gegen das
sowjetische Erbe in ihrer Sprachsituation, das weit verbreitete Russisch,
und die Russkij-Mir-Ideologie mit Dekommunisierungs- und Sprachgesetzen.
Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine verändert sich die
Sprachsituation in der Ukraine sehr stark. Ukrainisch ist zur Sprache des
Widerstands geworden, Russisch dagegen zur Sprache des Feindes. Linguistic
Landscaping – die Repräsentanz der Sprachen im öffentlichen Raum –
verschafft dem Ukrainischen im Krieg zusätzliche Präsenz.

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Myths of the Past in Service of the Present. Resurgent Conceptions of
National Origins in Central, Eastern and Southeastern Europe
Jahrestagung des Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen
Europa (GWZO)
3. - 4. Juni 2024
Präsenz/online
GWZO, Specks Hof (Eingang A), 4.Etage, Reichsstraße 4–6, 04109 Leipzig

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Das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)
erforscht historische und kulturelle Prozesse in der Region zwischen
Ostsee, Schwarzem Meer und Adria. Grundlegend für das GWZO sind der breite
zeitliche Rahmen seiner epochenübergreifenden Forschungen, der am Übergang
von der Spätantike zum frühen Mittelalter ansetzt und bis in die Gegenwart
reicht, sowie die ausgeprägte Interdisziplinarität. In der
Grundlagenforschung des GWZO werden Methoden und Konzepte aus den
Disziplinen und Fächern der Archäologie, Mediävistik,
Literaturwissenschaft, der Osteuropastudien, der Geschichtswissenschaft,
der Kunstgeschichte und Architekturgeschichte als auch der
interdisziplinären Kulturwissenschaften miteinander verknüpft. Es kommen
zudem naturwissenschaftliche Ansätze zum Tragen. Sein konstant breites
Fächerspektrum bildet ein Alleinstellungsmerkmal des GWZO, nicht nur im
Hinblick auf Deutschland, sondern auch im weltweiten internationalen
Vergleich. Es trägt universitäts-komplementär damit zu einem elaborierten
Verständnis der historischen und heutigen Entwicklungen in den Staaten,
Gesellschaften und Kulturen des östlichen Europas bei. Das Institut ist
eng mit der Universität Leipzig verbunden. Es gibt gemeinsame Berufungen
und eine enge Zusammenarbeit in Forschung, Lehre und Karriereausbildung.
Vielfältige Kooperationsbeziehungen bestehen ebenfalls mit zahlreichen
wissenschaftlichen Einrichtungen im östlichen Europa. | www.leibniz-
gwzo.de

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