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Regionalpolitik wirkt gegen Populismus

Öffentliche Investitionen in die Entwicklung strukturschwacher Regionen
reduzieren die Unterstützung für rechtspopulistische Parteien. Dies zeigen
aktuelle Forschungsergebnisse des IfW Kiel. Untersucht wurde der Einfluss
europäischer Regionalförderung auf die Ergebnisse bei Europawahlen. In
geförderten Regionen sank der Stimmanteil rechtspopulistischer Parteien im
Durchschnitt um 15 bis 20 Prozent oder 2 bis 3 Prozentpunkte. Gleichzeitig
stieg das Vertrauen in demokratische Institutionen, während die
Unzufriedenheit mit der Europäischen Union (EU) abnahm. Die Unterstützung
linkspopulistischer Parteien blieb unbeeinflusst.

„Vor den Europawahlen im Juni befinden sich rechtspopulistische Parteien
in fast allen Mitgliedsstaaten im Aufwind. Unsere Forschung zeigt, dass
Regionalförderung diesem Trend effektiv entgegenwirken kann“, sagt Robert
Gold, Kiel Institute Senior Researcher und Mitautor des heute erschienenen
Kiel Policy Briefs EU-Regionalpolitik verringert Unterstützung
populistischer Parteien (https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/paying-
off-populism-eu-regionalpolitik-verringert-unterstuetzung-populistischer-
parteien-32733/
), der auf einem Kiel Working Paper (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/paying-off-populism-how-regional-policies-affect-
voting-behavior-32686/
) basiert.

Robert Gold und Jakob Lehr (Universität Mannheim) analysierten die
Europawahlergebnisse in 27 EU-Ländern über den Zeitraum von 1999 bis 2019
mit verschiedenen wissenschaftlichen Methoden, um die Auswirkungen der EU-
Regionalpolitik auf die regionalen Stimmanteile populistischer Parteien zu
bestimmen.

In den Jahren 2000 bis 2020 investierte die EU über drei Förderperioden
hinweg mehr als 900 Milliarden Euro in die regionale Entwicklung, vor
allem aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) sowie
dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Kohäsionsfonds (KF). Konkrete
Maßnahmen werden von den nationalen und regionalen Regierungen definiert
und kofinanziert.

100 Euro pro Kopf reduziert Stimmen für Rechts um 0,5 Prozentpunkte

Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg erhielt eine geförderte
Region im Durchschnitt rund 1,4 Milliarden Euro an EU-Zuschüssen zur
Regionalentwicklung, das entspricht rund 530 Euro pro Kopf. Der
Stimmanteil rechtspopulistischer Parteien sank dadurch um 15–20 Prozent
oder 2 bis 3 Prozentpunkte. 100 Euro EU-Regionalförderung pro Kopf
reduzieren den Stimmanteil rechtspopulistischer Parteien in einer
Durchschnittsregion also um 0,5 Prozentpunkte.

Als Grund für den Stimmenrückgang sehen die Autoren, dass die EU-
Regionalförderung das Vertrauen in demokratische Prozesse und die
Institutionen der EU in den geförderten Regionen erhöht hat. Basis für die
Einschätzung sind Befragungsdaten von weit über 100.000 Haushalten.

„Rechtspopulistische Bewegungen basieren auf einer nationalistischen,
euroskeptischen Agenda. Sie profitieren von einem Mangel an Vertrauen in
die konkrete Problemlösungsfähigkeit etablierter politischer Strukturen.
Dass Regionalpolitik genau dieses Vertrauen erhöht, scheint ein Grund
dafür zu sein, dass die populistische Unterstützung in Regionen, die aus
den EU-Strukturfonds gefördert werden, abnimmt“ so Gold.

Dabei veränderte sich die Förderlandkarte der EU mit der Zeit. Mit der EU-
Osterweiterung verloren viele strukturschwache Regionen den Förderstatus,
weil noch ärmere Regionen der EU beigetreten waren. Während in den frühen
Perioden Regionen wie Puglia (Italien) oder Leipzig (Deutschland)
beispielhaft für geförderte Regionen stehen, entspricht die
durchschnittliche geförderte Region in den späteren Jahren eher Jihovýchod
(Tschechische Republik) oder Kendriki Makedonia (Griechenland).

Der Verlust von Fördermitteln führte zu Stimmzuwächsen bei
rechtspopulistischen Parteien um durchschnittlich 1,6 Prozentpunkte. Dies
betraf insbesondere auch einige ostdeutsche Regionen. Ohne den Wegfall der
Regionalförderung hätten beispielsweise AfD und NPD bei den Europawahlen
2014 dort nur 10 Prozent statt 11,6 Prozent der Stimmen erhalten.

„Natürlich gibt es viele verschiedene Einflussfaktoren auf die
Unterstützung populistischer Parteien, speziell in Ostdeutschland, die
auch nicht immer mit ökonomischen Parametern zu tun haben,“ so Gold. „Was
die ökonomischen Ursachen von Populismus angeht, zeigt sich aber stets
eine ausgeprägte regionale Komponente, und dieser politischen
Polarisierung zwischen prosperierenden und stagnierenden Regionen kann
Regionalpolitik entgegenwirken.“

Jetzt Kiel Policy Brief lesen: https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen
/paying-off-populism-eu-regionalpolitik-verringert-unterstuetzung-
populistischer-parteien-32733/

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Studie: Cholesterin-Senkung hat gesundheitliche und volkswirtschaftliche Vorteile

Die koronare Herzerkrankung mit daraus entstehenden Herzinfarkten ist eine
schwerwiegende Erkrankung, die nicht nur für die Betroffenen, sondern auch
für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft hohe Belastungen bedeuten.
Forscherinnen und Forscher aus Jena haben die medikamentöse lipidsenkende
Therapie einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Im Rahmen der 90.
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim wurden
die Ergebnisse präsentiert. Sie fanden heraus, dass diese nicht nur für
die Patientinnen und Patienten, sondern auch für Krankenkassen und
Arbeitgeber Vorteile hat.

Düsseldorf/Mannheim, 9. April 2024 – Zu viel LDL-Cholesterin kann
bekanntermaßen Ablagerungen an den Wänden der Blutgefäße (sogenannte
Plaques) begünstigen und diese anfälliger für einen akuten Gefäßverschluss
(nach Plaqueruptur) machen , wodurch sich das Risiko für einen Herzinfarkt
deutlich erhöht. In der Studie „Jena auf Ziel“ („JaZ“) am
Universitätsklinikum Jena wurden Menschen untersucht, die einen
Herzinfarkt erlitten haben und nun eine hochintensive LDL-Cholesterin-
senkende Therapie erhielten. Die Kardiologinnen und Kardiologen, die die
Studie durchführten, wollten wissen, wie sich die Werte des LDL
Cholesterins dieser Patientengruppe am besten auf die in den Leitlinien
empfohlenen Zielwerte senken lassen. Eine erste, bereits publizierte
Analyse zeigte, dass durch eine Kombination von generisch verfügbaren
lipidsenkenden Medikamenten (Statine und Ezetimibe) bei 80 % der
Patientinnen und Patienten nach sechs Wochen die Zielwerte erreicht werden
konnten. Bei wem das nicht ausreichte, half die zusätzliche Gabe von
Bempedoinsäure und PSCK-9-Hemmer. Innerhalb von zwölf Monaten konnten bei
allen die Blutfettwerte auf das gewünschte Maß gebracht werden.

Was kostet mehr? Eine effiziente Therapie oder ein Herzinfarkt?

Diese intensive medikamentöse Therapie allerdings hat natürlich einen
Preis. Deshalb steht die berechtigte Frage im Raum, ob der Nutzen den
Kosten gerecht wird. Studienleiter Prof. Oliver Weingärtner: „Wir haben in
einer Folgeanalyse errechnet, wie hoch der durchschnittliche
wirtschaftliche Schaden bei einer Krankenhauseinweisung wegen schwerer
Herz-Kreislauf-Ereignisse innerhalb der ersten 24 Monate ist. Für solche
liegt das Risiko bei weniger effektiven, aber günstigeren Therapien
deutlich höher. Das Ergebnis setzten wir dann mit der teuren, aber
zielgerichteten, medikamentösen Therapie ins Verhältnis.“ Hierfür wurden
wirtschaftliche und klinische Daten gesammelt, einschließlich der Kosten
für Medikamente, Aufenthaltsdauer der Patientinnen und Patienten, und der
Krankenhauskosten.

Krankenhausaufenthalte sind dreimal teurer als gute Medikamente

Insgesamt wurden 85 Patient:innen aus der „JaZ“-Studie mit einem
Durchschnittsalter von 64,4 Jahren beobachtet. Die durchschnittliche Dauer
des ersten Krankenhausaufenthalts lag pro Person bei etwa sieben Tagen.
Für die 85 STEMI-Patient:innen summierten sich 631 Krankenhaustage mit
Gesamtkosten von 802.185,13 EUR. In den ersten zwölf Monaten nach dem
Herzinfarkt wurden alle 85 Personen regelmäßig in einer speziellen
Lipidambulanz untersucht und die Therapie bedarfsgerecht optimiert. Nach
zwölf Monaten wurde es den einzelnen Patientinnen und Patienten
freigestellt, ob sie weiter in der Spezialambulanz des Uniklinikums Jena
oder vom betreuenden Hausarzt bzw. Hausärztin weiterbehandelt werden
wollten. 24 Monate nach dem Herzinfarkt waren 96.3% der Patient:innen auf
Statine, 87.7% auf Ezetimib, 17.3% auf Bempedoinsäure und 6.2% auf einen
PCSK9-Hemmer eingestellt. Zehn der 85 Patient:innen mussten im Verlauf
aufgrund eines erneuten Herz-Kreislauf-Ereignisses im Krankenhaus
behandelt werden. Für diese Zehn entstanden dadurch zusätzliche Kosten für
den zweiten Krankenhausaufenthalt in Höhe von 73.411,17 EUR.

In den ersten 24 Monaten waren in der Gruppe mit dem erneuten
Krankenhausaufenthalt die Kosten durch Absetzen von lipidsenkenden
Medikamenten („deprescribing“) pro Patient:in niedriger (547,04 Euro vs.
2.562,29 Euro). Dafür waren bei ihnen die LDL-Cholesterinwerte signifikant
höher (2.04 ± 1.26 mmol/L vs. 1.27 ± 0.47 mmol/L; p < 0.001). Bei
Einbeziehung der zusätzlichen Kosten des weiteren Krankenhausaufenthalts
stiegen die Kosten in der Gruppe mit dem zweiten Herz-Kreislauf-Ereignis
auf 7.921,25 EUR – also auf mehr als das Dreifache gegenüber Patient:innen
ohne Zweitereignis.

Langfristige Vorteile für Betroffene, Arbeitgeber und Volkswirtschaft

Die Studienverantwortlichen schließen daraus, dass eine intensive,
lipidsenkende Therapie nach einem Herzinfarkt nicht nur die Gesundheit der
Patient:innen verbessert, sondern auch dazu beiträgt, langfristig die
Kosten für das Gesundheitssystem zu senken. Dabei werden nicht nur die
Krankenkassen entlastet. Die verhinderten Krankenhausaufenthalte haben
außerdem einen positiven Effekt für die Volkswirtschaft, denn betroffene
Erwerbstätige können öfter ihrer Arbeit nachgehen. Betriebe bleiben damit
produktiver, was sich positiv auf die gesamte Volkswirtschaft auswirkt.
Weingärtner: „Die Vorteile für alle Beteiligten liegen damit klar auf der
Hand. Es ist in unseren Augen wichtig, dass Patientinnen und Patienten
frühzeitig mit einer optimalen Therapie behandelt werden, um sowohl
individuelle als auch gesellschaftliche Schäden zu verhindern.“

Den vollständigen wissenschaftlichen Abstract finden Sie hier:
https://herzmedizin.de/meta/presse/dgk-jahrestagung-2024/Eine-intensive-
LDL-C-Senkung-ist-bei-Patient-innen-nach-ST-Hebungsinfarkt-kosteneffektiv
--Daten-der-zweijaehrigen-Nachverfolgung-von-Jena-auf-Ziel.html

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Kopfschmerzursachen bei Jugendlichen: Lange Bildschirmzeiten, unregelmäßige Mahlzeiten, spätes Zubettgehen, Cannabis

Eine aktuelle bevölkerungsbasierte Studie aus Kanada zeigte, dass
Lebensstilfaktoren die Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Kindern und
Jugendlichen beeinflussen. Das Risiko stieg mit einem späten Zubettgehen,
langen Bildschirmzeiten und unregelmäßigen Mahlzeiten sowie auch durch
Alkohol sowie den Konsum von Zigaretten – oder Cannabis. „Auch unter
diesem Aspekt ist die Freigabe dieser Droge in Deutschland kritisch zu
sehen.“

Drei von vier Jugendlichen kennen das Phänomen rezidivierender
Kopfschmerzen [1]. Die Gesamtprävalenz wird für das Kindes- und
Jugendalter heute mit bis zu 60 % angegeben [2]. Schon im Kindesalter
gehören Kopfschmerzen zu den häufigsten Schmerzen – mit Eintritt in die
Schule verfünffacht sich die Häufigkeit [2]. Bei den primären
Kopfschmerzen stehen mit 41 % Spannungskopfschmerzen an erster Stelle [3],
aber auch Migräne kommt vor (9,4 %). Bei 32,5 % der Betroffenen besteht
ein Mischtyp beider Formen. Für die Behandlung ist die richtige Diagnose
essenziell. Ungewöhnlich ist, wenn bereits Kleinkinder (< 3 Jahren) über
Kopfschmerzen klagen. Hier (aber grundsätzlich natürlich in jedem Alter)
dürfen ernste Erkrankungen, die zu sekundären Kopfschmerzen führen, wie
Meningitis, Hirntumoren oder Blutungen nicht übersehen werden. Bei der
kinderärztlichen Anamnese und Untersuchung wird nach bestimmten Hinweisen
(„red flags“) [4] gesucht (z.B. Trauma, plötzlich neu aufgetretene oder im
Verlauf zunehmende Kopfschmerzen, zusätzlich bestehende
Übelkeit/Erbrechen, Fieber, nächtliches schmerzbedingtes Erwachen,
Wesensveränderung oder weitere neurologische Symptome).

Die einzige primäre Kopfschmerzdiagnose, bei der ein Einsatz
schmerzstillender Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen und Triptane
(letztere ab zwölf Jahren) gerechtfertigt sind, ist eine nachgewiesene
Migräne. Dennoch nehmen etwa 80 % der Jugendlichen mit wiederkehrenden
Kopfschmerzen regelmäßig Schmerztabletten [1]. Hier besteht längerfristig
wie bei Erwachsenen die Gefahr, dass sich sekundär ein sogenannter
Medikamentenübergebrauchskopfschmerz („medication-overuse headache“, MOH)
entwickelt [1, 2].

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen sind oft eine komplexe,
multifaktorielle Erkrankung, die nicht selten chronisch wird. Ungefähr
jedes zweite Kind mit wiederkehrenden Kopfschmerzen wird im späteren Leben
noch immer darunter leiden [3]. Daher ist es besser, möglichst frühzeitig
nach den Ursachen zu suchen, statt unbedacht Schmerzmedikamente
einzunehmen. Wie bei Erwachsenen auch, werden bei Kindern und Jugendlichen
bestimmte „moderne“ Lebensstilfaktoren bzw. Verhaltensweisen mit
wiederkehrenden Kopfschmerzen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus
besteht eine Assoziation mit dem Auftreten von Depression und
Angststörungen.

Auch wenn kausale Zusammenhänge schwer zu ermitteln sind, so ist klar,
dass Kinder mit Kopfschmerzerkrankungen oft im Alltag (Schule, Familie,
Freunde, Hobbies) stark beeinträchtigt sind – wobei der Schmerz das
Sozialleben beeinflusst und umgekehrt. Eine gründliche Suche nach
möglichen Kopfschmerzursachen führt oft bereits zu hilfreichen
Behandlungsansätzen. Neben klassischen innerfamiliären
Belastungssituationen spielen sowohl eine Überorganisation des kindlichen
Alltags, eine Reizüberflutung mit fehlenden Ruhepausen [4], aber auch
Langeweile und daraus entstehende Gewohnheiten eine Rolle.

Eine aktuelle bevölkerungsbasierte Studie [5] aus Kanada untersuchte in
einer Querschnittsbefragung Kopfschmerzauslöser im Alter von 5-17 Jahren
(n=4.978.370; Durchschnittsalter 10,9 Jahre; 48,8 % weiblich). Die
Kopfschmerzhäufigkeit wurde dichotomisiert erfragt als „höchstens
1x/Woche“ oder „mehr als 1x/Woche“ (definiert als häufige Kopfschmerzen).
Insgesamt 6,1 % hatten häufige Kopfschmerzen. Die Wahrscheinlichkeit für
häufige Kopfschmerzen stieg signifikant mit dem Alter (OR 1,31) an und war
beim weiblichem Geschlecht höher (OR 2,39). Im für Alter/Geschlecht
bereinigten Rechenmodell stieg das Risiko signifikant mit einem späten
Chronotyp („Nachteulen“, aOR 1,1) sowie langen Bildschirmzeiten (≥21
Stunden gegenüber 0,0 in der letzten Woche, aOR 2,97) an. Bei 12- bis
17-Jährigen spielte auch Substanzkonsum eine Rolle (≥1/Woche Alkohol vs.
nie: aOR 3,50; „binge drinking“ ≥ 5x im letzten Monat vs. nie: aOR 5,52,
tägliches Zigarettenrauchen vs. nie: aOR 3,81, täglich E-Zigaretten vs
nie: aOR 3,1, täglicher Cannabiskonsum vs. nie: aOR 3,59). In der gesamten
Kohorte war eine tägliche häusliche Rauchexposition mit häufigen
Kopfschmerzen assoziiert (aOR 2,0). Die Wahrscheinlichkeit häufiger
Kopfschmerzen sank mit der Regelmäßigkeit der Mahlzeiten (aOR 0,90, p <
0,001). Es gab dagegen keinen Zusammenhang mit der angegebenen
körperlichen Aktivität.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Lebensstilfaktoren die Häufigkeit von
Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Als sogenannte
potenziell modifizierbare Risikofaktoren sollten sie in der Praxis
angesprochen werden, denn hier gilt es gegenzusteuern“, so DGN-
Kopfschmerzexperte Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen.

Es gibt verschiedene Projekte zum (Selbst-)Management bzw. zur Prophylaxe
von Kopfschmerzen bei Kinder und Jugendlichen, da Haus- und
Kinderarztpraxen oft nicht die Zeit haben, der Komplexität der Erkrankung
gerecht zu werden. Ein Beispiel ist das Projekt DreKiP) [2] am
Universitätsklinikum Dresden, ein multimodales
Kinderkopfschmerztherapieprogramm. Nach dem Assessment in der
Kinderkopfschmerzambulanz läuft das Programm schulbegleitend über 2–3
Monate. Es beinhaltet acht Module (Kopfschmerzedukation,
Stressbewältigung, Entspannungstechniken, körperliche Aktivierung/Fitness,
Klettertherapie/Selbstwirksamkeit, Kunsttherapie/Defokussierung, Yoga und
Riechtraining), zusätzlich finden edukative  Eltern-Workshops statt.

„Wir wissen heute, dass viele neurologische Erkrankungen, die seit Jahren
zunehmen, zu einem großen Teil auch lebensstilbedingt sind“, so Prof. Dr.
Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Natürlich beweisen nicht alle
statistischen Assoziationen eine Kausalität, aber Programme wie das aus
Dresden, die an der Modifikation möglicher Auslöser ansetzen, zeigen gute
Erfolge. In der aktuellen Studie war auch Cannabis ein relevanter
Risikofaktor. Auch unter diesem Aspekt ist die Freigabe dieser Droge in
Deutschland kritisch zu sehen.“

[1] https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/kopfschmerzen-bei-kindern-
aktiv-werden-hilft-14161.php

[2] https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-
klinikum/universitaetscentren/usc/publikationen/DreKiP_rzteblattSachsen_2024.pdf

[3] https://www.dmkg.de/patienten/kopfschmerzen-bei-kindern-und-
jugendlichen
[4] https://www.aerzteblatt.de/archiv/149939/Kopfschmerzen-im-Kindes-und-
Jugendalter
[5] Nilles C, Williams JV, Patten SB, Pringsheim TM, Orr SL. Lifestyle
Factors Associated With Frequent Recurrent Headaches in Children and
Adolescents: A Canadian Population-Based Study. Neurology. 2024 Mar
26;102(6):e209160. doi: 10.1212/WNL.0000000000209160. Epub 2024 Feb 28.
PMID: 38417103.

  • Aufrufe: 28

Krebs der Speiseröhre: Präzisionschirurgie ermöglicht große Therapiefortschritte

Krebs der Speiseröhre ist eine gefürchtete Diagnose. Denn oft ist es
nötig, in ausgedehnten und belastenden Operationen viel Gewebe zu
entfernen. Dies kann erhebliche Funktionseinbußen und Einschränkungen zur
Folge haben, etwa Schluckbeschwerden oder eine Verletzung des
Bronchialbaums in der Lunge. Gleichzeitig ist die Prognose eher schlecht,
nur etwa 25 Prozent der Erkrankten leben 5 Jahre nach der Diagnose noch.
Doch mittlerweile etabliert sich in spezialisierten Zentren eine
personalisierte multimodale Krebschirurgie. Mit dem Erfolg, dass
Patientinnen und Patienten nach ihrer Krebsdiagnose heute oft länger und
mit höherer Lebensqualität leben – oder gar geheilt werden.

Im Jahr 2020 erkrankten etwa 5.660 Männer und über 1.700 Frauen an Krebs
der Speiseröhre, gut 4.600 Männer und 1.400 Frauen starben an den
bösartigen Wucherungen (1). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen
Rauchen, Alkohol, Übergewicht und der sogenannte Reflux. Hier fließt
regelmäßig der stark säurehaltige Magensaft in die Speiseröhre zurück,
Betroffene spüren es durch chronisches Sodbrennen.

Die Entscheidung zur jeweiligen Therapie ist komplex und individuell
Patienten-bezogen
„Die klassische Therapie besteht in der Regel aus einem großen
viszeralchirurgischen Eingriff. Dabei werden anteilig die Speiseröhre mit
dem Tumor und sämtliche in der Nähe befindlichen Lymphknoten vollständig
entfernt“, sagt Professorin Dr. med. Christiane Bruns, Direktorin der
Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie der
Uniklinik Köln und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie
(DGCH) 2023/2024. Doch es gibt Fortschritte in der Therapie. „Mittlerweile
richten wir uns bei der Behandlung von Tumoren im Verdauungstrakt sehr an
den Voraussetzungen jedes einzelnen Patienten aus“, so die
Viszeralchirurgin, die auch stellvertretende Leiterin des Centrums für
Integrierte Onkologie (CIO) Köln ist. „So schauen uns dazu etwa die
molekulare Charakteristik des Tumors an“, führt Bruns weiter aus. „Daraus
können wir schließen, auf welche Medikamente der Krebs ansprechen wird und
wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er im Körper streut.“ Wichtig
seien zur Planung der Behandlung neben Lage und Ausbreitung des Tumors
auch die Konstitution sowie die Vorerkrankungen der Patienten. Auch ihre
Wünsche im Hinblick auf Lebensqualität und Lebenszeit spielen eine Rolle.

Die Therapieentscheidung bestimmen des Weiteren auch Fragen wie: „Kann man
noch beobachtend abwarten (‚active surveillance‘)?“, „Inwieweit ist es
möglich, das Organ bei der Operation zu erhalten beziehungsweise wie
aggressiv muss man Gewebe entfernen?“, „Welche Strahlen-, Chemo- oder seit
Neuestem auch Immuntherapeutika gibt man zu welchem Zeitpunkt?“ Ist der
Entschluss zur Operation getroffen, stehen die offene Chirurgie,
minimalinvasive Verfahren sowie die robotisch unterstützte Chirurgie zur
Wahl.

Robotisch-unterstützte Chirurgie kann den entscheidenden Unterschied zu
mehr oder weniger Lebensqualität nach der OP ausmachen
„Im Gegensatz zur offenen Chirurgie hat die minimalinvasive Roboter-
unterstützte Chirurgie beim Speiseröhrenkrebs viele Vorteile“, sagt Bruns.
„Diese ermöglicht eine mehrfache Vergrößerung des Operationsgebiets und
bietet damit eine deutlich übersichtlichere Darstellung sämtlicher
Strukturen. Zudem kann man mithilfe der Kameras Blickwinkel einstellen,
die man bei der herkömmlichen Chirurgie so nicht hat.“ Mittlerweile kommen
auch neuartige und speziell für die Mikrochirurgie konzipierte
Operationsroboter, die mit einem robotischen Mikroskop vernetzt sind, zum
Einsatz. Mit ihrer Hilfe können so feinste anatomische Strukturen wie
beispielsweise Blutgefäße, Nerven oder Lymphbahnen mit einem Durchmesser
von oft nur 0,3 Millimetern wieder miteinander verbunden werden. Eine
Präzision, die Nerven, Gefäße und andere empfindliche Strukturen auch bei
radikalen Operationen bestmöglich schont. „Das kann nachher den
entscheidenden Unterschied zu mehr oder weniger Lebensqualität ausmachen,
etwa beim Transportieren des Speisebreis zum Magen“, erklärt die
Chirurgin.

Die Grenzen der operativen und onkologischen Therapie verschieben sich
immer mehr
Durch die neuen Ansätze einer personalisierten und hochpräzisen
Tumorchirurgie verschieben sich die Grenzen der operativen und
onkologischen Therapie. „Bereits heute können wir einzelnen Betroffenen
mit einer nur gering gestreuten Tumorerkrankung im Magen-Darm-Trakt ohne
große Dynamik – einer sogenannten Oligometastasierung – eine längere
Überlebenszeit bieten. Auf dieser Basis – sie umfasst klinische Studien
sowie molekularbiologische Forschung – entwickeln wir ein besseres
Verständnis für die Besonderheiten dieser Krebszellen“, führt Professorin
Bruns aus. Sie hofft, künftig damit auch Patienten mit deutlich weiter
fortgeschrittenen Tumorerkrankungen eine bessere Prognose bieten zu
können.

Die weitere Anfahrt in ein Tumorzentrum zahlt sich meist aus
All dies setzt jedoch voraus, dass sich die Betroffenen zur Behandlung in
ein von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Tumorzentrum
begeben. „Damit sind hohe Fallzahlen und eine entsprechend große Erfahrung
gegeben. Es wird in Prozessen gedacht und in optimaler interdisziplinärer
Infrastruktur im Sinne jedes einzelnen Patienten gehandelt“, so Bruns. Und
nur hier finden sich gebündelte fachübergreifende Expertise bis hin zur
kostspieligen Ausstattung mit neuester Medizintechnik. „Ein Zentrum kann
den Unterschied machen, ich rate deshalb allen Betroffenen, im Zweifel
eine weitere Anfahrt dafür in Kauf zu nehmen.“

„Die geplante Krankenhausreform berücksichtigt die Zentralisierung von
komplexen Leistungen. Ich bin gespannt, wie personalisierte Therapien, die
ja auch ein interdisziplinäres Vorgehen erfordern, umgesetzt werden
können“, kommentiert Professor Dr. med. Thomas Schmitz-Rixen
Generalsekretär der DGCH.

Auch auf der Online-Pressekonferenz am 15. April von 10.00 bis 11.30 Uhr
des teilhybriden 141. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2024) sind
Therapiefortschritte bei der Behandlung von Tumoren des Magen-Darm-Trakts
durch personalisierte Präzisionschirurgie ein Thema. Der Kongress findet
vom 24. bis 26. April 2024 in Leipzig statt. Zuvor gibt es vom 16. bis 18.
April 2024 das ausschließlich digitale Format DCK.digital mit Nachmittags-
und Abendsitzungen.

Quellen:
(1)
https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Speiseroehrenkrebs/speiseroehrenkrebs.html

Terminhinweis Gastvortrag auf dem DCK 2024

Are we ready for clinical surgical AI?
Prof. Dr. Lena Maier-Hein*
Geschäftsführende Direktorin NCT Heidelberg, Leiterin der Abteilung
Intelligente Medizinische Systeme am DKFZ
Termin: Mittwoch, 24 April, 17.10 bis 18.45 Uhr
Ort: Saal 1, HYBRID/LIVESTREAM

*Prof. Dr. Lena Maier-Hein hat für ihre Pionierarbeit zur
Methodenentwicklung der KI-basierten Bildgebung bei onkologischen
Operationen soeben den Deutschen Krebspreis 2024 in der Kategorie
"Translationale Krebsforschung" erhalten.

Ausgewählte Terminhinweise Sitzungen zu chirurgischen Eingriffen im
Verdauungstrakt auf dem DCK 2024

Aktuelle Studien in der Magen- und Ösophaguschirurgie (CAOGI)
Termin: Mittwoch, 24. April, 08.00 bis 09.00 Uhr
Ort: Plenar 1 (Übertragung via Livestream vom DCK 2024-Kongress in
Leipzig)
•       Defining Benchmarks for Gastric Cancer Surgery - A Global
Multicenter Analysis
•       Watchful Waiting versus Operation bei klinischen "Complete
Respondern"
•       Aktuelle Studien zu chirurgischen Techniken
•       Treatment of EGJ Cancer within or outside Clinical Trials - what
are the outcomes?
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/session/112738

Komplikationsmanagement in der Ösophaguschirurgie
Termin: Mittwoch, 24. April, 09.15 bis 10.45 Uhr
Ort: Plenar 1
•       Intraoperative Komplikationen – was ist typisch und was ist zu
tun?
•       Management der Duodenalstumpfinsuffizienz
•       Postoperatives Komplikationsmanagement – endoskopisch
•       Bronchusverletzungen – wie behandeln und wann Tracheotomie?
•       Hiatal Herniation after minimally invasive esophagectomy –
Treatment pathway and the role of robotic surgery
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/presentation/656032

Academic surgical oncology – integrated approach from basic research to
clinical health care for upper GI and HPB cancer
Termin: Donnerstag, 25. April, 08.00 bis 08.15 Uhr
Ort: Mehrzweckfläche (MZF) 3 (Übertragung via Livestream vom DCK
2024-Kongress in Leipzig)
Teil der Session: Joint JSS/DGCH Session
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/presentation/659106

Die Entwicklung der Ösophagustumorchirurgie – von Pioniertaten zu High-
Tech
Termin: Donnerstag, 25. April, 09.15 bis 09.36 Uhr
Ort: Saal 1 (Übertragung via Livestream vom DCK 2024-Kongress in Leipzig)
•       Teil der Session: Geschichte der Chirurgie aktuell
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/presentation/657286

TIVITA - HSI Ösophaguskarzinom
Termin: Donnerstag, 25. April, 17.42 bis 17.51 Uhr
Ort: Saal 1 (Übertragung via Livestream vom DCK 2024-Kongress in Leipzig)
•       Teil der Session: CTAC Preisträgersitzung - Innovationen für die
digitale Chirurgie
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/session/112820

Onkologische Viszeralchirurgie – Aktuelle Publikationen, die man kennen
muss!
Termin: Freitag, 26. April, 11.15 bis 12.45 Uhr
Ort: Mehrzweckfläche (MZF) 3 (Übertragung via Livestream vom DCK
2024-Kongress in Leipzig)
•       Hepatobiliäre Chirurgie
•       Chirurgie des unteren Gastrointestinaltraktes
•       Chirurgie des oberen Gastrointestinaltraktes
•       Studienlage OGI onkologisch - was man wissen muss
•       Endokrine Chirurgie
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/session/112889

State of the art in Gl surgery - today and tomorrow
Termin: Freitag, 26. April, 14.00 bis 15.30 Uhr
Ort: Mehrzweckfläche (MZF) 3 (Übertragung via Livestream vom DCK
2024-Kongress in Leipzig)
State of the art in colon cancer surgery
•       Surgery in Crohn´s disease – state of the art
•       Gastric cancer – the Asian perspective
•       State of the art in esophageal cancer surgery in Europe
Link: https://apps.m-anage.com/dck2024/de-DE/pag/session/112850

****************************************************************
Online-Pressekonferenz anlässlich
des 141. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2024)
„Gemeinsam lernen und heilen“

Termin: 15. April 2024, 10.00 bis 11.30 Uhr
Link zur Teilnahme:
https://attendee.gotowebinar.com/register/4565734566190714717

Vorläufige Themen und Referenten:

141. Deutscher Chirurgie Kongress (DCK 2024): Highlights
Professorin Dr. med. Christiane Bruns
Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und
Transplantationschirurgie der Uniklinik Köln und stellvertretende Leiterin
des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Köln
DGCH-Präsidentin 2023/2024

Innovationen in der Chirurgie: personalisierte Präzisionschirurgie,
Prähabilitation, Robotik, VR und KI am Beispiel Speiseröhrenkrebs
Professorin Dr. med. Christiane Bruns

Diagnose Bauchfellkrebs: State of the Art der Therapie
Professor Dr. med. Dr. h.c. Pompiliu Piso
Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Krankenhaus
Barmherzige Brüder Regensburg
DGAV-Präsident

Gesundheitsrisiko Kinderspielzeug – Update aus Sicht der Kinderchirurgie
Professorin Dr. med. Felicitas Eckoldt
Klinikdirektorin, Klinik für Kinderchirurgie, Universitätsklinikum Jena

Kriegs- und Katastrophenverletzungen – für den Ernstfall bereit sein: Was
erwartet Chirurginnen und Chirurgen?
Professor Dr. Dietmar Pennig
Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und
Unfallchirurgie (DGOU)

Krankenhausreform: jetzt die Weichen für eine gute Versorgung in der
Chirurgie auch morgen sicherstellen
Professor Dr. med. Thomas Schmitz-Rixen
Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH)

Anpassung der chirurgischen Weiterbildung im Rahmen der Krankenhausreform:
notwendige Schritte
Professor Dr. med. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer
Präsident Bundesverband der Deutschen Chirurgie (BDC)

Moderation: Dr. Adelheid Liebendörfer, Pressestelle DCK 2024

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