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Herzkreislauf-Erkrankungen bleiben Deutschlands größte medizinische Herausforderung

Zusammenfassung der Vorträge im Rahmen der Pressekonferenzen zur 90.
Jahrestagung der DGK. Die vollständigen Pressestatements sowie die
Aufzeichnung der Konferenz unter den Links am Ende der Mitteilung.

Düsseldorf/Mannheim, 8. April 2024 – Die 90. Jahrestagung der Deutschen
Gesellschaft für Kardiologie lockte mehr 7.800 Besucherinnen und Besucher
ins Congress Center Rosengarten in Mannheim. An den vier Kongresstagen vom
3. bis 6. April fanden insgesamt 339 wissenschaftliche, teils
internationale Sitzungen statt. Im Rahmen von zwei Pressekonferenzen
gingen namhafte Referentinnen und Referenten auf die aktuellen Themen in
der Kardiologie ein.

Am Mittwoch startete der Kongress mit der Eröffnungs-Pressekonferenz.
Tagungspräsident Prof. Christoph Maack referierte zum Thema
„Schnittstellen der kardiovaskulären Medizin“. Viele Forschungsbereiche
der kardiovaskulären Medizinbeschäftigen sich aktuell mit der
„Kommunikation“ zwischen Herz und anderen Organen, da Herzerkrankungen mit
zahlrechen Gesundheitsstörungen anderer Organe zusammen auftreten. Aber
auch Umweltenflüsse, wie klimatische Veränderungen haben einen starken
Einfluss auf die Herzgesundheit, weswegen zukünftig noch stärker die
Schnittstelle „Mensch und Umwelt“ auch in der Kardiologie verankert werden
müsse.

Zu den aktuellen Projekten und Entwicklungen der Nationalen Herz-Allianz
informierte Past-Präsident Prof. Stephan Baldus. Er mahnte an, dass
Deutschland im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ein
gesteigertes Risikopotenzial für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweise. Das
liege vor allem an einer schlechten Prävention und Früherkennung, weswegen
die NHA derzeit verschiedene Projekte anstößt, um Verbesserungen in diesen
Bereichen zu erzielen.

Über die Prävention bei Fettstoffwechselerkrankungen sprach Prof. Ulf
Landmesser in seinem Vortrag „Prävention und Lipide von VRONI bis Lipid
Snapshot“. Diese sei eine der Hauptursachen für Verkalkungen und
Verengungen der Herzkranzgefäße, was zur Ausbildung einer koronaren
Herzerkrankung (KHK) führt. Mit VRONI zur Früherkennung der familiären
Hypercholesterinämie und der Lipid Snapshot-Studie zur Zielwerterreichung
bei Hyperlipidämie laufen hierzu aktuell zwei Projekte. Diese sollen mehr
Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenken und die
Patientenversorgung verbessern.

Um die koronare Herzerkrankung ging es auch im Vortrag des amtierenden
DGK-Präsidenten Prof. Holger Thiele. In seinem Vortrag zum Thema „Moderne
Diagnostik der chronischen KHK“ machte er auf die Wichtigkeit einer
präzisen und interdisziplinären Befundung von Schnittbildverfahren
aufmerksam, um sowohl schwere Erkrankungen zweifelsfrei zu erkennen als
auch eine Überdiagnostik und nicht-indizierte Behandlungen zu vermeiden.

Die Fachpressekonferenz am Donnerstag mit dem Titel „Besonderes
Studienjahr 2023 – Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick“ eröffnete
Prof. Nikolaus Marx. Er referierte in seinem Vortrag über die „Bedeutung
von GLP-1-Rezeptor-Agonisten bei SELECT und STEP-HF“. Insbesondere die
Rolle von Semaglutid in der Therapie von HFpEF-Patientinnen und -Patienten
mit Adipositas stand hierbei im Fokus.

Nach den Erkenntnissen aus ORBITA-2 und anderen Studien ist die „PTCA nun
doch wirksam“. Die Diskussion hierüber vertiefte Frau Prof. Tanja Rudolph.
In ihrem Vortrag erklärte sie, wann bei einer Angina Pectoris eine
medikamentöse Therapie oder eine PTCA angezeigt sei, und was dies für
behandelnde Ärztinnen und Ärzte bedeuten könne.
Zu Risiken und Nebenwirkungen, aber auch zu Chancen bei neuen
Antikoagulanzien wie DOAKs und Faktor-XIa-Inhibitoren referierte Prof.
Thorsten Lewalter. Er stellte die wichtigsten Erkenntnisse aus AZALEA und
weiteren Studien vor.

Renale Denervation als neu zugelassene Therapie-Option bei Bluthochdruck
war das Thema des Vortrags von Prof. Felix Mahfoud mit dem Titel
„Interventionelle Hochdrucktherapie: Empfehlungen nach Studien und
erfolgter Zulassung“. Das minimalinvasive Verfahren wurde kürzlich von der
FDA als Therapie zugelassen. Sie wird auch in Europa durch neue Leitlinien
empfohlen und wohl etablierte Praxis bei schwer kontrollierbarer
Hypertonie werden können. Zudem werde es aktuell auch für andere
Indikationen wie Arrhythmien und Herzinsuffizienz geprüft.

Die vollständigen Pressestatements der Referentinnen und Referenten zu
ihren Vorträgen stehen unter https://herzmedizin.de/meta/presse/dgk-
jahrestagung-2024.html
zur Ansicht und zum Download zur Verfügung. Die
Videoaufzeichnungen der Pressekonferenzen können außerdem auf https://dgk
.meta-dcr.com/jt2024/library/events angesehen werden.

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Großprojekt gegen Wildtierkriminalität startet

Eine Koalition aus Naturschutzverbänden, Polizei, Ministerien und
Wissenschaft unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Zoo- und
Wildtierforschung (Leibniz-IZW) verkünden den Start des Projekts
„wildLIFEcrime“. Dieses grenzüberschreitende Projekt verfolgt das Ziel,
bis zum Jahr 2028 die Wildtierkriminalität in Deutschland und Österreich
zu reduzieren. Durch Verbesserungen in der Zusammenarbeit zwischen
Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Behörden soll die Effizienz bei der
Bekämpfung illegaler Wildtierverfolgung erheblich verbessert werden.
Bislang stehen einer hohen Zahl illegaler Tötungen streng geschützter
Wildtiere nur wenige Verurteilungen gegenüber.

Tausende streng geschützte Wildtiere wurden in den letzten Jahren in
Deutschland und Österreich vergiftet, erschlagen oder erschossen. Für
viele streng geschützte oder seltene Tierarten ist die illegale Verfolgung
eine der häufigsten Todesursachen und stellt ein massives Problem für den
Artenschutz dar. Zudem werden nur wenige Täter:innen ermittelt und selbst
wenn dies der Fall ist, kommt es in den seltensten Fällen zu
Verurteilungen. Um diesen Trend zu stoppen, hat eine ungewöhnliche
Koalition von Partnern aus Naturschutzverbänden, Behörden,
Veterinärmedizin, Polizei und der Wissenschaft nun das länderübergreifende
EU LIFE geförderte Projekt „wildLIFEcime“ gestartet. Ziel des bis 2028
laufenden Projekts ist es, durch eine erheblich verbesserte Zusammenarbeit
die illegalen Tötungen von Wildtieren in Deutschland und Österreich zu
reduzieren und die Effizienz bei der Strafverfolgung zu erhöhen. Das
Projekt soll dafür als Informationsdrehscheibe zwischen den betroffenen
Akteur:innen dienen. Verbesserungen in der forensisch-pathologischen
Untersuchungskette, die Analyse rechtlicher Rahmenbedingungen anhand von
Beispielsfällen sowie die Erstellung praxisorientierter Leitfäden und
einer Falldatenbank sollen den ermittelnden Behörden bei der Bekämpfung
von Wildtierkriminalität helfen. Das Projektteam setzt sich aus dem WWF
Deutschland, WWF Österreich, BirdLife Österreich, Universität Bremen,
Polizeipräsidium Niederbayern, Polizeipräsidium Oberpfalz,
Bundeskriminalamt Österreich, Leibniz-Institut für Zoo- und
Wildtierforschung, Veterinärmedizinische Universität Wien, ÖKOBÜRO –
Allianz der Umweltbewegung, Luchs Bayern e.V., das Komitee gegen den
Vogelmord e.V. sowie dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr
NRW zusammen.

Neben der Umsetzung von präventiven Maßnahmen, wie aktivem
Konfliktmanagement in Hot-Spot-Gebieten, will das Projekt erreichen, dass
Fälle entdeckt, effektiv bearbeitet, aufgeklärt und Täter:innen konsequent
zur Rechenschaft gezogen werden. Dafür ist es wichtig, die Bevölkerung zu
sensibilisieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die
Strafverfolgungsbehörden die nötige Unterstützung beim Zugang zu
Fachwissen erhalten und ihre Kapazitäten erweitern können.

Deswegen arbeiten die Projektpartner an der Verbesserung forensischer
Untersuchungen und bieten Fortbildungen für Polizei und
Staatsanwaltschaften an. Außerdem wollen die Projektpartner Strukturen und
Netzwerke etablieren, um den Informationsaustausch zu verbessern.
Gleichzeitig planen sie, Vorschläge zu erarbeiten, um die rechtlichen
Rahmenbedingungen im Austausch mit Entscheidungsträger:innen zu
optimieren. Das Leibniz-IZW stellt dafür seine pathologisch-forensische
Expertise in der Abteilung für Wildtierkrankheiten zur Verfügung und
organisiert im Rahmen der Leibniz-IZW-Akademie forensische Fortbildungen
für Fachleute. Dies wird die Qualität forensischer Untersuchungen und die
Aufklärung von Fällen der Wildtierkriminalität verbessern.

Wildtierkriminalität ist in Mitteleuropa weit verbreitet und für seltene
Arten eine erhebliche Bedrohung: Deutschlandweit wurden seit 2005 mehr als
1.600 Fälle illegaler Greifvogelverfolgung mit tausenden Opfern
nachgewiesen. Derzeit leben in Deutschland knapp 130 Luchse. 13 von ihnen
verschwanden allein zwischen 2018 und 2019 im bayerisch-böhmischen Raum.
Hinzu kommen mindestens 79 Wölfe, welche in den letzten 24 Jahren Opfer
illegaler Tötungen wurden. In Österreich sind mehr als 200 Wildvögel sowie
16 streng geschützte Säugetiere zwischen 2016 und 2022 Opfer illegaler
Verfolgung geworden. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, da viele
Fälle unentdeckt bleiben oder nicht gemeldet werden.

https://wildlifecrime.info/

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Havanna-Syndrom: Zu wenig wissenschaftliche Daten, um die Ursache klar benennen zu können

Zwei aktuelle Studien in JAMA geben keine signifikanten Hinweise auf
physiologische Anomalien bei Betroffenen des rätselhaften Havanna-
Syndroms. In einem Editorial werden methodische Mängel als möglicher Grund
für die negativen Studienergebnisse trotz möglichem Zusammenhang der
Symptome mit hochfrequenter elektromagnetischer Energie diskutiert. Nach
Ansicht der DGN ist die Datenlage zu dünn, um zuverlässige Aussagen über
Erkrankungsbild und Ätiologie treffen zu können.

Zwei aktuelle Studien im renommierten Fachjournal JAMA [1, 2] stellen die
Ergebnisse von Untersuchungen bei Betroffenen mit dem rätselhaften
Havanna-Syndrom vor. Die Betroffenen berichteten über neurologische
Beschwerden wie Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen, Übelkeit,
verschwommenes Sehen, Tinnitus und kognitive Dysfunktionen, die nach einem
plötzlich auftretenden schneidend-hohen Geräusch, oft begleitet von dem
Gefühl eines erhöhten Drucks auf den Ohren, auftraten. Erstmals
berichteten Mitarbeiter der US-Botschaft in Havanna im Jahr 2016 von
diesem Phänomen, weshalb es auch „Havanna-Syndrom“ genannt wird.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen von „anomalous health
incidents“ (AHIs). Immer wieder traten neue AHI-Fälle auf, oft begleitet
von Spekulationen über eine rätselhafte „Neuro-Waffe“.

Was steckt dahinter? Man muss sagen: Im Moment lässt sich das
wissenschaftlich nicht sicher sagen. Die beiden Studien kommen zu eher
ernüchternden Ergebnissen. Weder bei klinischen noch bei
Laboruntersuchungen wurden signifikante Auffälligkeiten beobachtet [1],
die Befunde der zerebralen Bildgebung waren ebenfalls regelrecht [2]. Im
begleitenden Editorial [3] diskutiert David A. Relmann die Ergebnisse
kritisch. Wegen der klinischen Heterogenität der Fälle seien klare
Aussagen nur schwer möglich. Die untersuchten Neurodestruktionsmarker
Gliafaserprotein (GFAP) und Neurofilament-Leichtketten (NFL) würden
unmittelbar nach einem Hirntrauma ansteigen, nach 24 Stunden ihren Peak
erreichen, dann wieder abfallen und seien oft nach drei Tagen unauffällig
[4]. Aber nur 16 der 86 Proben wurden binnen drei Tagen nach dem Ereignis
entnommen –  allein das könne erklären, warum in der Studie keine
signifikanten Unterschiede zur Kontrollgruppe festgestellt werden konnten.
Wie er weiter ausführte, lagen von zwei der betroffenen Personen
Vergleichswerte von vor dem Ereignis vor; bei einem der beiden wurde ein
signifikanter Anstieg in den Stunden nach dem Ereignis beobachtet, der
dann in den nächsten Tagen wieder zurückging. Relmann führt darüber hinaus
ältere Studien an [5, 6], die einen möglichen Zusammenhang zu
hochfrequenter elektromagnetischer Energie (z. B. Mikrowellenstrahlung)
nahelegen. Auch Ultraschall wird als Ursache diskutiert. Eine 2020 in
Lancet publizierte Arbeit [7] kam zu dem Ergebnis „Havana syndrome might
be the result of energy pulses“.

Ist das plausibel? Grundsätzlich muss gesagt werden, dass es insgesamt
wenig Forschungsarbeiten dazu gibt, welche neurologischen Symptome
elektromagnetische Strahlung und Ultraschall auslösen. Generell kann aber
festgehalten werden, dass sie Effekte auf das Gehirn haben, letztlich
werden sie bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen auch
therapeutisch eingesetzt, wenn auch noch experimentell. Ein Beispiel ist
der Magnetresonanz(MR)-gesteuerte hoch fokussierte Ultraschall (MRgFUS)
zur Parkinson-Therapie. Dieser aktiviert die Ionenkanäle und kann zur
kurzzeitigen Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke führen.

„Die derzeitige Datenlage ist zu dünn, um sagen zu können, womit wir es
beim Havanna-Syndrom wirklich zu tun haben“, erklärt Prof. Dr. Peter
Berlit, Generalsekretär und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für
Neurologie (DGN). „Die klinischen Symptome ähneln denen einer
Vestibularisneuropathie oder Vestibularismigräne. Allerdings fehlen
aussagekräftige Untersuchungsergebnisse, um hier wissenschaftlich
fundierte Aussagen treffen zu können. Und ob die Symptome durch
Mikrowellenstrahlung induziert sein könnten, ist völlig offen.“
Grundsätzlich wird dies für möglich gehalten („in principle, high peak
power IR lasers can induce auditory/vestibular responses in humans via
thermoelastic sound generation when directed against the head“[8]).

Nach Ansicht der DGN müssten neu auftretende Fälle innerhalb der ersten 24
Stunden nach Symptombeginn neurologisch untersucht und mögliche Biomarker
umfassend und standardisiert erfasst werden, bevor valide Aussagen
getroffen werden können. Die Befunde der aktuellen Studien zeigen
jedenfalls keine  bleibenden Folgen bei den „anomalous health incidents“
des so genannten Havanna-Syndroms.

[1] Chan L, Hallett M, Zalewski CK et al. Clinical, Biomarker, and
Research Tests Among US Government Personnel and Their Family Members
Involved in Anomalous Health Incidents. JAMA. 2024 Apr
2;331(13):1109-1121. doi: 10.1001/jama.2024.2413. PMID: 38497797; PMCID:
PMC10949151.
[2] Pierpaoli C, Nayak A, Hafiz R et al. Neuroimaging Findings in US
Government Personnel and Their Family Members Involved in Anomalous Health
Incidents. JAMA. 2024 Apr 2;331(13):1122-1134. doi:
10.1001/jama.2024.2424. PMID: 38497822; PMCID: PMC10949155.
[3] Relman DA. Neurological Illness and National Security: Lessons to Be
Learned. JAMA. 2024 Apr 2;331(13):1093-1095. doi: 10.1001/jama.2023.26818.
PMID: 38497785.
[4] McCrea M, Broglio SP, McAllister TW et al. Association of Blood
Biomarkers With Acute Sport-Related Concussion in Collegiate Athletes:
Findings From the NCAA and Department of Defense CARE Consortium. JAMA
Netw Open. 2020 Jan 3;3(1):e1919771. doi:
10.1001/jamanetworkopen.2019.19771. PMID: 31977061; PMCID: PMC6991302.
[5] Golomb BA. Diplomats' Mystery Illness and Pulsed
Radiofrequency/Microwave Radiation. Neural Comput. 2018
Nov;30(11):2882-2985. doi: 10.1162/neco_a_01133. Epub 2018 Sep 5. PMID:
30183509.
[6] Lin JC. Microwave auditory effects among US government personnel
reporting directional
udible and sensory phenomena in Havana. IEEE Access. 2022;10:44577-44582.
doi:10.1109/ACCESS. 2022.3168656
[7] Nelson R. Havana syndrome might be the result of energy pulses.
Lancet. 2021 Dec 19;396(10267):1954. doi: 10.1016/S0140-6736(20)32711-2.
PMID: 33341130.
[8] Foster KR. Commentary: Can the microwave auditory effect be
"weaponized"? Front Public Health. 2023 Jan 9;10:1118762. doi:
10.3389/fpubh.2022.1118762. PMID: 36699929; PMCID: PMC9869364.

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Gemeinsame Stellungnahme zur Kritik an Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) in der Frauenheilkunde

Der Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) und die Deutsche Gesellschaft
für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) äußern sich in einer
gemeinsamen Stellungnahme fachlich zur vom Patientenvertreter der
Bundesregierung aufgebrachten Kritik an Individuellen
Gesundheitsleistungen (IGeL) in der Frauenheilkunde.

„Die regelmäßigen Untersuchungen des Medizinischen Dienstes zeigen, dass
die große Mehrheit des IGeL-Angebots keinen erkennbaren Nutzen hat. Einige
schaden sogar, weil sie häufig falsch positive Befunde liefern und dadurch
unnötige weitere Untersuchungen und Eingriffe nach sich ziehen. Das gilt
zum Beispiel für die Ultraschalluntersuchung zur Krebsfrüherkennung der
Eierstöcke und der Gebärmutter – eine der am meisten verkauften
Leistungen. Hier werden junge Frauen ohne Not in Angst und Schrecken
versetzt. Diese Untersuchung wird deshalb auch von den gynäkologischen
Fachgesellschaften abgelehnt. Ich fordere ganz klar: Leistungen, die von
den medizinischen Fachgesellschaften als schädlich bezeichnet werden,
haben in Arztpraxen nichts zu suchen und gehören verboten, auch im Rahmen
von IGeL."
Stefan Schwartze, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, zitiert in:
Redaktionsnetzwerk Deutschland (rnd.de).

Berlin/München, im April 2024 - Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL)
sind medizinische Leistungen außerhalb des Leistungskatalogs der
gesetzlichen Krankenkassen. Sie werden von niedergelassenen Ärztinnen und
Ärzten angeboten und von Patientinnen und Patienten in Eigenleistung
bezahlt.

Die benannte Selbstzahlerleistung ist eine umfassende
Ultraschalluntersuchung des „kleinen Beckens“. Diese schließt die
Gebärmutter, Eileiter, Eierstöcke, Harnblase und die Zwischenräume
zwischen Harnblase, Vagina und Darm bis zum Beckenboden ein.
Dieser transvaginale Ultraschall, bei dem die Situation im gesamten
kleinen Becken untersucht wird, wird wie auch der Ultraschall der Brust
von den gesetzlichen Krankenkassen nur dann bezahlt, wenn ein konkreter
Krankheitsverdacht besteht – also etwa Symptome oder insbesondere ein
auffälliger Tastbefund vorhanden sind. Frauenärztinnen und -ärzte können
diese Leistung ohne konkreten Krankheitsverdacht nur als individuelle
Gesundheitsleistung (IGeL) zur Verfügung stellen.

Vorteilhaft ist dieser Ultraschall z.B. als Komplementierung der regulären
gynäkologischen Untersuchung – und dann auch über die Tastuntersuchung
hinaus – insbesondere bei Frauen, bei denen eine Tastuntersuchung aufgrund
körperlicher Disposition schwierig ist. Also bei übergewichtigen Mädchen
und Frauen sowie bei solchen, bei denen durch die Anspannung der
Bauchdecke kein eindeutiger Tastbefund möglich ist.
Richtig ist, dass die aktuelle Datenlage keine Reduktion der Sterblichkeit
durch ein allgemeines Screening auf Eierstockkrebs durch den Ultraschall
nachweisen konnte und daher eine solche Regeluntersuchung mittels
Ultraschalls oder Tumormarkern von nationalen wie internationalen
Fachgesellschaften zurecht abgelehnt wird.

Das Hauptargument für das Angebot einer transvaginalen Sonografie ist
jedoch nicht die Krebsfrüherkennung, sondern die komplettierende
Erweiterung der gynäkologischen
3 Routineuntersuchungen. Der Fokus liegt hierbei auf den viel häufigeren
funktionellen und gutartigen Veränderungen sowie gynäkologischen
Problemen. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V.
führt dazu aus: „Die transvaginale Sonographie der Eierstöcke ist
nachweislich die treffsicherste nicht-invasive Methode zur Differenzierung
zwischen gut- und bösartigen Eierstockbefunden. Nicht zuletzt ist sie das
wegweisende diagnostische Instrument bei Eierstock-bedingten Notfällen
wie zum Beispiel akuten Verdrehungen, Einblutungen, schweren Infektionen
mit Abszessbildung oder Eileiterschwangerschaften. Viele dieser Probleme
entwickeln sich häufig und lange ohne warnende Symptome.“ (1)

In einer aktuellen Studie zur Durchführung einer Ultraschalluntersuchung
des Beckens bei asymptomatischen Frauen hat gezeigt, dass von knapp 1.000
Frauen in 10% der Fälle ein auffälliger Befund erhoben werden konnte. In
6.7% war eine gynäkologische Erkrankung die Grundlage (2).

Wie bei allen medizinischen Befunderhebungen, kann eine Diagnose zu
Beunruhigung führen, selbst wenn sie in der Folge keinerlei Konsequenz
hat. Von großer Bedeutung in dieser Situation ist die frauenärztliche
Einschätzung des Befundes und die anschließende Aufklärung und Beratung
der Patientin. Immer ist eine individuelle ärztliche Betrachtung wichtig,
auch um Fehldeutungen und -einschätzungen von Patientinnen – z.B. aufgrund
unqualifizierter Informationen aus dem Internet – zu vermeiden. Im
Ultraschall können sich eine Vielzahl von Erkrankungen zeigen, wie etwa
Myome, Endometriose, Zysten oder Flüssigkeitsansammlungen. Man kann mit
dieser Untersuchung auch Veränderungen entdecken, die noch keine Symptome
verursachen und auch einem Tastbefund gar nicht zugänglich wären. Eine
Behandlung orientiert sich dann an individuellen Faktoren wie u.a.
Beschwerden, der Einschätzung des Komplikations- und auch
Entartungsrisikos und dem weiteren Verlauf.

Die Verzögerung, bedingt durch das Argument erst bei Symptomen mit dieser
Untersuchung einzusetzen, führt zu einer Diagnose einer meist weit
fortgeschritteneren Erkrankung, die dann eine höhere Rate an
Komplikationen und Verlust an Lebensqualität bedeuten kann.

Fazit
Ungeachtet der Tatsache, dass der vaginale Ultraschall nicht zur
Früherkennung des Ovarialkarzinoms im Rahmen eines generellen Screenings –
also außerhalb eines Risikokollektivs – geeignet ist, visualisiert diese
Untersuchungsmethode gut das gesamte kleine Becken. Differenziert
eingesetzt, ist der vaginale Ultraschall ein sehr wichtiges Kriterium in
der gynäkologischen Befunderhebung.
Der Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF), die Deutsche Gesellschaft
für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG), sowie die Deutsche
Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) informieren
umfassend und richtig über Sinn und Zweck des Ultraschalls der
Gebärmutter, Eileiter, Eierstöcke, Harnblase und der Zwischenräume im
gesamten kleinen Becken.

Die transvaginale Sonografie des kleinen Beckens ist als komplementierende
Erweiterung der gynäkologischen Routineuntersuchung zu bezeichnen (1).
Außerdem findet sich zunehmend Evidenz für die herausragenden
Möglichkeiten der Endometriose-Diagnostik mittels Ultraschalles (3).

Quellen
(1)
https://www.degum.de/die-gesellschaft/degum-news/im-detail/news
/stellungnahme-degum-zur-transvaginalen-sonografie-der-eierstoecke.html
(2)
Rajput E.: Pelvic Ultrasound Imaging-Based Prevalence of Gynecological
Morbidity in a Population of Asymptomatic Reproductive-Age Women Indian J
Radiol Imaging 2023;33:183–186.
(3)
https://link.springer.com/article/10.1007/s00404-022-06766-z

Originalpublikation:
https://register.awmf.org/assets/guidelines/032-035OLl_S3_Diagnostik-
Therapie-Nachsorge-maligner-Ovarialtumoren_2022-06.pdf

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