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Abdullah Ibrahim «Solo & Ekaya», KKL Luzern, 20. April 2023, besucht von Léonard Wüst

Abdullah Ibrahim Altmeister am Klavier
Abdullah Ibrahim Altmeister am Klavier

Besetzung:
Abdullah Ibrahim, piano – Cleave Guyton, alto sax/flute/clarinet/piccolo (musical director) – Lance Bryant, tenor sax – Michael Pallas, trombone – Joshua Lee, baritone sax – Noah Jackson, bass/cello – Willie Terrill, drums

Grundsätzliches zu Abdullah Ibrahim

Abdullah Ibrahim playing the Blues
Abdullah Ibrahim playing the Blues

Mit 88 Jahren blickt Südafrikas grosser Jazzpianist Abdullah Ibrahim auf eine einzigartige Karriere zurück. Vor 60 Jahren kehrte der gebürtige Kapstädter dem Apartheid-Regime den Rücken und spielte seine ersten Konzerte in Europa im legendären Zürcher Jazzclub «Africana», wo er von Duke Ellington höchstpersönlich entdeckt und gefördert wurde. Es folgten unzählige Konzerte auf allen grossen Bühnen der Welt, seine Beziehung zur Schweiz aber blieb immer besonders eng. Das zeigte sich auch bei seinem letzten Schweizer Konzert in der Tonhalle Maag in Zürich von Ende Januar 2020, das zum langen bejubelten Triumph geriet: Seine Fans waren restlos begeistert von der aus Township-Hymnen und Kwela-Tanzmusik gespeisten Musik, die in ihrer repetitiven Einfachheit einen mitreissenden Sog entfaltet. Auf seinem anfangs 2022 veröffentlichten Solo-Album «Solotude» zeigt sich Ibrahim als Ton Maler auf dem Jazzklavier – sein hymnisches Spiel ist stets von einem tief in der Seele lodernden Feuer geprägt und verbindet Wohlklang mit Tiefgang.

Aus Dollar Brand wird Abdullah Ibrahim

Abdullah Ibrahim vertieft in sein Spiel
Abdullah Ibrahim vertieft in sein Spiel

Als Dollar Brand war er berühmt geworden, nachdem er 1962 vor dem Apartheid-Regime aus Südafrika geflohen war. Mit seinem Pianospiel hat er die südafrikanischen Melodien und Rhythmen in den Jazz gebracht. Eine Zeit lang lebte er in Zürich, wo seine Konzerte im Café Africana viele lokale Jazzmusiker inspiriert haben, so auch die junge Irène Schweizer. Gefördert von Duke Ellington, ist er mit Alben und Projekten weltweit berühmt geworden. Sein Song «Manneberg» (1974) wurde zur inoffiziellen Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika.

Auf Einladung von Nelson Mandela kehrte Ibrahim 1990 nach Kapstadt zurück. 1994 spielte er bei dessen Amtseinführung. Zu den sozialen Projekten, die Abdullah Ibrahim in Südafrika initiiert hat, gehört neu auch das Klimaprojekt The Green Kalahari Project. Ibrahim lebt heute mit seiner zweiten Frau im Chiemgau in Bayern.

«Ekaya» bedeutet Heimat und tatsächlich hat die Formation Ekaya, die 1983 von Abdullah Ibrahim gegründet wurde, mit seinen Melodien das Publikum im vollen Konzertsaal des KKL in die Weite und Schönheit seiner südafrikanischen Heimat entführt. Dem 7-köpfigen Jazzensemble, das aus seinem Trio und einem Bläsersatz besteht, ist es gelungen, die von Abdullah Ibrahim komponierten Stücke in einen meditativen Klangteppich zu verwandeln, immer äusserst präzise und harmonisch gespielt, reduziert auf eine beruhigende und schlichte Einfachheit, frei von künstlicher, demonstrativer Virtuosität.

Zugleich zeigte aber der Künstler Abdullah Ibrahim das breite Spektrum seiner musikalischen Heimat. Der heute 88-jährige, aufgewachsen als Adolf Johannes Brand in einem Township von Kapstadt, begann schon als siebenjähriger Junge Klavier zu spielen. 1962 wurde er mit seinem «Dollar Brand Trio» von Duke Ellington entdeckt und in der Folge stark von ihm und später den Pianisten Thelonious Monk und Keith Jarrett beeinflusst. All diese Einflüsse sind verwoben und vernetzt in der Musik von Ekaya wieder zu finden, in einer ruhigen Einheit, kontemplativ und in sanften Legato.

Auf ins Konzert

Abdullah-Ibrahim
Abdullah Ibrahim

Das Konzert begann mit einem eindrücklichen, wenn auch etwas gar langem, Solo von Abdullah Ibrahim, bevor seine Mitmusiker auf die Bühne kamen und einen satten, dennoch samtenen Klangteppich legten. Die einzelnen Soli, streng überwacht vom Meister am Flügel, variierten die Muster, sehr strukturiert, beherrscht und harmonisch. Man hätte sich mal einen Ausbruch gewünscht, eine Überraschung, ein Chaos gar, wie es eben auch und gerade auf einem afrikanischen Marktplatz stattfinden könnte. Aber an diesem Abend blieben die Akkorde wohlselektiert und angenehm zu hören für das Ohr und führten den Zuhörer nach innen, in seine, Abdullah Ibrahims Träume und Vorstellungen von eigener Heimat.

Wo Abdullah Ibrahim draufstand, war leider etwas  wenig Abdullah Ibrahim drin

Meistens beteiligte sich der Altmeister kaum akustisch am Geschehen, spielte also nicht mit auf dem Konzertflügel, sondern begnügte sich mit kleiner Gestik mittels Handzeichen oder kurzem, zustimmenden Kopfnicken. Er war also äusserst sparsam  mit seinem Zutun am Klavier, was das Auditorium etwas ratlos, erstaunt, gar etwas enttäuscht hinnahm. Nichts von technischer Raffinesse, explosiven Ausbrüchen, rasanten Läufen, Fingerjagden über das Elfenbein, keine punktuell hingeknallten Harmonien, nichts von berauschendem rasanten Furioso auf den 88 Tasten, die ihm die Welt bedeuten.

Etwas gar zahme, zu strukturierte Dramaturgie

Abdullah Ibrahim hochkonzentriert
Abdullah Ibrahim hochkonzentriert

Für mein Gusto ein zu enges Korsett für die eigentlich sehr spielfreudig wirkenden Männer mit ihren Blasinstrumenten. Der einzige, der konstant wirbelte, Bassist  Noah Jackson, nahm sich ein paar, wenn auch kleinere, Freiheiten heraus, Drummer Willie Terrill blieb sich und den Anweisungen des Leaders treu, also zurückhaltend unaufdringlich, bis auf die eine Ausnahme und dramaturgisch völlig fehl am Platz das erste Solo des Drummers, nicht als Abschluss und Krönung eines gut gespielten Sets, sondern völlig unmotiviert zwischen zwei der insgesamt bloss acht verschiedenen Themes, die während der 90 Minuten aufgegriffen wurden. Die späteren Drummer Einlagen waren dann dort, wo sie hinpassten, mal im Dialog mit dem Bassisten, mal gar als klassisches Jazztrio, also  mit Klavier, Bass und Drums.

Räumlich zu separiert von seinen Mitmusikern

Etwas unglücklich Ibrahims Platzierung ziemlich weit entfernt von der Band, sodass nie ein richtig ganzes Eines entstand, dazu überliess der Chef die Szene eigentlich komplett seinen, zugegeben, ebenfalls grossartigen Mitmusikern, ergriff fast nie die Gelegenheit, um eine brillante Solosequenz einzustreuen, während der Bassist fast pausenlos die Saiten rauf und runter turnte und der Schlagzeuger brav seine Besen angenehm zurückhaltend einsetzte. Dann, schon fast stur, die Soli der einzelnen Musiker immer in der gleichen Abfolge, Altosax, Tenorsax, Posaune und Baritonsaxophon. Alle acht interpretierten Stücke waren charakterlich sehr ähnliche, ruhige Werke, liessen etwas die überschäumende afrikanische Lebensfreude vermissen.

Andeutung von Dollar Brands Antiapartheidhymne als Supplement

Abdullah Ibrahim privat
Abdullah Ibrahim privat

Zum Schluss gabs dann noch eine «Andeutung» von «Mannenberg»  ( ein Musikstück von Abdullah Ibrahim, ( damals, vor Übertritt zum Islam,  noch Dollar Brand) das 1974 erstmals auf Schallplatte erschien. Es gilt als Symbol gegen die damalige Apartheidpolitik in Südafrika. Der Titel bezieht sich auf das Township Manenberg nahe Kapstadt, das von zwangsumgesiedelten Coloureds bewohnt wurde. Das Stück ist dem Cape-Jazz zuzurechnen).

Trotz der leisen Enttäuschung über das etwas blasse Konzert, wahrscheinlich auch dem doch recht hohen Alter des Südafrikaners geschuldet, wurden die Künstler am Schluss mit stehender Ovation gefeiert, wobei der Meister im Hintergrund blieb und seine Musiker mit klaren Handbewegungen zu ihren Verbeugungen und zum Entgegennehmen des Applauses aufforderte. Erst nach einer äusserst grosszügigen Zugabe, die zudem zum Besten gehörte, was an diesem Abend gespielt wurde, verneigte sich auch der grosse Meister Abdullah Ibrahim vor seinem Publikum und schritt anschliessend sehr würdevoll von der Bühne. Ein eindrücklicher und bereichernder Abend für ein sehr aufmerksames, etwas erstauntes, aber trotzdem  dankbares Publikum.

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.allblues.ch  und  https://www.jazzluzern.ch/

: abdullahibrahim.co.za/

Homepages der andern Kolumnisten:  www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch  www.maxthuerig.ch  www.marinellapolli.ch

Abdullah Ibrahim in Action

Abdullah Ibrahim Meister am Piano

Abdullah Ibrahim mit Band

 

Abdullah Ibrahim in Aktion

 

Die Protagonisten geniessen den Schlussapplaus Foto Vanessa Bösch

Die Protagonisten geniessen den Schlussapplaus Foto Vanessa Bösch

 

Die Protagonisten geniessen den Schlussapplaus Foto Vanessa Bösch

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Dr. Oliver Gröne erhält außerplanmäßige Professur der Universität Witten/Herdecke

Dr. Oliver Gröne  Foto: OptiMedis
Dr. Oliver Gröne Foto: OptiMedis

In seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt Dr. Gröne sich
insbesondere damit, das Gesundheitssystem in Deutschland und Europa zu
erforschen und zu verbessern.

Die Universität Witten/Herdecke hat dem stellvertretenden
Vorstandsvorsitzenden der OptiMedis AG, Dr. Oliver Gröne (PhD, M. Sc.),
den Titel eines außerplanmäßigen Professors (apl. Prof.) an der Fakultät
für Wirtschaft und Gesellschaft verliehen. Der Soziologe und promovierte
Gesundheitswissenschaftler erhält die Auszeichnung in Anerkennung seiner
umfangreichen wissenschaftlichen Leistungen in der
Gesundheitssystemforschung. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf den
komplexen Zusammenhängen von Strukturen, Prozessen und Ergebnissen der
Gesundheitsversorgung, die er in vielen internationalen Förderprojekten
untersucht und in über 100 wissenschaftlichen Publikationen herausgegeben
hat.

„Oliver Gröne verbindet ausgewiesene Forschungsstärke mit innovativen
Ansätzen zur unternehmerischen Gestaltung der Zukunft. Seine soziologische
Perspektive und Branchenexpertise ergänzen die Ausrichtung der Fakultät
sehr gut“, so Prof. Dr. Sabine Bohnet-Joschko, Inhaberin des Lehrstuhls
für Management und Innovation im Gesundheitswesen. Dekan Prof. Dr. Dirk
Sauerland ergänzt: „Die Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft hat sich
die Forschung zu komplexen Herausforderungen unserer Zeit auf die Fahnen
geschrieben. Dazu gehört auch die Frage der nachhaltigen Gestaltung
unseres Gesundheitssystems – in all seinen Facetten. Wir freuen uns über
die Verstärkung durch Oliver Gröne in Forschung und Lehre.“

Einsatz für ein nachhaltiges Gesundheitswesen

Gröne erklärt zu seiner Berufung, was ihn als Forscher antreibt: „Ich
möchte dazu beitragen, herauszufinden, welche Innovationen im
Gesundheitswesen den Menschen den größten Nutzen bringen. Denn nur mit
neuen Versorgungsformen und innovativen Technologien kann es uns gelingen,
das Gesundheitssystem nachhaltiger, patientenorientierter und gleichzeitig
wirtschaftlicher zu machen. Der Klimaschutz muss dabei eine
Querschnittsaufgabe aller Akteure werden.“

Seit über 15 Jahren ist Gröne in der Versorgungsforschung aktiv. Von 2011
bis 2015 entwickelte er als Associate Professor für Versorgungsforschung
an der „London School of Hygiene and Tropical Medicine“ Methoden, um die
Versorgungsqualität zu bewerten und zu verbessern. Außerdem war er viele
Jahre für die Weltgesundheitsorganisation (Regional Office for Europe)
tätig, zuletzt als Leiter des Programms „Qualität von
Gesundheitssystemen“. Seit 2017 ist Gröne im Vorstand von OptiMedis
verantwortlich für die Bereiche Forschung & Innovation sowie Organisation.

Pressekontakt OptiMedis: Britta Horwege, 040 22621149 52, 0157 35145620,
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Ansprechpartner Presseteam: Kay Gropp, 02302/926-805, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Über OptiMedis
OptiMedis wurde 2003 gegründet und ist ein innovatives, auf sozialen
Nutzen ausgerichtetes Unternehmen für Management, Analytik und Forschung
im Gesundheitswesen mit Sitz in Hamburg. Schwerpunkt ist der Aufbau
regionaler, populationsorientierter integrierter Versorgungsnetzwerke
gemeinsam mit Ärzten, Krankenhäusern, anderen Heilberufen, Krankenkassen
und Kommunen. OptiMedis vernetzt die regionalen Partner, verhandelt
populationsorientierte Integrationsverträge, baut die nötigen Strukturen
wie z. B. Gesundheitskioske, intersektorale Gesundheitszentren und
Medizinische Versorgungszentren auf, übernimmt das Management, analysiert
die Versorgungsbedarfe und -strukturen und bewertet digitale
Unterstützungslösungen. Das Ziel ist dabei immer, die Prozesse und
Strukturen im Gesundheitswesen und damit die Qualität der Versorgung und
das Gesundheits-Outcome für die Versicherten und die Gesellschaft zu
verbessern. OptiMedis ist außerdem Partner in vielen EU- und
Innovationsfonds-Projekten.
Weitere Informationen unter www.optimedis.de.

Über UW/H:
Die Universität Witten/Herdecke versteht sich seit 1983 als Bildungs- und
Forschungsort, an dem Menschen wachsen können. Mehr als 3.000 Studierenden
entwickeln sich hier zu Persönlichkeiten, die die Gesellschaft verändern
und gestalten wollen – nachhaltig und gerecht. Diese Veränderung streben
wir auch als Organisation an. Sie bildet den Kern unseres Leitbildes und
ist Teil unserer DNA: Als die Universität für Gesundheit, Wirtschaft und
Gesellschaft sind wir von Beginn an Vorreiterin in der Entwicklung und
Anwendung außergewöhnlicher Lern- und Prüfungssettings.

In 16 Studiengängen und dem fächerübergreifenden WittenLab. Zukunftslabor
Studium fundamentale lernen unsere Studierenden, den Herausforderungen der
Zukunft ganzheitlich zu begegnen und aktuelle Entwicklungen kritisch zu
hinterfragen. Unsere Forschung ist frei und transdisziplinär. Institute,
Initiativen, Projekte, Kliniken und Ambulanzen erarbeiten innovative und
praxisorientierte Lösungen, die zur positiven und sinnstiftenden
Veränderung der Gesellschaft beitragen.

Wachsen und Wirken treibt uns an – mehr denn je: Here we grow!
www.uni-wh.de / blog.uni-wh.de / #UniWH / @UniWH

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Die Rolle von Gebäuden bei der Ausbreitung von Infektionen

Im pandemischen Betrieb sollten Wohngruppen in Pflegeheimen eigenständig funktionieren können.  Rebecca Stumpf/ IKE
Im pandemischen Betrieb sollten Wohngruppen in Pflegeheimen eigenständig funktionieren können. Rebecca Stumpf/ IKE

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus hat deutlich gemacht: Zahlreiche
Gebäude in Deutschland sind nicht auf Pandemien und die Eindämmung von
Infektionsrisiken vorbereitet. Doch wo genau fehlen entsprechende
Schutzmaßnahmen und wie können diese aussehen? Durch welche baulichen
Eingriffe kann die Kontaktübertragung vermieden werden? Mit diesen Fragen
beschäftigt sich das Projekt „SAVE“ der Technischen Universität
Braunschweig. Auf der Messe BAU 2023 in München stellt das Forschungsteam
ab 17. April erste Ergebnisse vor.

Im Verlauf der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass in vielen
Einrichtungen des öffentlichen Lebens dringend bauliche und technische
Maßnahmen umgesetzt werden müssen, um künftig das Übertragungsrisiko von
Infektionserregern zu verringern. Denn: Die Rolle der Gebäude bei der
Verbreitung von Infektionskrankheiten wurde bisher nur ansatzweise
betrachtet. Im Projekt „SAVE – Effektive Strategien zur Kontrolle und zum
Umgang mit Ausbreitungswegen von Erregern zum Schutz kritischer
Infrastrukturen“ werden deshalb unter der Leitung des Instituts für
Konstruktives Entwerfen, Industrie- und Gesundheitsbau (IKE) der TU
Braunschweig infektionspräventive, bauliche, technische und prozessuale
Empfehlungen entwickelt. Dabei stehen vor allem Ausbreitungswege im Fokus,
bei denen die Infektionen über die Luft übertragen werden.

Insbesondere gingen die Wissenschaftler*innen folgenden Fragen nach:
Welche Infrastrukturen sind in Bezug auf die Optimierung von baulichen
Maßnahmen besonders relevant? Welche Materialien eignen sich für eine
effektive Reinigung und Desinfizierung? Wo entstehen die meisten
Hygienefehler?

Disziplinübergreifende Zusammenarbeit

Schulen, Kitas, Alten- und Pflegeheime sowie Arztpraxen sind
schützenswerte und unverzichtbare Infrastrukturen zur Aufrechterhaltung
des Bildungssystems, der Altenpflege und der Gesundheitsversorgung. Doch
stellen sie auch bedeutende Orte für die Entwicklung des
Infektionsgeschehens dar. Hier setzt das interdisziplinäre Forschungsteam
an: Expert*innen aus Architektur, Epidemiologie, Hygiene,
Materialwissenschaft und Haustechnik arbeiten fachübergreifend zusammen.
Ihr gemeinsames Ziel: Risikofaktoren der Infektionsübertragung in den
Einrichtungen erkennen und die damit verbundenen Abläufe identifizieren.

Dazu hat das Projektteam untersucht, welche Möglichkeiten der
Infektionsprävention die verschiedenen Gebäude haben. Neben Interviews mit
den Nutzenden haben die Forscher*innen Simulationen für Lüftungskonzepte
durchgeführt sowie Materialproben chemisch, physikalisch, und mechanisch
künstlich gealtert, um festzustellen, wie gut sich gängige Materialien
reinigen lassen.

Basishygiene und Kontrolle der Luftqualität

Aus den Ergebnissen ihrer Untersuchungen können jetzt erste Empfehlungen
abgeleitet werden. „Generell ist darauf zu achten, dass
infrastrukturübergreifend auf die Einhaltung einer Basishygiene geachtet
wird. Dies sind Maßnahmen, die im Alltag greifen und das Infektionsrisiko
generell senken können. Wenn bei stark frequentierten Räumen eine
mechanische Belüftung fehlt, muss garantiert werden, dass durch offene
Fenster von einer Fassadenseite zur nächsten gelüftet werden kann, also
Durchzug herrscht“, sagt Projektleiter Lukas Adrian Jurk vom Institut für
Konstruktives Entwerfen, Industrie- und Gesundheitsbau (IKE) der TU
Braunschweig. „Sollte es zu einer lokalen Ausbruchssituation oder zur
nächsten Pandemie kommen, können bauliche, technische und prozessuale
Maßnahmen, wie die Isolierung von Personengruppen in eigenständigen
Funktionseinheiten, effektive Schleusenbereiche oder geeignete
Lüftungstechnik zur Infektionsprävention beitragen. Besonders in Räumen
mit vielen Menschen, die dort über einen längeren Zeitraum zusammenkommen,
sollte die Luftqualität regelmäßig überprüft werden. Hier sollte es eine
kontrollierte und während des Nutzungszeitraumes durchschnittliche
CO2-Konzentration von 1.000 ppm im Normalbetrieb und 800 ppm im
pandemischen Betrieb geben. Aktuell liegt der Wert in vielen Schulen bei
bis zu 2000ppm und in manchen Fällen sogar darüber.“

Wissensplattform für infektionspräventives Bauen

Unterschiedliche Vorschriften und eine unübersichtliche Lage in den
verschiedenen Bundesländern erschweren es, sowohl einheitliche
Planungsempfehlungen zu geben als auch eine einfache Umsetzung für
Planende zu gewährleisten. Um künftig den Zugang zu den benötigten
Informationen zu erleichtern, werden die Ergebnisse aus dem Projekt SAVE
ab 2024 auf der „Database of Architecture and Health Environment“
gebündelt, visuell aufbereitet und gut verständlich veröffentlicht.
Grundrisstypologien, Haustechnik, Ausstattung und bauliche Details bis hin
zur Prozessplanung stehen dabei im Fokus. In vorangegangenen
Forschungsprojekten der am Projekt SAVE beteiligten Forschungspartner
wurden weitere Infrastrukturen wie die Intensivstation oder Notaufnahme
näher betrachtet. Die Ergebnisse dieser Projekte sollen ebenfalls in der
Datenbank veröffentlicht werden.

Die Wissensplattform soll zu einer schnellen und gezielten
Handlungsmöglichkeit und Infektionsprävention beitragen, da aktuell vor
allem für Schulen, Kitas, Alten- und Pflegeheime sowie Arztpraxen die
wissenschaftliche Evidenz zur baulichen Infektionsprävention fehlt.

Messe Bau 2023 in München

Das vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Rahmen
von „Zukunft Bau“ geförderte Projekt wird als eines von drei vom BBSR
geförderten Projekten vom 17. bis 22. April 2023 auf der Messe Bau 2023 in
München ausgestellt. Am 21. April von 15:00 Uhr bis 17:00 Uhr präsentieren
die beteiligten Forschungspartner bei einem Talk am Tresen gemeinsam das
Forschungsprojekt und stehen für Fragen zur Verfügung.

Projektdaten

SAVE wird von September 2020 bis Juni 2023 vom Bundesamt für Bauwesen und
Raumordnung (BBSR) mit rund 730.000 Euro gefördert. Die
Projektkoordination hat das Institut für Konstruktives Entwerfen,
Industrie- und Gesundheitsbau (IKE) der TU Braunschweig übernommen.
Verbundpartner sind das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité
Berlin, das Hermann-Rietschel-Institut (HRI) der TU Berlin, das Institut
für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz (iBMB) der TU Braunschweig sowie
als beratende Partner das Robert Koch Institut und das Zentrum für
Biologische Gefahren und spezielle Pathogene, ZBS 7 Strategie und Einsatz.

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Battery Pass Konsortium veröffentlicht Content Guidance für den EU- Batteriepass

acatech Präsident Thomas Weber, Sophie Herrmann, Programmdirektorin des Battery Pass Konsortiums und Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMWK, bei der Übergabe.  © acatech
acatech Präsident Thomas Weber, Sophie Herrmann, Programmdirektorin des Battery Pass Konsortiums und Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMWK, bei der Übergabe. © acatech

Ein Konsortium aus elf führenden internationalen Organisationen aus
Industrie, Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft hat heute den ersten
öffentlich zugänglichen Leitfaden (Content Guidance) für den EU-
Batteriepass veröffentlicht. Er unterstützt die Umsetzung des in der neuen
EU-Batterieverordnung vorgeschriebenen Batteriepasses in einer Weise, die
industriell machbar ist und die ökologischen wie wirtschaftlichen Vorteile
eines digitalen Produktpasses gewährleistet.

Die vom Projekt Battery Pass mit Kofinanzierung des Bundesministeriums für
Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) herausgegebene Content Guidance richtet
sich in erster Linie an Organisationen, die für die Implementierung des
Batteriepasses verantwortlich sind (“responsible economic operators”),
sowie an andere Teilnehmer der Batterie-Wertschöpfungskette. Sie bietet
eine zeitnahe und umfassende Anleitung, wie die Einhaltung der
Batterieverordnung erreicht und mehr Nachhaltigkeit und Zirkularität
ermöglicht werden kann.

Die Content Guidance wurde auf der Hannover Messe offiziell im Rahmen des
Bühnenprogramms des Ministeriums zum Förderschwerpunkt
„Batteriezellenproduktion in Deutschland: Nachhaltige
Batteriezellenproduktion – ein Grundstein für die klimafreundliche
Mobilität der Zukunft“ an Michael Kellner, Parlamentarischer
Staatssekretär im BMWK, übergeben.

Anlässlich der Übergabe sagte Michael Kellner:

„Die Ergebnisse des Batteriepass-Projekts sind ein wichtiger Meilenstein
in der dreijährigen Projektlaufzeit, sowie für digitale, nachhaltige
Batterie-Wertschöpfungsketten insgesamt. Sie werden Unternehmen, die
Batteriepässe entwickeln, helfen, diese effizient und EU-rechtskonform zu
gestalten. Es kann auch eine solide Grundlage für die allgemeine
Entwicklung von digitalen Produktpässen sein, die in Zukunft in anderen
Sektoren eingeführt werden. Nicht zuletzt ist es ein Paradebeispiel für
einen Beitrag mehrerer Interessengruppen zur europäischen Agenda des
ökologischen und digitalen Wandels der Wirtschaft.”

In dem Bestreben, Transparenz und Unterstützung für die Industrie und das
erweiterte Ökosystem des Batteriepasses zu schaffen,

- fasst die Content Guidance die inhaltlichen Anforderungen der EU-
Batterieverordnung zusammen, interpretiert und bewertet sie. Dies
beinhaltet das Hervorheben von Unklarheiten und Unstimmigkeiten des
Gesetzestextes und des Geltungsbereichs sowie die Sicherstellung eines
angemessenen Ausgleichs zwischen Nachhaltigkeitszielen und industrieller
Umsetzbarkeit;
- untersucht der Leitfaden weitere wichtige rechtliche Rahmenbedingungen
wie die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, um
Harmonisierungspotenziale mit anderen Gesetzgebungen aufzuzeigen;
- und schlägt die Content Guidance zusätzliche wertschöpfende Aspekte vor,
die über den verbindlichen Regelungsbereich hinausgehen, um mehr
Nachhaltigkeit und eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.

Die Content Guidance wird durch zwei weitere Dokumente ergänzt: eine
kompakte und benutzerfreundliche ‘Battery Passport Data Longlist’, die die
ca. 90 in der EU-Batterieverordnung aufgeführten obligatorischen
Datenattribute sowie weitere freiwillige Vorschläge enthält; und Regeln
für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks der Batterie-Lebenszyklusphasen
„Distribution“ und „Lebensende und Recycling“. Letzteres wurde in
Zusammenarbeit mit der Global Battery Alliance (GBA) entwickelt und
ergänzt das bereits veröffentlichte ‘GBA GHG Rulebook‘ (Version 1.4). Die
Kombination beider Dokumente stellt das erste ‘Cradle-to-Grave Product
Carbon Footprint Rulebook’ dar, das für die Etablierung einer
kreislauforientierten Batteriewirtschaft entwickelt wurde (parallel von
der GBA als Version 1.5 veröffentlicht). Dies ist die Grundlage,
Unternehmen bei der Sammlung und Aggregation von unternehmensspezifischen
Product-Carbon-Footprint-Daten zu unterstützen und somit reale
Emissionsreduzierungen zu ermöglichen.

Sophie Herrmann, Partnerin der Systemiq GmbH und Programmdirektorin des
Battery Pass-Konsortiums, sagte: „Digitale Batteriepässe können dazu
beitragen, die Auswirkungen der Batterieherstellung, wie z.B.
Treibhausgasemissionen, zu verringern, die Ressourceneffizienz entlang der
gesamten Wertschöpfungskette zu erhöhen und die Einhaltung von
Menschenrechtsstandards besser zu gewährleisten. Sie sind ein
entscheidender Aspekt bei der Sicherstellung einer stabilen Versorgung mit
kritischen Rohstoffen für die Mobilitätswende in Europa. Die Content
Guidance ist für alle Teilnehmer des Ökosystems des digitalen Passes
gedacht – von Akteuren der Batteriewertschöpfungskette bis hin zu
Standardisierungsorganisationen und anderen Konsortien und Projekten. Die
enge Zusammenarbeit mit letzteren, insbesondere mit der Global Battery
Alliance, CIRPASS und Catena-X, war im letzten Jahr sehr fruchtbar, und
das Battery Pass Projekt wird diese Beziehungen weiter vertiefen, um
Harmonisierungs- und Synergiepotenziale zu maximieren.“

Prof. Dr.-Ing. Thomas Weber, Präsident, acatech – Deutsche Akademie der
Technikwissenschaften, sagte: „acatech freut sich, gemeinsam mit unseren
langjährigen Partnern zum Battery Pass beizutragen. Wir wollen den
digitalen Produktpass als Teil des entstehenden europäischen digitalen
Ökosystems gestalten. Der Battery Pass ergänzt weitere acatech Aktivitäten
wie Gaia-X oder den Mobility Data Space und ist ein Baustein zur Umsetzung
einer Datenökonomie. Der vertrauenswürdige Informationsaustausch in der
Batterie-Wertschöpfungskette, wie er in dieser Content Guidance
beschrieben wird, ist ein Eckpfeiler für eine Kreislaufwirtschaft: Er
bringt den doppelten Wandel von Nachhaltigkeit und Digitalisierung
zusammen.“

Im Laufe des Jahres 2023 wird das Battery Pass-Projekt erkunden, wie die
Content Guidance in Zusammenarbeit mit anderen Interessengruppen
weiterentwickelt werden kann. In der Zwischenzeit wird es sich darauf
konzentrieren, den ersten technischen Bezugsrahmen in Übereinstimmung mit
den EU-Anforderungen zu gestalten. Dieser wird es jedem
Wirtschaftsbeteiligten und anderen Batteriepass-Rahmenwerken ermöglichen,
konforme und interoperable Pässe zu entwickeln.

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