Zum Hauptinhalt springen

GERAADA Score: Deutsche Risikobewertung für Aortendissektion in den USA bestätigt

Hohe Zuverlässigkeit der Deutschen Risikobewertung bei Patient*innen mit
lebensbedrohlichen Einrissen der Hauptschlagader in Amerika bestätigt.

Der von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
(DGTHG) entwickelte GERAADA Score, der eine strukturierte
Risikoabschätzung für Patient*innen mit Aortendissektion vornimmt, ist in
den USA für amerikanische Patient*innen überprüft worden. Wie Mikolaj
Berezowski von der Klinik der Universität von Pennsylvania auf der
Jahrestagung der amerikanischen Fachgesellschaft STS (Society of Thoracic
Surgeons) berichtete, wurde der Score bei 685 notfallmäßig an der Aorta
operierten Patient*innen angewandt. Im Ergebnis zeigte sich eine hohe
Übereinstimmung zwischen der Vorhersage des Scores und dem tatsächlichen
Überleben. Dem GERAADA Score wurde daher eine große Zuverlässigkeit
attestiert.

„Es freut uns natürlich sehr, dass Amerika nach Deutschland blickt und die
Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Tätigkeit anerkennt und bestätigt,“
sagte Prof. Dr.Andreas Böning, Vizepräsident der DGTHG. Die
Risikoabschätzung GERAADA wurde bereits 2020 von Prof. Martin Czerny,
Leiter der DGTHG-Kommission Aortenchirurgie, erstpubliziert (Eur J
Cardiothorac Surg. 2020 Oct 1; 58 (4): 700-706) und in Folge umgehend in
Deutschland in die klinische Praxis eingeführt. Aktuell werden die
Langzeit-Daten der Patient*innen des GERAADA Registers dahingehend
überprüft, ob der für den 30-Tage-Zeitraum entwickelte GERAADA Score auch
für das Langzeit-Überleben anzuwenden ist.

Prediction of mortality rate in acute type A dissection: the German
Registry for Acute Type A Aortic Dissection score.
Czerny M, Siepe M, Beyersdorf F, Feisst M, Gabel M, Pilz M, Pöling J,
Dohle DS, Sarvanakis K, Luehr M, Hagl C, Rawa A, Schneider W, Detter C,
Holubec T, Borger M, Böning A, Rylski B. Eur J Cardiothorac Surg. 2020 Oct
1;58(4):700-706. doi: 10.1093/ejcts/ezaa156.

  • Aufrufe: 78

Wie schädigen Operationen mit Herz-Lungen-Maschine die Darmflora?

Forschungen zum Mikrobiom mit renommierter Dr. Rusche-Projektförderung der
Deutschen Stiftung für Herzforschung ausgezeichnet

Rund 90.000 Herzoperationen mit und ohne Herz-Lungen-Maschine (HLM) werden
pro Jahr in Deutschland durchgeführt. Die Anwendung der HLM ist nach wie
vor bei vielen Operationen am Herzen unentbehrlich. Allerdings hat ein
solcher invasiver Eingriff, bei dem das Herz „stillgelegt“ wird und die
HLM die Funktion von Herz und Lunge übernehmen muss, mitunter auch
unerwünschte Folgen. Gefürchtet ist nach herzchirurgischen Eingriffen mit
HLM zum Beispiel das system-inflammatorische Antwortsyndrom (SIRS). Dabei
kommt es zu heftigen Immunreaktionen, die in eine kaum zu kontrollierende
Kreislaufinstabilität und Störungen der Organfunktion münden können – mit
zum Teil tödlichem Ausgang für die betroffenen Herzpatienten. Gleichzeitig
ist inzwischen bekannt, dass die natürliche und intakte Keimbesiedelung
des Darms, das Mikrobiom (ehemals auch als Darmflora bezeichnet), eine
grundlegende, stabilisierende Rolle bei der Regulierung des Immunsystems
hat. Diese sogenannte Eubiose kann durch verschiedene Einflüsse gestört
werden und in den gesundheitlich ungünstigen Zustand der Dysbiose
übergehen.

Forschung zum Mikrobiom und SIRS für mehr Patientensicherheit bei Herz-OPs
Bei einer Dysbiose sind Anzahl und Vielfalt der normalen Mikrobiom-
Organismen reduziert. Dies begünstigt, dass sich potenzielle
Krankheitserreger ansiedeln bzw. vermehren können, was durch Ausschüttung
verschiedener Metaboliten und Toxinproduktion wiederum entzündliche
Prozesse aktivieren und erhalten kann. Einer der Schlüsselfaktoren für das
Gleichgewicht des Mikrobiom-Milieus ist eine physiologische
Darmdurchblutung – und eine Operation mit HLM beeinträchtigt diese
nachweislich. „Unverzichtbar für mehr Patientensicherheit sind neue
Erkenntnisse zu den Entstehungsmechanismen des SIRS im Zusammenhang mit
herzchirurgischen Eingriffen mit HLM. Die Rolle des durch Operation mit
HLM veränderten Mikrobioms rückt dabei zunehmend in den Fokus der
Forschung“, betont Herzchirurg Prof. Dr. Armin Welz, Vorsitzender des
wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Stiftung für Herzforschung
(DSHF). Deshalb fördere die DSHF mit der diesjährigen Dr. Rusche-
Projektförderung eben zu dieser Problematik ein innovatives
Forschungsvorhaben.

Dr. med. Hristian Hinkov von der Klinik für Herz-, Thorax- und
Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum der Charité - Universitätsmedizin
Berlin, will daher nun zusammen mit Kollegen den Einfluss einer
Herzoperation mit HLM auf das Mikrobiom genauer untersuchen. Das mit der
Dr. Rusche-Projektförderung ausgezeichnete Projekt möchte unter anderem
klären, wie sich das Mikrobiom, seine Stoffwechselprodukte und Botenstoffe
(Metabolom) nach Operationen mit HLM verändern. Diese Erkenntnisse sollen
dann mit der Aktivierung verschiedener Entzündungsmechanismen und mit dem
Heilungsverlauf nach OP in Zusammenhang gesetzt werden, um so wichtige
Hinweise zum Entstehen eines SIRS zu erhalten.
„Denn lässt sich tatsächlich eine Verbindung zwischen spezifischer
Mikrobiom-Veränderung und SIRS-Mechanismen nachweisen, könnten sich daraus
auch neue Therapieansätze bei SIRS ergeben, zum Beispiel durch eine
gezielte Mikrobiom- bzw. Metabolom-Modulation“, hofft Dr. Hinkov.
Entsprechende Maßnahmen könnten entweder vor dem Eingriff erfolgen, um das
Mikrobiom zu stabilisieren oder nach dem Eingriff, um die Mikrobiom-
Zusammensetzung zu regenerieren und wieder herzustellen. Darüber hinaus
soll erforscht werden, ob sich bereits vor einer Operation anhand von
bestimmten Mikrobiom-Profilen ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von
SIRS erkennen lässt. „Damit könnte potenziell betroffenen Patienten eine
angepasste Therapie angeboten und der Einsatz einer HLM ein Stück sicherer
gemacht werden“, so Hinkov.

Mikrobiom von 80 Patientinnen und Patienten nach Bypass-OP untersucht
Das Projekt sieht konkret vor, bei 80 herzchirurgisch behandelten
Patienten das Mikrobiom zu untersuchen: davon 40 Patienten mit aorto-
koronarer Bypass-Operation und HLM sowie 40 Patienten mit Bypass-
Operation, bei der keine HLM-Unterstützung nötig ist. „Vor der Operation,
unmittelbar nach dem Eingriff, während des Krankenhausaufenthaltes sowie
sechs Monate nach Entlassung werden Blut- und Stuhlproben entnommen und
hinsichtlich Mikrobiom-Zusammensetzung, Entzündungszeichen und
Immunzellaktivierung ausgewertet. Die Befunde werden dann mit dem
jeweiligen Verlauf von OP und Heilungsprozess abgeglichen, um mögliche
Zusammenhänge zu erkennen“, erläutert Hinkov.

Das Projekt von Dr. Hinkov „Die Effekte der Herz-Lungen-Maschine auf das
intestinale Mikrobiom und die Relation zum postoperativen SIRS“ erhält
aufgrund seines innovativen Forschungsansatzes daher auch die Dr. Rusche-
Projektförderung der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) 2023 in
Höhe von 58.800 Euro, die jährlich von der DSHF zusammen mit der Deutschen
Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) für ein
Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der Herzchirurgie vergeben wird. Die
DSHF wurde von der Deutschen Herzstiftung 1988 gegründet. Der Antrag der
Berliner Nachwuchsforscher wurde im Februar auf der 52. Jahrestagung der
DGTHG ausgezeichnet.
(ne)

Forschung nah am Patienten
Dank der finanziellen Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter,
Spender und Erblasser kann die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit der von
ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF)
Forschungsprojekte in einer für die Herz-Kreislauf-Forschung
unverzichtbaren Größenordnung finanzieren. Infos zur Forschungsförderung
der Deutschen Herzstiftung: www.herzstiftung.de/forschung-und-foerderung
Die 2008 eingerichtete „Dr. Rusche-Projektförderung“ ist mit 60.000 Euro
dotiert und wird jährlich von der DSHF zusammen mit der Deutschen
Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) vergeben.
Benannt ist der Stiftungsfond nach dem Internisten Dr. Ortwin Rusche (1938
bis 2007) aus Bad Soden, der die DSHF in seinem Testament bedachte, um
Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Herzchirurgie zu fördern. Bewerben
können sich junge Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftler, die in
Deutschland auf dem Gebiet der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie tätig
sind (www.dshf.de).

  • Aufrufe: 92

Behandlung von Müdigkeit in der Hausarztpraxis

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
hat ihre S3-Leitlinie „Müdigkeit“ umfassend überarbeitet. Wie bisher liegt
der Fokus der Leitlinienempfehlungen beim Symptomkomplex Müdigkeit auf
einer biopsychosozialen Vorgehensweise in der Hausarztpraxis. Neu hingegen
sind die Empfehlungen zu ME/CFS, die nun deutlich umfangreicher ausfallen
und auch andere Schwerpunkte setzen.

Müdigkeit ist ein häufiger Beratungsanlass in der Hausarztpraxis. Das gilt
umso mehr in Zeiten von Long- und Post-COVID. Die DEGAM warnt davor, den
hohen Leidensdruck der Patientinnen und Patienten zu unterschätzen. Die
Behandlung des Beschwerdebildes Müdigkeit ist äußerst komplex. Umso
wichtiger, dass sich niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte mit
Leitlinien im Praxisalltag gut orientieren können, welche Diagnose- und
Therapieoptionen am sinnvollsten sind.

Diese Orientierung vermittelt die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft
für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), die nun überarbeitet und
im Januar 2023 erneut veröffentlicht wurde. „Die Leitlinie hilft den
Hausärztinnen und Hausärzten, das richtige Maß an Medizin zu finden: Das
Gute und Richtige zu tun und das Unnötige und gegebenenfalls sogar
Schädliche zu unterlassen“, kommentiert Prof. Dr. med. Martin Scherer,
Präsident Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin.
Ziel sei es, die betroffenen Patientinnen und Patienten bestmöglich zu
versorgen.

Wie in der bisherigen Version spricht sich die Leitlinie für eine
biopsychosoziale Vorgehensweise aus. Gleichzeitig werden der hohe
Stellenwert der ausführlichen Anamnese und der umfassenden
primärärztlichen Versorgung bei Müdigkeit erneut betont: Die Behandlung in
der Hausarztpraxis ist laut Leitlinie der beste Schutz vor nicht-
indizierter überzogener Diagnostik und Therapie.

Die umfassendsten Änderungen gibt es im Leitlinien-Update im Kapitel
Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS): „Es
gibt bisher keine deutschsprachige eigene Leitlinie zu ME/CFS, aber nun im
Rahmen der Gesamtleitlinie aktuelle wissenschaftliche Informationen mit
entsprechend fundierten Handlungsempfehlungen für Hausärztinnen und
Hausärzte in Deutschland“, erklärt Prof. Dr. med. Erika Baum von der
DEGAM, die die Überarbeitung der Leitlinie federführend betreut hat.

Das neue Kapitel zu ME/CFS orientiert sich am Stand der internationalen
Forschung sowie an internationaler Evidenzrecherche und -bewertung.
Allerdings gibt es noch viele offene Forschungsfragen. Auch deswegen
spricht sich die DEGAM in der Leitlinie für mehr Forschungsanstrengungen
zu diesem komplexen Krankheitsbild aus.

Da die Ursache von ME/CFS nach wie vor ungeklärt ist und sowohl
physiologische als auch psychosomatische Mechanismen in Betracht kommen,
wird eine langfristig angelegte und biopsychosoziale Betreuung durch die
Hausarztpraxis empfohlen. Nur die Hausarztpraxis kann den Blick aus
unterschiedlichen Perspektiven gewährleisten. „Gerade Hausärztinnen und
Hausärzte können gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten am besten
erkennen, welche Interventionen und Belastungen individuell tolerabel
sind, um Fehlbelastungen zu vermeiden und die Therapie anzupassen. Bei
guter Kenntnis der Informationen aus der Leitlinie und kontinuierlich-
vertrauensvoller Betreuung können Betroffene adäquat versorgt werden,“ so
die Expertin Erika Baum.

Die wissenschaftliche Debatte um Diagnostik und Therapie von ME/CFS ist
auch international seit Längerem von Kontroversen geprägt – gerade weil
die Ursachen unklar und die wissenschaftlichen Ergebnisse wenig
einheitlich sind. Diese Kontroverse bildet sich teilweise auch in der
DEGAM-Leitlinie ab, da sich verschiedene Fachgesellschaften mit einem
Sondervotum zum ME/CFS-Kapitel eingebracht haben. „Bei schwacher
Evidenzlage wie in diesem Fall ist es nicht unüblich, auch in der
Leitlinienarbeit zu unterschiedlichen wissenschaftlichen
Schlussfolgerungen zu kommen“, kommentiert DEGAM-Präsident Martin Scherer.
„Trotzdem war die Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen und
Expertinnen und Experten bei der Überarbeitung der Leitlinie gut und
konstruktiv“, ergänzt Erika Baum.

Die oft hitzige öffentliche Diskussion um ME/CFS zeige, dass es in diesem
Bereich viele Missverständnisse gebe, so Baum weiter: „Es ist als
wissenschaftliche Fachgesellschaft unsere Aufgabe, diese Missverständnisse
zunehmend aufzulösen. Dafür setzen wir uns auch mit der neuen Leitlinie
ein.“

Darüber hinaus engagiert sich die DEGAM neben der eigentlichen
Leitlinienarbeit auch dafür, den Wissenstransfer in die Hausarztpraxen
anzustoßen und die Inhalte der neuen Leitlinie in der Aus-, Weiter- und
Fortbildung bekannt zu machen und zu verankern.

Zur überarbeiteten S3-Leitlinie Müdigkeit: https://bit.ly/3YDXoJM

  • Aufrufe: 97

Zukünftige Krankenhausversorgung: Pneumologen und Thoraxchirurgen präsentieren eigene Konzeptvorschläge

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Krankheiten der Lunge und der
Atmungsorgane. Deshalb haben die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin (DGP) sowie die Deutschen Gesellschaft für
Thoraxchirurgie (DGT) jetzt eine gemeinsame Stellungnahme samt eigener
Konzeptvorschläge zur zukünftigen Krankenhausversorgung vorgelegt. „Wenn
die Regierungskommission und mit ihr die Bundesregierung aktuell über ein
neues Konzept für die Krankenhausversorgung berät, müssen die Belange
großer Patientengruppen wie der von Lungenerkrankten besser miteinbezogen
werden – und zwar klinikübergreifend“, sagt DGP-Präsident Professor
Torsten Bauer (Foto links).

Rund 16 Millionen Betroffene mit Lungenerkrankungen wurden zuletzt
erfasst, die Corona-Zahlen noch nicht mit einbezogen. Aktuelle Erhebungen
weisen bei vielen Diagnosen zudem eine erhöhte Sterblichkeit der
Patientinnen und Patienten aus – bei Lungenkrebs ist diese um das
Neunfache erhöht, bei einer Lungenentzündung um das Fünffache. Vor dem
Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft erwarten Experten,
dass sich die Situation weiter verschärft. „Im Sinne der zu behandelnden
Menschen brauchen wir noch mehr Flexibilität bei der Gestaltung von
Klinik-Leveln und Leistungsgruppen, auch einzelne Kriterien zur
Klinikfinanzierung sollten weiter präzisiert werden“, schlägt DGT-
Präsidentin Dr. Katrin Welcker (Foto) vor.

„Wir unterstützen die Arbeit der Regierungskommission für eine moderne und
bedarfsgerechte Krankenhausversorgung und empfinden viele Vorschläge als
richtig. Es ist gut, dass die großen Probleme des Krankenhauswesens
endlich angepackt werden. Bei der weiteren spezifischen Ausgestaltung
bieten wir gerne unsere Hilfe an und wollen mit den Vertretern der
Regierungskommission ins Gespräch kommen“, erklärt Professor Winfried
Randerath (Foto rechts), DGP-Generalsekretär sowie Sprecher der
gemeinsamen Task Force Qualität und Wirtschaftlichkeit, in der Pneumologen
sowie Thoraxchirurgen zusammenarbeiten. Die 27-köpfige Fachgruppe hat sich
die dritte Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission – mit
Schwerpunkt auf die grundlegende Reform der Krankenhausvergütung – genauer
angeschaut. Schwachstellen haben die Experten vor allem identifiziert bei:
der zukünftigen Organisation von leistungsfähigen pneumologischen
Fachkliniken, der Beschreibung neuer Leistungsgruppen für komplexe
Erkrankungen und der Einführung von Vorhaltepauschalten zum Sicherstellen
der Krankenhausleistungen. Darüber hinaus machen die beiden
Fachgesellschaften Ergänzungsvorschläge zur Einführung neuer Krankenhaus-
Level, zum DRG-System und der Ambulantisierung, zum Personalmangel und zu
einer möglichen Anpassung des Medizinischen Dienstes, der als
medizinischer und pflegefachlicher Begutachtungs- und Beratungsdienst nach
DGP-Meinung noch unabhängiger sein sollte als bisher.

Gefordert: Mitsprache für die Länder, Systematik bei Leistungsgruppen

Die DGP und DGT begrüßen die gesonderte Berücksichtigung der somatischen
Fachkliniken in den Empfehlungen der Regierungskommission ausdrücklich.
„In den vergangenen Jahrzehnten hat sich für die Versorgung der Patienten
mit Lungenerkrankungen ein Netz qualitativ hochentwickelter,
leistungsfähiger, kosteneffizienter und wissenschaftlich aktiver
Fachkliniken herausgebildet“, sagt Randerath. Das gelte auch für andere
medizinische Fachgebiete, in denen Fachkliniken eine besondere Rolle
spielen. Daher lehnt die beiden Fachgesellschaften die generelle
Empfehlung ab, nach der die Fachkliniken zukünftig baulich und inhaltlich
in andere Kliniken der neu zu schaffenden Levels II und III – also
regionale oder überregionale Krankenhäuser – zu integrieren sind.
Stattdessen sollten die Bundesländer individuell festlegen, ob eine
Integration im Einzelfall sinnvoll oder aber nachteilig ist. Die DGP und
DGT stellen klar: Große Lungenfachkliniken betreuen Patientinnen und
Patienten des gesamten Spektrums von Infektiologie, Onkologie,
Erkrankungen des Lungengewebes, Atemwegen und Atmungsregulation bis hin
zur Intensivmedizin des Fachgebietes einschließlich der Notfallversorgung.
„Dieses breite Spektrum hat die Leistungsfähigkeit und den wesentlichen
Beitrag der pneumologischen Fachkliniken zum Gesundheitswesen gerade in
der Pandemie sehr deutlich gezeigt“, sagt Randerath. „Mit ihrer besonderen
Expertise tragen Lungenfachkliniken und Fachabteilungen zur
telemedizinischen Versorgung und Kommunikation mit Kliniken aller Levels
bei.“

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin und die
Deutsche Gesellschaft für Thoraxchirurgie beschreiben zudem, welche
Voraussetzungen die einzelnen Leistungsgruppen für komplexere Erkrankungen
auf der Ebene der Länder erfüllen sollten. „Die von der
Regierungskommission vorgeschlagenen Leistungsgruppen lassen bisher keine
hinreichende Systematik erkennen. Für manche Fachbereiche wird eine sehr
kleinteilige Differenzierung vorgeschlagen, die in anderen Fachgebieten
wie der Pneumologie völlig fehlt“, sagt Randerath. Zu den
Vorhaltepauschalen sagt er: „Bei den Landesbehörden für Gesundheit muss
auch in Zukunft die volle Führungskompetenz bleiben, um eigenständig über
Versorgungsstrukturen und damit über die Zuweisung der Vorhaltepauschalen
entscheiden zu können. Mehr noch: Auch hinsichtlich der neuen
Leistungsgruppen-Gestaltung und der regionalen Krankenhausplanung muss die
Hoheit bei den Ländern liegen.“

Neue Krankenhaus-Level: Wettbewerb um Leistungsgruppen –
Standortzusammenlegungen müssen ausreichend finanziert werden

Kritik üben die Experten der DGP und DGT auch an der Ausgestaltung des
vorgeschlagenen Modells der drei Krankenhaus-Level, das zwischen
Krankenhäusern der lokalen Grundversorgung, regionalen Krankenhäusern der
Regel- und Schwerpunktversorgung sowie überregionalen Krankenhäusern der
Maximalversorgung unterscheidet. Im vorgeschlagenen Modell komme es zu
einem Wettbewerb der Kliniken um Levels und Leistungsgruppen. „Gerade an
das Level II der regionalen Versorger werden sehr hohe Bedingungen
gestellt, die keine Flexibilität bei der individuellen Ausgestaltung
erkennen lassen. Warum soll jedes dieser Häuser die gleichen
Leistungsgruppen und Abteilungen vorhalten? Mehrere Krankenhäuser an einem
Standort zusammenzuführen, kann sich positiv auf die Qualität und die
Personal- und Technikproblem auswirken, erfordert aber Investitionen in
Millionenhöhe. Mittelfristig muss die gewünschte Reduktion der
Krankenhausstandorte somit ausreichend finanziell durch den Strukturfonds
abgesichert sein“, bekräftigt DGP-Präsident Torsten Bauer.

Zukunft: Mehr Studienplätze, Programme für Zuwanderer, Leihunternehmertum
entgegenwirken

Auch zum Aspekt des Personalmangels in den Kliniken äußert sich die
Fachgesellschaft: „Anders als die Regierungskommission, erkennen wir einen
absoluten Mangel, der nur zum kleineren Teil auf eine zu hohe Zahl von
Krankenhäusern zurückzuführen ist“, sagt DGP-Präsident Bauer. „Deshalb
müssen wir deutschlandweit mehr Studien- und Ausbildungsplätze anbieten –
womit auch eine Aufstockung des Lehrpersonals einhergehen muss. Zudem
brauchen wir professionelle Anwerbe- und Qualifizierungsprogramme für
Zuwanderer aus Gesundheitsberufen oder solche, die sich darin ausbilden
lassen wollen“, so der Mediziner. „Politik, Berufsverbände, Kostenträger
und Krankenhäuser müssen jetzt gemeinsam dafür sorgen, dass der
Arbeitsplatz Krankenhaus für Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiv
gestaltet wird.“ Die DGP stellt klar: Dem System der Leihunternehmen ist
durch gesetzliche Maßnahmen – zum Beispiel die Begrenzung der Vergütung
oder die Pflicht zu Nacht-, Wochenend-, Feiertagsdiensten –
entgegenzutreten, die die Benachteiligung des festangestellten Personals
aufheben. „Wenn die einberufene Regierungskommission ihre Empfehlungen um
die relevanten Punkte der pneumologischen Fachkliniken ergänzt, wird nicht
nur die bedarfsgerechte Krankenhausversorgung gestärkt – in erster Linie
wird den vielen Patientinnen und Patienten mit akuten Lungenproblemen
geholfen“, sagt DGP-Präsident Torsten Bauer.

-----------------------------------------

Die komplette Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin (DGP) sowie der Deutschen Gesellschaft für
Thoraxchirurgie (DGT) zu Kernpunkten der Vergütungsreform der
Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte
Krankenhausversorgung lesen Sie unter www.pneumologie.de

  • Aufrufe: 96