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Privatdozent Dr. Guram Imnadze hat den kleinen, kabellosen Herzschrittmacher der neuesten Generation – links im Bild im Vergleich zu einem konventionellen System - erstmals erfolgreich am HDZ NRW implantiert  (Foto: Anna Reiss).  HDZ NRW

Langsamer Herzschlag: Eine neue Generation der Kapselschrittmacher verbessert die Lebensqualität

Privatdozent Dr. Guram Imnadze hat den kleinen, kabellosen Herzschrittmacher der neuesten Generation – links im Bild im Vergleich zu einem konventionellen System - erstmals erfolgreich am HDZ NRW implantiert  (Foto: Anna Reiss).  HDZ NRW
Privatdozent Dr. Guram Imnadze hat den kleinen, kabellosen Herzschrittmacher der neuesten Generation – links im Bild im Vergleich zu einem konventionellen System - erstmals erfolgreich am HDZ NRW implantiert (Foto: Anna Reiss). HDZ NRW

Keine Kabel, nicht spürbar, besonders langlebig: In der Klinik für
Elektrophysiologie/ Rhythmologie unter der Leitung von Prof. Dr. Philipp
Sommer, Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, und
weiteren Zentren bundesweit wird jetzt erstmals eine neue Generation
elektrodenloser Herzschrittmacher mittels Katheter eingesetzt. Neben dem
medizintechnischen Fortschritt versprechen die neuen, nur 38 Millimeter
großen und in die rechte Herzkammer zu platzierenden Mini-Pulsgeber
weniger Komplikationen und dadurch Lebensqualität für viele Patientinnen
und Patienten, die an einer bestimmten, durch einen zu langsamen
Herzrhythmus gekennzeichneten Erkrankung leiden.

Ein niedriger Ruhepuls von unter 60 Schlägen pro Minute ist während des
Schlafs oder bei Sportlern in den allermeisten Fällen ohne Bedeutung. Eine
dauerhaft oder häufig wiederkehrende zu niedrige Herzfrequenz dagegen kann
krank machen, weil Organe und Körper dann zu wenig Sauerstoff erhalten.
Typische Symptome sind Schwindel, Müdigkeit, Atemnot oder Ohnmacht. Der
Fachbegriff heißt Bradykardie. Mit weltweit fast 50 Millionen Betroffenen
zählt sie zu den häufigsten Rhythmusstörungen.

„Dem zu langsamen Herzrhythmus liegt oft eine Herzerkrankung zugrunde“,
sagt Privatdozent Dr. Guram Imnadze, Oberarzt der Klinik für
Elektrophysiologie/Rhythmologie am HDZ NRW. „Die Symptome können aber auch
nach Medikamenteneinnahme oder sogar bei jungen Menschen als
Rhythmuserkrankung auftreten.“ Wenn der Taktgeber des Herzens, der
Sinusknoten, nicht richtig funktioniert oder die Weiterleitung der
elektrischen Impulse in die Herzkammern nachhaltig gestört ist, empfiehlt
der Kardiologe die Implantation eines Herzschrittmachers.

„Die kabellose Schrittmacher-Therapie zählt bereits seit etwa zehn Jahren
zu den Routineeingriffen, die bei bestimmten Patientengruppen und an
ausgewiesenen Zentren durchgeführt werden, sagt Imnadze, der als
Elektrophysiologe gemeinsam mit den Herzspezialisten der Herzchirurgie und
Kardiologie am HDZ NRW etwa 1.300 Schrittmacher- und Defibrillator-
Implantationen jährlich begleitet und hierbei auch elektrodenlose Mini-
Schrittmacher einsetzt. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass diese
Kapselschrittmacher für bestimmte Patientengruppen wie etwa
Dialysepatienten oder Patienten mit vorausgegangenen
Schrittmacherinfektionen eine sehr geeignete Alternative zum
konventionellen Schrittmachersystem darstellen. Typische Probleme, die in
Verbindung mit den Elektroden auftreten können, können beim
Kapselschrittmacher nicht auftreten.“

Zwei ganz wesentliche zusätzliche Vorteile bieten jetzt aus Sicht des
Schrittmacher-Spezialisten die neuartigen Systeme, die seit September
verfügbar sind und die Imnadze selbst Anfang September erstmals am HDZ NRW
eingesetzt hat:

1.      Mapping = Sicherheit

„Einmalig ist eine sogenannte Mapping-Funktion, mit der wir noch vor dem
Eingriff die optimale Position in der Herzkammer auslesen und exakt
bestimmen, um das Verfahren besonders präzise und sicher durchführen zu
können. Zudem kann das System - wie seine Vorgänger-Modelle auch - bei
individuellem Bedarf neu positioniert werden.“ Durch dieses Mapping wird
es möglich, die Anzahl der Repositionierungen zu minimieren und das Risiko
für Verletzungen zu reduzieren, weil das Gerät für die Erhebung der
Messwerte noch nicht fest mit dem Herzmuskel in Verbindung gebracht werden
muss.

2.      Batterieleistung = Lebensqualität

Vor allem aber aufgrund der besonders langen Lebensdauer der Aggregate
werden seine Patientinnen und Patienten die fortschrittliche
Medizintechnik zu schätzen wissen, prognostiziert Imnadze: „Normalerweise
steht nach etwa zehn Jahren ein Batteriewechsel an. Das bedeutet für
unsere Patienten, dass sie sich dann einem neuen Eingriff unterziehen
müssen. Die Lebensdauer der neuen Modelle wird nach Einschätzung des
Herstellers (Abbott) auf mehr als 17 Jahre geschätzt.“ Bei der neuen
Generation der Kapselschrittmacher wird eine Entfernung am Ende der
Laufzeit möglich sein. Ein spezielles System steht hierfür zur Verfügung.

Übrigens werde sich der Kreis der Patienten, die von der ebenso
innovativen wie effizienten elektrodenlosen Schrittmachertechnologie
profitieren, in einigen Jahren noch deutlich vergrößern, fügt Imnadze an:
„Bisher sind diese Systeme ausschließlich solchen Patienten vorbehalten,
die eine Stimulation in der rechten Herzkammer benötigen. Die meisten
Betroffenen sind jedoch auf 2-Kammer-Systeme angewiesen. Solche kabellosen
Systeme sind schon entwickelt und werden derzeit im Rahmen
wissenschaftlicher Studien überprüft.“ Im klinischen Einsatz am HDZ NRW
werde damit allerdings erst 2024 zu rechnen sein.

Hintergrundinformation Herzschrittmachertechnologie:

Die ersten Herzschrittmacher in Deutschland wurden 1961 implantiert. Sie
hatten eine Größe von etwa 55 Millimeter Breite und 16 Millimeter Höhe und
mussten einmal pro Woche von außen aufgeladen werden. Moderne Systeme sind
heute deutlich kleiner, haben eine durchschnittliche Lebensdauer von
mehreren Jahren und besitzen integrierte Selbstkontroll- und
Überwachungsfunktionen, auf die telemedizinisch sowohl zur regelmäßigen
Diagnostik als auch über Fernkontrolle zugegriffen werden kann. Der
Einsatz konventioneller Schrittmacher erfolgt minimalinvasiv mit einem
kleinen Schnitt, der unterhalb des Schlüsselbeins durchgeführt wird. In
der so entstehenden „Tasche“ unter der Haut wird das Aggregat eingesetzt,
dessen Elektroden anschließend über eine Vene bis in den Vorhof oder die
Kammer geschoben werden, wo sie Kontakt zum Herzmuskelgewebe haben.

Kabellose Herzschrittmacher sind seit rund einem Jahrzehnt im klinischen
Einsatz. Sie werden mittels Herzkatheter über die Leistenvene in der
rechten Herzkammer platziert und dort an der Herzwand fixiert. Da das
Aggregat somit direkt vor Ort ist und keine transvenös zum Herzen führende
Elektroden benötigt werden, sind Komplikationen wie Infektionen an der
Haut, Sondenbrüche oder fehlplatzierte Elektroden nicht zu befürchten.
(Quellen: Springer Medizin, Deutsche Gesellschaft für Kardiologie)

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Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, mit 35.000 Patientinnen und Patienten
pro Jahr, davon 14.600 in stationärer Behandlung, zu den größten und
modernsten Zentren seiner Art in Europa. Unter einem Dach arbeiten fünf
Universitätskliniken und drei Universitäts-Institute seit mehr als 30
Jahren interdisziplinär zusammen. Das HDZ NRW ist seit 1989
Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum. Die Professorenschaft des
HDZ NRW ist zusätzlich seit 2023 Mitglied der Medizinischen Fakultät OWL
der Universität Bielefeld. Die Einrichtung ist bekannt als größtes
Herztransplantationszentrum in Deutschland.

Die Klinik für Elektrophysiologie/Rhythmologie des HDZ NRW ist
spezialisiert auf die Behandlung von Herzrhythmusstörungen mit einem
Leistungsspektrum von rd. 1.700 Ablationen jährlich. In der Klinik werden
elektrophysiologische Untersuchungen mittels modernster, strahlungsarmer
Technologie zur Behandlung von Rhythmusstörungen durchgeführt.

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Deutschlandweit einzigartig: Prof. Dr. Heike Rittner übernimmt den Lehrstuhl für Schmerzmedizin

Zum 1. November hat Prof. Dr. Heike Rittner den neu eingerichteten
Lehrstuhl für Schmerzmedizin an der Medizinischen Fakultät übernommen. Es
ist der bislang einzige Lehrstuhl dieser Art in Deutschland / Vielfältige
Angebote für Patienten / Etablierte Forschungsgruppe

Würzburg. Die Universitätsmedizin Würzburg stärkt die Schmerzmedizin. Zum
1. November hat Prof. Dr. Heike Rittner den neu eingerichteten Lehrstuhl
für Schmerzmedizin an der Medizinischen Fakultät übernommen. Es ist der
bislang einzige Lehrstuhl dieser Art in Deutschland.

Prof. Rittner leitet seit 2021 das Zentrum für interdisziplinäre
Schmerzmedizin (ZiS) der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie,
Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am
Universitätsklinikum Würzburg, zudem ist sie Wissenschaftliche
Koordinatorin der Klinischen Forschungsgruppe KFO5001 „ResolvePAIN“. Dort
werden die Mechanismen der Schmerzauflösung untersucht. „Mit dem nun
etablierten Lehrstuhl wird die Bedeutung der Schmerzmedizin am Standort
Würzburg nochmals deutlich gestärkt. Das ist auch eine große Anerkennung
für die Forschungsgruppe und für die Arbeit des Zentrums am
Universitätsklinikum“, betont der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof.
Dr. Matthias Frosch.

Molekulare Mechanismen im Blickpunkt

In der durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten
Forschungsgruppe steht die Frage im Vordergrund, warum bei manchen
Menschen Schmerzen trotz bestehender Schäden abklingen, während bei
anderen Patienten die Schmerzen chronisch werden. „Dabei wollen wir
speziell die molekularen Mechanismen der Schmerzauflösung besser
verstehen, um personalisiert und passgenau zu therapieren. Das wird in den
kommenden Jahren ein wichtiger Forschungsschwerpunkt bleiben“, erklärt
Prof. Rittner. Insgesamt neun Arbeitsgruppen umfasst die Forschungsgruppe.

Im Bereich der Krankenversorgung umfasst das ZiS am UKW verschiedene
Schwerpunkte. Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachdisziplinen und
Therapeutinnen und Therapeuten unterschiedlicher Berufsgruppen arbeiten
hier Hand in Hand. Neben der ambulanten Behandlung bietet die eigene
Schmerztagesklinik auch ein Angebot für Patientinnen und Patienten an, die
eine interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie benötigen. Dabei werden
verschiedene Therapieelemente aufeinander abgestimmt miteinander
kombiniert. Moderne Therapien wie ambulante Versorgungsformen oder der
Einsatz virtueller Realität werden in Studien zunächst erprobt, um dann
den Patientinnen und Patienten zur Verfügung zu stehen. Ähnliche Programme
finden in Zusammenarbeit mit der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie
und der Kinderklinik am UKW statt.

Interdisziplinäre Versorgung gewinnt an Bedeutung

„In Zukunft werden ambulante und interdisziplinäre Versorgungsangebote für
Patientinnen und Patienten zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Daher wollen
wir auch die Zusammenarbeit sowohl innerhalb des UKW mit gemeinsamen
therapeutischen Angeboten sowie mit den niedergelassenen Kolleginnen und
Kollegen weiter ausbauen“, sagt Prof. Dr. Meybohm, Direktor der Klinik und
Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und
Schmerztherapie am Universitätsklinikum Würzburg.

Hintergrund:
In Deutschland sind mehr als 23 Millionen Personen von langanhaltenden,
chronischen Schmerzen betroffen. Weltweit leiden immer mehr Menschen an
chronischen Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen. Dabei hat oft der Schmerz
seine ursprüngliche Warnfunktion verloren und beeinträchtigt das Leben
dieser Menschen enorm.
Prof. Rittner: „Wenn der Schmerz trotz leitliniengerechter Therapie nach
drei bis vier Monaten nicht zurückgeht, sollte man eine Expertin oder
einen Experten für Schmerzmedizin aufsuchen, denn dann besteht leider die
Gefahr einer Chronifizierung des Schmerzes.“

Zur Person:
Prof. Dr. Heike Rittner ist Fachärztin für Anästhesiologie und
Schmerztherapeutin. Sie arbeitet seit 2008 am Universitätsklinikum
Würzburg. Zuvor war sie 2 Jahre an der Mayo Clinic in den USA sowie an der
Charité in Berlin tätig, wo sie 2008 habilitierte. Sie verfügt über die
Zusatzbezeichnungen „Palliativmedizin“ und „Spezielle Schmerztherapie“.

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Schutz vor Atemwegserkrankungen: Medizinverbände empfehlen neue RSV- Impfung

Neuer Schutz vor schweren Atemwegserkrankungen: Expertinnen und Experten
von elf medizinischen Fachgesellschaften und Institutionen rufen jetzt
insbesondere Über-60-Jährige mit Vorerkrankungen auf, sich gegen das
Respiratory Syncytial-Virus (RSV) impfen zu lassen. In einem heute
gemeinsam veröffentlichten Positionspapier heißt es: „RSV-Infektionen
gefährden nicht nur Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder, sondern können
auch bei älteren und vorerkrankten Erwachsenen schwere Krankheitsverläufe
und Komplikationen von vorbestehenden Erkrankungen auslösen.“

Erstmals überhaupt sind nun zwei Impfstoffe gegen das RS-Virus in der
Europäischen Union zugelassen worden. Die konkrete Empfehlung:
„Insbesondere Erwachsene mit deutlich eingeschränkter Immunabwehr oder
schweren Lungen- sowie Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen empfehlen wir eine
Impfung“, sagt Co-Autor Professor Wolfram Windisch, Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), unter
deren Leitung das Empfehlungspapier entstanden ist.

Vor allem in den Wintermonaten treten RSV-Infektionen gehäuft auf. „In den
Kliniken beobachten wir eine vergleichbare Krankheitslast und Sterberate
wie bei Lungenentzündungen nach Influenza- oder Pneumokokken-Infektionen.
Besonders gefährdet sind auch Menschen mit bösartigen
Blutkrebserkrankungen wie Leukämie oder Multiples Myelom“, erklärt
Professor Martin Witzenrath, federführender Autor des neuen
Positionspapiers und Direktor der Klinik für Pneumologie, Beatmungsmedizin
und Intensivmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er warnt
zudem vor dem Risiko schwerer Folgeerkrankungen, die durch eine RSV-
Infektion ausgelöst werden können.

Nach Pandemie: RSV-Erkrankungen wesentlich häufiger – Oftmals unerkannt

Eine aktuelle Studie zeigt auf, dass insbesondere nach den ersten Wellen
der COVID-19-Pandemie RSV-Erkrankungen wesentlich häufiger vorkommen.
„Diese Erkrankungen sind aber nicht neu und waren schon vor COVID-19
häufig. Allerdings ist der Nachweis durch eine zusätzliche
Laboruntersuchung aufwendig“, sagt Witzenrath. Daher werde beim Hausarzt
nur selten eine entsprechende Untersuchung in die Wege geleitet, auch
einen ausreichend sensitiven Schnelltest für Praxen gäbe es bisher nicht.
„Deswegen ist der Anteil von unbekannten Virusinfektionen in der
Bevölkerung recht hoch – oftmals kann dem eine RSV-Erkrankung zugrunde
liegen, die auch im Krankenhaus in der klinischen Routine meist unerkannt
bleibt.“

RSV-Impfung jetzt in der EU zugelassen – Kostenübernahme prüfen lassen

Die European Medicines Agency (EMA) hat in diesem Jahr erstmals zwei
Impfstoffe für die EU zugelassen, die bereits in Apotheken erhältlich
sind. Da die Ständige Impfkommission (STIKO) noch keine entsprechende
Empfehlung für Deutschland ausgesprochen hat, sind die Kosten in der Regel
privat zu tragen. Eine Kostenübernahme kann aber auch individuell bei der
zuständigen Krankenkasse beantragt werden. Grundsätzlich gelte immer, erst
das Beratungsgespräch mit dem eigenen Hausarzt zu suchen.

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Hohe 30-Tage-Sterblichkeit nach Herzinfarkt: Kein Rückschluss auf Versorgungsmängel in Deutschland

Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) versterben in Deutschland rund 8,5% der Patient:innen,
die wegen eines akuten Herzinfarkts im Krankenhaus aufgenommen werden,
dort innerhalb von 30 Tagen. Der OECD-Durchschnitt liegt mit 6,9% deutlich
niedriger. Dabei nimmt Deutschland in Europa einen Spitzenplatz bei den
Gesundheitsausgaben und der Verfügbarkeit von kardiologischen Verfahren
ein. Ein Team von Wissenschaftler:innen der Medizinischen Fakultät der
Universität Duisburg-Essen und der Universitätsmedizin Essen hat diese
widersprüchliche Situation nun genauer untersucht und festgestellt: Die
Situation ist besser als die Zahlen vermuten lassen.

In einem durch die Deutsche Herzstiftung e.V. geförderten Projekt konnten
sie zeigen, dass die Unterschiede in der 30 Tages-Krankenhaussterblichkeit
im Wesentlichen durch Artefakte hervorgerufen werden. Damit sind Faktoren
gemeint, die die Berechnung der Sterblichkeit - aber nicht die
Patientenversorgung beeinflussen. Aussagekräftige Rückschlüsse auf die
Versorgungsqualität können daher nur sehr eingeschränkt gezogen werden.

„In den Niederlanden und skandinavischen Ländern liegt die Sterblichkeit
von Patient:innen, die wegen eines akuten Herzinfarkts in ein Krankenhaus
aufgenommen wurden, zwischen 3 und 4,5 Prozent, das heißt, sie ist nur
etwa halb so hoch wie in Deutschland“, erklärt Dr. Susanne Stolpe,
Erstautorin der kürzlich in „Clinical Research in Cardiology“
veröffentlichten Studie. „Bisher wurde diese vergleichsweise hohe 30-Tages
Krankenhaussterblichkeit nach Herzinfarkt in Deutschland als Hinweis auf
Mängel in der Akutversorgung und der Effizienz des deutschen
Gesundheitswesens gewertet.“ Die Essener Epidemiolog:innen haben
verschiedene Daten gesammelt, um die Lage tiefergreifend analysieren zu
können. Dabei zeigte sich, dass gesundheitliche Risikofaktoren (z.B.
Häufigkeit des Rauchens in den verschiedenen Ländern) und
Begleiterkrankungen der Patienten, aber auch Unterschiede in der
leitliniengerechten Behandlung die großen Unterschiede in der
Krankenhaussterblichkeit nach akutem Herzinfarkt in den europäischen
Ländern nicht erklären konnten. Wichtiger waren Unterschiede in der
Registrierung von Patient:innen bei der Krankenhausaufnahme und
Unterschiede in den Strukturen der Gesundheitssysteme in den miteinander
verglichenen europäischen Ländern.

„Gerade in der Registrierung von Patient:innen und der Organisation der
Gesundheitsversorgung konnten wir erhebliche Unterschiede feststellen. Das
führt bei der Berechnung der Krankenhaussterblichkeit zu verzerrten
Ergebnissen“, so Prof. Dr. Andreas Stang, Leiter des Instituts für
Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) in Essen.
Zwei Faktoren fallen besonders ins Gewicht. „Zum einen spielt die
Nichterfassung von Tagesfällen, also Herzinfarktpatient:innen mit einem
nur sehr kurzen Klinikaufenthalt, eine große Rolle. In den Niederlanden
gehen diese Personen z.B. nicht in die Berechnung ein. Zum anderen werden
Patient:innen für die Akutbehandlung eines Herzinfarkts in Deutschland
seltener verlegt als z.B. in skandinavischen Ländern. Beides führt zu
einer niedrigeren berechneten Krankenhaussterblichkeit.“ In Deutschland
ist die Verlegungshäufigkeit von Patient:innen mit akutem Herzinfarkt
geringer, weil eine Katheteruntersuchung und das Einsetzen von Stents in
vielen Krankenhäusern möglich ist.
Das Autor:innenteam ist deshalb der Meinung, dass der bei der OECD für
Deutschland bereitgestellte Indikator zur Krankenhaussterblichkeit nach
Herzinfarkt (‚AMI 30-day mortality using unlinked data‘) keine validen
Rückschlüsse auf die Qualität der Gesundheitsversorgung zulässt.

Originalpublikation:
OECD indicator ‘AMI 30-day mortality’ is neither comparable between
countries nor suitable as indicator for quality of acute care | Clinical
Research in Cardiology
https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00392-023-02296-z.pdf?pdf=button%20sticky

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