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Kris Kristofferson c Joseph Hudak

Kris Kristofferson, Kongresshaus Zürich, 28. Juni 2017, besucht von Léonard Wüst

Kris Kristofferson c Joseph Hudak
Kris Kristofferson c Joseph Hudak

Besetzung:

Kris Kristofferson

Kris Kristofferson, vocals/guitar/harp

 

Rezension:

Kris Kristofferson im Kongresshaus ZürichEinige der grossen Stars aus den 1960er, 1970er Jahren touren immer noch durch die Lande, einige eher lustlos und ausgebrannt um ihre Rente aufzubessern, andere voll motiviert und spielfreudig. Zur zweiten, der erfreulichen Gattung, gehört der 81 jährige gebürtige Texaner Kris Kristofferson. 1966, also vor 51 Jahren gelang ihm mit der von Dave Dudley herausgegebenen Single „Viet Nam Blues“ ein erster kleiner Erfolg, dem viele grosse folgten. Johnny Cash machte das, von Kristofferson geschriebene „Sunday Morning Coming Down“, zu einem Nummer-eins-Hit in den Country-Charts. Endgültig unsterblich machte ihn „Me and Bobby McGee“, zum Welthit gemacht von Janis Joplin. Parallel zu seinem Aufstieg als Singer – Songwriter gleiste er auch eine Weltkarriere als Schauspieler auf. Zitat des Veranstalters: Ob er als Schauspieler noch wichtiger ist? Wer ihn in Sam Packinpahs Klassiker «Pat Garrett and Billy The Kid» sah, mag dies bejahen, stünde er nicht in einer Reihe mit Johnny Cash oder Willie Nelson als eine der wichtigsten Stimmen der Country- & Folkmusik. Zitatende.

Der Auftritt einer Legende

Ganz in schwarz gekleidet, betrat die grau – weiss haarige Ikone die Bühne des praktisch ausverkauften Saals im, dem Mitte Juli zum Abriss geweihten, Kongresshaus. Ebenso schlicht wie sein Outfit auch das für seinen Auftritt benötigte Equipment. Nebst der lässig umgehängten Akustikgitarre  war da noch ein Ständer mit dem Mikrofon und ein zweiter für die Mundharmonika. Das Publikum, meist gesetzteren Alters,  jubelte ihm schon zu, bevor er das erste Mal die Gitarre gezupft hatte. Er servierte uns drei Songs zum Aufwärmen, alle im countrymässig fast omnipräsenten 6/8 Takt. Dazu bediente er sich auch öfters der Mundharmonika, die er dann aber im Verlaufe des Abends nicht mehr benutzen würde.

Richtig lancierte er das Konzert aber  mit „Me and Bobby McGee“, setzte damit einen ersten Höhepunkt frenetisch gefeiert vom sehr fachkundigen Publikum, das den Song natürlich schon beim ersten Ton erkannt hatte.

Kris Kristofferson
Kris Kristofferson

Kleiner Wehmutstropfen, dass er fast alle Songs in der immer gleichen Tonart spielte, was doch etwas langweilig wirkte. Wenn das schon die Tonart ist, die für seine Stimmlage am besten passt, wäre zwischendurch ein rein instrumentales Intermezzo in einer andern Tonart nicht nur angebracht, sondern notwendig. So aber hatte das Ganze den Touch von Lagerfeuerromantik und es baute sich leider wenig Spannung auf, dies störte aber die Hard Core Fans wenig oder gar nicht. Diese feierten dann umso mehr die ganz grossen Nummern des begnadeten Songwriters, die er geschickt immer zwischen zwei, drei weniger bekannte einfügte. So u.a. auch „Please Don’t Tell Me How the Story Ends” und “The Pilgrim, Chapter 33″. Er zog das Set 50 Minuten non stop durch, dann verordnete er uns und sich eine viertelstündliche Pause.

Nichts Neues im zweiten Konzertteil

Danach ging es Song um Song weiter, leider immer noch in derselben Tonart, dabei interpretierte er viele Lieder von seinem  1972 erschienenen Album „Jesus was a capricorn“, immer verdankt mit stürmischem Applaus des Auditoriums.

 

Als er die Harmonien seines wohl grössten Hits  „For the good times“ antönen liess, war klar, dass das Ende des Konzertes nahte. Umso gebannter lauschte das Publikum ihm zu, hingebungsvoll beeindruckt vom nicht zu verleugnenden unglaublichen Charisma, das er noch immer ausstrahlt und applaudierte ihn heftig noch zu einer Zugabe.

Fazit:

Kris Kristofferson
Kris Kristofferson

Es war der Kris Kristofferson, den man seit 50 Jahren kennt. Keinerlei Experimente oder verpoppen, aufpeppen der Songs. Dieses Konzert hätte durchaus eine Aufzeichnung von früher sein können können, hätte man da den älteren Herrn auf der Bühne nicht gesehen. Das ist kein Problem für seine „ewigen“ Fans, ein jüngeres Publikum könnte er damit wohl nicht mitreissen. In seinem reiferen Alter muss er das ja auch nicht mehr und so ganz allein, ohne Band und grosses Equipment in der Welt herum zu reisen, ist weniger anstrengend und passt ja auch eher zu ihm. Potenzial hätte das performte durchaus, um im Rahmen von intimen Clubkonzerten auch junge Musikfans abzuholen. Das wird er aber kaum tun, denn in naher Zukunft wird auch ihm, obwohl momentan noch fit und gesund, das herumtouren zu anstrengend werden.

Nachtrag zu seiner musikalischen Biografie:

“Sunday Mornin’ Comin’ Down” war auch No. 1 in den USA im Jahr 1970 und er gewann  den  CMA Award for Song of the Year.

1972 wurde “Help Me Make It Through the Night” in der Version von Sammi Smith mit zwei Grammys ausgezeichnet.

Für ihn sei eine besondere Ehre gewesen, so Kristofferson, dass sein  Song “My God, they killed him.”  sogar von Grossmeister Bob Dylan gecovert wurde.

Me and Bobby Mcgee

www.youtube.com/watch?v=G-J7mLyD3yc

Help me make it through the night

www.youtube.com/watch?v=CksF7Kr7Drw

Videos und Fotos: Klaus Rothen:

Video 1 youtu.be/779b6uIi3Q8

Video 2 youtu.be/qObQIQVohXk

Video 3 youtu.be/BrspkQTK8Vg

Ein Konzert von: www.allblues.ch

Text: www.leonardwuest.ch

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Oliver Schnyder, Solist am Klavier

Luzerner Sinfonieorchester, Beethoven Projekt 3, Oliver Schnyder, Klavier, 18. Juni 2017, besucht von Léonard Wüst

Oliver Schnyder, Solist am Klavier
Oliver Schnyder, Solist am Klavier

Besetzung und Programm:

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19
–
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel «Egmont» op. 84
–
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73

 

Rezension:

Mit dem sonntäglichen Konzert endete das Beethoven Projekt des Luzerner Sinfonieorchesters. Die erste Aufführungsserie aller Konzerte begann  mit Kammermusik-Fassungen auf dem Pilatus.

Zum Konzert:

Im ersten Konzertteil wurde das etwas „ruhigere“ zweite Konzert für Klavier und Orchester von Beethoven interpretiert.

Luzerner Sinfonieorchester, Bild Christian Flierl
Luzerner Sinfonieorchester, Bild Christian Flierl

Schnyder arbeitete die Konturen klar heraus, feinfühlig und doch bestimmt, baute die Spannungen auf, klar strukturierend, dennoch nie dominant. Keinerlei Effekthascherei, instinktiv den Vorgaben des Komponisten folgend, ermöglichte dies ein wunderbares Miteinander von Solist und Orchester, das von Dirigent James Gaffigan konziliant, doch souverän bestimmt  zusammengefügt wurde. Gebannt, fast angestrengt – angespannt, lauschte das Publikum, im vollen Konzertsaal, diesem Musikgenuss und feierte die Künstler dann auch mit einem langanhaltenden starken Applaus.

Bei der darauf folgenden Ouverture zu Goethes  „Egmont“ konnte das Orchester ebenso brillieren, wie vorher Solist Oliver Schnyder., dazu liess ihm der Dirigent sehr viel Freiheiten, indem er nur sehr marginal mittels wenigen Gesten führte. Auch hier geizte das Auditorium nicht mit Applaus, bevor es sich wohlgestimmt in die Pause begab.

Zweiter Konzertteil:  

James Gaffigan, Leitung
James Gaffigan, Leitung

Das 5. Konzert für Klavier und Orchester Im englischsprachigen Raum auch unter dem Titel Emperor bekannt, gehört zu den meistaufgeführten Klavierkonzerten weltweit und erfreut sich größter Beliebtheit.(Aufgrund seiner fortgeschrittenen Schwerhörigkeit konnte Beethoven das Werk nicht selber uraufführen und hat deshalb präzise Anweisungen, wie der Solopart durch den Pianisten zu spielen sei, in der Partitur eingefügt). Zu Beginn intoniert das ganze Orchester erhaben und prunkvoll einen gehaltvollen Akkord, dreimal gefolgt  vom Soloklavier mit fabelhafter Kadenz, worauf das Orchester das Hauptthema mit grossem sinfonischen Glanz beginnt, eine einzigartige Verschmelzung von konzertierenden Passagen und sinfonischer Grösse. Trotz dem, von Beethoven diktierten engen Korsett der Interpretation, gelingt es Oliver Schnyder auf eindrückliche Art, dem Werk seine persönliche Note zu verleihen. Er schuf eine meditativ verinnerlichte Atmosphäre im langsamen Satz, schälte die Nuancen heraus, ruhte oft in sich selbst, über sein Instrument gebeugt, um sich kurz darauf entspannt zurückzulehnen für besonders schöne Tremolo oder eine Abfolge feiner Arpeggien. Diesen Intuitionen folgte Gaffigan mit seinem  Residenzorchester des KKL, so der neue Name des LSO, aufs trefflichste und lässt dadurch den Solisten brillieren, ohne das Licht des Orchesters unter den Scheffel zu stellen. Der ruhigen Verhaltenheit folgt als einziger Ton ein H. das von den Hörnern behutsam um einen halben Ton zum einem B hinuntergefedert wird, so den Boden legend für das intonieren des Themas des Finales durch das Solopiano, bevor es sich ungestüm überschäumend Bahn bricht zu einer 6/8 Taktfolge voller Übermut und so die ganze Spannung im grossen Finale auflöst. Entspannt und begeistert brachte das Publikum  eine wahre Applauskaskade ins Rollen, durchsetzt mit Bravorufen, von den Protagonisten sichtlich genossen. Nebst dem Solisten und dem Dirigenten durften auch die einzelnen Register ihren Sonderapplaus abholen.

Man sagt ja gemeinhin, dass der Applaus das Brot des Künstlers sei.  Am Ende dieses Konzertabends bekamen die Protagonisten sehr viel Brot für ihre Darbietungen und auch noch eine verdiente stehende Ovation.

Grundsätzliches zum Solisten am Piano Oliver Schnyder

Solist Oliver Schnyder startete seit seinem Debüt-Rezital 2000 im John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D.C. und seinem Solo-Debüt 2002 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman anlässlich der Orpheum-Musikfesttage zur Förderung junger Solisten Zürich (heute: Orpheum – Young Soloists on Stage) eine weltweite, sehr erfolgreiche Konzerttätigkeit.

 

Kurzer Trailer des Luzerner Sinfonieorchesters LSO

youtube.com/watch?v=2oAW9cmRsX0

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home

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Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer

Genf OPERA DES NATIONS – NORMA, Première, 16. Juni 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer
Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer

Besetzung:

Orchestre de la Suisse Romande, Dirigent John Fiore

Mise en scène & dramaturgie Jossi Wieler & Sergio Morabito
Reprise de la mise en scène Magdalena Fuchsberger
Décors et costumes Anna Viebrock
Lumières Mario Fleck
   
Norma Alexandra Deshorties
Pollione Rubens Pelizzari
Adalgisa Ruxandra Donose
Oroveso Marco Spotti
Clotilda Sona Ghazarian
Flavio Migran Agadzhanyan*
Flavio Daniel Kluge (23 juin)
   
Chœur du Grand Théâtre
Direction Alan Woodbridge
 
Orchestre de la Suisse Romande  
*Membre de la Troupe des jeunes solistes en résidence

 

Zur Handlung

Rubens Pelizzari, Pollione, Tenor
Rubens Pelizzari, Pollione, Tenor

Norma, eine gallische Oberpriesterin, kann als einzige den Zeitpunkt bestimmen, wann die Gallier endlich die römische Besatzungsmacht angreifen sollen. Da sie aber im geheimen mit dem Befehlshaber der römischen Armee – Pollione – liiert ist und zwei Kinder hat mit ihm, zögert sie den Zeitpunkt hinaus und plädiert für Frieden. Pollione hat sich aber mittlerweile in eine andere Frau verliebt, in die Novizin Adalgisa, und will diese mit nach Rom nehmen. Norma schwört Rache, als sie davon erfährt. Sie will ihre Kinder töten, kann es aber nicht und fordert Adalgisa auf, diese mit nach Rom zu nehmen. Adalgisa ihrerseits versucht, Norma und Pollione wieder zusammen zu führen. Pollione widersetzt sich aber, darauf gibt Norma das Zeichen zum Kampf gegen die Römer. Sie lässt einen Scheiterhaufen errichten für eine Priesterin, welche ihr Keuscheitsgebot gebrochen hat. Nicht für Adalgisa ist er bestimmt, sondern für sie selber. Nachdem ihr Vater ihr versprochen hat, sich um die Kinder zu kümmern, geht sie in den Tod. Polliones erkennt die Grösse Normas, seine Liebe für sie lebt wieder auf und er folgt ihr in den Tod.

 

Ruxandra Donose, Adalgisa, Mezzosopran c Nicolae Alexa
Ruxandra Donose, Adalgisa, Mezzosopran c Nicolae Alexa

Soviel  in Kürze zur Handlung der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini, welche am Freitagabend im Grand Theater Genève Première feierte. Inszenierung und Dramaturgie Jossi Wieler und Sergio Morabito, Bühnenbild und Kostüme Anna Viebrock.

Rezension:

Ein einziger Schauplatz

Marco Spotti, Oroveso Bass
Marco Spotti, Oroveso Bass

Wer eine traditionelle Aufführung erwartet hat, sah sich enttäuscht, und das schienen doch einige gewesen zu sein nach den Buh-Rufen zu schliessen beim Schlussapplaus. Andere wiederum waren hell begeistert. Die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito ist ungewöhnlich, aber herrlich entstaubt und spannend. Sie siedeln das Geschehen an in die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen. Der Schauplatz: Ein relativ schäbig wirkender Kirchenraum mit ein paar Bankreihen. Abgetrennt durch ein niedriges Gitter im vorderen Teil der Bühne der Altarraum. Linkerhand die Sakristei, der winzige Wohnbereich Normas und ihrer Kinder, symbolisch für deren heimliches Leben. Die ganze Handlung spielt in diesem einen Raum. Der Altarraum wird nicht oft betreten, und wenn, dann hat das meist mit der Verletzung von Normas Privatsphäre zu tun, mit Übergriff, Entweihung oder Entehrung. Es gibt unzählige symbolhafte Momente und Anspielungen, welche die Spannung erhalten und den Zuhörer zum Mitdenken und Mitfühlen anregen. Einige Szenen waren atmosphärisch so dicht, dass der Zwischenapplaus mitunter störend wirkte.

 

Sona Ghazarian, Clotilda, Sopran
Sona Ghazarian, Clotilda, Sopran

Anna Viebrocks Kostüme sind der Epoche nachempfunden: Die Gallier tragen ältlich wirkenden Anzüge, abgegriffene Aktentaschen und sie stützen sich teilweise auf. Das gibt ihnen den Anschein, als wären sie müde, verhärmt und desillusioniert. Die Novizinnen kommen in unauffälligen, knielangen Kleidern daher, Norma selber trägt Schwarz, einzig beim Schneiden der Mistel schlüpft sie in eine Robe, die einem liturgischen Kleid nachempfunden ist. Pollione seinerseits trägt, ganz im Sinne seines Machotums, einen Ledermantel, darunter einen silbrigen Anzug. Das hat etwas Bedrückendes und erzeugt ein realitätsnahes Bild der Zeit, in welche das Geschehen angesiedelt ist.

 

Alexandra Deshorties, Norma Sopran
Alexandra Deshorties, Norma Sopran

Die Darsteller überzeugen durchwegs: Allen voran Norma (Alexandra Deshorties) in ihrer schlichten Ernsthaftigkeit, in ihrer Liebe, Leidenschaft, Verzweiflung und Rache. Adalgisa (Ruxandra Donose) schwankt zwischen Naivität und Verführung und spielt dies sehr überzeugend, Pollione (Rubens Pelizzari) ist ein arroganter, selbstverliebter Macho und Casanova. Oroveso (Marco Spotti) hat etwas Unnahbares, eine gewisse Ernsthaftigkeit, kommt kerzengerade daher, aber vom Leben gezeichnet.

 

Belcanto vom Feinsten

Und dann ist da Bellinis Musik. Das Orchestre de la Suisse Romande unter John Fiore sorgte durchwegs für einen wunderbar ausgewogenen Klangteppich. Die Ouvertüre hatte etwas Drängendes und war doch leichtfüssig, fast spielerisch. Alexandra Deshorties als Norma beherrschte ihre ausdrucksstarke Stimme mühelos, nuancierte und modellierte, nur in den ganz hohen Partien kam sie teilweise etwas laut und schrill daher. Ruxandra Donose war ihr als Adalgisa eine absolut ebenbürtige Partnerin, Rubens Pellizari (Pollione) hat den richtigen Schmelz, ein kräftiger, sonorer Tenor und Marco Spotti als Oroveso (Bass), immer mit dieser Unnahbarkeit, aber stimmlich so überzeugend wie die anderen. Einzig Sona Ghazarian als Clotilde schien ihre Stimme nicht wirklich zu finden an diesem Abend. Zu erwähnen auch der exzellente Chor (Leitung Alan Woodbridge), der für hochemotionale Momente sorgte.

 

Sängerinnen und Sänger, Chor, Dirigent und Orchester ernteten viel Applaus aber wie eingangs erwähnt, wurden die beiden Regisseure und die Bühnenbildnerin mit Buh-Rufen empfangen. Wer sich aber auf diese Inszenierung eingelassen hat, sich mitnehmen liess auf diese Reise, der verbrachte spannende zweieinhalb Stunden und verliess das Theater in angeregter Dikussion.

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: www.geneveopera.ch

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Weitere Aufführungen: 18., 21., 23., 26., 29. Juni 2017; 1. Juli 2017

https://www.geneveopera.ch/programmation/saison-16-17/norma/

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Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG

Stadt der Vögel, Freilichtspiel Tribschen Luzern, Première vom 13. Juni 2017, besucht von Léonard Wüst

Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG
Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG

Leitung und Besetzung:

Text
Gisela Widmer
Regie
Annette Windlin
Ausstattung
Ruth Mächler
In der Hauptrolle
Walter Sigi Arnold
Komposition
Hansjörg Römer /
Christian Wallner
Musik
Myrta Amstad / Christian Wallner /
Pit Furrer / David Zopfi
Choreografie
Lukas Schmocker
Licht
Martin Brun

 

Grundsätzliches zum Stück und zu den Freilichtspielen:

Seit 2005 finden auf Tribschen bei Luzern, wo 1866 bis 1872 Richard Wagner wohnte, die Luzerner Freilichtspiele jedes zweite Jahr statt.

Für die diesjährige Produktion hat Gisela Widmer, angeregt durch den Luzerner Altphilologen Kurt Steinmann, den 2400 Jahre alten Klassiker „Stadt der Vögel“ von Aristophanes neu geschrieben.

Die Ausgangslage: Natürlich handeln die beiden Athener, Makarios («der Glückselige») und Georgos («der Erdverbundene »), zuerst einmal aus purem Eigennutz. Sie haben einiges auf dem Kerbholz und gleichzeitig die Nase voll von den Wirrnissen in Athen. Das aber sind nur die äusseren Beweggründe für ihre Flucht: In ihren Herzen werden sie von der urmenschlichen Sehnsucht nach einem «guten Ort» getrieben. Diese anfänglich noch diffuse Sehnsucht führt sie in die Vogelwelt. Denn der Vogel ist wie der Mensch ein zweibeiniges und aufrecht stehendes Wesen; dazu aber fähig, zu fliegen und über allem und all überall zu sein.

Und hier, in dieser Vogelperspektive, liegt das Geheimnis von Aristophanes’ Komödie: Man muss die Fähigkeit entwickeln, das Bekannte von aussen zu betrachten, um es wirklich zu erkennen.

Und die beiden Athener erkennen: Die Erde mit ihren streitenden Menschen ist ein hoffnungslos schlechter Ort. Genauso wie der Olymp mit seinen strafenden Göttern. Und am schlechtesten ist die Abhängigkeit der Menschen von den Göttern. Selbst die Vögel haben darunter zu leiden: Sie werden von den Menschen

gefangen, gebraten und manchmal sogar den Göttern geopfert.

So werden die beiden Athener und die Vögel Verbündete. Eine Stadt wollen sie bauen. Unabhängig sein und frei! Die Götter sollen verhungern. Und die Menschen sollen halt selber schauen. Diese Vogelstadt, die da herbeigesehnt wird, ist eine Utopie, also ein «Nichtort». Goethe hat in seiner Übersetzung für die Vogelstadt den Begriff «Wolkenkuckucksheim» kreiert. König Wiedehopf tritt auf, und es stellt sich heraus, dass er ebenfalls einst ein Athener war, der von den Menschen schlecht behandelt wurde und sich deshalb den Vögeln zuwandte.

Rezension:

Natürlich, wie an solchen Premieren gewohnt, erschien viele lokale, gar einige nationale Prominenz, auch gaben sich andere Regisseure und Schauspielerinnen die Ehre. So etwa auch der Intendant des Luzerner Theaters Benedikt von Peter, der  kürzlich erwähnte, dass er in Zukunft noch vermehrter mit lokalen Laienbühnen zusammen arbeiten will. Auf Tribschen (Zuschauertribüne mit 550 gedeckten Plätzen), boten die Schauspielerinnen physisch eine starke Leistung, konnten sie doch nicht auf die Höhen des Spielgeländes fliegen, sondern mussten hinauf- und auch wieder herunter sprinten. Hauptdarsteller Walter Sigi Arnold (Makarios) hatte, als Primus inter Pares, die Szenerie jederzeit im Griff. Die Live Musik spielte diesmal eine eher untergeordnete Rolle, konnte sich eigentlich nur bei Begleitung der Gesängen der Nachtigall (König Wiedehopfs Gattin) profilieren.

Etwas ungewohnt ist es schon, dass die Zuschauertribüne diesmal nicht Richtung See ausgerichtet ist, sondern um 180 Grad gedreht Richtung Richard Wagner Museum. Somit entfällt der spektakuläre Blick über den Vierwaldstättersee Richtung Bürgenstock, dafür kann die Regisseurin so die Hauptfiguren, in diesem Fall die diversen Vögel, im Wald, mal sichtbar, mal unsichtbar, platzieren, und es ergeben sich mehr Variationen für das Lichtdesign.

Zuerst betreten Makarios und Georgos, vor ihren Gläubigern aus Athen geflohen, die Szene, auf der, im Rund verstreut, diverse Eier liegen. Neugierig beäugt von einem Wächtervogel, sinnieren die beiden über ihre Zukunft und träumen davon, sich dem Volk der Vögel anzuschliessen und in Zukunft ohne menschliche Sorgen mehr zu leben. Nicht mehr vogelfrei, sondern frei wie ein Vogel. Sie wandelten so auf den Spuren von König Wiedehopf, der schon bis etwa zur Hälfte zu einem Vogel mutiert war und auf Bitten des Wächtervogels, zusammen mit seinem Aktuar, nun auch die Szene bereicherte. Ab jetzt wurde diskutiert, argumentiert und lamentiert. Schlussendlich sah sich Wiedehopf genötigt, eine Vogel-Volks-Vollversammlung einzuberufen. Also schälten sich Vögel aus den herumliegenden Eiern, strömten die gefiederten Genossen aus allen Himmelsrichtungen zur Versammlung. Unter dem Vorsitz ihres Königs wurde heftig gegackert, ob man die zwei menschlichen Asylsuchenden in ihr Volk aufnehmen soll. Um bessere Karten für ihr Ansinnen zu haben, versprach Makarios, die Gründung einer eigenen „Stadt der Vögel“, demokratisch strukturiert nach athenischem Vorbild an die Hand zu nehmen. Schlussendlich zeigt sich das Vogelvolk einverstanden, hatten ihnen doch die beiden Fahnenflüchtigen reichlich Honig über den Mund gestrichen.

Ab da ereignet sich Seltsames in der neu gegründeten Vogelstadt, später von J.W. Goethe „Wolkenkuckucksheim“ genannt, die Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben. Schon bald zeigen sich fast menschliche Verhaltensweisen, wie das Streben nach Macht. Einfluss und Ruhm wollen sich auch hier ihren Weg bahnen. Eigenschaften, die dem Gefieder bis dato völlig fremd waren. Eine Gruppe Beamter aus Athen erscheint, um alles der Ordnung halber zu regulieren, was es für so eine Stadtgründung braucht. Da sind Chaos und Streit schon vorprogrammiert. Sie Vögel wehren sich mit Federn und Schnäbeln, wie sie es schon vorher gegen Makarios und Georgos getan hatten Dazu gipfelt das, von Makarios und Georgos initiierte, Aufbegehren gegen die Allmacht der Götter in einem eigentlichen Boykott. Es werden keine Opfergaben (Schafe, Kälber usw.) mehr dargeboten, was die Götter fast verhungern lässt und bemüssigt, mit dem aufmüpfigen Vogelvolk zu verhandeln. Dafür wird von Zeus zuerst Göttin „Iris“ per Transportseil zum aufmüpfigen Vogelvolk geschickt, um die Lage zu sondieren. Die trifft aber mit ihrer Schnodderigkeit und dem affektierten, hochnäsigen Gehabe den Ton nicht, sodass der Göttervater drei weitere hochrangige Abgeordnete schickt,  u.a. Herakles, seinen Sohn und Poseidon, einen Bruder. Als Wesen, die in einer Zwischenwelt leben, haben die Vögel dabei die besseren Karten als beispielsweise die Menschen, die auf der Erde, in diesem Fall vor allem im ungeliebten Athen, leben. Irgendwann wird irgendwie ein fast guteidgenössischer Kompromiss gefunden, der von den  Vögeln singend („Alle Vögel sind schon da“) und tanzend gefeiert wird. Am Schluss findet die Hochzeitsfeier von Georgos mit der Göttin Basileia statt, auf der die Götter erscheinen und die Vögel in militärischer Formation vorbeimarschieren. Schlussendlich ziehen sich die Götter in den Himmel zurück. Die Menschen bleiben auf der Erde und dazwischen ist eben diese Fantasie einer „Stadt der Vögel“, die auf Tribschen von einem engagierten Team auf und hinter der Bühne in die Realität umgesetzt wurde.

Der Stoff aus dem Jahre 414 vor Christus wurde zügig, amüsant und farbenprächtig inszeniert, aufgelockert durch ein paar lokalpolitisch eingefügte Bonmots und vom Publikum mit entsprechend grossem Applaus belohnt, den auch, die nun ebenfalls auf die Szene geeilten „Macher“, geniessen durften.

Trailer der Produktion:

 
Kleine Fotodiashow der Produktion von Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG:

Fotos: www.freilichtspiele-luzern.ch, Wikipedia und Homepage von

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