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Lucerne Festival am Piano, Rezital 4 Rudolf Buchbinder, 26. November 2016, besucht von Léonard Wüst

Rudolf Buchbinder c Peter FischliBesetzung und Programm:

Rudolf Buchbinder  Klavier

Robert Schumann (1810–1856)
Fantasie C-Dur op. 17

Franz Liszt (1811–1886)
Paraphrase de concert sur «Rigoletto» S 434

Robert Schumann (1810–1856)
Sinfonische Etüden op. 13

Rezension:

Im ersten Konzertteil Werke zweier Komponisten, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier der introvertierte, leis – poetische Romantiker Robert Schumann, dort der umjubelte Star Franz Liszt, der gefeierte Salonlöwe Europas, der exzentrische, extrovertierte Frauenheld, der umjubelte Mittelpunkt bei den Hauskonzerten der Haute Volée in den europäischen Städten. Unermüdlich auf Tourneen, entschädigt mit absoluten Spitzengagen für die damalige Zeit. Trotzdem waren beide voneinander beeindruckt, nachdem sie sich einmal persönlich getroffen hatten. Schumann goutierte zwar nicht, dass Liszt sich zirkushaft aufführte, er bewunderte aber dessen technische Brillanz und seinen beseelten Ausdruck auf der Bühne.

Buchbinder interpretierte zu Beginn Schumanns Fantasie C Dur, gewidmet Franz Liszt, für dessen Projekt eines Denkmals in Bonn zu Ehren des, von Schumann und auch Liszt bewunderten Musikgenies Ludwig van Beethoven, der in Bonn geboren wurde. Er hielt sich präzis an die von Schumann vorgegebene Werkbeschreibung, wirkte dabei sehr elegant und souverän, erhaben über die technischen Stolpersteine, welche den Werken Schumanns, oft in Nebenpassagen versteckt, eben doch eigen sind.

Dann, problemlos der Paradigmenwechsel zur raffinierten Paraphrase des „Rigoletto“ von Liszt. Bei diesem, relativ kurzen Werk, jagt, typisch Liszt, eine Höchstschwierigkeit die andere, sehr auf Effekt und zur Publikumsverblüffung ausgerichtet. Dem Auditorium gefielen beide, doch sehr unterschiedlichen Kompositionen, sehr. Dies verlieh es auch mit langanhaltendem kräftigem Applaus Ausdruck, bevor man sich in die Pause begab.

Der zweite Konzertteil beinhaltete die „Sinfonischen Etuden“ von Robert Schumann, einschliesslich der fünf nachgelassenen Variationen. (17 Jahre nach dessen Tod von Johannes Brahms veröffentlicht). Auch hier blieb Buchbinder nah an der Werkbeschreibung, verlieh dem Werk aber trotzdem seine persönliche Handschrift, etwas lebhafter und rasanter als üblich, aber nie treibend, gar verschwommen.

Der schlaue erfahrene Konzertfuchs weiss natürlich ganz genau, wie er die Zuhörer abholen kann, welche Passagen er wie gestalten muss, um das Auditorium in seinen Bann zu ziehen.

Das Publikum spendete denn auch tosenden, langanhaltenden Applaus, applaudierte den Künstler immer wieder auf die Bühne zurück, bis er die gewünschte Zugabe doch noch gewährte, dies in Form der Gigue aus der Partita Nr. 1 B-Dur von Johannes Sebastian Bach, die natürlich die Zuhörer zu noch mehr Applaus anspornte und Buchbinder weiterhin noch nicht entliess. Nach erneutem mehrmaligen Applauskaskaden setzte sich der Altmeister nochmals an den Konzertflügel und gab seine „Phantasmen“ von Johann Strauss zum Besten. Dabei konnte er seine Wurzeln nicht verbergen und liess dem Wiener Temperament Lauf, worauf sich das Publikum zu einer definitiven stehenden Akklamation erhob. Damit bot Buchbinder eine Woche vor seinem 70sten Geburtstag am 1. Dezember einmal mehr ein Weltklassekonzert, er, der seit 50 Jahren auf allen grossen Bühnen dieser Welt gefeiert wird.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival am Piano, Rezital 3 Igor Levit, 23. November 2016, besucht von Léonard Wüst

Igor Levit c Gregor HohenbergBesetzung und Programm:

Igor Levit  Klavier

Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Aria mit 30 Veränderungen BWV 988 Goldberg-Variationen

Rezension:

Eigentlich eine erstaunliche „Karriere“, die dieser IV. Teil der Clavier Übung von Johannes Sebastian Bach gemacht hat, komponiert 1741, sind sie doch heute bekannter als so manche Sinfonien oder Sonaten anderer berühmter Komponisten. Ausser den „Diabelli -Variationen“ von Ludwig van Beethoven gibt es nichts auch nur annähernd Ähnliches in der Musikliteratur. Übungsstücke, die ungleich populärer sind als viele der ausgereiften, aufwändig orchestrierten Kompositionen anderer Musiker.

Glenn Gould  (1932 – 1982)Die Mystik der Bachschen „Goldberg- Variationen“ gründet wohl zum grossen Teil auf deren Einspielung durch den kanadischen Ausnahmepianisten Glenn Gould  (1932 – 1982) im Juni 1955.

„Bach wird oft als verkopfter Mathematiker bezeichnet“. Die „Goldberg-Variationen“, ursprünglich für zweimanualige Cembali komponiert, spalten heute noch die Musikergemüter in zwei Lager. Einige Musiker meinen, diese Komposition passe nicht zu einem Piano. Doch das erschwere das einmanualige Spielen und habe einen besonderen Reiz, so die Pianistin Rosa Günter.

Um in die tiefen Geheimnisse einzudringen unterteilt z.B. der ungarische Pianist und Dirigent András Schiff (*1953), wenn er die «Goldberg-Variationen» vorträgt, den Abend bisweilen in zwei Teile. In einem ersten Teil führt er erläuternd, nämlich sprechend und spielend, durch die Komposition, Im zweiten Teil des Abends trägt er dann das Werk vor. (Zitat Peter Hagmann in seinem  Blog zur klassischen Musik). Schiff ist unbestritten einer der weltbesten „Goldberg“  Interpreten und hat diese auch schon in den Jahren 2000 und 2015 im Rahmen des Lucerne Festival dargebracht.  Auch Igor Levit scheut sich nicht, diese „heissen Eisen“ anzugehen und sich damit zu exponieren. Beide Variationen gehören in sein Standardrepertoire, deswegen auch die perfekte Darbietung, ob Tempi, Lautstärke oder technische Raffinessen, Levit beherrscht alles perfekt, spielt nicht verbissen konzentriert, sondern auffällig gelassen, locker, manchmal gar sich verschmitzt freuend, wie ein Lausbub. Immer wieder auffallend beim Spiel sind die virtuosen Effekte der gekreuzten Hände, also die Über – und Untergriffe, deren es ausreichend gibt im Werk und die Levit beherrscht und auch meisterhaft inszeniert. Er weidet das Werk richtiggehend aus, seziert und fügt es wieder zusammen. Damit erweist er sich als veritabler „Goldgräber“. Dieses Konzert verlangt auch vom Publikum grösste Aufmerksamkeit und Konzentration, bis am Ende auf atemlose Stille begeisterter Applaus des tief beeindruckten Auditoriums folgt.

Nachtrag:

«Womit wird uns dieser Klavierverrückte als Nächstes kommen?», fragte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, als Igor Levit im vergangenen Herbst zwei absolute Meilensteine des Repertoires, nämlich Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen, in Koppelung mit einem pianistischen Parforceritt von Frederic Rzewski als Triptychon herausbrachte.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Lucerne Festival am Piano Tastentag 3 Nareh Arghamanyan, 20. November 2016, besucht von Léonard Wüst

Nareh Arghamanian c Peter Fischli, Lucerne FestivalBesetzung und Programm:

Nareh Arghamanyan  Klavier

Aleksandr Skrjabin (1872–1915)
Klaviersonate Nr. 3 fis-Moll op. 23

Sergej Rachmaninow (1873–1943)
Ausgewählte Lieder in Klaviertranskriptionen

Nikolai Medtner
Sonata Reminiscenza a-Moll op. 38 Nr. 1

Igor Strawinsky (1882–1971)
Danse infernale, Berceuse und Finale aus Der Feuervogel, arrangiert für Klavier von Guido Agosti

Michail Glinka (1804–1857)
Nocturne La separation

Romance L’alouette, arrangiert für Klavier von Mili Balakirew

Mili Balakirew (1837–1910)
Islamej. Orientalische Fantasie für Klavier

Rezension:

Konzert im Rahmen des Tastentags

Der Tastentag widmete sich der russischen Klavierschule mit Martin Meyers Lecture (14.00) und den Pianisten Georgy Tchaidze (11.00), Alexej Gorlatch (16.00) und Nareh Arghamanyan (18.00).

Einen Streifzug durch hundert Jahre russische Musikgeschichte unternahm dabei Nareh Arghamanyan.

Sie wurde am 21. Januar 1989 in Armenien (damals noch Teil der Sowjetunion) geboren, begann im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspiel und schon drei Jahre später wurde sie am staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium in Eriwan aufgenommen, mit 15 Jahren wurde sie an die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien zugelassen.

Die Künstlerin stellte kurzfristig die Reihenfolge um und startete mit der Komposition von Nikolai Medtner und stellte Strawinskys „Feuervogel“ an den Schluss. Eine glückliche Entscheidung, wie sich erweisen sollte, waren doch die Werke der zuletzt gespielten drei Komponisten die technisch spektakulärsten. Dagegen wirkten selbst die vorher gespielten Stücke von Skrjabin und Rachmaninow relativ brav. Richtige Trouvaillen, da weniger bekannt, dagegen Michail Glinka und Mili Balakirew, deren Werke zwischen denen der arrivierteren Komponisten zur Aufführung gelangten.

Im 19. Jahrhundert galtIslamej“, orientalische Fantasie für Klavier von Mili Balakirew, als beinahe unspielbar. Aleksandr Skrjabin soll sich beim Üben derselben sogar die rechte Hand verletzt haben, wurde kolportiert. Aber für die Armenierin schien selbst diese Höchstschwierigkeit nicht das geringste Problem zu sein, meisterte sie doch die Tücken der Partitur mit ihrer stupenden Technik brillant.

Nareh Arghamanyan c Julia WeselyEs folgte der krönende Abschluss mit Strawinsky: Danse infernale, Berceuse und Finale aus „Der Feuervogel“, arrangiert für Klavier von Busoni – Schüler Guido Agosti. Hier konnte die Pianistin nochmal so richtig in die Tasten greifen, das Publikum zu Bravorufen animieren. Fulminante Läufe, effektvoll gesetzte Fortissimi und animierte Körpersprache perfektionierten das Gesamtkunstwerk. Stürmischer Applaus inklusive stehende Ovation war die verdiente Anerkennung für eine aussergewöhnliche Klaviervirtuosin an diesem Tastentag.
Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch

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Beethovens Fünfte, Luzerner Sinfonieorchester, KKL Luzern, 16. November 2016, besucht von Léonard Wüst

Hannu Lintu, Beethovens Fünfte, Luzerner SinfonieorchesterBesetzung und Programm:

Luzerner Sinfonieorchester

Hannu Lintu, Leitung

Stojan Krkuleski, Klarinette, Christoffer Sundqvist, Klarinette

John Adams (*1947)
«Short Ride in a Fast Machine»

Siegfried Matthus (*1934)
Konzert für zwei Klarinetten und Orchester (Uraufführung)

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

 

Rezension:

Eigentlich deutete von der Programmation her alles darauf hin, dass Beethovens Fünfte der Höhepunkt des Konzertes sein würde. Das war sie dann auch, allerdings nicht uneingeschränkt, da die Uraufführung des Doppelkonzertes für zwei Klarinetten von Siegfried Matthus (*1934) im ersten Konzertteil, beim Publikum im ausverkauften Konzertsaal ebenso grosse Begeisterung hervorrief, auch, weil mit Stojan Krkuleski einer der beiden Solisten Mitglied des LSO ist. Gestartet wurde furios mit dem  fünfminütigen John Adams Knüller über die musikalisch dargestellte, rasante Fahrt mit einem PS potenten Sportwagen (Short ride in a fast machine). Da war vom Orchester volle Präsenz ab der ersten Sekunde gefragt. Geleitet vom schlaksigen finnischen Gastdirigenten Hannu Lintu meisterten die Musiker diese kurze, aber explosive Spritzfahrt und erhielten dafür den entsprechenden Applaus. Darauf positionierten sich die zwei Solo Klarinettisten vor dem Orchester für das nun folgende Konzert für zwei Klarinetten und Orchester. Bald wurde hörbar, wie schalkhaft süffisant der Komponist die Soli in der Partitur gelistet hat. Es entwickelten sich spannende Monologe, dazu die erfolglosen Versuche in unisonen Dialog zu treten. Setzte Krkuleski seinen End Ton, folgte Sundqvist mit einem konstant höheren, was seinen Mitstreiter sichtlich enervierte. Dies wiederum ärgerte Sundqvist, der sich selbst im Recht wähnte. Stojan Krkuleski, Solist KlarinetteSo nahm die Tragikomödie ihren Lauf, bis beide Solisten perplex verstimmt die Bühne verliessen. (Dies immerhin fast synchron). Das Orchester spielte die Partitur ungerührt weiter, worauf sich die beiden Solo Klarinetten wieder dazu gesellten, schlussendlich zusammenrauften und doch noch zu einer finalen Harmonie gelangten. Sie bewiesen bei diesem musikalischen „Pas de deux“, dass sie nicht nur aussergewöhnlich gute Musiker sind, sondern dazu  über sehr grosse komödiantische Fähigkeiten verfügen. Obwohl dieses Szenario vom Komponisten höchstpersönlich im Programm so beschrieben war, überraschte die Umsetzung desselben in seiner Konsequenz doch, sichtlich genossen vom köstlich amüsierten Publikum. Dabei war das Ganze in keinster Weise klamaukhaft, sondern eine augenzwinkernde, feinfühlige Parodie auf Personen, die, aller Bemühungen zum Trotz, nicht auf die gleiche Wellenlänge kommen, sich nicht zur gleichen Zeit mit dem wortwörtlich gleichen Ton äussern können. Versöhnlich, dass zum Schluss doch noch alles Friede, Freude, Eierkuchen war. Christoffer Sundqvist, Solist  KlarinetteDas Auditorium war hell begeistert und überwältigt, weil, nebst Witz und Ironie, auch die musikalische Qualität auf höchstem Level war. So begab man sich gutgelaunt in die Pause.

Der zweite Konzertteil Beethovens 5. Sinfonie

Hannu Littu führte gradlinig und klar durch die Partitur, zügig, nicht zu pompös, gar brachial. Diese Interpretation erlaubte, besonders den Bläsern, feine Ziselierungen, zurückhaltend diskret und trotzdem deutlich. Wo Beethoven häufig etwas bärbeissig daherkommt, liess der finnische Dirigent auch mal eine Spur Zärtlichkeit, gar Erotik durchschimmern, manchmal auf dem Pult wie ein nordischer Torero agierend, seinen ganzen Körper einsetzend,  dann wippend und mit grosser Gestik, mal mit blossen Fingerbewegungen die Töne rauskitzelnd. Ein Hör – und Sehgenuss par excellence, getragen durch ein gewohnt souveränes, auf höchstem Niveau agierenden LSO. Das  sichtlich zufriedene Publikum honorierte diese Darbietung mit kräftigem, langanhaltendem Applaus, zu einer stehenden Ovation reichte es erstaunlicherweise nicht ganz.

 

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home

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Paul Ott/Paul Lascaux:www.literatur.li

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