Luzerner Theater, Tanz 24: Timeless, Première 6. Mai 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti
Produktionsteam und Besetzung:
Choreographie: Crystal Pite Choreographie: Bryan Arias Choreographie: Tsai Po-Cheng Tanz Luzerner Theater: Martina Consoli, Zach Enquist, Rachel P. Fallon, Shota Inoue, Carlos Kerr Jr., Rachel Lawrence, Olivia Lecomte, Dor Mamalia, Sada Mamedova, Salome Martins, Aurelie Robichon, Enrique Saez Martinéz, Tom van de Ven, Dario Dinuzzi, Andrea Thompson
Rezension:
Die Ballettfreunde hatten sich eingefunden letzten Samstag, gespannt darauf, was Tanz 24:Timeless bringen würde. Die Erwartungen waren hoch nach den vergangenen hervorragenden Produktionen. Drei verschiedene Choreografien standen auf dem Programm, zwei Uraufführungen und eine Schweizer Erstaufführung. Eine Herausforderung fürs Ensemble, wie die Dramaturgin Simone Günzel in ihrer Einführung erklärte, ein Glücksfall fürs Publikum, wie sich herausstellte.
Action Movie auf der Bühne
Im ersten Stück «Niflheim», »Nebelheim» auf Deutsch, liess sich der junge Taiwanesische Choreograph Po-Cheng Tsai von asiatischer Mythologie und Action-Filmen inspirieren. Beides ist spür-, hör- und sichtbar. Die Tänzer tragen alle dieselben schwarzen Kleider, Masken und weisse Zöpfe. Gesichter erkennt man keine und mit der speziellen Beleuchtung verschmelzen die Kleider oft mit dem schwarzen Hintergrund, sodass man vor allem tanzende Arme und Beine sieht. Das erzeugt einen ganz speziellen Effekt, magisch bereits in den ersten Minuten. Die Figuren erinnern gleichzeitig an Hexen, Feen und asiatische Krieger und es entstehen unglaublich dichte, stimmungsvolle, starke Gruppenbilder. Die Musik stammt von Ming-Chien Li, eines in ganz Asien bekannten Filmkomponisten. «Action auf der Bühne» wolle er, habe der Choreograph dem Komponisten erklärt, und die gibt es auch. Mal wähnt man sich auf in einer Waldlichtung, wo bei Nacht und Nebel eine Beschwörung stattfindet. Die zeitlupenartigen Bewegungen haben gleichzeitig etwas Samtweiches und doch unglaublich Kraftvolles. Mal liefern sich die Krieger Kraftdemonstrationen und wenn sie dann im letzten Teil mit wallenden, schwarz-goldenen Röcken über die Bühne wirbeln wie Derwische, ist die Magie perfekt, das Bild betörend schön, vollkommene Eleganz. Das Publikum war hin und weg und der Applaus langanhaltend.
Unabwendbares Ende
Das zweite Stück «A picture of you falling» stammt von der preisgekrönten Kanadierin Crystal Pite. Sandra Marin Garcia, welche den männlichen Part selber schon getanzt hat, hat es mit dem Luzerner Ensemble einstudiert. Es ist, wie im Programm beschrieben, die Dekonstruktion einer Beziehung. Mann und Frau bewegen sich anfänglich einsam in Lichtkegeln, treffen dann aufeinander, suchen sich, erinnern sich, suchen Erlösung und Befreiung. Dies zu einer Frauenstimme, die immer wieder dieselben Sätze wiederholt, die Stimmung beschreibt. Und wenn sie vom offenen Fenster erzählt, vom Wind, von den Vorhängen und dem Geruch nach Salz, spürt und sieht man das selber, fühlt sich aber gleichzeitig als Voyeur, der durch eben dieses Fenster den beiden zuschaut. Man leidet mit ihnen und begleitet sie im Scheitern. Beklemmend schön und wunderbar interpretiert von Aurélie Robichon und Zach Enquist, mit einer gewissen Distanz und gleichzeitig einer unglaublichen Intensität.
Grossartiges Ensemble
Beim letzten Stück «Viewpoints» des amerikanischen Choreographen Bryan Arias tragen die Tänzer am Anfang riesige Masken. Darunter scheinen die Körper wie jene von Puppen. Ihre synchronen Bewegungen zum Lied «it seems a mighty long time» erinnern an eine Seniorentruppe, die einen Tanz einstudiert hat. Die riesige, blaue Wolke über ihren Köpfen verstärkt die Komik der Szene.
Dann platzt die Wolke, die Masken fallen und es folgen verschiedene Solis, Pas de Deux und Gruppensequenzen. Die Bühne erinnert an eine grosse, leere Fabrikhalle, die Musik besteht aus Geräuschen, Rhythmen, teilweise wie Maschinenlärm. Und wenn die Tänzerinnen und Tänzer sich ineinander verweben, sich winden und drehen, ohne den kleinsten Bruch in den Abläufen, wenn dies alles fliessend ineinander übergeht, erinnert das an ein kunstvolles Räderwerk, wo jeder Teil den anderen in Bewegung hält, antreibt, weiterbringt. Gerade in diesem Stück kann das Ensemble sein ganzes Können zeigen und beweist, dass es auch in dieser vor noch nicht allzu langer Zeit erneuerten Besetzung wieder zu einem unglaublich homogenen Ganzen zusammengewachsen ist. Die Erwartungen wurden erfüllt, einmal mehr, das Premierenpublikum zeigte sich begeistert.
Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Gregory Batardon, Luzerner Theater:
fotogalerien.wordpress.com/2017/05/06/luzerner-theater-premiere-tanz-24-timeless-samstag-6-mai-2017/
Kurzer Trailer der Produktion und Interviews:
http://www.luzernertheater.ch/timeless
Text: www.gabrielabucher.ch Fotos: luzernertheater.ch
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Besetzung und Programm:
Zum Auftakt die Ouvertüre zu Rossini`s „Die Belagerung von Korinth“, die nicht grad zu den bekanntesten Werken des Komponisten gehört, aber die unverkennbar typische Orchestrierung des Italieners beinhaltet. Es war denn auch eine Art lockerer Aufgalopp, souverän vom gutgelaunten Orchester dargeboten, vom Auditorium mit freundlichem Applaus bedacht. Einstimmung des Publikums auf den unbestrittenen Star dieses Abends, die chinesische Ausnahmepianistin Yuja Wang. Für diese wurde denn auch der Konzertflügel an den richtigen Platz gerückt, dessen Stimmung durch den Konzertmeister nochmals kurz überprüft. Dann, mit etwas Spannung steigernder Verzögerung, betrat die Künstlerin, gewandet in ein sehr enges, hellgrünes Abendkleid, die Bühne. Dirigent Sir Antonio Pappano schloss sich mit Augenkontakt kurz mit der Chinesin, geleitete dann das Orchester in das Konzert mit dem so bekannten Leitmotiv zu dem dann Yuja Wang die mächtigen Harmonien setzte, später die präzisen, perlenden Läufe folgen liess, sich wieder einzubinden wusste in den Schoss des Orchesters, besonders eindrücklich in den Dialogen mit den Bläsern nach ca. fünf Minuten des ersten Satzes, bevor sie die, von Tschaikowsky eingefügten Solosequenzen nutzte, um ihre stupende Technik zu demonstrieren. Der Komponist äusserste sich nur ein einziges Mal zu diesem Werk, in einem Brief an seine Gönnerin Ndjeschda von Meck sah er das Verhältnis von Klavier und Orchester als „Kampf zweier ebenbürtigen Kräfte“ in diesem Ringen stecke viel Poesie und eine Unmenge verführerischer Kombinationsmöglichkeiten. Diese Kombinationsvarianten ermöglichten den Protagonisten denn auch eine differenzierte, sehr persönliche Interpretation dieses Meisterwerks der Musikliteratur. So bediente sich die Pianistin zu Beginn des zweiten Satzes selten des Pedals, wahrscheinlich wollte sie damit die Arpeggien nicht verwischen. Yuja Wang, früher eher ein vor Vitalität sprühendes Energiebündel, ist gereift, ordnet sich ein, wirkt nie überaus dominant. Sie setzt die Ausrufezeichen nicht mehr nur mit ihrer Technik, beweist viel Einfühlungsvermögen, stellt die Harmonie mit dem Orchester ins Zentrum. Dadurch erschliesst sich eine perfekte Klangwelt, ermöglicht auch durch das souveräne römische Orchester.
Das Auditorium zollte diesem eindrücklichen Hörgenuss denn auch kräftigen stürmischen Applaus, der in einer stehenden Ovation endete. Yuja Wang zeigte sich mit zwei kurzen Zugaben dafür erkenntlich und verabschiedete sich mit einem strahlenden Lächeln vom Publi
Besetzung undProgramm:
Vor dem Konzert fand eine höchst interessante Einführung durch Mariel Kreis, unter Mitwirkung des Ensembles „Helix“ der Hochschule Luzern statt. Kreis erklärte die atonale Musik Arnold Schönbergs anhand von konkreten Beispielen, die von der Pianistin Ju Ting intoniert wurden. Schönberg war ja keinesfalls der erste, der diesen Weg einschlug, das hatten vor ihm auch schon ganz grosse Komponisten getan, berühmteste Beispiele wohl Gustav Mahlers 9 Ton Akkord in der 10. Sinfonie, Franz Liszt „Bagatelle ohne Tonart“ und wegweisend Richard Wagners legendärer „Tristan Akkord“ im 2. Takt der Einleitung zu „Tristan und Isolde“. Aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern, löste Schönberg die Harmonien schlussendlich nicht auf, führte sie also nicht in die gewohnten Dur- oder Molltonarten wohlgefällig zurück, sondern liess sie im Raum stehen und aushallen. Fast etwas Unerhörtes, vor allem aber Revolutionäres, in der damaligen spätromantischen Kompositionsphase. Und der Erneuerer und suchend Angetriebene beliess es nicht dabei, sondern entwickelte sein Schaffen weiter, was schlussendlich zu der sogenannten Zwölftonmusik führte.
Zuerst erfuhren wir, wie Akkorde um ca. 1910 entstanden und erklangen, schlussendlich durch die Intonation des 2. Streichquartetts, dessen Uraufführung in Wien einen grösseren Skandal, ja Tumulte auslöste, die beinahe in eine Massenschlägerei mündeten.
Zum Konzert, das von der Programmation und Besetzung her Aussergewöhnliches erwarten liess. Der ehemalige Bass – Bariton Thomas Quasthoff als Sprecher der „Egmont Texte“, dem griechischen Gastdirigenten Constantinos Carydis und der israelischen Sopranistin Chen Reiss, nebst dem Luzerner Sinfonieorchester, das im gut besetzten Konzertsaal natürlich einmal mehr ein „Heimspiel“ hatte. Quasthoff erwies sich als äusserst einfühlsamer Rezitator der Goethe Texte, die Beethoven ganz im Sinne des Dichterfürsten vertont hat. Sanft, mit sparsamen Gesten führte der Dirigent das Orchester an den Sprecher heran, ermöglicht so einen spannenden Dialog der Protagonisten auf gleicher Ebene. Auf diesem hohen Niveau gesellte sich später auch die Sopranistin mit den Liedern „Clärchens“ dazu, In den Zwischenakten blieb für die Luzerner Sinfoniker genug Platz, um ihre aussergewöhnlich hohe musikalische Qualität zu beweisen, mal einfühlsam schlank, dann wieder vehement voluminös aufbrausend, wie dies das Werk Beethovens einfordert, dem auch der Dirigent mehr als gerecht wurde, indem er sich einordnete in diesen Klangkörper und das Ganze über die Individualität stellte. Das Publikum verdankte diesen akustischen Genuss mit einem langanhaltenden Applaus, entliess aber die Musiker dann doch in die wohlverdiente Pause.
Auftritt für den zweiten Sprecher des Abends Peter Schweiger, der Schönbergs „Ode an Napoleon Buonaparte“ rezitierte, eingebettet in die Harmonien oder vielmehr Dissonanzen des Werkes. Diese Anklage an den korsischen Tyrannen bot dem Komponisten ausreichend Gelegenheit, Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit musikalisch umzusetzen, einen Appell wider Unterdrückung, Krieg und das daraus entstehende Elend zu statuieren. Das Auditorium beeindruckt nachdenklich, würdigte auch diese Interpretation mit grossem Applaus. Zum Abschluss eher Versöhnliches, noch ein Schaulaufen des Orchesters mit Mozarts Sinfonie Nr. 39 in Es-Dur. Hier war Dirigent Carydis deutlich aktiver mit Gesten, Gesamtkörpereinsatz und Kopfgesten in Richtung Mitmusikern. Gelegenheit auch für die verschiedenen Sektionen des Orchesters, ihr grosses Können aufschimmern zu lassen, besonders erwähnt die Bläser, dazu die Möglichkeit für das Schlagwerk, einmal tüchtig auf die Pauke zu hauen. Mozarts Partitur führt scheinbar in ein furioses Finale, endet aber abrupt, um anschliessend die Spannung wieder langsam aufzubauen. Eine neckische Irreführung durch das Salzburger Musikgenie, der sich darob sicherlich köstlich amüsiert haben dürfte. Auch dieses Werk interpretierten die Künstler souverän und durften dafür einen langanhaltenden stürmischen Schlussapplaus als verdiente Belohnung entgegen nehmen.
Produktionsteam und Besetzung