Lucerne Festival am Piano erreicht hohe Gesamtauslastung von 85 Prozent
Mit einem Rezital des Pianisten Maurizio Pollini endete gestern Abend die diesjährige Ausgabe von Lucerne Festival am Piano (21. bis 29. November).Insgesamt rund 12ʼ300 Besucher kamen 2015 zu den 15 Konzerten des Klavier-Festivals, das sind 500 mehr als im Vorjahr. Geboten wurden an neun Tagen ein Klavier-Konzert mit Orchester, sechs Solo-Rezitale und drei Debut-Konzerte in der Lukaskirche. Ein Tastentag am ersten Sonntag des Festivals präsentierte erstmals einen Erlebnistag im Rahmen des Piano-Festivals mit fünf Konzerten in Folge rund um die Orgel, dieser lockte allein 2ʼ100 Besuchern ins KKL Luzern. Darüber hinaus fanden ein Meisterkurs in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik – Luzern und Piano-Lectures statt. Rund 5ʼ000 Jazz-Fans besuchten zusätzlich die Gratis-Veranstaltungen der Reihe Piano Off-Stage in den Luzerner Bars, allein 1ʼ200 Besucher kamen zur Eröffnung am 24. November in den Luzerner Saal des KKL Luzern
Sir András Schiff widmete das erste Rezital am Samstag, dem 21. November, der Musik Johann Sebastian Bachs, unter anderem den Goldberg-Variationen. Weitere international renommierte Pianisten wie Radu Lupu, Lise de la Salle, Piotr Anderszewski gestalteten ebenfalls Solo-Abende: Lupu präsentierte ein Johannes Brahms, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadé Mozart-Programm, Lise de la Salle setzte einen Schwerpunkt auf Variationen von Johannes Brahms und Piotr Anderszewski stellte seinen Abend aus Werken von J. S. Bach, Szymanowski und Schumann zusammen. Am samstag ist Jean-Yves Thibaudet mit Robert Schumanns Kinderszenen und Maurice Ravels Pavane pour une Infante défunte, sonntags Maurizio Pollini mit einem Schumann- und Chopin-Programm zu erleben. Angela Hewitt begeisterte das Publikum mit zwei Bach- und zwei Mozart-Konzerten, begleitet von den Festival Strings Lucerne. Ihr Debut spielten Pavel Kolesnikov, Denis Kozhukhin und Olga Scheps.
Der Tasten-Tag am 22. November rückte erstmals die Goll-Orgel im KKL Luzern in den Mittelpunkt des musikalischen Geschehens, nacheinander traten das Duo Adrienne Soós und Ivo Haag, Elisabeth Zawadke, Wolfgang Sieber und Franz Schaffner auf, Pierre Pincemaille schlug am Abend einen programmatisch weiten musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bach über César Franck bis hin zur französischen Orgeltradition des 19. und 20. Jahrhunderts.
Acht Jazz-Pianisten sorgten bei der Eröffnung von Piano Off-Stage im KKL Luzern und in den folgenden Tagen in den Luzerner Bars für Jazz-Highlights. Jeder von ihnen trat im Foyer und in der Seebar des KKL Luzern, The Hotel, Hotel Wilden Mann, Hotel des Balances, National Bar – Grand Hotel National, Palace Bar – Hotel Palace, Louis Bar – Art Deco Hotel Montana und im Hotel Schweizerhof Luzern auf. www.lucernefestival.ch
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Programm:
Für den ersten Konzertteil entschied er sich für Werke von Robert Schumann, einem Landsmann seines Vaters, für den zweiten fiel die Wahl auf Kompositionen von Maurice Ravel, einem Kompatrioten seiner Mutter.
Thibaudet stieg mit etwas mehr als Allegro vivace in die Introduzione, auch relativ expressiv, entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten, trotzdem wie immer etwas distanziert reserviert. Je weiter im Werk, umso mehr näherte er sich den Ideen des Komponisten an, legte dessen Intuitionen offen, besonders deutlich in der Aria. Im Scherzo hüpfend verspielt, im Lento majestätisch daher schreitend, pompös ausladend aber nicht ausufernd überbordend. Einem furiosen Finale als grandiosem Abschluss des ersten Konzertteils spendeten die Zuhörer stürmischen Applaus und entliessen den Protagonisten erst nach geraumer Zeit in die wohlverdiente Pause. Als Start in den zweiten Teil des Abends intonierte Thibaudet Ravel`s „Pavane pour une infante défunte“ ohne Tristesse, eher fast tänzerisch beschwingt, perlend überbordend, dann kurz mal düster abgründig, bevor er uns, musikalisch, in die fünf Sätze der Spiegel blicken liess. Entspannt, manchmal gar zurücklehnend, durchmass er Ravels wegweisende Komposition, französische Eleganz und Contenance ausstrahlend, ruhig, in sich ruhend, dann wieder seine instinktive Spielfreude aufblitzen lassend. Dass dies alles scheinbar mühelos und natürlich technisch perfekt daher kam, setzen wir bei einem Künstler seiner Klasse sowieso ganz selbstverständlich voraus. Das Publikum zollte dem Gebotenen den entsprechenden Tribut in Form eines langanhaltenden starken Applauses, für den sich Thibaudet schlussendlich noch mit einer Zugabe bedankte. Ein weiteres eindrücklich grossartiges Rezital am diesjährigen Lucerne Festival am Piano, das wahrlich nicht arm an Höhepunkten war und schon Vorfreude auf die nächste Ausgabe weckt.
Programm:
Geradezu genial der zweite Teil des Konzertes mit Schumann, der die Verbindung der Musik mit außermusikalischen, häufig literarischen Ideen suchte, also immer noch der Romantik zuzuordnen ist, was dem Tastenpoeten entgegenkommt, der sich ja auch selbst schon als absoluten Schumannverehrer deklarierte, Zitat: «Schumanns Vielschichtigkeit und Zerbrechlichkeit berührt mich ganz besonders.». Das war denn auch bei der Interpretation der „Papillons“ erfahrbar, wie er die entpuppte, ihre Flügel entfaltete und sie durch die Lüfte schweben, aber auch mal von Winden durchwirbeln, liess. Das tief beeindruckte Auditorium dankte dem Pianisten denn ausgiebig mit grossem Applaus, den Anderszewski sichtlich gerührt genoss, bevor er sich wieder an den Flügel setzte, um den Kreis des Rezitals zu schliessen, indem er fast nahtlos, von der Romantik zurück in das „Zeitlose“, also zu Bach, wechselte, genauer zu dessen „Englischer Suite Nr. 6“. Dies mit einer Souveränität und Abgeklärtheit die fast schon stoisch wirkte, einen kurzen Moment gar irritierte, bevor man wieder gefangen war in dieser in sich geschlossenen Welt, in die man sich, eingeschlichen, fast ertappt fühlte. Ein grandioses Konzert mit einem Meister seines Fachs, den man sich öfters zu hören wünscht, wie das Publikum durch seine Standing Ovation auch nachdrücklich verdeutlichte.
Programm:
Aber ungewöhnlich ist bei der, in eine Künstlerfamilie hinein geborenen Lise da la Salle so vieles, wie auch ihr folgendes Zitat belegt: „Ich möchte die Zuhörer vergessen lassen, dass das Klavier ein perkussives Instrument ist. Ich will damit singen“, Anfänglich löste sie bei Brahms Variationen, vom Komponisten seiner verehrten Clara Schumann zu deren 41sten Geburtstag gewidmet, die Harmonien ruhig filigran in ihre Bestandteile auf, trat dem aber in der Folge mit energischem Zugriff sofort wieder entgegen, um zurückzukommen und anzudeuten, dass es halt doch die Klavierfassung des zweiten Satzes aus einem Streichersextett ist. Mit verblüffend wenigen Tempovariationen beendete sie den ersten Part fast gemächlich und nahm den folgenden grossen Applaus eher kühl gelassen entgegen. Einer Lise de la Salle jubelt man halt nicht zu, man huldigt ihr. Auffallend, dass für so ein Rezital, relativ viele Plätze unbesetzt blieben, vor allem im Parterre. Die elegant gekleidete Französin setzte sich wieder ans Instrument und startete schön definiert in Ravels „Ondine“, dem ersten Teil aus seinem „Gaspard de la nuit“, der auf Poesie seines Landsmannes Aloysius Bertrand fusst. Lise de la Salle gestaltete den, mit „lent“ vorgegebenen Satz, denn auch wortgetreu aus, ebenso den als „très lent“ geschriebenen zweiten. Umso moderater kam dann der „Scarbo“ (bei Bertrand der Name eines grotesken Höllenzwergs, mit dem der Dichter darüber verhandelt, was nach seinem Tod mit seinem Körper geschehen soll). Eben diese Verhandlungen setzte die Künstlerin in diesem, technisch äusserst anspruchsvollen, Schlusssatz konsequent rational um, distinguiert, mit regungsloser Miene erntete sie dafür den begeisterten Applausorkan des Auditoriums, das erst nach längerer Zeit zögerlich den Saal für die folgende Konzertpause verliess. Als ich, wie immer, etwas früher als die anderen in den Saal zurück kam, war der Klavierstimmer noch mit dem Justieren der Filzbolzen des Konzertflügels beschäftigt. Als dies erledigt war, setzte sich die Solistin wieder auf den Schemel und startete den zweiten Konzertteil mit Debussys ausgewählten Préludes, wehmütig und sehnsüchtig schwebend im ungewöhnlichen 5/4 Takt, gefolgt von leichtfüssig tanzenden Feen, gefasst in perlende Tastenläufe. Nachhaltiger, fast entrückt die Interpretation von „la fille auch cheveux de lin“, das sie sanft ausklingen liess. Umso fulminanter der folgende „dance de puck“, darauf etwas schwermütig elegant, manchmal fast dumpf die „Danseuses de Delphes“, bevor sich der Reigen mit der sechsten Prélude, dargeboten rauschend eloquent die Gischt im turbulenten Westwind versprühend, ja fast orkanartig tobend, grandios schloss. Das begeisterte Publikum zollte dieser Demonstration denn auch stürmischen langanhaltenden Beifall, auch diesmal von der Pianistin ohne gross erkennbare Emotionen zur Kenntnis genommen. Dann begab man sich wieder in ruhigere, traditionelle Gefilde mit den Variationen über ein Thema von Händel von Brahms. Selten klang ein Händel so nach Bach, erinnerte die Interpretation derart intensiv an Glenn Gould (1932 – 1982), den introvertierten, scheuen kanadischen Klangzauberer.
Diesmal gab Lise de la Salle doch etwas mehr von sich preis, schien nicht mehr ganz so unnahbar. Eine Yuja Wang ist sicher hin- und mitreissender, diese Künstlerin hingegen ist „nur“ faszinierend, aber dies sehr nachhaltig. Das goutierte auch das Auditorium und erwirkte mit dem grossen Schlussapplaus noch Zugaben.