Zum Hauptinhalt springen

Gesundheit

Pressemitteilung GBCOG: Ultraschall zur Früherkennung Bertelsmann-Stiftung verwendet völlig veraltete Statistiken

Bei jeder zweiten Operation der Eierstöcke, die wegen eines
verdächtigen Ultraschallbefundes durchgeführt wird, wird tatsächlich eine
bösartige Veränderung gefunden. Krebs der Eierstöcke verursacht meist erst
dann Symptome, wenn sich schon zahlreiche Absiedlungen im ganzen Bauchraum
ausgebreitet haben. Die Operationen sind dann eingreifend, Chemotherapie
belastend, die Aussichten auf eine möglichst lange beschwerde- und
rückfallfrei verbleibende Lebenszeit oft enttäuschend. Wird in einer
gynäkologischen Ultraschall-Untersuchung – auch bei einer Frau, die
keinerlei Beschwerden hat – , ein verdächtiger Herd in einem der beiden
Eierstöcke gefunden, so wird dieser Befund zunächst durch weitere
Untersuchungen abgeklärt. Kann der Verdacht dann nicht ausgeräumt werden,
wird operiert. Eine reine Punktion – wie zum Beispiel bei einem Verdacht
auf Brustkrebs – ist bei den Eierstöcken nicht möglich, weil allein schon
durch die Punktionsnadel Krebszellen entlang des Einstich-Kanals
verschleppt werden könnten.

Bei jeder zweiten Operation (1) stellt sich heraus, dass es sich
tatsächlich um einen bösartigen Tumor gehandelt hat. Eine frühzeitige
Therapie, vielleicht zu einem Zeitpunkt, zu dem noch gar keine
Absiedlungen im Bauchraum oder entlang der Lymphgefäße stattgefunden
haben, verschafft der Patientin und den behandelnden Ärztinnen und Ärzten
Zeit, sie kann das Intervall bis zum Wiederauftreten des Krebs verlängern,
und sie kann, so legen neue Studien es nahe, wahrscheinlich auch die
Lebenszeit verlängern.

Was also veranlasst die Bertelsmann-Stiftung, in einer Pressemitteilung
vom 05.11.2019 zu behaupten, dass nur bei jeder zehnten Eierstockoperation
ein bösartiger Tumor gefunden wird und daraus den Schluss zu ziehen, der
frauenärztliche Ultraschall sei Überdiagnostik, die den Frauen eher
schadet als nutzt? Die Autoren der Stiftung haben dazu, anders als es die
Formulierungen in der Pressemitteilung vermuten lassen, keinerlei eigene
Studien durchgeführt. Sondern sie verweisen auf Anfrage auf das Portal
www.gesundheitsinformation.de , das vom Institut für Qualität und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) herausgegeben wird. Dort
findet sich exakt diese Zahl. Aber sie stammt unter anderem aus
Untersuchungen aus den Jahren 2001 bis 2005 (publiziert 2009 [2]). Sie ist
veraltet und sollte heute nicht mehr verwendet werden. Dieselben Autoren
der älteren Studie kommen in einer Folge-Untersuchung, die 2016 publiziert
wurde, inzwischen zu anderen, ermutigenderen Ergebnissen (3): „…Wenn
Frauen aus der Auswertung ausgeschlossen werden, deren Krebserkrankung zum
Zeitpunkt der Untersuchung bereits bekannt war, stellen wir fest, dass ein
Screening mit Ultraschall und der Bestimmung eines typischen Laborwerts
(CA 125) zu einer signifikanten Senkung der Sterblichkeit führt….“

Das IQWIG wurde von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe im Frühjahr 2019 darauf hingewiesen, dass das Zahlenmaterial
auf dem Gesundheitsportal nicht dem heutigen Situation entspricht (4):
Aufgrund der aktuellen Studien- und Erkenntnislage gebe es, so die DGGG,
gute Gründe, nach entsprechender Aufklärung auch bei Frauen ohne
Krankheitszeichen per Ultraschall nach Frühformen des Eierstockkrebs zu
suchen, wenn auch derzeit nicht als Screening und nicht als Kassenleistung
bezahlt, sondern nur als individuelle Gesundheitsleistung. Auch die
aktuelle, evidenzbasierte S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge
maligner Ovarialtumoren“ gibt eine entsprechende Empfehlung ab; den
Autoren der Bertelsmann-Stiftung sind dieser Schriftwechsel und die
Leitlinie bekannt.

Das IQWIG hat den schriftlich formulierten und mit Studien belegten
Hinweis der DGGG bis heute ignoriert, die Bertelsmann-Stiftung die
veralteten Zahlen trotz besseren Kenntnisstandes für ihre aktuellen
Veröffentlichungen verwendet und die Medien in Deutschland falsch
informiert. Wem dienen diese Fehlinformationen, wem dienen diese beiden
Institutionen? Der Selbstbestimmung von Frauen, dem Recht der Frauen auf
Gesundheit und Unversehrtheit dienen sie jedenfalls nicht. Die Frauen
erwarten zu Recht hohe Qualität bei Gesundheitsinformationen. Zumindest
das staatliche und aus öffentlichen Mitteln finanzierte Institut für
Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sollte seinem Namen
gerecht werden.

Prof. Dr. med. Anton Scharl
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.

Dr. med. Christian Albring
Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V.

Quellen:

1. Araujo, KG et al, S. (2017), Performance of the IOTA ADNEX model in
preoperative discrimination of adnexal masses in a gynecological oncology
center. Ultrasound Obstet Gynecol, 49: 778-783. doi:10.1002/uog.15963
2. Menon U et al, Sensitivity and specificity of multimodal and ultrasound
screening for ovarian cancer, and stage distribution of detected cancers:
results of the prevalence screen of the UK Collaborative Trial of Ovarian
Cancer Screening (UKCTOCS). Lancet Oncol. 2009 Apr;10(4):327-40. doi:
10.1016/S1470-2045(09)70026-9. Epub 2009 Mar 11.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19282241
3. Jacobs IJ, Menon U et al, Ovarian cancer screening and mortality in the
UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS): a randomised
controlled trial. Lancet. 2016 Mar 5;387(10022):945-956. doi:
10.1016/S0140-6736(15)01224-6 .
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26707054
4. 271. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe – zum Entwurf einer Gesundheitsinformation des IQWIG zum
Thema „Eierstockzysten“, 24.01.2019
http://www.dggg.de/fileadmin/documents/stellungnahmen/aktuell/2019/Eierstockzysten__Ovarialzysten_.pdf

  • Aufrufe: 209

DGHNO-KHC: Biologicals bei chronischer Sinusitis mit Polyposis nasi – Erster therapeutischer Antikörper zugelassen

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA macht den Weg frei für den Einsatz
von Biologika in der Therapie der chronischen Sinusitis mit Polyposis
nasi: Mit Dupilumab (Dupixent®, Sanofi) hat vor wenigen Tagen der erste
monoklonale Antikörper die Zulassung für diese Indikation erhalten. Die
Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-
Chirurgie (DGHNO-KHC) begrüßt die Entscheidung – Patienten mit besonders
schwerer, rezidivierender Sinusitis mit Nasenpolypen werde dadurch eine
weitere, dringend benötigte Therapieoption eröffnet. Das Biologikum sei
eine sinnvolle Ergänzung zu den bisher bestehenden medikamentösen und
chirurgischen Therapieformen.

Die chronische Sinusitis ist kein seltenes Krankheitsbild: Die Prävalenz
liegt in Deutschland bei über zehn Prozent, in anderen westlichen Ländern
bei bis zu 12 Prozent. Besonders schwer ist der Verlauf bei Patienten, bei
denen Nasenpolypen die Nasenhaupt- und -nebenhöhlen zusätzlich verengen,
die Luftzirkulation stören und Infektionen begünstigen. „Eine chronische
Sinusitis mit Polyposis nasi ist mit einem erheblichen Leidensdruck
verbunden“, sagt Professor Dr. med. Thomas Deitmer, Generalsekretär der
DGHNO-KHC. Die Nase sei permanent blockiert, Riech- und Schmeckvermögen
seien eingeschränkt, viele Patienten klagten außerdem über einen
dauerhaften Schleimfluss in den Rachen.

Auch wenn die Ätiologie der Erkrankung noch nicht vollständig geklärt ist,
wird sie dem atopisch-allergischen Formenkreis zugerechnet. Allergien und
Asthma sind bei den Betroffenen häufig und gelten als Risikofaktoren für
die Entwicklung von Nasenpolypen. Auch Patienten mit einer Analgetika-
Intoleranz – beispielsweise gegen Acetylsalicylsäure – haben ein erhöhtes
Erkrankungsrisiko.

Zwar sprechen etablierte Therapien, wie die Gabe von topischen oder oralen
Glucocorticoiden in der Regel gut an, und auch die operative Entfernung
der Polypen verbessert die Symptomatik bei den meisten Patienten stark.
Allerdings ist die Rezidivrate hoch: Bei manchen Patienten wachsen die
Polypen trotz einer Operation wieder so nach, dass neuerliche Beschwerden
entstehen. Für diese schwer betroffenen Patienten wurde das neue
Biologikum nun zugelassen.

Dupilumab zählt zu einer neuen Klasse von Wirkstoffen, die spezifisch
gegen Typ 2 Entzündungen, wie zum Beispiel bei allergischen
Entzündungsreaktionen, wirken. Der gegen die Zytokine IL-4 und IL-13
wirksame Antikörper ist bereits zur Behandlung der atopischen Dermatitis
und des allergischen Asthmas zugelassen; bei Patienten mit chronischer
Sinusitis und Polyposis nasi konnte er bislang – ebenso wie das gegen IgE
gerichtete Biologikum Omalizumab (Xolair®) – nur in Einzelfällen off-label
eingesetzt werden.

„Wir bekommen damit ein Präzisionsinstrument für die Behandlung der
chronischen Sinusitis an die Hand, das spezifisch die allergische,
Typ2-vermittelte Immunantwort blockiert“, sagt Privatdozent Dr. med. Adam
Chaker, Vorsitzender der AG Klinische Immunologie, Allergologie und
Umweltmedizin der DGHNO-KHC. In den doppelblinden und
plazebokontrollierten Phase-2- und Phase-3-Studien, die der EMA-Zulassung
zugrunde liegen, habe der Antikörper den Probanden deutliche Linderung
gebracht. Die Studien wiesen auch auf ein im Vergleich zu Cortison
günstigeres Nebenwirkungsprofil hin. Um die Wirkung des neuen Biologikums
aufrechtzuerhalten, muss es jedoch dauerhaft gegeben werden – in den
Studien wurde es alle zwei bis vier Wochen subkutan gespritzt.

Sowohl Deitmer als auch Chaker betonen, dass die bisherige Stufentherapie
aus konservativer und funktionell-operativer Therapie erhalten bleibe:
„Sie stellt eine hervorragend etablierte und für den Großteil der
betroffenen Patienten sehr effektive Behandlung dar“, sagen die beiden
HNO-Ärzte. Für besonders schwer betroffene Patienten mit rezidivierender
chronischer Sinusitis und Polyposis nasi sei Dupilumab nun aber eine
weitere vielversprechende Therapie, die es stets mit einem erfahrenen HNO-
Arzt zu beraten gelte.

  • Aufrufe: 255

Diabetes frühzeitig erkennen: Informationsveranstaltung am DDZ zum Weltdiabetestag 2019

Wissen Sie, ob bei Ihren Familienangehörigen Risikofaktoren für Diabetes
vorliegen? Wie lässt sich Diabetes vorbeugen und frühzeitig erkennen? Was
können Sie tun, wenn Sie oder ein Familienmitglied neu an Diabetes
erkrankt ist? Am Mittwoch, den 13. November 2019, erwartet Sie beim 5.
Patiententag im Deutschen Diabetes-Zentrum ein abwechslungsreiches
Programm. Testen Sie Ihr Diabetes-Risiko, lassen Sie Ihre Augen auf
eventuelle Diabetes-bedingte Veränderungen überprüfen und erfahren Sie in
Vorträgen mehr über Folgeerkrankungen, aktuelle Entwicklungen zur
Behandlung und Forschung. Werden Sie aktiv und informieren Sie sich in
Vorfeld des Weltdiabetestages!

„Jedes Jahr werden etwa 600.000 Personen in Deutschland neu mit Diabetes
diagnostiziert, was ungefähr der Einwohnerzahl der Stadt Düsseldorf
entspricht“, erklärt Prof. Dr. Michael Roden, Wissenschaftlicher
Geschäftsführer und Vorstand des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ).
Insgesamt könnten 2040 bis zu 12 Millionen Menschen von Typ-2-Diabetes in
Deutschland betroffen sein, prognostizieren Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler am DDZ und am Robert-Koch-Institut (RKI). Allein in
Düsseldorf leiden rund 58.000 Menschen an der Volkskrankheit, und jedes
Jahr kommen fast 5.000 dazu.

Die Erkrankung kann erhebliche Folgen für das Leben der Betroffenen und
deren Lebensqualität haben. Sie kann die ganze Familie betreffen und das
Leben komplett verändern. „Es ist daher sehr wichtig, Diabetes rechtzeitig
zu erkennen und adäquat zu behandeln, um das Risiko für Folgeerkrankungen
zu minimieren“, betont Prof. Roden, zudem Direktor der Klinik für
Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.
Aktuelle Studien liefern Hinweise auf eine neue Betrachtung der bekannten
Diabetes-Klassifizierung in Hinblick auf den Verlauf der Erkrankung und
der Entwicklung von Folgeerkrankungen. Ein Forscher-Team des DDZ sowie
Partner des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und der
Universität Lund in Schweden haben verschiedene Cluster identifiziert, die
eine Aufteilung des Diabetes in Sub-Typen ermöglichen. Zwei dieser
Untergruppen weisen bereits frühzeitig ein höheres Risiko für
Fettlebererkrankungen und Diabetes-bedingte Nervenschädigungen
(Neuropathie) auf. Die Ergebnisse aus der Deutschen Diabetes-Studie werden
am 13.11.2019 in einem Vortrag vorgestellt.

Unter dem Motto „Diabetes: Familie macht stark“ lädt das DDZ im Vorfeld
des Weltdiabetestages zu einer Informationsveranstaltung am 13. November
2019 ein. Interessierte können bereits ab 14.00 Uhr im Studienzentrum
einen kurzen Diabetes-Check machen und eventuell vorliegende Diabetes-
bedingte Veränderungen am Auge bestimmen lassen. Der 5. Patiententag wird
gemeinsam mit dem Regionalen Innovationsnetzwerk (RIN) Diabetes, der
Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum
Düsseldorf und der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgerichtet. Die
Veranstaltung ist ohne Anmeldung möglich, der Eintritt ist kostenlos und
der Zugang ist barrierefrei.

Das Programm:

16.00 Uhr
Begrüßung, Moderation: Christina Becker

Grußwort, Prof. Dr. Andreas Meyer-Falcke, Beigeordneter für Gesundheit der
Landeshauptstadt Düsseldorf

Eröffnung
Prof. Dr. Karsten Müssig, Stv. Direktor der Klinik für Endokrinologie und
Diabetologie am Universitätsklinkum Düsseldorf und Leitung Klinisches
Studienzentrum am DDZ

16.15 – 16.45 Uhr

Neu diagnostizierter Diabetes? Was nun?
Oana-Patricia Zaharia
Ärztin, Klinisches Studienzentrum am DDZ

16.45 – 17.15 Uhr
Fit für den Weihnachtsmarkt? - Optionen und Grenzen
der unterschiedlichen Therapiestrategien
Hubert Overmann
Diabetesberater, Klinik für Endokrinologie und Diabetologie
Universitätsklinikum Düsseldorf

17.15 – 17.45 Uhr
Füße kribbeln, brennen, sind taub: Was tun?
Gidon Bönhof
Arzt, Institut für Klinische Diabetologie am DDZ

17.45 – 18.15 Uhr
Mahlzeit: Genussvolle Ernährung bei Diabetes
Theresa Kössler, M.Sc.
Diabetesberaterin, Klinik für Endokrinologie und Diabetologie
Universitätsklinikum Düsseldorf

18.15 – 18.45 Uhr
Sport bei Diabetes: Was bringt`s?
Dr. Dominik Pesta
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DDZ

18.45 – 19.00 Uhr
Abschluss

19.00 Uhr Austausch mit Experten (Imbiss)

  • Aufrufe: 227
Künstliche Intelligenz soll Neuroradiologen künftig bei endovaskulären Operationen unterstützen.  © Fraunhofer IPA

MEDICA 2019: Neuronale Netze ermöglichen autonome Steuerung von Kathetern

Künstliche Intelligenz soll Neuroradiologen künftig bei endovaskulären Operationen unterstützen.  © Fraunhofer IPA
Künstliche Intelligenz soll Neuroradiologen künftig bei endovaskulären Operationen unterstützen. © Fraunhofer IPA

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute, durch schnelles Handeln lassen
sich schwere Hirnschäden mindern. Sind große Blutgefäße im Gehirn durch
Gerinnsel verstopft, entfernt der Operateur den Verschluss mithilfe eines
Katheters, den er in die Leiste des Patienten einführt. Doch der
komplizierte Eingriff erfordert viel Erfahrung. Fraunhofer-Forscher setzen
auf KI, um den Katheter autonom, computergesteuert, zuverlässig und
schnell zum Ort des Eingriffs zu navigieren. Erste Tests im
Simulationsmodell und am Prüfstand sind vielversprechend. Vom 18. bis 21.
November präsentiert die Forschergruppe die Funktionsweise ihrer neuen
Methode auf der MEDICA 2019 an einem Gefäßphantom.

Etwa 270 000 Menschen erleiden hierzulande jedes Jahr einen Schlaganfall –
eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn. Diese muss schnellstens
ärztlich behandelt werden. Andernfalls sterben so viele Gehirnzellen ab,
dass der Patient bleibende Schäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen
davonträgt oder sogar stirbt. Ärzte therapieren den Hirnschlag immer
häufiger durch eine Thrombektomie, einen Eingriff, bei dem über einen
Gefäßzugang in der Leiste ein dünner Katheter über die Hauptschlagader bis
in das verschlossene Hirngefäß vorgeschoben wird. Im Bereich des
Gefäßverschlusses öffnet sich ein sogenannter Stent-Retriever – ein
winziges korbähnliches Geflecht – und verhakt sich mit dem Gerinnsel. Beim
Zurückziehen des Katheters bleibt der Pfropfen an der Geflechtstruktur
hängen und wird so entfernt. Dieses Verfahren dauert 45 Minuten bis zu 3,5
Stunden, je nach Expertise des Operateurs. Die Thrombektomie setzt eine
lange Ausbildung und viel Übung voraus. Allein zehn bis 90 Minuten
benötigt der Mediziner – je nach Patient –, um den Katheter zum
Blutgerinnsel zu navigieren. Diese Problematik adressieren Forscherinnen
und Forscher der Mannheimer Projektgruppe für Automatisierung in der
Medizin und Biotechnologie PAMB, die an das Fraunhofer-Institut für
Automatisierung und Produktionstechnik IPA angegliedert ist. Mithilfe
eines robotischen Assistenzsystems – einem computergesteuerten Katheter –
wollen sie eine zuverlässigere und schnellere Variante der Therapie
etablieren. Die Besonderheit: Der Katheter wird durch Methoden der
Künstlichen Intelligenz autonom zum Ort des Eingriffs navigiert. »Die
Operation selbst, also das Herauslösen des Blutpfropfens mithilfe des
Stent-Retrievers, führt nach wie vor der Arzt durch. Aber die komplizierte
Navigation dorthin, bei der schwierige Anatomien zu überwinden sind, soll
künftig ein autonom gesteuerter Katheter erledigen«, sagt Johannes Horsch,
Wissenschaftler der Projektgruppe. »Die autonome Intervention per Katheter
eignet sich aber nicht nur bei einem Schlaganfall, sie lässt sich
vielseitig anwenden, etwa bei der endovaskulären Operation von
Herzinfarkten oder Lebertumoren«, betont der Ingenieur.

Autonome Navigation durch Deep Reinforcement Learning

Ermöglicht werden soll die autonome Navigation durch Deep Reinforcement
Learning (DRL), eine Methode, mit der sich neuronale Netze trainieren
lassen. Sie ähnelt der Art, wie Menschen lernen. Die Besonderheit von DRL:
Der Algorithmus generiert die Daten zum Trainieren des neuronalen Netzes
eigenständig durch permanentes Üben am Computer-Simulationsmodell – einer
virtuellen Nachbildung eines Gefäßbaums und Katheters, mit der der reale
Algorithmus interagieren kann. Die Forscher haben dazu einen zusätzlichen
Bewertungsalgorithmus entwickelt, der bewertet, ob die jeweilige Aktion
richtig oder falsch ist. Wird der Führungsdraht korrekterweise nach rechts
gedreht und an der Verzweigung in das dortige Gefäß geschoben, so erhält
der Algorithmus einen Pluspunkt beziehungsweise einen Zahlenwert von
beispielsweise »+1«. Bei einer falschen Aktion lautet der Zahlenwert
entsprechend »-1«. Auf Basis dieser Rückmeldungen lernt der Algorithmus
eigenständig, und das neuronale Netz wird laufend entsprechend angepasst
und optimiert. »Mit dem Modell können wir virtuell alle möglichen
Bewegungen des Katheters simulieren und das neuronale Netz bis zu einem
gewissen Stadium trainieren. In bisherigen Tests am Simulationsmodell
waren wir in 95 Prozent der Fälle erfolgreich, sprich der Katheter konnte
in einem vereinfachten Szenario problemlos autonom zum Gefäßverschluss
navigiert werden. Bis zum Start der MEDICA wollen wir jedoch eine
Erfolgsquote von 99 Prozent erzielen«, sagt Horsch.

Damit der Mediziner die autonome Navigation während des Eingriffs nutzen
kann, muss der Katheter im Patienten in Echtzeit lokalisiert werden.
Hieran arbeitet der Projektpartner, das Fraunhofer-Institut für Digitale
Medizin MEVIS. Dort entwickeln die Experten einen »intelligenten
Katheter«, der sich mittels faser-optischer Sensorik und ohne Bildgebung
im Gefäßsystem lokalisieren lässt. Außerdem trainieren sie neuronale Netze
zur Extraktion des Katheters aus fluoroskopischen Bilddaten. Im nächsten
Schritt werden die im Simulationsmodell generierten Ergebnisse auf
Phantome übertragen, einer Nachbildung eines Gefäßbaums aus Kunststoff.

Steuerungsalgorithmus vereint Erfahrungswissen von vielen Ärzten

Der Steuerungsalgorithmus wird das Erfahrungswissen von vielen Ärzten
umfassen und infolgedessen ein schnelleres Navigieren durch den Körper
erlauben. Vor allem aber wird die große Streuung der sehr
unterschiedlichen Dauer der Eingriffe, bedingt durch die variierenden
Anatomien der Patienten, vermieden. Ein weiterer Vorteil: Insbesondere
kleine Kliniken, die nicht über entsprechend ausgebildete Spezialisten
verfügen, sollen künftig von dem Verfahren profitieren. Sie wären dann in
der Lage, endovaskuläre Schlaganfalltherapien durchzuführen, bei denen
Katheter zum Einsatz kommen. Diese Eingriffe können in der Regel nur in
spezialisierten Schlaganfallstationen – sogenannten Stroke Units –
durchgeführt werden.

Komplexes Zusammenspiel zwischen Katheter und Draht

Derzeit navigieren die Forscher in ihren Simulationstests einen
Führungsdraht, im nächsten Schritt starten die Untersuchungen mit einem
Katheter, der den Draht ummantelt. »Bei einer realen Operation ist der
Katheter über den Draht geschoben. Der Katheter wird nachgeschoben, wenn
der Führungsdraht in das richtige Gefäß navigiert wurde«, sagt Horsch.
Ziel des Teams ist der Einsatz von zwei oder drei ineinanderliegenden
Kathetern, die immer kleiner werden, um in die filigranen Blutgefäße im
Kopf zu passen, die wesentlich enger sind als die Gefäße etwa in der
Leistenregion.

Bis zum Projektende im September 2020 werden die Forscherinnen und
Forscher in präklinischen Untersuchungen den Steuerungsalgorithmus am
Silikonphantom perfektionieren, das den gesamten Gefäßbaum von der Leiste
bis zum Kopf nachbildet. In Anschlussprojekten soll das System
insbesondere hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Sicherheit
weiterentwickelt werden. Daran anschließend sind für klinische Studien zum
Nachweis der Sicherheit und Wirksamkeit etwa vier bis fünf Jahre
anberaumt. »Es wird sicher noch zehn bis 15 Jahre dauern, bis das System
kommerziell in Kliniken eingesetzt werden kann, zuvor sind umfangreiche
Forschungsarbeiten sowie klinische Studien erforderlich. Von
Gesetzgeberseite ist darüber hinaus die rechtliche regulatorische
Zulassung von neuronalen Netzen in der Medizin zu klären«, resümiert der
Wissenschaftler. Den Stand ihrer Forschung demonstrieren der Ingenieur und
seine Kollegen vom 18. bis 21. November auf der MEDICA in Düsseldorf
(Halle 10, Stand G05).

  • Aufrufe: 290