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Wenn der Blutdruck plötzlich absackt: Orthostatische Hypotension bei älteren Menschen

Wenn der Blutdruck beim Aufstehen plötzlich abfällt, kann das insbesondere
bei älteren Menschen zu Problemen führen. Schwindel, Schwächegefühl und
Stürze könnten die Folge dieser sogenannten orthostatische Hypotension
(OH) sein. Oft geht dies auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
neurologischen Erkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten einher.
Wie Geriaterinnen und Geriater in der täglichen Praxis ihren Patientinnen
sowie Patienten eine adäquate Diagnostik und Therapie zukommen lassen
können, damit beschäftigt sich Rose Anne Kenny, Professorin für
medizinische Gerontologie am Trinity College Dublin und am Mercer‘s
Institute for Successful Ageing, St James‘s Hospital Dublin.

Über den aktuellen Stand der Forschung zur OH berichtet sie in ihrem
Keynote-Vortrag beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für
Geriatrie, der vom 14. bis 16. September in Frankfurt am Main stattfindet.

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Blutdruck
deutlich abfällt, wenn eine Person von einer liegenden oder sitzenden
Position ins Aufstehen kommt. Es gibt aber auch asymptomatische Formen
dieses Krankheitsbildes – es bedarf also eines differenzierten Blickes.
Laut Rose Anne Kenny besteht auch ein kausaler Zusammenhang mit Stürzen.
Aber sie weist ebenso darauf hin: „Es ist wichtig, sich bewusst zu machen,
dass Patienten mit orthostatischen Symptomen nicht unbedingt eine
orthostatische Hypotonie haben müssen. Oder dass der Arzt die Messungen
mehrmals wiederholen muss, um eine OH eindeutig auszuschließen. Mit
anderen Worten: Die Messung ist nicht immer reproduzierbar.“ Kenny ist
unter anderem leitende Forscherin der irischen Langzeitstudie über das
Altern (TILDA) und berichtet beim Geriatrie-Kongress in Frankfurt über
ihre vielschichtigen Erkenntnisse.

Neue Erkenntnisse führen zu facettenreichen Behandlungsmöglichkeiten

Eine weitere neue Erkenntnis aus ihren umfangreichen Studienauswertungen:
Eine blutdrucksenkende Behandlung scheint nicht unbedingt zu OH zu führen.
Zur Diagnostik können spezielle ambulante Blutdruckmessungen hilfreich
sein. Die Behandlungsmöglichkeiten sind facettenreich: Sie reichen von der
Änderung möglicher ursächlicher Medikamente über ein verändertes
Gesundheitsverhalten bis hin zu gezielt wirkenden Medikamenten.

Zur Person:

Rose Anne Kenny ist Regius-Professorin für Physik (Medizin) und Inhaberin
des Lehrstuhls für Medizinische Gerontologie am Trinity College Dublin.
Sie ist die leitende Forscherin der irischen Langzeitstudie über das
Altern (TILDA). Im Jahr 2016 eröffnete sie ein neues, hochmodernes
klinisches Forschungsinstitut mit 120 Betten, das Mercer‘s Institute for
Successful Ageing, auf dem Gelände des St. James‘s Hospital in Dublin, wo
sie auch Leiterin der Abteilung für Stürze und Synkopen ist. Unter anderem
ist sie Mitglied der Royal Irish Academy und Fellow des Royal College of
Physicians of Edinburgh, London und Irland, Fellow des Trinity College
Dublin, Fellow der European Society of Cardiology, Honorary Fellow der
Faculty of Public Health Medicine Ireland und wurde kürzlich mit der
Ehrendoktorwürde des Royal College of Surgeons in Irland ausgezeichnet.
Sie hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten und ist Autorin
von mehr als 600 Veröffentlichungen.

Termin:

Prof. Rose Anne Kenny

Keynote-Lecture: „The role of orthostatic hypotension in older adults“
Geriatrie-Kongress
Hörsaal 2, Campus Westend, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Freitag, 15. September 2023

14.30 bis 15.15 Uhr

Hinweis für Journalistinnen und Journalisten:

Sie möchten gerne persönlich mit Professorin Rose Anne Kenny oder anderen
renommierten Experten der Altersmedizin sprechen? Dann akkreditieren Sie
sich schon jetzt für den Geriatrie-Kongress in Frankfurt am Main. Wir
unterstützen Sie auch bei der Organisation von Interviews vor Ort. Senden
Sie einfach eine E-Mail samt Presseausweis oder Redaktionsbestätigung an:
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Rheuma & Geschlecht: Diagnose bei Frauen später und Erkrankung häufiger als bei Männern

Frauen ernähren sich gesünder, gehen öfter zu Ärztin oder Arzt und nehmen
häufiger Vorsor-geangebote in Anspruch als Männer. Dennoch erhalten Sie
die Diagnose über eine rheumatische Erkrankung deutlich später. Und dies,
obwohl sie häufiger an Rheuma leiden und gegenüber männlichen Patienten
eine erhöhte Krankheitslast angeben. Das sind Ergebnisse einer aktuellen
Überblicksstudie zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der
Diagnostik und Therapie von Rheumaerkrankungen. Welche Ursachen
dahinterstecken und wie die Erkenntnisse in die Versorgung einfließen
können, diskutieren Expert:innen auf der digitalen Vorabpressekonferenz
anlässlich des DGRh am Mittwoch, den 23. August 2023.

Bei der Mehrzahl der rheumatischen Erkrankungen ist der Anteil an
betroffenen Frauen größer als der der Männer. Dies betrifft vor allem
Kollagenosen und die rheumatoide Arthritis. Bei den Spondyloarthritiden
ist die Geschlechterverteilung ausgewogen. Nur wenige entzündlich-
rheumatische Erkrankungen, wie beispielsweise Morbus Behcet betreffen
häufiger Männer. „Umso verwunderlicher erscheint es, dass Frauen im
Durchschnitt deutlich später eine Diagnose erhalten“, sagt Privatdozentin
Dr. med. Uta Kiltz, Oberärztin am Rheumazentrum Ruhrgebiet. Mögliche
Ursache dafür könnte sein, dass der Krankheitsverlauf bei Männern in der
Regel schwerer ist. Deshalb zeigen sich Schäden an Organen früher und
geben eher Hinweise auf eine rheumatische Erkrankung. Auch bilden sich –
so beim Beispiel der systemischen Sklerose – bei Männern bestimmte Marker
und Antikörper im Blut früher. „Hinzu kommt, dass Frauen ein
vielfältigeres Bild an Symptomen zeigen, was eine eindeutige Diagnose
zusätzlich erschweren kann“, erläutert Kiltz. Diese Unterschiede lassen
sich unter anderem auf hormonelle, immunologische und (epi)genetische
Unterschiede zurückführen. Eine kanadische Analyse offenbarte zudem, dass
männliche Hausärzte unabhängig vom Geschlecht der Patient:innen später
eine rheumatologische Überweisung veranlassten als ihre Kolleginnen.
Folglich kann auch das Geschlecht der behandelnden Ärzt:innen zu
Unterschieden in der Versorgung beitragen.

Ob sich die Wirksamkeit von Medikamenten zwischen den Geschlechtern
unterscheidet, ist umstritten. Erwiesen ist, dass immunsuppressive
Therapien bei Frauen weniger dauerhafte wirken und sie im Vergleich zu
Männern deutlich seltener das Therapieziel einer niedrigen
Krankheitsaktivität erreichen. Eine Ursache dafür könnte sein, dass Frauen
in der Selbstauskunft die Krankheitsaktivität höher als Männer
einschätzen. Zudem können rheumatische Erkrankungen soziale und
psychologische Folgen haben, die sich bei Männern und Frauen
unterschiedlich auswirken. Dies hängt auch mit Unterschieden in den
gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern zusammen. „Hier stehen
wir ganz am Anfang: Es besteht noch ein erheblicher Forschungsbedarf, um
die Kontextfaktoren so weit zu verstehen, dass eine personalisierte
Medizin möglich ist“, erklärt Kiltz.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Rheumatologie hier Nachholbedarf hat. Wir
müssen die geschlechtsspezifischen Krankheitsausprägungen besser verstehen
und diese Erkenntnisse in die Diagnostik und Therapie einfließen lassen“,
betont auch Professor Dr. med. Christoph Baerwald, Kongresspräsident der
DGRh und emeritierter Leiter der Abteilung Rheumatologie am
Universitätsklinikum Leipzig. Bei der Vorabpressekonferenz anlässlich des
Deutschen Rheumatologiekongresses beleuchten die Expert:innen die
vorhandenen Geschlechterunterschiede und diskutieren Ansatzpunkte für die
weitere Forschung.

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Vom Lifestyle-Gadget zum Diagnoseinstrument? Wearables in der Rheumatologie

Blutdruck, Herzfrequenz, Schrittzahl oder Schlafqualität – kontinuierlich
und in Echtzeit zeichnen Wearables gesundheitsrelevante Daten auf. Die
Informationen, die die kleinen, mit immer besseren Sensoren ausgestatteten
Geräte sammeln, sind längst nicht mehr nur für Fitness-Fans interessant.
Auch in der Medizin wird ihre Bedeutung zunehmend erkannt, und es gibt
erste Ansätze, sie für Prävention, Diagnose und Monitoring zu nutzen.
Welches Potenzial die Wearables speziell bei der Behandlung entzündlich-
rheumatischer Erkrankungen haben, lotet ein Übersichtsbeitrag in der
„Zeitschrift für Rheumatologie“ aus, dem offiziellen Organ der Deutschen
Gesellschaft für Rheumatologie e. V. (DGRh).

Ob als Armband, Brustgurt, oder integriert ins T-Shirt – Wearables werden
ihrem Namen gemäß am Körper getragen und begleiten ihre Besitzer oft rund
um die Uhr, nahezu unbemerkt und ohne ihre Aktivitäten zu beeinflussen.
„Wearables bieten somit die bislang einmalige Möglichkeit, nicht nur
punktuell in der Arztpraxis, sondern kontinuierlich und über einen
längeren Zeitraum hinweg diagnostisch wertvolle Daten zu erheben“, sagt
Dr. med. Martin Krusche, stellvertretender Leiter der Sektion für
Rheumatologie und entzündliche Systemerkrankungen der III. Medizinischen
Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der den
Übersichtsartikel mit verfasst hat. Denn längst gehen die Funktionen
mancher Wearables weit über die für Freizeitsportler interessante Messung
von Schrittzahl, Puls und zurückgelegter Distanz hinaus. Smartwatches
verschiedener Hersteller registrieren heute auch die Sauerstoffsättigung
des Blutes, die Atemfrequenz und die Schlafqualität. Manche Geräte können
sogar einfache EKGs aufzeichnen, den Blutdruck und die Temperatur messen
sowie Stürze erkennen.

Damit sind verschiedene Anwendungen der kleinen, im Privatbereich bereits
millionenfach genutzten Geräte denkbar. „Die Forschung hierzu, speziell
auf dem Gebiet der Rheumatologie, steht jedoch noch am Anfang“, betont
Krusche. Erste Studien befassten sich haupt-sächlich damit, ob sich die
für Rheuma-Betroffene so wichtige körperliche Aktivität mithilfe von
Wearables steigern lässt. Wie eine Metaanalyse mit insgesamt knapp 1600
Patientinnen und Patienten zeigte, führt allein das Tracken bereits zu
einer Steigerung der täglichen Schrittzahl um 1520, sowie zu 16 Minuten
mehr körperlicher Aktivität pro Tag. „Die Möglichkeit zur individuellen
Zielsetzung, zum Teil auch mit Erinnerungsnachrichten, steigert offenbar
die Motivation und verringert die Hürden für eine körperliche Betätigung
im Alltag“, folgert Krusche – und das sei nachweislich mit positiven
Effekten auf Krankheitsaktivität, Schmerzen und Erschöpfung verbunden.

Umgekehrt lässt sich mithilfe der Wearables auch nachvollziehen, wie
Krankheitsschübe sich auf das Aktivitätsniveau auswirken. In verschiedenen
Studien zeigte sich, dass körperliche Aktivität und Schrittzahl während
eines Krankheitsschubs in typischer Weise ab-nehmen, die
entzündungshemmende Cortisontherapie dem jedoch entgegenwirkt. Die
aufgezeichneten Aktivitätsmuster erlauben damit auch direkten Rückschluss
auf akute Krankheitsschübe, die sich mit hoher Sensitivität und Spezifität
ablesen lassen. „Mithilfe eines maschinellen Lernprogramms wurden fast 96
Prozent der Schübe korrekt erkannt“, sagt Krusche. Damit böten die
Wearables das Potenzial, den individuellen Krankheitsverlauf zu überwachen
und zum Beispiel telemedizinische Angebote zu ergänzen. Auch im Rahmen von
Studien könnten sie wertvolles Datenmaterial liefern, mit dem sich die
Wirksamkeit von Therapien objektiv erfassen lasse.

Mit zunehmender Messgenauigkeit und Funktionsvielfalt der Wearables werden
sich die Anwendungsmöglichkeiten in Zukunft wohl noch deutlich ausdehnen,
auch im rheumatologischen Bereich. Einige Geräte sind zum Beispiel bereits
heute in der Lage, Herzrhythmusstörungen zu detektieren, für die manche
entzündlich-rheumatisch Erkrankte ein erhöhtes Risiko besitzen können. „Um
Folgeschäden wie einen Schlaganfall zu vermeiden, ist es wichtig, diese
Arrhythmien frühzeitig zu entdecken“, erläutert Krusche. Die Wearables
können hier womöglich eine diagnostische Lücke schließen. Auch die Messung
von Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz kann wichtige diagnostische
Hinweise geben, denn auch das Risiko von Lungenerkrankungen wie einer
Lungenfibrose kann bei bestimmten Rheuma-Patienten erhöht sein.

Während die Möglichkeiten der Wearables, gesundheitsrelevante
Informationen zu sammeln, bereits beeindruckend weit entwickelt sind, gibt
es in Bezug auf ihre Verwendung und Weiterverarbeitung noch offene Fragen.
„Ihre sinnvolle Nutzung ist zum einen an einen effektiven Datenschutz, zum
anderen an eine geeignete telemedizinische Infrastruktur geknüpft“, sagt
Prof. Dr. med. Christof Specker, Präsident der DGRh. Die riesigen
Datenmengen, die von den Geräten generiert würden, müssten mithilfe von
KI-Lösungen vorselektioniert werden, die selbsttätig nach Auffälligkeiten
suchten. Auf Wunsch des einzelnen Patienten könnten Wearables bereits
heute in Monitoring und Therapie integriert werden. Bis zu einem breiten
Einsatz der Geräte sei jedoch noch weitere Forschung nötig.

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Scharlach wieder auf dem Vormarsch

Die Stiftung Kindergesundheit berichtet über die Zunahme von
Streptokokken-Erkrankungen, ihre Folgen und über die richtige Behandlung

Noch vor 150 Jahren starben jedes Jahr Tausende von Kindern an der
ansteckenden Kinderkrankheit Scharlach. Heute lässt sie sich mit
Antibiotika so gut behandeln, dass praktisch kein Kind mehr an dieser
Krankheit sterben muss. In den letzten Jahrzehnten entwickelte sich die
von Streptokokken-Bakterien ausgelöste Infektion mehr und mehr zu einer
„seltenen Erkrankung“. Doch nun scheint die Situation erneut umzuschlagen,
berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme:
Kinderärzt*innen und Apotheker*innen beobachten eine deutliche Zunahme von
Streptokokken-Erkrankungen unter ihren Patientinnen und Kunden. Das
besondere Problem dabei: Viele Antibiotika und Fiebersäfte für Kinder, die
zur Behandlung dieser Krankheiten benötigt werden, sind zurzeit nur
eingeschränkt oder überhaupt nicht erhältlich!

Die Sternstunde der Wissenschaft ereignete sich vor 95 Jahren:  Der damals
47 Jahre alte schottische Mikrobiologe Alexander Fleming (1881 – 1955)
stieß auf das „Heilmittel des Jahrhunderts“, auf das Antibiotikum
Penicillin. Eines Tages im September 1928 – das genaue Datum ist nicht
mehr bekannt – erkennt Flemming die Bakterien abtötende Wirkung der
Nährlösung, in der er den Schimmelpilz Penicillium gezüchtet hatte. Er
kann jedoch die antibakterielle Substanz nicht isolieren und verfolgt
seine Entdeckung nicht weiter. Erst um 1940 erkennen der australische
Pathologe Howard W. Florey und der Berliner Biochemiker Ernst Boris Chain
die Bedeutung der Entdeckung, und nennen das Produkt ihrer
Schimmelpilzkultur „Penicillin“. 1945 bekommen die drei Forscher den
Nobelpreis für Physiologie und Medizin „für die Entdeckung des Penicillins
und seiner Heilwirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten“.

Penicillin gilt nach wie vor als das wichtigste Medikament zur Bekämpfung
von Streptokokken, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Diese
Bakterien, von denen mittlerweile 120 verschiedene Arten bekannt sind,
werden in Gruppen unterteilt, die zu unterschiedlichen Infektionen führen.
Zu den drei häufigsten krankheitsauslösenden Streptokokkenarten zählen die
Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae), die Gruppe A-Streptokokken
(Streptococcus pyogenes) und die Gruppe B-Streptokokken (Streptococcus
agalactiae). Das Bakterium Streptococcus pyogenes wird meistens durch
direkten Kontakt von Speichel oder Nasensekret übertragen und soll
weltweit jährlich rund 700 Millionen Infektionen verursachen.

Die kettenförmig angeordneten Streptokokken der Gruppe A besiedeln häufig
die Schleimhäute auch gesunder Menschen im Nasen-Rachen-Raum, ohne dass
die Träger selbst erkranken. Sie sind jedoch häufige Erreger einer
Streptokokken-Angina, also einer fiebrigen Hals-Rachenmandel-Entzündung
(Fachbezeichnung: Tonsillopharyngitis). Sie können aber auch andere
schwere Infektionen verursachen, zum Beispiel Mittelohrentzündungen
(Otitis media), Lungenentzündungen (Pneumonie), Hirnhautentzündungen
(Meningitis) und andere Krankheiten, von denen besonders Säuglinge,
Kleinkinder sowie ältere und abwehrgeschwächte Personen betroffen sind.

Auch Großeltern können sich anstecken
Wie das Robert Koch-Institut Berlin in seinem Epidemiologischen Bulletin
(8/2023) berichtet, gab es im 4. Quartal 2022 einen für die Jahreszeit
ungewöhnlich frühen und starken Anstieg von schweren Infektionen durch
Gruppe-A-Streptokokken. Am stärksten betroffen war die Gruppe über
65-jähriger Menschen. Ein Ende des Anstiegs ist jedoch noch nicht
abzusehen: Zurzeit erkranken vor allem Kinder unter 15 Jahren und Menschen
zwischen 25 und 44 Jahren an Scharlach und an von A-Streptokokken
ausgelösten Infektionen.
Diese Krankheiten waren bisher nicht meldepflichtig. Angesichts der
beunruhigenden Lage haben jedoch die kinderärztlichen Fachgesellschaften
unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische
Infektiologie (DGPI) kurzfristig ein Meldesystem für Gruppe-A
-Streptokokken-Infektionen und weitere komplizierte (Atemwegs-)Infektionen
bei stationär behandelten Kindern eingerichtet.

Der typische Verlauf einer Scharlach-Infektion
Der Scharlach ist eine Sonderform der Streptokokken-A-Infektion, der durch
spezielle Streptokokken-Typen hervorgerufen wird. Sie sind in der Lage,
ein besonderes Scharlachgift zu produzieren, das den typischen
Scharlachausschlag auslöst. Im Grunde ist Scharlach also eine
Streptokokken-Angina mit Ausschlag.
Zwei bis sieben Tage nach der Ansteckung steigt plötzlich die Temperatur
stark an. Das Kind klagt über Schüttelfrost, Halsschmerzen und
Schluckbeschwerden. Oft muss es auch erbrechen.
Ein bis zwei Tage später beginnt dann der typische Ausschlag in den
Achselhöhlen und an der Innenseite der Oberschenkel und breitet sich dann
auf den ganzen Körper aus.

Eine Haut wie Sandpapier
Der Scharlachausschlag besteht aus winzigen, höchstens
stecknadelkopfgroßen, dicht beieinander liegenden Flecken. Wenn man mit
der Handfläche über die Haut streicht, fühlt sie sich an wie Sandpapier
oder eine leichte Gänsehaut. Die Erhebungen des Ausschlags sind zunächst
zartrosa, später flammend rot (eben scharlachrot). Die Gesichtshaut
dagegen ist glatt, aber intensiv gerötet. Die Mund- und Kinnpartie bleibt
jedoch blass und wie ein Milchbart von der Rötung ausgespart.
Der Rachen des Kindes ist düster rot. Auf der Zunge entsteht zunächst ein
weißgelber Belag, der nach ein bis zwei Tagen abgestoßen wird. Danach ist
die Oberfläche der Zunge auffallend gerötet und sieht wie eine Erdbeere
oder Himbeere aus. Fast immer sind auch die Lymphknoten am Kieferwinkel,
oft auch am Hals geschwollen. Nach einigen Tagen beginnt sich die Haut
insbesondere an den Handinnenflächen und an den Fußsohlen zu schuppen. An
den Händen und Füßen lassen sich oft ganze Fetzen abziehen, während sich
am Bauch feine Schuppen ablösen. Dieses Abschuppen dauert drei, manchmal
auch mehrere Wochen.

Es gibt auch Scharlach ohne Ausschlag
Weil die Krankheit häufig leicht verläuft, ist der Ausschlag am Körper
oft nur blass rosa und tritt lediglich wenige Stunden lang auf. Es gibt
auch Fälle, die völlig ohne Ausschlag verlaufen. Das Kind hat nur
Schluckbeschwerden, Heiserkeit und Husten. Erst nach einigen Tagen zeigt
das Abschuppen seiner Haut, dass es Scharlach durchgemacht hat.
Bekommt ein Kind hohes Fieber und zeigt Scharlachsymptome, sollten die
Eltern auf jeden Fall mit einem Kinder- und Jugendarzt Kontakt aufnehmen,
empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. Diagnostiziert der Arzt
Scharlach, wird er dem Kind in aller Regel Penicillin verordnen. Sollte
dieses Antibiotikum nicht anschlagen oder nicht gut vertragen werden, kann
auf ein anderes Antibiotikum, z. B. auf orale Cephalosporine ausgewichen
werden. Die antibiotische Behandlung dauert in der Regel etwa sieben bis
zehn Tage.
„Von größter Wichtigkeit ist die unbedingte Einnahme des vom Arzt
verordneten Antibiotikums, so lange, wie es vom Arzt vorgeschrieben ist“,
betont Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko,
Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit mit großem Nachdruck. „Mit
Hilfe der Penicillin-Behandlung geht es dem Kind zwar schon nach 24 bis
spätestens 48 Stunden wieder gut. Das Verschwinden der Beschwerden
bedeutet aber nicht, dass damit auch die Bakterien beseitigt sind! Die
Behandlungsdauer von meist zehn Tagen ist notwendig, um alle Bakterien
abzutöten. Bleiben Reste im Organismus, könnte die Krankheit wieder
aufflackern. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich die Erreger an das
Antibiotikum gewöhnen, also eine Resistenz entwickeln“.

Bei Fieber reichlich trinken
Solange das Fieber hoch ist, braucht das Kind reichlich Wasser, Obstsäfte
oder Tee mit Milch zum Trinken. Gegen die Halsschmerzen helfen Gurgeln
(mit Salbei-, Eibischtee oder desinfizierenden Lösungen) und warme
Halswickel. Kühle Getränke oder Eis lindern ebenso. Da einem erkrankten
Kind das Schlucken schwerfällt, sollten Eltern ihm weiche oder flüssige
Nahrung wie Suppen anbieten.
Mögliche Komplikationen sind Entzündungen des Mittelohres, der
Nebenhöhlen und der Lunge. Eher seltene, aber gefürchtete Spätfolgen
sind das akute rheumatische Fieber mit Entzündungen der großen Gelenke
wie den Kniegelenken, des Herzmuskels, des Herzbeutels oder der
Herzklappen sowie Entzündungen der Nieren. In solchen Fällen können
bleibende Schäden entstehen. Komplikationen werden häufiger beobachtet,
wenn der Scharlach nicht mit Antibiotika behandelt wurde oder die
Antibiotika-Therapie vorzeitig abgebrochen wird.
Hat ein Kind die Erkrankung überstanden, ist es in Zukunft vor dem
jeweiligen Giftstoff des Erregers geschützt. Da die Bakterien aber
unterschiedliche Giftstoffe bilden, ist es leider möglich, mehrfach an
Scharlach zu erkranken, betont die Stiftung Kindergesundheit.

Dank Antibiotika schneller gesund
Kinder oder Jugendliche, die an Scharlach erkrankt sind oder bei denen der
Verdacht auf Scharlach besteht, dürfen Gemeinschaftseinrichtungen wie
Schulen oder Kindergärten vorübergehend nicht besuchen. Die Eltern
müssen die Einrichtung über die Erkrankung ihres Kindes informieren.
Scharlachkranke Kinder ohne Penicillinbehandlung gelten drei Wochen lang
als „infektiös“.

Auch erkrankte Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen arbeiten, wie
z. B. Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher, dürfen dort, solange
sie ansteckend sind, keine Tätigkeit ausüben, bei denen sie Kontakt zu
den Kindern haben.
Wann die Tätigkeit wieder aufgenommen bzw. die Gemeinschaftseinrichtung
wieder besucht werden kann, entscheidet die behandelnde Kinderärztin oder
der behandelnde Kinderarzt oder das zuständige Gesundheitsamt. Nach einer
Antibiotika-Gabe ist das in der Regel am zweiten Tag möglich, ansonsten
nach Abklingen der Beschwerden. Ein schriftliches ärztliches Attest ist
nicht erforderlich.

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