Deutsche Herzstiftung stellt rund eine Million Euro für neue Erkenntnisse zu Coronavirus-Erkrankung im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Verfügung. 14 Forschungsvorhaben erhalten Fördermittel
Die Pandemie durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 mit derzeit über 184.500 Covid-19-Infektionen und über 8.700 Sterbefällen ist für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und angeborenen Herzfehlern mit hohen Risiken verbunden. Für viele Covid-19-Erkrankte sind die Folgen für das Herz und andere Organe gravierend bis hin zu langfristigen Beeinträchtigungen der Herz- und Lungenfunktion. Mit dem Ziel, möglichst rasch zur Klärung der dringlichsten Fragestellungen zum neuartigen Coronavirus im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und angeborenen Herzfehlern beizutragen, hat die Deutsche Herzstiftung in einer Ad-hoc-Initiative eine Million Euro für die Forschungsförderung im Kampf gegen SARS-CoV-2 bereitgestellt. Von insgesamt 60 Forschungsanträgen konnten innerhalb kürzester Zeit 14 Forschungsvorhaben für eine Projektförderung mit einem Gesamtfördervolumen von über 940.000 Euro bestimmt werden. Über die einzelnen Forschungsvorhaben informiert die Herzstiftung unter www.herzstiftung.de/COVID-19-Projektfoerderung.html
„In einer Extremsituation wie der Pandemie durch das neuartige Coronavirus sind neue Forschungsergebnisse äußerst wichtig, um Prävention und Behandlung zu verbessern“, betont der Notfallmediziner und Kardiologe Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Menschen mit Herz- und Kreislauferkrankungen zählen zu den Personengruppen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf einer Coronavirus-Infektion. Das gilt für herzkranke Kinder wie für Erwachsene mit erworbenen Herz-Kreislauf-Leiden wie Herzschwäche oder Bluthochdruck. „Wir wollen deshalb mit der Förderung möglichst rasch auf dem Boden hochkarätiger Forschung verlässliche Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie gewinnen, die helfen, Herz-Kreislauf-Patienten vor den Folgen einer Covid-19-Erkrankung zu schützen“, betont der Kardiologe und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer.
Forschungsvorhaben werden facettenreicher Corona-Thematik gerecht Sieben Gutachter aus dem Vorstand der Deutschen Herzstiftung haben unter der Leitung von Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, selbst im Vorstand der Herzstiftung und Kardiologe am Deutschen Herzzentrum München, in insgesamt drei Evaluationsrunden alle Anträge geprüft. Nach mehreren Sitzungen zur Bewertung der Projektanträge hat sich das Gremium auf 14 Anträge geeinigt. „Sämtliche leistungsstarken Wissenschaftler haben mit Forschungsanträgen auf die Ausschreibung reagiert. Das Feld der förderungswürdigen Projekte wird der Komplexität und des Facettenreichtums der Corona-Thematik gerecht und ist folgerichtig interdisziplinär aufgestellt: neben den herzmedizinischen Disziplinen sind auch andere Fachbereiche involviert, darunter die Transfusionsmedizin, die Pathologie und Biochemie“, betont Schunkert.
Corona-Impfstoff muss sich auch für herzkranke Kinder und Erwachsene eignen Entsprechend groß ist auch die Bandbreite der Fragestellungen aus den bewilligten Vorhaben: „Die Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 bei vorerkrankten Risikopatienten ist Gegenstand eines der unterstützten Vorhaben. Schließlich sollen Impfstoffe auch bei herzkranken Kindern und Erwachsenen eingesetzt werden können“, erklärt Schunkert. „Ebenso beschäftigen sich Forscher mit Verfahren, die herztransplantierte Patienten aufgrund ihres unterdrückten Immunsystems besser für eine Coronavirus-Infektion rüsten sollen, hier spielen die Antikörper-Bildung nach einer Covid-19-Erkrankung und die Verträglichkeit von Impfstoffen eine Rolle.“ Auch unter welchen Konstellationen das Coronavirus das Herz von Menschen direkt schädigt, die noch nicht als herz- oder gefäßkrank in Erscheinung getreten sind, ist Thema der Forschungsförderung. So soll mit Hilfe von Gewebeanalysen verstorbener Covid-19-Patienten die Frage geklärt werden, durch welche Mechanismen das neuartige Coronavirus möglicherweise zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen kann. „Wissenschaftler verfolgen hierzu mehrere Hypothesen. Analysen sollen hier Klarheit schaffen“, betont Schunkert. Auch andere hochaktuelle Fragestellungen etwa zu epidemiologischen Themen oder zur Rolle gefährlicher Gerinnungsstörungen bei Covid-19-Erkrankten sind bei der Bewilligung der Projektförderung berücksichtigt: Wie kommt es zu den in Notfallambulanzen in Deutschland (wie auch im Ausland) häufig berichteten Rückgängen von Herzinfarkteinlieferungen im Zuge der Corona-Pandemie – und wie wirkt sich dieser besorgniserregende Trend auf die Morbidität und Sterblichkeit in bestimmten Regionen aus? „Nur mit Hilfe einer Forschungsförderung, die diesen vielschichtigen Problemen der Corona-Pandemie für die herzmedizinische Versorgung gerecht wird, können wir wirkungsvoll Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankung vor schwerwiegenden Beeinträchtigungen und Tod durch das Coronavirus schützen“, erklärt Prof. Voigtländer.
Der Vorstand der Deutschen Herzstiftung hat die Förderung der Projekte mit einer Gesamtsumme von € 941.414,- beschlossen, eine Liste der Projekte ist unter www.herzstiftung.de/COVID-19-Projektfoerderung.html abrufbar.
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, HDZ NRW Bad Oeynhausen (Foto: Peter Hübbe).
Zum wiederholten Male hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) dem Diabeteszentrum am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe höchste Qualitätsstandards und eine leitliniengerechte Betreuung von Diabeteszentren bescheinigt. Die hohe Qualifikation der Mitarbeiter, zahlreiche diabetesspezifische Therapieleistungen und ein klar definiertes Behandlungs- und Überweisungsmanagement fanden dabei das besondere Lob der Gutachter.
Mit ausschlaggebend für die Auszeichnung waren auch die besonders hohen Erfahrungswerte des interdisziplinären Diabetesteams am HDZ NRW. Im Bad Oeynhausener Diabeteszentrum werden jährlich rund 2.000 Patienten mit allen Typen des Diabetes mellitus und seinen Folgeerkrankungen behandelt. „Die Komplexität der Erkrankung erfordert ein besonderes Wissen in der Diagnostik, Therapie und Risikoabschätzung kardiovaskulärer, aber auch endokrinologischer und gastroenterologischer Erkrankungen“, erläutert Professor Tschöpe. An seiner Klinik ist man zudem auf die Behandlung von Nervenschäden und Durchblutungsschäden einschließlich der Wundheilung bei Diabetischem Fußsyndrom spezialisiert.
Insgesamt benötige jeder Patient langfristig eine individuelle Behandlung, um das Risiko ernster Folgeerkrankungen so gering wie möglich zu halten. „Ein erhöhter Blutzucker bleibt oft über Jahre unbemerkt. Er schädigt die kleinen und großen Gefäße“, beschreibt Tschöpe die Gefahr. „Auf Dauer kann das zu Schlaganfall oder Herzinfarkt, Nierenleiden, Amputationen oder Erblindungen führen.“
Ein enges Zusammenspiel von Hausärzten, Fachärzten, Psychologen, Podologen, Diabetes- und Ernährungsberaterinnen und -assistenten stelle daher am Diabeteszentrum sicher, dass Begleit- und Folgeerkrankungen des Diabetes so frühzeitig wie möglich erkannt und behandelt werden. In Schulungen und Beratungsgesprächen, die für die Patienten des Diabeteszentrums während der Pandemie auch online angeboten werden, vermitteln die Experten, wie es gelingt, den Alltag mit der Erkrankung gut zu meistern.
Weitere Informationen:
Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein- Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 35.000 Patienten pro Jahr, davon 14.600 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren seiner Art in Europa. Unter einem Dach arbeiten fünf Universitätskliniken und Institute seit über 35 Jahren interdisziplinär zusammen. Das HDZ NRW ist Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum.
DGU-Präsident Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler. Foto: Bertram Solcher
Die Sommerhitze steht vor der Tür und damit auch die saisonale Häufung von Harnsteinerkrankungen. Hohe Temperaturen, verstärktes Schwitzen und eine unzureichende Trinkmenge begünstigen das als „Sommerkrankheit Harnsteine“ bekannte Phänomen. „Aktuelle Entwicklungen bei der Diagnostik, den minimal-invasiven Therapien und der Prävention von Steinerkrankungen werden wir auf dem 72. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie diskutieren“, sagt der Präsident der Fachgesellschaft, Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler.
Der Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie der SLK-Kliniken Heilbronn leitet die weltweitdrittgrößte urologische Fachtagung, die vom 23. bis 26. September 2020 in Leipzig stattfinden soll.
Harnsteinerkrankungen zählen zu den sogenannten Volkskrankheiten. Als ursächlich für die ansteigende Häufigkeit in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern gelten zunehmendes Übergewicht und veränderte Lebensumstände. Ungesunde Ernähungsgewohnheiten, wenig Ballaststoffe und unzureichende Bewegung fördern das Risiko. Dazu ist Diabetes ein relevanter Risikofaktor für die Bildung von Harnsteinen, die im gesamten Harntrakt vorkommen und je nach Lage als Nierensteine, Harnleitersteine und Blasensteine bezeichnet werden.
„Harnsteinerkrankungen sind der häufigste Anlass für eine urologische Notfalleinweisung. Etwa jeder zehnte Deutsche wird zumindest einmal in seinem Leben einen Stein bilden“, sagt Prof. Dr. Thomas Knoll aus der Steuerungsgruppe der „S2K-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis“ der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU). Männer sind nach seinen Worten häufiger betroffen als Frauen, wobei der Unterschied weltweit geringer wird. Der Altersgipfel liege im fünften und sechsten Lebensjahrzehnt. „Bei Kindern ist die Steinerkrankung sehr selten und meist genetisch bedingt. Bei Adoleszenten ist allerdings eine zunehmende Häufigkeit zu beobachten, wohl auch durch Fettleibigkeit und andere bekannte Risikofaktoren verursacht“, so Prof. Knoll.
Kleinere Steine können mit medikamentöser Unterstützung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr spontan ausgeschieden werden. Dabei scheinen, nach Prof. Knoll, bestimmte Alphablocker bei Harnleitersteinen von mehr als 5 mm den Spontanabgang des Steins zu begünstigen. Die interventionellen Therapien von größeren Nieren- und Harnleitersteinen erfolgen heute in praktisch allen Fällen ohne offene Schnittoperationen, sondern minimal-invasiv. Das Spektrum reicht von der Zertrümmerung der Steine durch Schallwellen von außen, der sogenannten extrakorporalen Stoßwellen Lithotripsie (ESWL), bis hin zu endoskopischen Verfahren der Schlüssellochchirurgie. „Bei den minimalinasiven Therapien hat die ESWL in den letzten Jahren vor allem gegenüber der Ureterorenoskopie erheblich an Stellenwert verloren“, sagt Urologe Knoll.
Eine neue Studie soll die verschiedenen Verfahren miteinander vergleichen. „In den vergangenen 40 Jahren wurden mit der Einführung der Stosswellentherapie und der modernen endourologischen Techniken große Fortschritte in der minimalinvasiven Therapie der Steinerkrankung erzielt. Die Datenlage hinsichtlich eines Vergleichs der verschiedenen interventionellen Therapieverfahren ist allerdings weiterhin schlecht“, sagt Prof. Dr. Martin Schönthaler aus dem DGU-Arbeitskreis Harnsteine, der die „Deutsche Steinstudie“ initiiert hat und auf dem 72. DGU-Kongress eine Pilotstudie vorstellen wird. „Mit der Pilotstudie zur ‚Deutschen Steinstudie’, deren Publikation aktuell vorbereitet wird, konnte gezeigt werden, dass eine methodisch anspruchsvolle randomisierte chirurgisch-urologische Studie auch im Rahmen des deutschen Gesundheitssystems und den entsprechend hohen regulatorischen Anforderungen durchgeführt werden kann“, sagt Prof. Schönthaler, der 2019 bereits das Nationale Harnsteinregister auf den Weg gebracht hat. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte voll-automatisierte digitale Forschungsregisters für rezidivierende Urolithiasis des oberen Harntraktes (RECUR) unter Leitung von Prof. Martin Schönthaler steht unter der Schirmherrschaft der DGU. „Mit den gewonnenen Erkenntnissen wird die individuelle Versorgung von Patientinnen und Patienten mit rezidivierenden Harnsteinleiden verbessert, aber auch die gesellschaftliche Belastung durch häufige Hospitalisierungen und hohe Therapiekosten reduziert werden können“, erklärt Schönthaler. „Erste Ergebnisse aus der Aufbauphase von RECUR werden in Leipzig präsentiert werden“, sagt DGU- und Kongresspräsident Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler, der in einem neuen Video-Cast über den aktuellen Stand der Kongressplanung in Corona-Zeiten informiert.
Die altruistische Spende von Augenhornhaut, Herzklappen, Blutgefäßen, Knochen- und Knorpelgewebe ermöglicht Gewebetransplantationen DGFG
Die Covid-19-Pandemie hat den regulären Klinikbetrieb stillstehen lassen. Auch viele Gewebe- und insbesondere Augenhornhauttransplantationen mussten verschoben werden. Mit der sukzessiven Wiederaufnahme von elektiven Transplantationen ist für Patienten eine rasche Versorgung mit Gewebetransplantaten wichtig. Anlässlich des Tags der Organspende am 06. Juni macht die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) auf die dringend benötigten Gewebespende aufmerksam.
"Wir stellen uns darauf ein, die Versorgung mit Gewebetransplantaten in den kommenden Wochen wieder hochzufahren. Wir sehen, dass die Krankenhäuser die OP-Kapazitäten zügig auf 60 bis 70 Prozent erhöhen. Statt des sonst typischen Sommerlochs, werden mehr Transplantationen in der Jahresmitte stattfinden", zeigt sich Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG, entschlossen. Zu erwarten sei dies, da im April viele Transplantationen seitens Kliniken, aber auch auf Wunsch von Patienten selbst, verschoben wurden.
Zudem bliebe das Infektionsgeschehen im kommenden Herbst und Winter ungewiss und damit auch die Auswirkungen auf elektive Operationen. "Werden Transplantationen als elektive Operationen verschoben, können diese zu Notfällen werden. Genau das sehen wir jetzt: Einige der Fälle nähern sich einer solchen Dringlichkeit, dass Patienten nun umgehend versorgt werden müssen", beobachtet Börgel und erwartet, dass in den kommenden Monaten Transplantationen nicht nur nachgeholt, sondern auch vorgezogen werden. Er verdeutlicht: "Der plötzliche Einschlag durch den Lockdown war heftig. Ich möchte niemanden auf diesem Weg verlieren". Dies gilt für Patienten, die auf ein Transplantat angewiesen sind, unterstreicht aber auch das Bestreben, diese Krise gemeinsam mit Spendekrankenhäusern, Gewebebanken und transplantierenden Einrichtungen durchzustehen.
Herausforderung: 50 Prozent weniger Gewebetransplantationen
Weltweit haben sich bislang rund sechs Millionen Menschen mit dem SARS- CoV-2-Virus infiziert. Die bundesweit beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und der Aufschub elektiver Operationen stellte die DGFG dabei vor große Herausforderungen: Während im März das Transplantationsgeschehen nahezu normal verlief, folgte im April ein deutlicher Einbruch im Bereich der ophthalmologischen Gewebetransplantationen um fast 50 Prozent. Trotz des rapiden Rückgangs kann Deutschland die Transplantationsrate über dem Niveau anderer europäischer Länder halten. Extrem betroffen ist Italien; die Auswirkungen auf die hiesige Gewebemedizin verheerend. Nach Angaben der Veneto Eye Bank Foundation in Venedig, lag die Transplantationsaktivität im April im Vergleich zur ersten Februarhälfte bei zehn Prozent[i]. Ähnlich prekär ist auch die Lage in Spanien[ii].
Die kurzfristige Absage von Augenhornhauttransplantationen im April war insbesondere deswegen planerisch, wirtschaftlich und ethisch herausfordernd, weil Augenhornhauttransplantate eine begrenzte Lagerfähigkeit (34 Tage) haben. Auf gesunkene Transplantationskapazitäten zu reagieren und gleichzeitig eine Notfallversorgung sicherzustellen ist ein Spagat, den Vermittlungsstelle, Koordinatorinnen und Koordinatoren, Ärztinnen und Ärzte, Gewebebanken sowie Spendestandorte und -kliniken gemeinsam gemeistert haben. Dies reflektieren die deutlich niedrigeren Spendezahlen: 171 Gewebespenden wurden im April durchgeführt; im März waren es noch 233 und im Februar 271.
Normalität in der Krise: Wieder mehr Gewebespenden
Nun gilt es, Normalität in der Krise zu etablieren und die Spende dem wieder steigenden Transplantationsaufkommen anzupassen. Im Mai ist dies bereits gelungen: 243 Menschen spendeten Gewebe. Das bundesweite Netzwerk von 31 DGFG Standorten und über 100 Spendekrankenhäusern kommt zum Tragen: Können auf Grund von örtlichem Infektionsgeschehen Spenden an einem Standort nicht realisiert werden, gleichen andere Standorte dieses Defizit aus.
Voraussetzung für die Gewebespende ist die Einwilligung seitens Spendern und Angehörigen. Auch am diesjährigen Tag der Organspende, der virtuell stattfindet, informiert die DGFG deshalb zur Gewebespende nach dem Tod. In einem Live-Chat beantwortet die DGFG am Samstag, den 06. Juni, Fragen zur Gewebespende unter www.organspendetag.de.
Gewebetransplantate sind sicher
Bei der Beurteilung der Gewebesicherheit folgt die DGFG den Leitlinien und Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Diesem zufolge sei eine Übertragung respiratorischer Viren durch Implantation, Transplantation, Infusion oder Transfer von menschlichen Zellen oder Gewebe bisher nicht beschrieben. Zum aktuellen Zeitpunkt seien keine Fälle einer Übertragung von SARS-CoV-2 über Gewebezubereitungen berichtet worden[iii].
Das ohnehin sorgfältige Screening potenzieller Gewebespender, wurde um die explizite Abfrage von Reisetätigkeiten und Aufenthalten in Covid-19-Risikogebieten und Kontakten mit Covid-19 Infektions- und Verdachtsfällen erweitert. Potenzielle Gewebespender mit einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion oder mit Kontakt zu Infizierten werden entsprechend der Vorgaben des PEI vorsorglich ausgeschlossen.
Transplantationsmediziner äußern sich zur Gewebetransplantation während der Covid-19-Pandemie*
Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchsluger, Direktor der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Universitätsmedizin Rostock: "In den vergangenen Wochen hat die Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Unimedizin Rostock trotz eines eingeschränkten Klinikbetriebs alle Notfallpatienten mit Gewebetransplantaten versorgt. Jetzt arbeiten wir mit Hochdruck daran, verschobene Operationen - wie auch elektive Hornhauttransplantationen - nachzuholen. Unsere Patienten vertrauen uns und haben Verständnis. Außerdem wird bei uns jeder voll- und teilstationäre Patient bei seiner Aufnahme auf Covid-19 getestet, so dass eine sehr hohe Sicherheit besteht. Die Zusammenarbeit bei uns im Team und auch mit der DGFG funktioniert hervorragend und zuverlässig - auch in unsicheren Zeiten."
Prof. Dr. Carsten Framme, Direktor der Universitätsklinik für Augenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH): "Ein Augenhornhauttransplantat ist ein wertvolles Gut, denn es ist eine altruistische Spende eines verstorbenen Menschen. Den Verwurf dieser Gewebespenden zu vermeiden war uns wichtig! Deswegen haben wir in den vergangenen Wochen neben akuten Notfällen auch wenige geplante Transplantationen vorgenommen, wenn über die DGFG entsprechendes Gewebe zur Verfügung stand. Die Augenhornhauttransplantation ist darüber hinaus zumeist ultima ratio - eine gewisse Dringlichkeit ist also häufig gegeben. Transplantationen, die dennoch verschoben wurden, werden nun zügig nachgeholt."
Prof. Dr. Markus Kleemann, Facharzt für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Universitären Gefäßzentrum am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein-Campus Lübeck: "Die Covid-19-Pandemie hat in den vergangenen Monaten alle Bereiche des Gesundheitssystems betroffen. Das Team der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation konnte uns in dieser herausfordernden Zeit dennoch - in gewohnt konstruktiver Weise - für zwei Patienten mit schwerer Gefäßinfektion Homografts zur Verfügung stellen. Eine sichere Patientenversorgung, auch in Notfällen, war daher möglich. Ob in den kommenden Monaten eine erhöhte Nachfrage nach diesen humanen Transplantaten zu erwarten ist, bleibt schwer abzuschätzen. Der Gefäßersatz mit Homografts bleibt jedenfalls eine sinnvolle Alternative zur Gefäßrekonstruktion in schweren Infektsituationen."
Dr. Erik Chankiewitz, Direktor der Augenklinik am Klinikum Bremen-Mitte: "Die Vorbereitungen auf die Covid-19-Pandemie hatte Mitte März 2020 dazu geführt, dass wir in unserer Augenklinik das gesamte Programm binnen weniger Tage auf einen reinen Notbetrieb umgestellt haben. Für unsere Patienten bedeutete das ein Verschieben von Ambulanzterminen und Absagen von planbaren Operationen. Davon waren auch geplante Transplantationen betroffen, so dass wir von Mitte März bis Mitte Mai insgesamt nur ein Drittel so viele Hornhautübertragungen gemacht haben, wie sonst in einem normalen zehnwöchigen Intervall. Eine deutliche Beobachtung war die Zunahme an schwerwiegenden Hornhautkomplikationen, so dass wir fast wöchentlich eine Hornhautübertragung als Notfall durchführen mussten. Der deutschlandweite Verbund der Gewebebanken im DGFG Netzwerk ist stark durch Vernetzung, großartige Mitarbeiter und cleveres Management und schenkte unseren Patienten auch in schwersten Zeiten Hoffnung auf Heilung! Nachdem wir den Vollbetrieb nun wieder aufgenommen haben, warten 684 Patienten auf einen neuen Termin - davon auch viele für eine Hornhauttransplantation. Der Bedarf wird also voraussichtlich in den nächsten Wochen stark steigen."
Dr. Peter Murin, Oberarzt an der Klinik für Chirurgie Angeborener Herzfehler/Kinderherzchirurgie am Deutschen Herzzentrum Berlin: "Auch in unserer Klinik wurden während der Covid-19-Pandemie nur Patienten mit einer dringlichen Indikation operiert. Die Hälfte unserer Patienten auf der Warteliste auf eine Gewebetransplantation muss leider mehrere Monate länger auf ihre Operation warten. Die reservierten Gewebetransplantate wurden in diesen Fällen kurzfristig storniert. Besonders während dieser komplizierten Phase konnten wir uns auf die Hilfsbereitschaft und Flexibilität der DGFG verlassen. In den nächsten Monaten steht uns eine aufwendige Wiederaufnahme des Regelbetriebs vor. In den letzten Tagen konnten wir allerdings schon auch die neuen Gewebetransplantate für verschobene Patienten allokieren, sodass bald wieder die ersten Patienten termingerecht versorgt werden können."
Prof. Dr. Arne Viestenz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Halle & Leiter der Mitteldeutschen Hornhautbank Halle (MCH): "An der Universitätsaugenklinik Halle wurde rasch auf die Corona-Pandemie reagiert. Die Mitteldeutsche Hornhautbank Halle (MCH) arbeitete mit einem Back-up-Team, um im Fall einer Infektion von Mitarbeiterinnen auch weiterhin Gewebe zur Hornhauttransplantation zur Verfügung stellen zu können. Als zentraler Partner koordinierte die DGFG auch in den vergangenen Wochen trotz schwerer Bedingungen die Gewebespende und unterstützte bedarfsgerecht, um deutschlandweit Kliniken zu helfen, die dringend Hornhautgewebe zur Versorgung von Patienten benötigten. Nottransplantationen - etwa bei Hornhautgeschwüren, Verletzungen oder schweren Augeninfektionen - konnten wir daher jederzeit durchführen. Hornhauttransplantationen im gewohnten Maß hingegen haben wir erst dann fortgesetzt, als Sicherungsmaßnahmen, wie Schutzmasken, Abstriche, Isolationszimmer, Covid-Stationen, am Universitätsklinikum Halle eingerichtet worden waren. Bei Operationen mit erhöhtem Infektionsrisiko durch eine Immunsuppression sind wir noch zurückhaltend, um unsere Patienten keiner Gefährdung auszusetzen. Aufgrund verschobener Transplantationen und auch der inzwischen abnehmenden Sorgen in der Bevölkerung, was Operations- und Infektionsrisiken angeht, wird in den kommenden Monaten mit einem erhöhten Bedarf an Transplantationen zu rechnen sein."
Prof. Dr. Peter Szurman, Chefarzt der Augenklinik Sulzbach am Knappschaftsklinikum Saar: "An der Augenklinik Sulzbach wurden keine Transplantationen ausgesetzt. Wir haben währen der gesamten Pandemiezeit weiter transplantiert. Aus meiner Sicht handelt es sich hier nicht um aufschiebbare Operationen, denn dem Patienten würde ein medizinischer Schaden drohen. Das Transplantat wartet nicht."
*Hinweis: Die folgenden Statements sind zur Zitation freigegeben. Bei Interesse vermitteln wir gerne Direktkontakte für individuelle Interviews und fachliche Rückfragen.