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Gesundheit

Kampf gegen Covid-19: Eine Million Euro für patientennahe Forschung

Deutsche Herzstiftung stellt rund eine Million Euro für neue Erkenntnisse
zu Coronavirus-Erkrankung im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
zur Verfügung. 14 Forschungsvorhaben erhalten Fördermittel

Die Pandemie durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 mit derzeit über
184.500 Covid-19-Infektionen und über 8.700 Sterbefällen ist für Menschen
mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und angeborenen Herzfehlern mit hohen
Risiken verbunden. Für viele Covid-19-Erkrankte sind die Folgen für das
Herz und andere Organe gravierend bis hin zu langfristigen
Beeinträchtigungen der Herz- und Lungenfunktion. Mit dem Ziel, möglichst
rasch zur Klärung der dringlichsten Fragestellungen zum neuartigen
Coronavirus im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und
angeborenen Herzfehlern beizutragen, hat die Deutsche Herzstiftung in
einer Ad-hoc-Initiative eine Million Euro für die Forschungsförderung im
Kampf gegen SARS-CoV-2 bereitgestellt. Von insgesamt 60 Forschungsanträgen
konnten innerhalb kürzester Zeit 14 Forschungsvorhaben für eine
Projektförderung mit einem Gesamtfördervolumen von über 940.000 Euro
bestimmt werden. Über die einzelnen Forschungsvorhaben informiert die
Herzstiftung unter www.herzstiftung.de/COVID-19-Projektfoerderung.html

„In einer Extremsituation wie der Pandemie durch das neuartige Coronavirus
sind neue Forschungsergebnisse äußerst wichtig, um Prävention und
Behandlung zu verbessern“, betont der Notfallmediziner und Kardiologe
Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen
Herzstiftung. Menschen mit Herz- und Kreislauferkrankungen zählen zu den
Personengruppen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf einer
Coronavirus-Infektion. Das gilt für herzkranke Kinder wie für Erwachsene
mit erworbenen Herz-Kreislauf-Leiden wie Herzschwäche oder Bluthochdruck.
„Wir wollen deshalb mit der Förderung möglichst rasch auf dem Boden
hochkarätiger Forschung verlässliche Erkenntnisse in Diagnostik und
Therapie gewinnen, die helfen, Herz-Kreislauf-Patienten vor den Folgen
einer Covid-19-Erkrankung zu schützen“, betont der Kardiologe und
stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Prof.
Dr. med. Thomas Voigtländer.

Forschungsvorhaben werden facettenreicher Corona-Thematik gerecht
Sieben Gutachter aus dem Vorstand der Deutschen Herzstiftung haben unter
der Leitung von Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, selbst im Vorstand der
Herzstiftung und Kardiologe am Deutschen Herzzentrum München, in insgesamt
drei Evaluationsrunden alle Anträge geprüft. Nach mehreren Sitzungen zur
Bewertung der Projektanträge hat sich das Gremium auf 14 Anträge geeinigt.
„Sämtliche leistungsstarken Wissenschaftler haben mit Forschungsanträgen
auf die Ausschreibung reagiert. Das Feld der förderungswürdigen Projekte
wird der Komplexität und des Facettenreichtums der Corona-Thematik gerecht
und ist folgerichtig interdisziplinär aufgestellt: neben den
herzmedizinischen Disziplinen sind auch andere Fachbereiche involviert,
darunter die Transfusionsmedizin, die Pathologie und Biochemie“, betont
Schunkert.

Corona-Impfstoff muss sich auch für herzkranke Kinder und Erwachsene
eignen
Entsprechend groß ist auch die Bandbreite der Fragestellungen aus den
bewilligten Vorhaben: „Die Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2
bei vorerkrankten Risikopatienten ist Gegenstand eines der unterstützten
Vorhaben. Schließlich sollen Impfstoffe auch bei herzkranken Kindern und
Erwachsenen eingesetzt werden können“, erklärt Schunkert. „Ebenso
beschäftigen sich Forscher mit Verfahren, die herztransplantierte
Patienten aufgrund ihres unterdrückten Immunsystems besser für eine
Coronavirus-Infektion rüsten sollen, hier spielen die Antikörper-Bildung
nach einer Covid-19-Erkrankung und die Verträglichkeit von Impfstoffen
eine Rolle.“ Auch unter welchen Konstellationen das Coronavirus das Herz
von Menschen direkt schädigt, die noch nicht als herz- oder gefäßkrank in
Erscheinung getreten sind, ist Thema der Forschungsförderung. So soll mit
Hilfe von Gewebeanalysen verstorbener Covid-19-Patienten die Frage geklärt
werden, durch welche Mechanismen das neuartige Coronavirus möglicherweise
zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen kann. „Wissenschaftler
verfolgen hierzu mehrere Hypothesen. Analysen sollen hier Klarheit
schaffen“, betont Schunkert. Auch andere hochaktuelle Fragestellungen etwa
zu epidemiologischen Themen oder zur Rolle gefährlicher
Gerinnungsstörungen bei Covid-19-Erkrankten sind bei der Bewilligung der
Projektförderung berücksichtigt: Wie kommt es zu den in Notfallambulanzen
in Deutschland (wie auch im Ausland) häufig berichteten Rückgängen von
Herzinfarkteinlieferungen im Zuge der Corona-Pandemie – und wie wirkt sich
dieser besorgniserregende Trend auf die Morbidität und Sterblichkeit in
bestimmten Regionen aus? „Nur mit Hilfe einer Forschungsförderung, die
diesen vielschichtigen Problemen der Corona-Pandemie für die
herzmedizinische Versorgung gerecht wird, können wir wirkungsvoll Menschen
mit Herz-Kreislauf-Erkrankung vor schwerwiegenden Beeinträchtigungen und
Tod durch das Coronavirus schützen“, erklärt Prof. Voigtländer.

Der Vorstand der Deutschen Herzstiftung hat die Förderung der Projekte mit
einer Gesamtsumme von € 941.414,- beschlossen, eine Liste der Projekte ist
unter www.herzstiftung.de/COVID-19-Projektfoerderung.html abrufbar.

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Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, HDZ NRW Bad Oeynhausen  (Foto: Peter Hübbe).

Behandlungsstrategie gegen die Volkskrankheit Nr. 1

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, HDZ NRW Bad Oeynhausen  (Foto: Peter Hübbe).
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, HDZ NRW Bad Oeynhausen (Foto: Peter Hübbe).

Zum wiederholten Male hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) dem
Diabeteszentrum am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad
Oeynhausen, unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe
höchste Qualitätsstandards und eine leitliniengerechte Betreuung von
Diabeteszentren bescheinigt. Die hohe Qualifikation der Mitarbeiter,
zahlreiche diabetesspezifische Therapieleistungen und ein klar definiertes
Behandlungs- und Überweisungsmanagement fanden dabei das besondere Lob der
Gutachter.

Mit ausschlaggebend für die Auszeichnung waren auch die besonders hohen
Erfahrungswerte des interdisziplinären Diabetesteams am HDZ NRW. Im Bad
Oeynhausener Diabeteszentrum werden jährlich rund 2.000 Patienten mit
allen Typen des Diabetes mellitus und seinen Folgeerkrankungen behandelt.
„Die Komplexität der Erkrankung erfordert ein besonderes Wissen in der
Diagnostik, Therapie und Risikoabschätzung kardiovaskulärer, aber auch
endokrinologischer und gastroenterologischer Erkrankungen“, erläutert
Professor Tschöpe. An seiner Klinik ist man zudem auf die Behandlung von
Nervenschäden und Durchblutungsschäden einschließlich der Wundheilung bei
Diabetischem Fußsyndrom spezialisiert.

Insgesamt benötige jeder Patient langfristig eine individuelle Behandlung,
um das Risiko ernster Folgeerkrankungen so gering wie möglich zu halten.
„Ein erhöhter Blutzucker bleibt oft über Jahre unbemerkt. Er schädigt die
kleinen und großen Gefäße“, beschreibt Tschöpe die Gefahr. „Auf Dauer kann
das zu Schlaganfall oder Herzinfarkt, Nierenleiden, Amputationen oder
Erblindungen führen.“

Ein enges Zusammenspiel von Hausärzten, Fachärzten, Psychologen,
Podologen, Diabetes- und Ernährungsberaterinnen und -assistenten stelle
daher am Diabeteszentrum sicher, dass Begleit- und Folgeerkrankungen des
Diabetes so frühzeitig wie möglich erkannt und behandelt werden. In
Schulungen und Beratungsgesprächen, die für die Patienten des
Diabeteszentrums während der Pandemie auch online angeboten werden,
vermitteln die Experten, wie es gelingt, den Alltag mit der Erkrankung gut
zu meistern.



Weitere Informationen:

Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 35.000 Patienten pro Jahr, davon
14.600 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren
seiner Art in Europa. Unter einem Dach arbeiten fünf Universitätskliniken
und Institute seit über 35 Jahren interdisziplinär zusammen. Das HDZ NRW
ist Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum.

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DGU-Präsident Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler.  Foto: Bertram Solcher

Die häufigste urologische Notfalleinweisung: Neues zu Harnsteinerkrankungen auf dem 72. DGU-Kongress

DGU-Präsident Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler.  Foto: Bertram Solcher
DGU-Präsident Prof. Dr. Dr. Jens Rassweiler. Foto: Bertram Solcher

Die Sommerhitze steht vor der Tür und damit auch die saisonale Häufung von
Harnsteinerkrankungen. Hohe Temperaturen, verstärktes Schwitzen und eine
unzureichende Trinkmenge begünstigen das als „Sommerkrankheit Harnsteine“
bekannte Phänomen. „Aktuelle Entwicklungen bei der Diagnostik, den
minimal-invasiven Therapien und der Prävention von Steinerkrankungen
werden wir auf dem 72. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie
diskutieren“, sagt der Präsident der Fachgesellschaft, Prof. Dr. Dr. Jens
Rassweiler.

Der Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie der SLK-Kliniken
Heilbronn leitet die weltweitdrittgrößte urologische Fachtagung, die vom
23. bis 26. September 2020 in Leipzig stattfinden soll.

Harnsteinerkrankungen zählen zu den sogenannten Volkskrankheiten. Als
ursächlich für die ansteigende Häufigkeit in Deutschland und anderen
westlichen Industrieländern gelten zunehmendes Übergewicht und veränderte
Lebensumstände. Ungesunde Ernähungsgewohnheiten, wenig Ballaststoffe und
unzureichende Bewegung fördern das Risiko. Dazu ist Diabetes ein
relevanter Risikofaktor für die Bildung von Harnsteinen, die im gesamten
Harntrakt vorkommen und je nach Lage als Nierensteine, Harnleitersteine
und Blasensteine bezeichnet werden.

„Harnsteinerkrankungen sind der häufigste Anlass für eine urologische
Notfalleinweisung. Etwa jeder zehnte Deutsche wird zumindest einmal in
seinem Leben einen Stein bilden“, sagt Prof. Dr. Thomas Knoll aus der
Steuerungsgruppe der „S2K-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und
Metaphylaxe der Urolithiasis“ der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.
(DGU). Männer sind nach seinen Worten häufiger betroffen als Frauen, wobei
der Unterschied weltweit geringer wird. Der Altersgipfel liege im fünften
und sechsten Lebensjahrzehnt. „Bei Kindern ist die Steinerkrankung sehr
selten und meist genetisch bedingt. Bei Adoleszenten ist allerdings eine
zunehmende Häufigkeit zu beobachten, wohl auch durch Fettleibigkeit und
andere bekannte Risikofaktoren verursacht“, so Prof. Knoll.

Kleinere Steine können mit medikamentöser Unterstützung und ausreichender
Flüssigkeitszufuhr spontan ausgeschieden werden. Dabei scheinen, nach
Prof. Knoll,  bestimmte Alphablocker bei Harnleitersteinen von mehr als 5
mm den Spontanabgang des Steins zu begünstigen.
Die interventionellen Therapien von größeren Nieren- und Harnleitersteinen
erfolgen heute in praktisch allen Fällen ohne offene Schnittoperationen,
sondern minimal-invasiv. Das Spektrum reicht von der Zertrümmerung der
Steine durch Schallwellen von außen, der sogenannten extrakorporalen
Stoßwellen Lithotripsie (ESWL), bis hin zu endoskopischen Verfahren der
Schlüssellochchirurgie. „Bei den minimalinasiven Therapien hat die ESWL in
den letzten Jahren vor allem gegenüber der Ureterorenoskopie erheblich an
Stellenwert verloren“, sagt Urologe Knoll.

Eine neue Studie soll die verschiedenen Verfahren miteinander vergleichen.
„In den vergangenen 40 Jahren wurden mit der Einführung der
Stosswellentherapie und der modernen endourologischen Techniken große
Fortschritte in der minimalinvasiven Therapie der Steinerkrankung erzielt.
Die Datenlage hinsichtlich eines Vergleichs der verschiedenen
interventionellen Therapieverfahren ist allerdings weiterhin schlecht“,
sagt Prof. Dr. Martin Schönthaler aus dem DGU-Arbeitskreis Harnsteine, der
die „Deutsche Steinstudie“ initiiert hat und auf dem 72. DGU-Kongress eine
Pilotstudie vorstellen wird.
„Mit der Pilotstudie zur ‚Deutschen Steinstudie’, deren Publikation
aktuell vorbereitet wird, konnte gezeigt werden, dass eine methodisch
anspruchsvolle randomisierte chirurgisch-urologische Studie auch im Rahmen
des deutschen Gesundheitssystems und den entsprechend hohen
regulatorischen Anforderungen durchgeführt werden kann“, sagt Prof.
Schönthaler, der 2019 bereits das Nationale Harnsteinregister auf den Weg
gebracht hat. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
geförderte voll-automatisierte digitale Forschungsregisters für
rezidivierende Urolithiasis des oberen Harntraktes (RECUR) unter Leitung
von Prof. Martin Schönthaler steht unter der Schirmherrschaft der DGU.
„Mit den gewonnenen Erkenntnissen wird die individuelle Versorgung von
Patientinnen und Patienten mit rezidivierenden Harnsteinleiden verbessert,
aber auch die gesellschaftliche Belastung durch häufige Hospitalisierungen
und hohe Therapiekosten reduziert werden können“, erklärt Schönthaler.
„Erste Ergebnisse aus der Aufbauphase von RECUR werden in Leipzig
präsentiert werden“, sagt DGU- und Kongresspräsident Prof. Dr. Dr. Jens
Rassweiler, der in einem neuen Video-Cast über den aktuellen Stand der
Kongressplanung in Corona-Zeiten informiert.

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Die altruistische Spende von Augenhornhaut, Herzklappen, Blutgefäßen, Knochen- und Knorpelgewebe ermöglicht Gewebetransplantationen  DGFG

Covid-19-Pandemie fordert Gewebespende und Patientenversorgung mit lebenswichtigen Gewebetransplantaten heraus

Die altruistische Spende von Augenhornhaut, Herzklappen, Blutgefäßen, Knochen- und Knorpelgewebe ermöglicht Gewebetransplantationen  DGFG
Die altruistische Spende von Augenhornhaut, Herzklappen, Blutgefäßen, Knochen- und Knorpelgewebe ermöglicht Gewebetransplantationen DGFG

Die Covid-19-Pandemie hat den regulären Klinikbetrieb stillstehen lassen.
Auch viele Gewebe- und insbesondere Augenhornhauttransplantationen mussten
verschoben werden. Mit der sukzessiven Wiederaufnahme von elektiven
Transplantationen ist für Patienten eine rasche Versorgung mit
Gewebetransplantaten wichtig. Anlässlich des Tags der Organspende am 06.
Juni macht die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) auf
die dringend benötigten Gewebespende aufmerksam.

"Wir stellen uns darauf ein, die Versorgung mit Gewebetransplantaten in
den kommenden Wochen wieder hochzufahren. Wir sehen, dass die
Krankenhäuser die OP-Kapazitäten zügig auf 60 bis 70 Prozent erhöhen.
Statt des sonst typischen Sommerlochs, werden mehr Transplantationen in
der Jahresmitte stattfinden", zeigt sich Martin Börgel, Geschäftsführer
der DGFG, entschlossen. Zu erwarten sei dies, da im April viele
Transplantationen seitens Kliniken, aber auch auf Wunsch von Patienten
selbst, verschoben wurden.

Zudem bliebe das Infektionsgeschehen im kommenden Herbst und Winter
ungewiss und damit auch die Auswirkungen auf elektive Operationen. "Werden
Transplantationen als elektive Operationen verschoben, können diese zu
Notfällen werden. Genau das sehen wir jetzt: Einige der Fälle nähern sich
einer solchen Dringlichkeit, dass Patienten nun umgehend versorgt werden
müssen", beobachtet Börgel und erwartet, dass in den kommenden Monaten
Transplantationen nicht nur nachgeholt, sondern auch vorgezogen werden. Er
verdeutlicht: "Der plötzliche Einschlag durch den Lockdown war heftig. Ich
möchte niemanden auf diesem Weg verlieren". Dies gilt für Patienten, die
auf ein Transplantat angewiesen sind, unterstreicht aber auch das
Bestreben, diese Krise gemeinsam mit Spendekrankenhäusern, Gewebebanken
und transplantierenden Einrichtungen durchzustehen.

Herausforderung: 50 Prozent weniger Gewebetransplantationen

Weltweit haben sich bislang rund sechs Millionen Menschen mit dem SARS-
CoV-2-Virus infiziert. Die bundesweit beschlossenen Maßnahmen zur
Eindämmung der Pandemie und der Aufschub elektiver Operationen stellte die
DGFG dabei vor große Herausforderungen: Während im März das
Transplantationsgeschehen nahezu normal verlief, folgte im April ein
deutlicher Einbruch im Bereich der ophthalmologischen
Gewebetransplantationen um fast 50 Prozent. Trotz des rapiden Rückgangs
kann Deutschland die Transplantationsrate über dem Niveau anderer
europäischer Länder halten. Extrem betroffen ist Italien; die Auswirkungen
auf die hiesige Gewebemedizin verheerend. Nach Angaben der Veneto Eye Bank
Foundation in Venedig, lag die Transplantationsaktivität im April im
Vergleich zur ersten Februarhälfte bei zehn Prozent[i]. Ähnlich prekär ist
auch die Lage in Spanien[ii].

Die kurzfristige Absage von Augenhornhauttransplantationen im April war
insbesondere deswegen planerisch, wirtschaftlich und ethisch
herausfordernd, weil Augenhornhauttransplantate eine begrenzte
Lagerfähigkeit (34 Tage) haben. Auf gesunkene Transplantationskapazitäten
zu reagieren und gleichzeitig eine Notfallversorgung sicherzustellen ist
ein Spagat, den Vermittlungsstelle, Koordinatorinnen und Koordinatoren,
Ärztinnen und Ärzte, Gewebebanken sowie Spendestandorte und -kliniken
gemeinsam gemeistert haben. Dies reflektieren die deutlich niedrigeren
Spendezahlen: 171 Gewebespenden wurden im April durchgeführt; im März
waren es noch 233 und im Februar 271.

Normalität in der Krise: Wieder mehr Gewebespenden

Nun gilt es, Normalität in der Krise zu etablieren und die Spende dem
wieder steigenden Transplantationsaufkommen anzupassen. Im Mai ist dies
bereits gelungen: 243 Menschen spendeten Gewebe. Das bundesweite Netzwerk
von 31 DGFG Standorten und über 100 Spendekrankenhäusern kommt zum Tragen:
Können auf Grund von örtlichem Infektionsgeschehen Spenden an einem
Standort nicht realisiert werden, gleichen andere Standorte dieses Defizit
aus.

Voraussetzung für die Gewebespende ist die Einwilligung seitens Spendern
und Angehörigen. Auch am diesjährigen Tag der Organspende, der virtuell
stattfindet, informiert die DGFG deshalb zur Gewebespende nach dem Tod. In
einem Live-Chat beantwortet die DGFG am Samstag, den 06. Juni, Fragen zur
Gewebespende unter www.organspendetag.de.

Gewebetransplantate sind sicher

Bei der Beurteilung der Gewebesicherheit folgt die DGFG den Leitlinien und
Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Diesem zufolge sei eine
Übertragung respiratorischer Viren durch Implantation, Transplantation,
Infusion oder Transfer von menschlichen Zellen oder Gewebe bisher nicht
beschrieben. Zum aktuellen Zeitpunkt seien keine Fälle einer Übertragung
von SARS-CoV-2 über Gewebezubereitungen berichtet worden[iii].

Das ohnehin sorgfältige Screening potenzieller Gewebespender, wurde um die
explizite Abfrage von Reisetätigkeiten und Aufenthalten in
Covid-19-Risikogebieten und Kontakten mit Covid-19 Infektions- und
Verdachtsfällen erweitert. Potenzielle Gewebespender mit einer bestätigten
SARS-CoV-2-Infektion oder mit Kontakt zu Infizierten werden entsprechend
der Vorgaben des PEI vorsorglich ausgeschlossen.

Transplantationsmediziner äußern sich zur Gewebetransplantation während
der Covid-19-Pandemie*

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchsluger, Direktor der Klinik und Poliklinik für
Augenheilkunde der Universitätsmedizin Rostock:
"In den vergangenen Wochen hat die Klinik und Poliklinik für
Augenheilkunde der Unimedizin Rostock trotz eines eingeschränkten
Klinikbetriebs alle Notfallpatienten mit Gewebetransplantaten versorgt.
Jetzt arbeiten wir mit Hochdruck daran, verschobene Operationen - wie auch
elektive Hornhauttransplantationen - nachzuholen. Unsere Patienten
vertrauen uns und haben Verständnis. Außerdem wird bei uns jeder voll- und
teilstationäre Patient bei seiner Aufnahme auf Covid-19 getestet, so dass
eine sehr hohe Sicherheit besteht. Die Zusammenarbeit bei uns im Team und
auch mit der DGFG funktioniert hervorragend und zuverlässig - auch in
unsicheren Zeiten."

Prof. Dr. Carsten Framme, Direktor der Universitätsklinik für
Augenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH):
"Ein Augenhornhauttransplantat ist ein wertvolles Gut, denn es ist eine
altruistische Spende eines verstorbenen Menschen. Den Verwurf dieser
Gewebespenden zu vermeiden war uns wichtig! Deswegen haben wir in den
vergangenen Wochen neben akuten Notfällen auch wenige geplante
Transplantationen vorgenommen, wenn über die DGFG entsprechendes Gewebe
zur Verfügung stand. Die Augenhornhauttransplantation ist darüber hinaus
zumeist ultima ratio - eine gewisse Dringlichkeit ist also häufig gegeben.
Transplantationen, die dennoch verschoben wurden, werden nun zügig
nachgeholt."

Prof. Dr. Markus Kleemann, Facharzt für Allgemein-, Viszeral- und
Gefäßchirurgie am Universitären Gefäßzentrum am Universitätsklinikum
Schleswig-Holstein-Campus Lübeck:
"Die Covid-19-Pandemie hat in den vergangenen Monaten alle Bereiche des
Gesundheitssystems betroffen. Das Team der Deutschen Gesellschaft für
Gewebetransplantation konnte uns in dieser herausfordernden Zeit dennoch -
in gewohnt konstruktiver Weise - für zwei Patienten mit schwerer
Gefäßinfektion Homografts zur Verfügung stellen. Eine sichere
Patientenversorgung, auch in Notfällen, war daher möglich. Ob in den
kommenden Monaten eine erhöhte Nachfrage nach diesen humanen
Transplantaten zu erwarten ist, bleibt schwer abzuschätzen. Der
Gefäßersatz mit Homografts bleibt jedenfalls eine sinnvolle Alternative
zur Gefäßrekonstruktion in schweren Infektsituationen."

Dr. Erik Chankiewitz, Direktor der Augenklinik am Klinikum Bremen-Mitte:
"Die Vorbereitungen auf die Covid-19-Pandemie hatte Mitte März 2020 dazu
geführt, dass wir in unserer Augenklinik das gesamte Programm binnen
weniger Tage auf einen reinen Notbetrieb umgestellt haben. Für unsere
Patienten bedeutete das ein Verschieben von Ambulanzterminen und Absagen
von planbaren Operationen. Davon waren auch geplante Transplantationen
betroffen, so dass wir von Mitte März bis Mitte Mai insgesamt nur ein
Drittel so viele Hornhautübertragungen gemacht haben, wie sonst in einem
normalen zehnwöchigen Intervall. Eine deutliche Beobachtung war die
Zunahme an schwerwiegenden Hornhautkomplikationen, so dass wir fast
wöchentlich eine Hornhautübertragung als Notfall durchführen mussten. Der
deutschlandweite Verbund der Gewebebanken im DGFG Netzwerk ist stark durch
Vernetzung, großartige Mitarbeiter und cleveres Management und schenkte
unseren Patienten auch in schwersten Zeiten Hoffnung auf Heilung! Nachdem
wir den Vollbetrieb nun wieder aufgenommen haben, warten 684 Patienten auf
einen neuen Termin - davon auch viele für eine Hornhauttransplantation.
Der Bedarf wird also voraussichtlich in den nächsten Wochen stark
steigen."

Dr. Peter Murin, Oberarzt an der Klinik für Chirurgie Angeborener
Herzfehler/Kinderherzchirurgie am Deutschen Herzzentrum Berlin:
"Auch in unserer Klinik wurden während der Covid-19-Pandemie nur Patienten
mit einer dringlichen Indikation operiert. Die Hälfte unserer Patienten
auf der Warteliste auf eine Gewebetransplantation muss leider mehrere
Monate länger auf ihre Operation warten. Die reservierten
Gewebetransplantate wurden in diesen Fällen kurzfristig storniert.
Besonders während dieser komplizierten Phase konnten wir uns auf die
Hilfsbereitschaft und Flexibilität der DGFG verlassen. In den nächsten
Monaten steht uns eine aufwendige Wiederaufnahme des Regelbetriebs vor. In
den letzten Tagen konnten wir allerdings schon auch die neuen
Gewebetransplantate für verschobene Patienten allokieren, sodass bald
wieder die ersten Patienten termingerecht versorgt werden können."

Prof. Dr. Arne Viestenz, Direktor der Klinik und Poliklinik für
Augenheilkunde am Universitätsklinikum Halle & Leiter der Mitteldeutschen
Hornhautbank Halle (MCH):
"An der Universitätsaugenklinik Halle wurde rasch auf die Corona-Pandemie
reagiert. Die Mitteldeutsche Hornhautbank Halle (MCH) arbeitete mit einem
Back-up-Team, um im Fall einer Infektion von Mitarbeiterinnen auch
weiterhin Gewebe zur Hornhauttransplantation zur Verfügung stellen zu
können. Als zentraler Partner koordinierte die DGFG auch in den
vergangenen Wochen trotz schwerer Bedingungen die Gewebespende und
unterstützte bedarfsgerecht, um deutschlandweit Kliniken zu helfen, die
dringend Hornhautgewebe zur Versorgung von Patienten benötigten.
Nottransplantationen - etwa bei Hornhautgeschwüren, Verletzungen oder
schweren Augeninfektionen - konnten wir daher jederzeit durchführen.
Hornhauttransplantationen im gewohnten Maß hingegen haben wir erst dann
fortgesetzt, als Sicherungsmaßnahmen, wie Schutzmasken, Abstriche,
Isolationszimmer, Covid-Stationen, am Universitätsklinikum Halle
eingerichtet worden waren. Bei Operationen mit erhöhtem Infektionsrisiko
durch eine Immunsuppression sind wir noch zurückhaltend, um unsere
Patienten keiner Gefährdung auszusetzen. Aufgrund verschobener
Transplantationen und auch der inzwischen abnehmenden Sorgen in der
Bevölkerung, was Operations- und Infektionsrisiken angeht, wird in den
kommenden Monaten mit einem erhöhten Bedarf an Transplantationen zu
rechnen sein."

Prof. Dr. Peter Szurman, Chefarzt der Augenklinik Sulzbach am
Knappschaftsklinikum Saar:
"An der Augenklinik Sulzbach wurden keine Transplantationen ausgesetzt.
Wir haben währen der gesamten Pandemiezeit weiter transplantiert. Aus
meiner Sicht handelt es sich hier nicht um aufschiebbare Operationen, denn
dem Patienten würde ein medizinischer Schaden drohen. Das Transplantat
wartet nicht."

*Hinweis: Die folgenden Statements sind zur Zitation freigegeben. Bei
Interesse vermitteln wir gerne Direktkontakte für individuelle Interviews
und fachliche Rückfragen.

[i] Cake Magazin (2020). Corneal Transplantation and Covid-19: Insights
from Europe. Abrufbar unter https://cakemagazine.org/corneal-
transplantation-and-covid-19-insights-from-europe/
[ii] EDQM Council of Europe (2020). Webinar on Tissue donation from
deceased donors during the Covid-19 pandemic, S. 48, abrufbar unter
https://www.edqm.eu/sites/default/files/medias/fichiers/Events/Presentation/Tissue_donation
/transplantation_presentation_webinar_tissue_donation_from_deceased_donors_during_the_covid-
19_pandemic_28_april_2020.pdf
[iii] Paul-Ehrlich-Institut (14.05.2020). Co¬ro¬na¬vi¬rus SARS-CoV-2 - Wie
sicher sind Gewebezubereitungen? Abrufbar unter
https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/coronavirus-inhalt.html

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