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Abführmittel: Möglicherweise ein Demenz-Risikofaktor – und in vielen Fällen vermeidbar

Zwischen Darmflora und Hirngesundheit wurden bereits Zusammenhänge
beschrieben. Eine Studie zeigte nun erstmals, dass der regelmäßige
Gebrauch von Abführmitteln mit einem signifikant höheren Demenzrisiko
assoziiert ist. Laxanzien können die Epithelbarrieren des Darms stören und
den Übergang von aus dem Darmmikrobiom stammenden neurotoxischen
Stoffwechselprodukten in das zentrale Nervensystem erleichtern und
inflammatorische Prozesse begünstigen. Noch gibt es keinen Beweis für
diese Hypothese, aber eine gesunde Ernährung kann womöglich gleich doppelt
vor Demenz schützen: Sie macht Abführmittel häufig obsolet und schützt per
se vor kognitivem Abbau.

In Deutschland leiden 1,6 Millionen Menschen an Demenz, bis 2025 werden es
schätzungsweise 2,8 Millionen sein. Die Ursachen umfassen nicht nur die
hohe und weiter steigende Lebenserwartung und genetische Faktoren, sondern
sind zu einem großen Teil auch in sogenannten modifizierbaren
Risikofaktoren zu suchen. Die rechtzeitige adäquate Behandlung/Vermeidung
dieser Risikofaktoren könnte laut dem Bericht der „Lancet Commission“ 2020
[2] bis zu 40% aller Demenzerkrankungen verhindern. Die zwölf bisher
bekannten Faktoren sind: ein niedriger Bildungsstand, Bluthochdruck,
Schwerhörigkeit, Rauchen, Übergewicht, Depressionen, körperliche
Inaktivität, Diabetes mellitus, wenig Sozialkontakt, exzessiver
Alkoholkonsum, Schädel-Hirn-Traumen und Luftverschmutzung.
Auch der Schlaf scheint eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer
Demenz zu spielen. Weitere Risikofaktoren werden erforscht.

Eine große prospektive, populationsbasierte Kohortenstudie analysierte den
Zusammenhang zwischen der Anwendung verschiedener Abführmittel (Laxanzien)
und dem Demenzrisiko [1]. Die Daten entstammen einer Biobank aus UK
(˃500.000 Freiwillige, 40-69 Jahre), die Teilnehmenden waren zu
Studienbeginn nicht an Demenz erkrankt. Als chronischer Laxanziengebrauch
galt eine Einnahme an den meisten Tagen einer Woche in den vier Wochen vor
der Studienaufnahme (im Zeitraum 2006-2010). Outcome war die Diagnose
einer Demenz jeglicher Ursache (laut Klinikstatistiken und Sterberegister
bis 2020). Statistisch adjustiert wurden die Ergebnisse hinsichtlich
soziodemografischer Merkmale, Begleiterkrankungen, Familienanamnese und
sonstiger regelmäßiger Medikamenteneinnahme.

Insgesamt konnten 502.229 Teilnehmende ausgewertet werden (mittleres Alter
56,5±8,1 Jahre; 54,4% weiblich); von diesen nahmen 18.235 (3,6%)
regelmäßig Abführmittel. Die Nachbeobachtung betrug durchschnittlich 9,8
Jahre.  In dieser Zeit erhielten 1,3% der Teilnehmenden, die regelmäßig
Abführmittel eingenommen hatten, eine Demenzdiagnose – jedoch nur 0,4% der
Teilnehmenden, die nicht davon Gebrauch machten. Statistisch errechnete
sich bei regelmäßigem Laxanziengebrauch ein signifikant erhöhtes
Demenzrisiko von 50% (HR 1,51). Der Abführmittelgebrauch war dabei
signifikant mit der Entstehung vaskulärer Demenzen assoziiert (HR 1,65),
nicht jedoch mit der Alzheimer-Demenz (HR 1,05). Das Risiko für Demenzen
insgesamt sowie für die vaskuläre Demenz stieg mit der Zahl der
eingenommenen unterschiedlichen Laxanzien an. Von den Teilnehmenden, die
angaben, nur eine Sorte Abführmittel zu nehmen (n=5.800), war nur die
Gruppe der osmotisch wirksamen Abführmittel signifikant mit dem
allgemeinen Demenzrisiko (HR 1,64) und dem für Demenzen vaskulärer Ursache
(HR 1,97) assoziiert. Osmotische Abführmittel „ziehen“ Wasser in das
Darmlumen, was den Stuhl verdünnt. Bei einem zu häufigen Gebrauch oder bei
zu hohen Dosen kann es zu einem gestörten Mineralstoff- und Wasserhaushalt
kommen.

Doch wie können Abführmittel das Demenzrisiko beeinflussen?  Über die
sogenannte Darm-Hirn-Achse (z.B. der Vagusnerv, aber auch Millionen
weiterer Nervenverbindungen) „kommunizieren“ Darm und Gehirn. Bekannt ist,
dass eine gestörte Darmflora (Dysbiose) diese Signalübertragung und sogar
die Produktion von Neurotransmittern beeinflussen kann [3] – und eine
Studie zeigte bereits 2018, dass osmotisch wirksame Laxanzien das
Mikrobiom verändern [4]. Abführmittel können auch die Epithelbarrieren des
Darms stören und den Übergang von aus dem Darmmikrobiom stammenden
neurotoxischen Stoffwechselprodukten in das zentrale Nervensystem
erleichtern und inflammatorische Prozesse begünstigen

„Die Studie ist keine randomisierte-kontrollierte Studie, daher nicht
beweisgebend, dass Abführmittel das Demenz-Risiko tatsächlich erhöhen.
Weitere Untersuchungen sind notwendig. Dennoch raten wir angesichts des
Ergebnisses zur Vorsicht im Umgang mit Laxanzien, gerade vor dem
Hintergrund, dass Demenzerkrankungen immer weiter zunehmen“, erklärt DGN-
Generalsekretär und -Pressesprecher Prof. Dr. Peter Berlit.

Derzeit nehmen ca. 20 % der Allgemeinbevölkerung und 70 % der
Pflegeheimbewohner [5, 6] regelmäßig Abführmittel ein. Nach Ansicht des
Experten könnten viele Menschen darauf verzichten, wenn sie ihre Ernährung
umstellten und mehr Ballaststoffe, enthalten in Obst, Gemüse und
Vollkornprodukten, und vor allem auch ausreichend Flüssigkeit in Form von
Wasser oder ungesüßten Tee zu sich nehmen würden. „Eine solche
Ernährungsumstellung hat womöglich gleich eine doppelte Schutzwirkung
gegen Demenz: Zum einen lässt sich in vielen Fällen auf Abführmittel
verzichten, die einen potenziell schädigenden Einfluss auf die
Hirngesundheit haben, zum anderen gilt eine gesunde Ernährung per se als
wichtige Säule der Demenzprävention. Für den Erhalt der geistigen Funktion
bis ins hohe Alter lohnt es sich in jedem Fall, seine Ernährung
umzustellen!“

Der Experte betont abschließend die Bedeutung der Demenzprävention: Der
Anteil beeinflussbarer Demenzen liegt Schätzungen zufolge bei etwa 40
Prozent. Die DGN arbeitet zusammen mit der Deutschen Hirnstiftung daran,
das Thema Hirngesundheit und die Bedeutung vermeidbarer
Demenzrisikofaktoren in die Öffentlichkeit zu tragen und möglichst viele
Menschen dafür zu sensibilisieren.

[1] Yang Z, Wei C, Li X et al. Association Between Regular Laxative Use
and Incident Dementia in UK Biobank Participants. Neurology 2023 Feb
22;10.1212/WNL.0000000000207081.
doi: 10.1212/WNL.0000000000207081. Online ahead of print.
[2] Livingston G, Huntley J, Sommerlad A et al. Dementia prevention,
intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet 2020
Aug 8; 396 (10248): 413-446
[3] Luc M, Misiak B, Pawlowski M et al. Gut microbiota in dementia.
Critical review of novel findings and their potential application. Prog
Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry 2021; 104: 110039 doi:
10.1016/j.pnpbp.2020.110039
[4] Lukiw WJ, Li W, Bond T et al. Facilitation of Gastrointestinal (GI)
Tract Microbiome-Derived Lipopolysaccharide (LPS) Entry Into Human Neurons
by Amyloid Beta-42 (Abeta42) Peptide. Front Cell Neurosci 2019; 13:545
doi: 10.3389/fncel.2019.00545
[5] Koloski NA, Jones M, Wai R, et al. Impact of persistent constipation
on health-related quality of life and mortality in older community-
dwelling women. Am J Gastroenterol 2013; 108 (7): 1152-8 doi:
10.1038/ajg.2013.137
[6] Fosnes GS, Lydersen S, Farup PG. Drugs and constipation in elderly in
nursing homes: what is the relation? Gastroenterol Res Pract 2012; 2012:
290231 doi: 10.1155/2012/290231

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Energieeffizienz im Krankenhaus – Ein Handlungsleitfaden zu energiesparenden Ansätzen und Technologien

Die Stiftung Münch hat einen Leitfaden herausgegeben, wie Kran-kenhäuser
ihre Energieeffizienz erhöhen können. Damit kann nicht nur ein wichtiger
Beitrag zum Klimaschutz geleistet, sondern ins-besondere Geld eingespart
werden. Dabei sind viele Technologien und Maßnahmen einfach umsetzbar und
amortisieren sich bereits nach wenigen Jahren. Der Leitfaden wurde vom
Institute for Health Care Business GmbH (hcb) erarbeitet und ist
kostenfrei abrufbar unter https://www.stiftung-muench.org/wp-
content/uploads/2023/03/Leitfaden-Energieeffizienz.pdf

Krankenhäuser haben einen hohen Bedarf an Energie, insbesondere an Strom
und Gas. Doch viel Energie wird dabei verschwendet: Durch den großen
Investitionsstau ist oft die Bausubstanz veraltet und die Gebäudetechnik
nicht mehr zeitgemäß. Lange Zeit war auf-grund der hohen
Arbeitsbelastungen der Kliniken durch Strukturwandel, Personalmangel und
häufige Gesetzesänderungen das Thema Energie nachrangig. Doch die
gestiegenen und schwankenden Energiepreise zeigen, dass eine geringe
Energieeffizienz finanzielle Probleme für Krankenhäuser unerwartet
verschärfen kann.  Durch die Energiewende zur Abmilderung des Klimawandels
dürften fossile Energieträger zukünftig ohnehin teurer werden. Damit wird
das Thema Energieeffizienz im Krankenhaus zu einer eigenen neuen
Herausforderung.

Die Studie der Stiftung Münch zeigt, dass Effizienzpotenziale
grundsätzlich in allen Energiebereichen vorliegen und auf verschiedenen
Wegen realisiert werden können. Einspareffekte gelingen bereits mit
geringinvestiven Maßnahmen und auch größere Investi-tionen können sich
häufig schon nach wenigen Jahren amortisieren.

Aufgezeigt werden Handlungsmöglichkeiten bei Licht und Beleuchtung,
Zirkulations- und Umwälzpumpen, dem Einsatz von Sonnenenergie und
Photovoltaik sowie bei Raumklima und Kühlung. Dargestellt wird auch, wann
die Installation von Blockheizkraftwerken sinnvoll sein kann und welche
Optionen bei Heiz- und Dampfkesseln bestehen. Außerdem wird aufgeführt,
wie sich die Gebäudedämmung in Kombination mit anderen Maßnahmen auswirkt.
Energiesparendes Verhalten von Mitarbeitern kann ebenfalls zu Einsparungen
beitragen.

Licht und Beleuchtung: Bei der Beleuchtung kann durch den Einsatz von LED
wirkungsvoll Strom eingespart werden. Sie hat zudem eine längere
Lebensdauer im Vergleich zu anderen Leuchtmitteln und die Umstellung
amortisiert sich in der Regel nach rund zwei Jahren.

Zirkulations- und Umwälzpumpen: Zirkulations- und Umwälzpumpen gehören oft
zu den versteckten Stromverschwendern im Krankenhaus. Je nach Bauart und
Gebäudestruktur kann ein Haus sehr viele Pumpen benötigen, was die
Energieverschwendung verviel-facht. Der Austausch und Einbau moderner
Hocheffizienzpumpen reduziert den Stromverbrauch auf einen Bruchteil und
amortisiert sich darum innerhalb weniger Jahre.

Sonnenergie und Photovoltaik: Photovoltaikanlagen können nahezu an jedem
Krankenhaus angebracht werden, ob an Dach oder auch Fassade. In
Kombination mit Batteriespeichern kann der erzeugte Strom auch nachts oder
für die Sicherheitsstromversorgung genutzt werden. Mit Solar-
Hybridkollektoren lässt sich neben der Lichtenergie auch die Wärmeenergie
der Sonne nutzen.

Raumklima und Kühlung: An das Raumklima werden in einigen Bereichen des
Krankenhauses höchste hygienische Anforderungen gestellt. Einsparungen in
der Klima- und Kältetechnik lassen sich bereits durch eine
raumnutzungsgemäße Anpassung der Betriebs-parameter wie Luftwechselrate
und Temperatur erzielen. Einige Stromeinsparungen dürften auch in der
Nutzung von Abwärme durch Wärmerückgewinnung erreicht werden.

Blockheizkraftwerke: Wenn ein Krankenhaus für die kommenden Jahre einen
gleichmäßigen und planbaren Energieverbrauch hat, können
Blockheizkraftwerke effizient Strom und Wärme erzeugen.
Durch ihre effiziente Energieerzeugung und staatliche Förderung
amortisieren sich die hohen Investitionskosten bereits nach einigen
Jahren. Besonders zukunftsträchtig sind Blockheizkraftwerke dann, wenn sie
mit Biogas oder sogar Wasserstoff betrieben werden können.

Heiz- und Dampfkessel: Krankenhäuser haben einen großen Wärmebedarf, den
sie häufig noch mit veralteten Öl- und Gaskesseln bereitstellen. Viele
Dampfkessel sind zudem überdimensioniert. Eine Gebäudeheizung mit
Großwärmepumpen ist theoretisch sehr effizient. In der Praxis dürfte sie
aber ohne ergänzende Maßnahmen nicht in jedem Fall wirtschaftlich sein.
Darum stehen auch effiziente Brennwertkessel zur Wahl, die perspektivisch
auch mit Wasserstoff betrieben werden können.

Gebäudedämmung: Ein gedämmtes Krankenhaus benötigt deutlich weniger
Wärmenergie. Je nach Beschaffenheit des Gebäudes kommen verschiedene Arten
der Dämmung in Frage. Erst durch eine optimale Gebäudedämmung entfalten
andere Energiesparmaßnahmen ihre volle Wirkung. Krankenhäuser im Bestand
benöti-gen dafür jedoch hohe Investitionsmittel.

Energiesparendes Handeln: Die Mitarbeiter im Krankenhaus können durch ihr
Handeln Energie sparen und somit Verschwendung ver-meiden. Sinnvoll
unterstützen kann man sie, indem Anlagen und Geräte möglichst automatisch
und intelligent an- und abgeschaltet werden. Zudem sollte bei der
Beschaffung von Medizintechnik zunehmend ein Blick auf den Energiebedarf
im Betrieb und Standby geworfen werden.

Die Studie „Energieeffizienz im Krankenhaus – Ein Handlungsleitfaden zu
energiesparenden Ansätzen und Technologien“ wurde im Auftrag der Stiftung
Münch von Dr. Sven Lueke und Dr. Adam Pilny, hcb GmbH, erstellt.

Sie ist online kostenfrei abrufbar:
https://www.stiftung-muench.org/wp-content/uploads/2023/03/Leitfaden-
Energieeffizienz.pdf


Am 21. April 2023 findet von 16 – 17 Uhr eine Online-Veranstaltung statt,
bei der die Autoren die Studie vorstellen und Fragen beant-worten.

Sie können mit folgendem Link teilnehmen:
https://us06web.zoom.us/j/86235382108?pwd=UDFkWHpNd2dFZ0lUVGJXU3VNY2puQT09
Meeting-ID
: 862 3538 2108
Kenncode: 178299

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Die Stiftung Münch wurde 2014 von Eugen Münch ins Leben gerufen. Das
Stiftungsziel ist es, trotz einer alternden Gesellschaft weiterhin allen
Menschen den Zugang zu nicht rationierter Medizin zu ermöglichen. Als
Grundlage dient das von Eugen Münch entwickelte Konzept der
Netzwerkmedizin. Die Stiftung unterstützt Wissenschaft, Forschung und
praxisnahe Arbeiten in der Gesundheitswirt-schaft und fördert den
nationalen und internationalen Austausch. Sie arbeitet unabhängig und
stellt ihr Wissen öffentlich zur Verfügung. Den Vorstand bilden Prof. Dr.
Boris Augurzky (Vorsitz), Eugen Münch (stellv. Vorsitz), Prof. Dr. med.
Bernd Griewing und Dr. Christian Zschocke; die Geschäftsfüh-rung liegt bei
Annette Kennel.

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Institut für Medizintechnik an der THWS führt Tests beim Stratosphärenflug durch und fördert junge Forschende

Kultusstaatssekretärin Anna Stolz gratuliert der Realschule Dettelbach zum
erfolgreichen Unterricht „am Rand des Weltalls“

Auszeichnung mit dem von der Firma Phywe ausgerufenen „Schulpreis
Digitaler Unterricht“ in der Kategorie „Bester digitaler Unterricht“:
Kultusstaatssekretärin Anna Stolz gratulierte der Realschule Dettelbach u.
a. zu ihrem erfolgreich durchgeführten Stratosphärenflug-Projekt und
betonte: „Die Schulfamilie in Dettelbach will hoch hinaus und zeigt
eindrucksvoll, dass gutem Unterricht im wahrsten Sinne des Wortes keine
Grenzen gesetzt sind. Ich freue mich sehr, dass auch das renommierte
Fraunhofer Institut und die Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt das
Dettelbacher Projekt unterstützen und den Flug sogar für eigene
Forschungen nutzen. Das ist in jeder Hinsicht bemerkenswert und freut mich
sehr für die ganze Schulfamilie der Realschule, die hier echte
Pionierarbeit leistet.“

Wie von der Staatssekretärin angesprochen, sind auch das Institut für
Medizintechnik Schweinfurt (IMES) an der Technischen Hochschule Würzburg-
Schweinfurt (THWS) sowie das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in
Würzburg (ISC) an der Realisierung des Projektes beteiligt.

Die Realschule hat hierfür ihren Unterricht in den MINT-Disziplinen
(Mathematik, Informationstechnologie, Naturwissenschaften, Technik) aus
den Klassenzimmern heraus bis an den Rand des Weltalls in die Stratosphäre
verlagert, deren Schicht sich in einer Höhe zwischen ca. 15 und 50
Kilometern befindet. Durch den Einsatz von digitalen Werkzeugen bei der
Flugvorbereitung und -routenberechnung, der Ortung der Landung und der
Auswertung der Messdaten wird naturwissenschaftlicher Unterricht nicht nur
modern und anwendungsbezogen vermittelt, sondern auch Medien- und
Technikkompetenz gefördert.

Zum Stratosphährenflug-Projekt

Das Schulteam unter Leitung des Studienrats und MINT-Koordinators, Roman
Kruse, hat einen Wetterballon in die Stratosphäre geschickt, um in rund
35.000 Metern Höhe Messungen u. a. zu Klima und Wetter, zur Ozonschicht
und zur UV-Strahlung durchzuführen. Mit an Bord gingen digitale
Messinstrumente sowie biologische, medizinische und chemische Experimente,
die jahrgangsstufenübergreifend während des Schuljahres vorbereitet
wurden. Mitgeflogen sind ferner technische Komponenten des Institutes für
Medizintechnik, z. B. ein geregeltes Heizelement, und ein medizinisches
Experiment des Fraunhofer-Institutes im Umfeld künstlicher Haut, die in
der Medizin und Kosmetik Anwendung findet, etwa um Tierversuche zu
ersetzen.

Es wurde beispielsweise eine Echthaut-Züchtung in der Stratosphäre der UV-
Strahlung ausgesetzt, um aus dem Grad der Schädigung wissenschaftliche
Rückschlüsse auf Alterungsprozesse ziehen zu können. Vorab hatten die
Schülerinnen und Schüler über den Zeitraum eines Schuljahres für diesen
Versuch Bauteile mittels CAD-Programm und 3D-Drucker hergestellt. Sie
berechneten die Flugkurve ihres selbst hergestellten Flugkörpers und
bestimmten die für die Durchführung notwendige Heliummenge. Beraten und
gefördert wurden sie u. a. von Studierenden der THWS sowie vom Fraunhofer-
Institut.

Im Rahmen des Stratosphärenflug-Projektes überlegten sich die Schülerinnen
und Schüler Aufgaben, die Studierende im Rahmen von Projektarbeiten
schließlich gelöst und praktisch angewendet haben. Dabei waren zwei
studentische Teams beteiligt. Das eine setzte sich aus internationalen
Studierenden, das andere aus deutschen Studierenden zusammen. Über allem
stand die interdisziplinäre Forschung und Fortführung des Projektes - der
dritte Flug in die Stratosphäre befindet sich in Vorbereitung. Betreut
wird das Schulprojekt am IMES von Prof. Dr. Jan Hansmann sowie dem
Forschungs- und Entwicklungsingenieur Benedikt Keßler. Weiterhin beteiligt
sind Prof. Dr. Norbert Strobel und Christoph Malkmus (wissenschaftlicher
Mitarbeiter).

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Neue Erkenntnisse für die Parkinson-Therapie

Wissenschaftler:innen der Sektion für Bewegungsstörungen und
Neurostimulation der Klinik und Poliklinik für Neurologie der
Universitätsmedizin Mainz haben eine wesentliche neue Erkenntnis zur
Funktionsweise des Gehirns erzielt: Der sogenannte Nucleus subthalamicus,
ein Nervenkern im Stammhirn, reguliert sowohl die Geschwindigkeit, mit der
Bewegungen ausgeführt werden, als auch die Geschwindigkeit von Prozessen
der Entscheidungsfindung. Das erfolgt, so das neue Forschungsergebnis,
unabhängig voneinander. Dieses Wissen ist Grundlage für eine verbesserte
Form der Tiefenhirnstimulation, mit der Bewegungsstörungen bei Parkinson-
Betroffenen jetzt noch gezielter behandelt werden können.

Zu den typischen Parkinson-Symptomen zählen motorische Störungen. In
vielen Fällen zeigt sich bei den Betroffenen eine Verlangsamung der
Bewegungen. Ein etabliertes Therapieverfahren dieser
Bewegungseinschränkungen ist die Tiefenhirnstimulation, kurz THS. Bei der
umgangssprachlich auch als Hirnschrittmacher bezeichneten Behandlungsform
wird der Nucleus subthalamicus in den Basalganglien des Gehirns elektrisch
stimuliert, um insbesondere die Bewegungsgeschwindigkeit zu verbessern.
Der Nachteil: Bei einigen THS-Patient:innen kommt es durch die Stimulation
des Hirnnervenkerns gleichzeitig zu einer unerwünschten Beschleunigung der
Entscheidungsfindung.

Welche Bedeutung das im Alltag der Betroffenen haben kann, beschreibt
Univ.-Prof. Dr. Sergiu Groppa, Leiter der Sektion Bewegungsstörungen und
Neurostimulation der Klinik und Poliklinik für Neurologie der
Universitätsmedizin Mainz, am Beispiel eines Restaurant-Besuchs: „Die THS
soll den Betroffenen helfen, ihre Bewegungen kontrollierter ausführen zu
können, beispielsweise beim Essen mit Besteck. Sie sollten dabei zudem
aber weiterhin in der Lage sein, die Geschwindigkeit ihrer Entscheidungen
zu steuern, um nicht etwa vorschnell das erste Gericht auf der Speisekarte
zu bestellen.“

Die Studienergebnisse der Forschenden um Professor Groppa stellen einen
vielversprechenden Ansatz dar, um die THS weiterzuentwickeln. Die
neurowissenschaftlichen Untersuchungen der Aktivität des Nucleus
subthalamicus haben gezeigt, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen
der Kontrolle der Bewegungsgeschwindigkeit und der Regulation der
Geschwindigkeit von Prozessen zur Entscheidungsfindung gibt. So konnten
die Studienteilnehmenden Bewegungen schnell ausführen, ohne dass sie
gleichzeitig Entscheidungen schneller treffen mussten und umgekehrt.
Ausgehend von dieser Erkenntnis haben die Mainzer Wissenschaftler:innen
ein verbessertes THS-Verfahren entwickelt.

„Durch eine neue Form der Neurostimulation, bei der die Stromimpulse nur
in kurzen Intervallen – sogenannten Bursts –  gegeben werden, ist es uns
gelungen, die Motorik der Patientinnen und Patienten noch gezielter und
separat von der Entscheidungsfindung zu beeinflussen“, erläutert Professor
Groppa.

An der Studie nahmen insgesamt 15 Parkinson-Patient:innen teil, bei denen
im Vorfeld ein Tiefenhirnstimulator zur Behandlung der Bewegungsstörungen
implantiert worden war. Um die Mechanismen der Bewegungs- und
Entscheidungskontrolle im Gehirn zu erforschen, gaben die
Wissenschaftler:innen kurze Stimulationsimpulse und erstellten Aufnahmen
der elektrischen Aktivität des Nucleus subthalamicus der Proband:innen.
Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications
veröffentlicht.

Morbus Parkinson ist mit rund 300.000 Betroffenen nach der Alzheimer-
Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland.
Neben der Bewegungsverlangsamung können weitere motorische Störungen wie
beispielsweise eine zunehmende Muskelsteifheit, Zittern sowie eine
instabile Körperhaltung auftreten. Die THS kommt in der Regel zur
Anwendung, wenn die medikamentöse Parkinson-Therapie nicht mehr
ausreichend ist und die Betroffenen deshalb an Lebensqualität verlieren.
In einem operativen Eingriff werden dabei unter Vollnarkose zunächst
kleine Elektroden im Gehirn platziert. Diese werden mit einem
Impulsgenerator verbunden, der auf dem Brustkorb implantiert wird. Die
THS-Therapie ist vollständig reversibel – der Hirnstimulator kann
abgeschaltet und wieder komplett aus dem Körper entfernt werden.

In der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz
wird das THS-Verfahren seit fast 20 Jahren in enger Kooperation mit der
Klinik für Neurochirurgie eingesetzt. Jährlich werden rund 40 bis 50
Eingriffe durchgeführt. Damit zählt die Universitätsmedizin Mainz zu den
größten THS-Behandlungszentren in Deutschland. Seit Ende 2021 steht den
THS-Patient:innen in Mainz zusätzlich die telemedizinische THS-Therapie
zur Verfügung.

Originalpublikation:
Herz DM, Bange M, Gonzalez-Escamilla G, Auer M, Ashkan K, Fischer P, Tan
H, Bogacz R, Muthuraman M, Groppa S, Brown P. Dynamic control of decision
and movement speed in the human basal ganglia. Nat Commun. 2022 Dec
7;13(1):7530.
DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-022-35121-8

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