Zum Hauptinhalt springen

Gesundheit

Ticket für Teenies für den Check-up beim Arzt

Stiftung Kindergesundheit informiert über ein neues Projekt zur
Verbesserung der Vorsorge im Jugendalter
Es gab im Jahr 2016 ein höchst erfreuliches Jubiläum: Die ersten Kinder,
die in der Bundesrepublik an einer kostenlosen Vorsorgeuntersuchung
teilnehmen durften, sind 45 Jahre alt geworden. 1971 hat der Gesetzgeber
dafür gesorgt, dass jedes Kind bis zum (damals) vierten Lebensjahr
regelmäßig an einem Früherkennungsprogramm teilnehmen konnte. Die
damaligen Babys und Kleinkinder sind vermutlich längst selbst Eltern von
„scheckheft-gepflegten“ Kindern geworden, berichtet die Stiftung
Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme.

„Mit jährlich über fünf Millionen Untersuchungen von der U1 bis U9 und
einer Beteiligungsrate von weit über 90 Prozent hat sich das Programm zu
einem einmaligen Erfolgsmodell entwickelt“, sagt Kinder- und Jugendarzt
Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung
Kindergesundheit. „Es gibt allerdings einen Schönheitsfehler: Die allen
Heranwachsenden vom 12. bis zum 15. Geburtstag angebotene
Jugendgesundheitsuntersuchung J1 wird von der Mehrzahl der Teenager nicht
wahrgenommen. Viele wissen es nicht einmal, dass es sie gibt“.

„Null Bock“ auf den Arztbesuch
Eine aktuelle Auswertung der Abrechnungsdaten von knapp einer Million
Jugendlichen, die in den Jahren 2009 bis 2014 in deutschen Arztpraxen am
J1-Gesundheits-Check teilgenommen hatten, ergab zwar einen leichten
Anstieg der Teilnehmerraten von 43,4 Prozent beim Geburtsjahrgang 1995 auf
47,7 Prozent beim Jahrgang 1999. Mehr als die Hälfte der
teilnahmeberechtigten Jugendlichen indes lässt die J1 weiterhin links
liegen. Die häufigsten Gründe sind Unkenntnis, Ängste vor der
Untersuchung, fehlendes Verantwortungsbewusstsein für die eigene
Gesundheit, „keine Zeit“ und „keine Lust“.

Einen Ausweg aus dem Dilemma könnten lokale und regionale Maßnahmen
bieten, von denen die Jugendlichen persönlich angesprochen fühlen. In
Regionen nämlich, wo Behörden die Jugendlichen direkt und persönlich
einladen, liegen die Teilnahmeraten durchschnittlich höher als in anderen.
Unter Beteiligung der Stiftung Kindergesundheit wurde deshalb vom
Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit eine
mediale Informationskampagne ins Leben gerufen. Ihr Motto lautet: „Dein
Ticket zur J1“.

Die Leiterin des Projekts, Dr. med. Uta Nennstiel-Ratzel vom Bayerischen
Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit berichtete auf dem
diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und
Jugendmedizin DGKJ in Hamburg: „Zur Erforschung der Gründe waren im
Vorfeld zur Informationskampagne im Großraum München qualitative
Gruppeninterviews mit Jugendlichen geführt und 1500 Fragebögen an zufällig
ausgewählte Eltern von 12- bis 14-Jährigen verschickt worden. Als
häufigster Grund für eine nicht wahrgenommene J1 wurde von beiden Gruppen
angegeben, dass die J1 nicht bekannt sei. Vor diesem Hintergrund wurde
eine mediale Informationskampagne zur J1 konzipiert, die von der
Bayerischen Staatsregierung finanziert wird“.

Spot im Web und in den Netzwerken
Das Projekt nutzt mehrere Wege, um die Informationen an die Zielgruppe
heranzutragen:

Als Teil der crossmedialen Kampagne wurde ein Spot entwickelt, in dem
anhand von identifikationsstiftenden Comicfiguren die Grundzüge und
Vorteile der J1 für Jugendliche dargestellt werden. Die Gestaltung
orientiert sich an der aktuellen Lebenswirklichkeit der Zielgruppe und
vermittelt ein positives und optimistisches Gefühl. Der Spot wird auf der
eigenen Webseite
www.j1-untersuchung.de gezeigt und in sozialen Netzwerken verbreitet.

Die Comicfiguren des Spots sind zudem Grundlage eines Flyers mit
Informationen über die Gesundheitsuntersuchung J1. Das Faltblatt enthält
außerdem ein Ticket zum Abreißen, das über die zur Untersuchung
erforderlichen Unterlagen (Impfpass, Versichertenkarte) informiert und zum
Arztbesuch mitgenommen werden kann (nicht muss!).

Ob die Kampagne ihr Ziel erreicht, wird in drei bayerischen Landkreisen
wissenschaftlich evaluiert: In einem der Landkreise werden die
Jugendlichen mit einem Brief nach Hause an die J1 erinnert, in einem
anderen erhalten sie eine Informationsbroschüre in der Schule, im dritten
werden beide Wege gewählt. Der Flyer mit dem Ticket für die J1 liegt jedem
Schreiben bei.

Nach Ende der Kampagne wird der Effekt der Interventionen anhand der
Abrechnungsdaten in den Interventions- und Kontrolllandkreisen verglichen.
Zusätzlich werden die von den Jugendlichen zur J1-Untersuchung
mitgebrachten Tickets bei den Ärzten eingesammelt und ausgewertet.

Zehn „U“s und ein „J“
In dem ersten, noch blauen Vorsorgeheft waren sieben Untersuchungstermine
enthalten, das heutige gelbe Heft beinhaltet zehn „U“s und ein „J“.  Viele
Krankenkassen übernehmen auch die Kosten für eine „J2“, die für 16 bis 17
Jahre alte Jugendliche angeboten wird.

Doch nicht nur die Zahl, sondern auch die Qualität der
Vorsorgeuntersuchungen hat sich in den letzten 45 Jahren erheblich
verbessert, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Am Anfang kreuzten
die Ärzte nur an, ob bestimmte Organbereiche „auffällig“ waren, heute
enthält das Untersuchungsheft dagegen eine regelrechte Checkliste, die –
etwa nach einem Arztwechsel – jedem neuen Arzt und auch den Eltern
eventuell verdächtige Befunde genau anzeigt.

Die Stiftung Kindergesundheit appelliert an alle Eltern, nach Möglichkeit
von allen Vorsorgeuntersuchungen für ihr Kind Gebrauch zu machen.
Professor Berthold Koletzko: „Jede einzelne Vorsorge ist wichtig und kommt
der Gesundheit Ihres Kindes zugute“.

Diese Vorsorgen werden von allen Krankenkassen bezahlt

U1 Neugeborenen-Erstuntersuchung
Kontrolle von Hautfarbe, Atmung, Muskeltätigkeit, Herzschlag und Reflexen,
Screening zur Früherkennung angeborener Stoffwechseldefekte und endokriner
Störungen, Hörscreening zur Erkennung beidseitiger Hörstörungen ab einem
Hörverlust von 35 dB.

U2 3. – 10. Lebenstag
Untersuchung von Motorik, Sinnesorganen und Hüften.

U3 4. – 5. Lebenswoche
Prüfung der altersgemäßen Entwicklung der Reflexe, der Motorik, des
Gewichts und der Reaktionen, Untersuchung der Organe und der Hüften,
Abfrage des Trinkverhaltens.

U4 3. – 4. Lebensmonat
Untersuchung der Organe, Sinnesorgane, Geschlechtsorgane und der Haut, von
Wachstum, Motorik und Nervensystem.

U5 6. – 7. Lebensmonat
Untersuchung der Organe, Sinnesorgane, Geschlechtsorgane und der Haut, von
Wachstum, Motorik und Nervensystem.

U6 10. – 12. Lebensmonat
Kontrolle der geistigen Entwicklung, der Sinnesorgane und der
Bewegungsfähigkeit.

U7 21. – 24. Lebensmonat
Test der sprachlichen Entwicklung, Feinmotorik und Körperbeherrschung.

U7a 34. – 36. Lebensmonat
Frühzeitige Erkennung von Sehstörungen und sonstigen Auffälligkeiten.

U8 46. – 48. Lebensmonat
Intensive Prüfung der Entwicklung von Sprache, Aussprache und Verhalten,
um eventuelle Krankheiten und Fehlentwicklungen im Vorschulalter gezielt
behandeln zu können.

U9 60. – 64. Lebensmonat
Prüfung der Motorik und Sprachentwicklung, um eventuelle Krankheiten und
Fehlentwicklungen vor dem Schuleintritt zu erkennen und zu heilen.

J1 13. – 14. Lebensjahr
Untersuchung u. a. auf auffällige seelische Entwicklungen/
Verhaltensstörungen, Schulleistungsprobleme, Hautprobleme,
gesundheitsgefährdendes Verhalten (Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum),
Störung des Wachstums und der körperlichen Entwicklung, Erkrankungen der
Hals-, Brust- und Bauchorgane. Beantwortung von Fragen der Jugendlichen
bezüglich des Sexualverhaltens. Erhebung und ggf. Aktualisierung des
Impfstatus.


Die Stiftung Kindergesundheit wünscht allen ein besinnliches und
friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!


Unabhängige und wissenschaftlich basierte Berichterstattung braucht
Förderer:

Fördern auch Sie die Gesundheit unserer Kinder durch Ihre Spende, die in
voller
Höhe den Projekten der Stiftung Kindergesundheit zugute kommt.

Mit einem Beitritt zum Freundeskreis der Stiftung Kindergesundheit können
Sie die Arbeit der
Stiftung regelmäßig fördern.
Mehr Informationen hierzu finden Sie unter: www.kindergesundheit.de
Spendenkonto: HypoVereinsbank München
IBAN: DE41 7002 0270 0052 0555 20
SWIFT (BIC): HYVEDEMMXXX

Vielen Dank!
  • Aufrufe: 337

Luftverschmutzung gefährdet das Herz: Wie schützt man sich?

Der neue kostenfreie Experten-Ratgeber „Psychischer und sozialer StressLuftverschmutzung kann Entstehung von Infarkten beschleunigen /
Herzstiftung warnt Politik vor lässigem Umgang mit Luftverschmutzung
Viel zu wenig bekannt ist, dass auch hierzulande die Luftverschmutzung ein
Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt. Luftverschmutzung ist
nicht nur für die Entstehung und Verschlechterung von Atemwegserkrankungen
verantwortlich. Bevölkerungsstudien sprechen dafür, dass anhaltende
Luftverschmutzung die Schädigung der Gefäßinnenhaut der Herzkranzgefäße
und der Gefäße an Kopf und Hals (Arteriosklerose) beschleunigt. „Dadurch
kommt es zum vorzeitigen Ausbruch der wichtigsten Erkrankungen in diesen
Gefäßregionen: koronare Herzkrankheit und Schlaganfall“, warnt Prof. Dr.
med. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.
„Wer in einer Stadt mit viel Autoverkehr joggen gehen oder Rad fahren
möchte, sollte deshalb nicht entlang intensiv befahrener Straßen laufen,
sondern eher in Parks oder im Grüngürtel, wo man weniger verschmutzte Luft
einatmet“, rät der Kardiologe in einem Experten-Artikel im neuen
Sonderband „Psychischer und sozialer Stress“, kostenfrei erhältlich unter
www.herzstiftung.de/stress.html oder per Tel. unter 069 955128-400.

Wie stark ist die Gefährdung für Herzpatienten mit KHK oder Herzschwäche?
Mit der Einatmungsluft gelangen gasförmige Stoffe und kleine Partikel über
die Atemwege (Bronchien) bis in die Lungenbläschen (Alveolen). Diese
Fremdgase und Fremdstoffe führen in den unteren Atemwegen wegen der
Aktivierung der dort ansässigen Fresszellen (Phagozyten) zu einer
Entzündungsreaktion. Im weiteren Verlauf wird diese Entzündung verstärkt
und greift von den Bronchien auf das gesamte Lungengewebe über, später auf
den ganzen Körper bis hin zur Arteriosklerose (Gefäßverhärtung) in allen
Gefäßregionen des Organismus. Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit
(KHK) kann auch ein nur kurzfristiger Kontakt mit stark verschmutzter Luft
die Gefährdung für das Herz erhöhen. „Dieseltreibstoff aktiviert die
Blutplättchen und erhöht so deren Neigung zu verklumpen, was die
Entstehung eines Herzinfarkts befördert“, betont Prof. Meinertz. Kommt es
zu kurzfristigen Ausbrüchen einer Luftverschmutzung mit deutlichem Anstieg
der gasförmigen und Partikelbestandteile, „erhöht sich bei
Herzschwächepatienten das Risiko, zu sterben oder zumindest einen
Krankenhausaufenthalt notwendig zu machen.“

Wie kann man sich vor Luftverschmutzung schützen?
Herzspezialisten wie Prof. Meinertz empfehlen generell, sportliche
Aktivitäten wie Laufen und Fahrradfahren auf Straßen mit einer hohen
Verkehrsdichte, insbesondere während der Rushhour zu vermeiden. Wer in
Gegenden mit starker Luftverschmutzung lebt, schützt seine Wohnung am
besten durch Ventilations- oder Filtrationssysteme. Insbesondere ältere
Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen sollten sich bei hoher
Luftverschmutzung besonders wenig außerhalb des Hauses aufhalten. „Jedoch
ist nicht hinnehmbar, dass es überhaupt in Deutschland zu
Verschmutzungswerten kommen kann, die es chronisch kranken Menschen
unmöglich macht, sich im Freien aufzuhalten“, mahnt Prof. Meinertz und
sieht hierzulande einen hohen Handlungsbedarf in der Politik, die das
Problem der Luftverschmutzung sträflich vernachlässigt habe. Zum Beispiel
in Stuttgart im Sommer 2016, wo bei hoher Smogbelastung nur eine
Empfehlung ausgegeben wurde, das Auto stehen zu lassen, anstatt ein
Fahrverbot zu erlassen. Fahrverbote wie in Paris zeigen: Es geht auch
anders.

Die WHO hat in ihren „Air Quality Guidelines“ (Leitlinien für
Luftqualität) folgende Grenzwerte für die Feinstaubbelastung im
Jahresdurchschnitt gesetzt:

- für Feinstaubpartikel PM10: 20 μg/m³
- für Feinstaubpartikel PM2,5: 10 μg/m³

Mit diesen Vorgaben gehen die Regierungen sehr unterschiedlich um. Die EU
ist – wie Experten im „European Heart Journal“ (Juli 2016) feststellten –
„ein besonders schlechtes Beispiel“. Die EU hat die Grenzen doppelt so
hoch gesetzt:

- für Feinstaubpartikel PM10: 40 μg/m³
- für Feinstaubpartikel PM2,5: 20 μg/m³

Wissenschaftler haben immer wieder verlangt, diese Grenzwerte nach unten
zu korrigieren – ohne dass in Brüssel irgendetwas geschieht.

Tipp: In dem Experten-Ratgeber „Psychischer und sozialer Stress“
informieren Herzspezialisten und ein Psychokardiologe über verschiedene
Formen von Stress (Arbeitsbelastung, Lärm, Luftverschmutzung), die
schädigend auf das Herz-Kreislauf-System wirken können. Auch liefert der
Band Tipps zum Umgang mit Stress. Anzufordern ist der Band (32 S.)
kostenfrei unter www.herzstiftung.de/stress.html, per E-Mail unter
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder telef. unter 069 955128-400.

  • Aufrufe: 408

Erstmals in Deutschland: Echtzeit-Simulatortraining für OP-Teams in Bad Oeynhausen

Als erste Klinik in Deutschland führt das Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, Simulatortrainings für OP-Teams ein  (Foto: Laura Pippa).Was für Piloten schon lange zur Pflicht zählt, soll jetzt auch im OP-Saal
zu größerer Sicherheit bei unerwarteten Ereignissen beitragen. Als erste
und größte Herzchirurgie in Deutschland richtet das Herz- und
Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen unter der Leitung von Prof. Dr. Jan
Gummert ein Echtzeit-Simulatortraining für Operationsteams ein.

Die Hohe Schule der Patientensicherheit

Die Neuheit kommt aus den USA und wurde jetzt erstmals von Markus Rudloff,
Tagungspräsident und Leiter der Kardiotechnik im Herz- und Diabeteszentrum
NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft
für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie und der Jahrestagung für
Kardiotechnik vom 11.-13. November in Weimar als integriertes, klinisches
Pilotprojekt vorgestellt. Weltweit sind derzeit erst 30 Simulator-systeme
dieser Art (Hersteller: Biomed Simulation Inc., San Diego) im Einsatz.

Das Herzstück des nun erstmals in Deutschland verfügbaren Simulatorgerätes
für OP-Teams enthält eine Software, die  medizinische und technische
Informationen der Anästhesie und Kardiotechnik während einer
herzchirurgischen Operation erfasst. Die im HDZ daraus kombinierte Einheit
bildet die Arbeitswelt im OP-Saal nach: Sie besteht aus einem Patienten-
Dummy mit offenem Brustkorb, der an alle notwendigen Überwachungsgeräte
und die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wird. Über ein Regiepult können
damit  Ereignisse in einem OP-Saal simuliert und dabei auch
Notfallsituationen nachgestellt werden.

„Aus der Luftfahrt ist bekannt, dass eine gestörte Kommunikation im
Cockpit oft zu falschen Entscheidungen führt und damit Menschenleben
gefährden kann“, erläutert Professor Gummert. „Bei herzchirurgischen
Eingriffen ist das Geschehen eher noch anspruchsvoller, denn in einem
Operationssaal sind im Durchschnitt acht bis zehn Personen beteiligt.“ Bei
dem neuen simulationsgesteuerten Fortbildungstraining gehe es daher nicht
um chirurgische Fertigkeiten, sondern um das perfekte Zusammenspiel des
Teams und die Minimierung der Risiken, die durch Koordinations- und
Kommunikationsaufgaben entstehen können. „Bei der Operation ist nicht der
einzelne Spezialist, sondern die Teamleistung aller Fachkräfte
entscheidend.“ Der Simulator werde daher zukünftig als fester Bestandteil
in der Ausbildung angehender Kardiotechniker aufgenommen werden, ergänzt
Markus Rudloff.

Notfälle während der Operation

Die häufigsten Notfälle bei einer Herzoperation entstehen durch eine
plötzliche Veränderung des Herz- Kreislaufzustands des Patienten, die zu
Stress-Situationen für alle Beteiligte führen kann. Um die Ursachen
schnellstmöglich zu finden, sind unzweideutige, direkte und offene Ansagen
notwendig, mit der Operateure, Kardiotechniker, Anästhesist und
Pflegefachkräfte einerseits über ihre Handlungen, andererseits über
medizinische Befunde und Daten sowie über mögliche technische Mängel
informieren.

„Mit Hilfe der Simulation soll es nun gelingen, die individuellen,
organisatorischen, technischen oder auch hierarchiebedingten Faktoren zu
erkennen, die sowohl das Team als auch das Teamumfeld bei der Arbeit
stören können“, beschreibt Markus Rudloff die neue Fortbildungsmaßnahme,
die vom kommenden Jahr an turnusmäßig im OP-Bereich des HDZ NRW
durchgeführt wird. Eine Herausforderung bedeutet dabei auch die Vielfalt
der Informationsabhängigkeiten. Denn der Chirurg ist auf die richtigen
Informationen des Anästhesisten und Kardiotechnikers angewiesen. Der
Anästhesist benötigt für die Überwachung der Lebensdaten die wichtigen
Informationen zu den Labordaten und zu den vom Kardiotechniker
durchgeführten Einsätzen der Herz-Lungen-Maschine. Und die OP-Fachkräfte
müssen das chirurgische Vorgehen kennen, um zur richtigen Zeit sterile
Instrumente und Verbrauchsmaterial an- und nachreichen zu können.

4.000 herzchirurgische Eingriffe jährlich

„Das alles kann man trainieren, wobei wir mit dem Ziel der fortlaufenden
Verbesserung aller Abläufe zunächst den Fokus auf das Trio Operateur-
Anästhesist-Kardiotechnik richten“, sagt Professor Gummert, in dessen
Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie die meisten
herzchirurgischen Eingriffe in Deutschland durchgeführt werden. 2015 waren
es mehr als 4.100 am Herzen und den herznahen Gefäßen, ein  Großteil davon
mit Einsatz der Herz-Lungen-Maschine.

Das HDZ NRW ist besonders bekannt für minimalinvasive herzchirurgische
Eingriffe sowie als Europas größtes Herztransplantationszentrum. Die
Spezialklinik zur Versorgung von Herz- und Diabetespatienten ist Mitglied
im Aktionsbündnis Patientensicherheit und bereits drei Mal mit dem
Qualitätssiegel für Kommunikation und Transparenz im Gesundheitswesen
(KTQ) ausgezeichnet. Das jetzt eingeführte Simulationstraining schließt an
die qualifizierte Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter, das etablierte
Fehlermanagement (CIRS) und zahlreiche weitere Maßnahmen des klinischen
Qualitätsmanagements an.

------
Als Spezialklinik zur Behandlung von Herz-, Kreislauf- und
Diabeteserkrankungen zählt das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-
Westfalen (HDZ NRW), Bad Oeynhausen mit 37.000 Patienten pro Jahr, davon
14.700 in stationärer Behandlung, zu den größten und modernsten Zentren
seiner Art in Europa.

In der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie des HDZ NRW unter
der Leitung von Prof. Dr. med. Jan Gummert werden jährlich mehr als 6.900
Eingriffe durchgeführt. Die Klinik ist deutschlandweit führend in den
Bereichen Herzklappenoperationen, Herztransplantationen,
Kunstherzimplantationen sowie Herzschrittmacher-/ ICD-Eingriffe. Seit 1989
wurden hier mehr als 3.400 Herzunterstützungssysteme implantiert. Mit 75
Herztransplantationen in 2015 (gesamt: über 2.200) ist die Klinik das
bundesweit größte Herztransplantationszentrum. Zu den weiteren
Schwerpunkten der Klinik zählen die minimalinvasive Klappenchirurgie und
die Bypasschirurgie am schlagenden Herzen.
------

Weitere Informationen:

Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen
Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leitung: Anna Reiss
Georgstr. 11
32545 Bad Oeynhausen
Tel. 05731 / 97 1955
Fax 05731 / 97 2028
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.


Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.hdz-nrw.de

  • Aufrufe: 300

Endlich Pflicht: Untersuchung zur Aufdeckung kritischer Herzfehler bei Neugeborenen

Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF) Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF) begrüßt Beschluss des
Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur Ergänzung der Kinderuntersuchung
U1/U2 um die Pulsoxymetrie

Komplexe angeborene Herzfehler können bei einer vorgeburtlichen
Untersuchung unauffällig bleiben, jedoch nach der Geburt bei den
Neugeborenen lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen, wenn sie nicht
rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden. Eine solche Lücke in der
Versorgung von Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern zu schließen,
ermöglicht jetzt ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA),
der die Kinderuntersuchung U1/U2 um das Pulsoxymetrie-Screening ergänzt
(Presse-Info: www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/649/

).
„Dank dieser Früherkennungsuntersuchung lassen sich bei Babys Herzfehler
aufdecken, die bisher mit anderen Untersuchungsmethoden wie Ultraschall
während der Schwangerschaftsvorsorge oder weiteren Untersuchungen nach der
Geburt nicht zu erkennen waren. Deshalb begrüßen wir diesen Beschluss des
G-BA als wichtigen Baustein der Kinderuntersuchung im Bereich der
angeborenen Herzfehler“, betont der Sprecher des Aktionsbündnisses
Angeborene Herzfehler (ABAHF), Kai Rüenbrink. „Betroffene Neugeborene
können dank der Pulsoxymetrie frühzeitiger behandelt und somit das
Überleben dieser Kinder gesichert und Langzeitschäden vermieden werden.“

Die einfache (und kostengünstige) Pulsoxymetrie misst mithilfe eines
Lichtsensors den Sauerstoffgehalt im Blut des Neugeborenen, der
Rückschlüsse auf das Vorliegen kritischer und komplexer angeborener
Herzfehler beispielsweise der Transposition der großen Arterien (TGA)
zulässt. Bei der TGA kommt es zu einem Versorgungsengpass des
Blutkreislaufs mit sauerstoffreichem Blut. Unbehandelt führt die TGA nach
kurzer Zeit zum Tod des Neugeborenen. „Die Gefahr, dass komplexe
Herzfehler nicht rechtzeitig erkannt und dadurch zu spät behandelt werden,
kann das Pulsoxymetrie-Screening als fester Bestandteil der
U1/U2-Untersuchung weiter reduzieren. Damit schließt sich eine
diagnostische Lücke“, betont Rüenbrink, Projektleiter der
Kinderherzstiftung der Deutschen Herzstiftung. Auch Kinder mit anderen
Erkrankungen wie Sepsis, Lungenerkrankung, Anpassungsstörung können
mithilfe des Pulsoxymetrie-Screenings von einer frühzeitigen Entdeckung
ihrer Erkrankung deutlich profitieren.

Das Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF)
Um in der Öffentlichkeit mit einer Stimme für eine bessere Versorgung von
Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern und
deren Familien einzutreten und ihnen noch effektiver zu helfen, haben sich
2014 auf Initiative der Deutschen Herzstiftung e. V. sechs bundesweit
tätige Patientenorganisationen zum „Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler“
(ABAHF) zusammengeschlossen. Die Organisationen sind: Bundesverband
Herzkranke Kinder e.V., Bundesvereinigung Jemah e.V., Fontanherzen e.V.,
Herzkind e.V., Interessengemeinschaft Das Herzkranke Kind e.V. und die
Kinderherzstiftung der Deutschen Herzstiftung e.V.
Etwa 7.000 Neugeborene mit angeborenem Herzfehler kommen in Deutschland
jährlich zur Welt. Heute erreichen rund 90 % dieser Kinder dank der
Fortschritte der Kinderherzchirurgie und Kinderkardiologie das
Erwachsenenalter. Die Zahl der Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler
(EMAH) wird auf über 180.000 geschätzt.
  • Aufrufe: 448